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Full text of "Paris in Amerika"

PARIS IN AMERIKA 



VON- 

DOCTOR RENE LEFEBÜRE 

aus Paris, 

Mitglied der Gesellschaft der französischen Steuerzahler 

und der Verwalteten von Paris 

etc. etc. 

AEGRI SOMNIA. 



Nach der 19. Auflage des französischen Originals 

übersetzt 

von 
Dr. Hermann Pemsel. 

Zweite Auflage. 
Mit einem Vorwort von Eduard Laboulaye. 



ERLANGEN, 1868. 
VERLAG VON EDUARD BESOLD. 



Digitized by the Internet Archive 
in 2013 



http://archive.org/details/parisinamerika01labo 



öatoTT- 

*Xi1 



Xu halt. 



Seite 

Vorwort von Eduard Lab oulaye V 

An den Leser VII 

Kapitel 1. Ein amerikanischer Geisterseher 1 

2. Ist es ein Traum? 9 

3. Zambo 13 

4. At home 19 

5. Ohne Mitgift 27 

6. Worin der Leser mit Mr. Alfred Rose und dem 
Nachbar Green Bekanntschaft macht .... 36 

7. Der Brand . 45 

8. Truth, Humbug & Comp 58 

9. Worin die Wahrheit ihr Theil erhält .... 68 

10. Die Höllenküche 85 

11. Von dem Grundsaze der Unantastbarkeit des 

Privatlebens 98 

12. Eine Candidatnr in Amerika 110 

13. Canvassing 118 

14. Vanilas vanitatum 129 

15. Erinnerung an die ferne Heimath 140 

16. Die Wahl. — Der Sabbath 153 

17. Reise nach einer Kirche 168 

18. Ein Chinese • 181 

19. Eine congregationalistische Predigt .... 189 



Seite 

Kapitel 20 Ein geistliches Frühstück . ; t 202 

21. Die Sonntagsschule .......... 226 

22. Die Leiden eines amerikanischen Beamten . . 238 

23. Die Verhandlung vor dem Friedensrichter . . 252 

24. Ein Staatsanwalt 273 

25. Dinah. — Das Krankenhaus 290 

26. Die Schule '. ... 310 

27. Der Ausmarsch der Freiwilligen 329 

28. Eine Lustreise . 341 

29. Das kürzeste im Buch und das interessanteste 

für den Leser 354 

30. Missliche Folgen einer Eeise nach Amerika . 355 

31. Eine Pariser Familie 375 

32. Der Doctor Olybrius 384 

33. Ein Narr . . . '. , .... 403 

34. Ein Weiser ....'. 413 



Ä Monsieur le D l Herraanii Pemsel. 



JNJIonsieur., 

Je suis charme d'apprendre que le public alle- 
mand a fait un si bon accueil ä Paris en Amerique que 
vous allez en publier une seconde edition. Je crois 
que le traducteur peut reclamer justement une part 
de ce succes, car sa traduction m 1 a paru non seule- 
ment fidele, mais tres-agreable ä lire; j'espere aussi 
que ce qui a valu une si favorable reception ä mon 
roman, ce sont les idees qu'il defend. 

Se gouverner soi-meme, faire soi-meme ses propres 
affaires , vivre et se developper en pleine liberte , c'est 
aujourd'hui le voeu de tous les peuples civilises. Tra- 
vail , paix et liberte, voilä un ideal qui n'est pas seule- 
ment celui des Americains. 

Puissent FAllemagne et la France parcourir, la 
main dans la main, cette noble et pacifique carriere; 



VI 



c'est le desir le plus ardent d'un homme qui a tou- 
jours cru que, si le Rhin coulait entre les Allemands 
et les Fran§ais, c'etait pour les reunir et non pas pour 
les diviser. 

Recevez, Monsieur, avec tous mes remerciements, 
Tassurance de ma parfaite consideration. 



Edouard Laboulaye. 

Glatigny- Versailles, le 3 juin 1868. 



An den Leser. 



Lieber Leser, dieses kleine Buch, das ich dir hier 
übergebe , ist zu deinem und meinem Vergnügen ge- 
schrieben. Ich widme es weder dem Glück noch dem 
Ruhm; denn das Glück ist eine Dirne, die seit sechs- 
tausend Jahren den jungen Leuten nachläuft; der Ruhm 
ist eine Marketenderin, der es nur unter Soldaten 
wohl ist. Ich bin alt und friedfertig; meine einzige 
Lust ist es, die Wahrheit nach meiner Manier zu su- 
chen und auf meine Weise zu sagen. Besitze ich nicht 
die volle ernsthafte Würde eines Ochsen, einer Gans, 
eines .... (ergänze nach deinem Belieben), so ver- 
zeihe mir; die ersten Aufzüge des Lebens bringen uns 
genug zum Weinen, so dass man wohl noch lachen 
darf, ehe der Vorhang fällt. Wenn man seine Jugend- 
illusionen verloren hat, nimmt man es weder mit der 
Komödie noch mit den Komödianten ernsthaft. 

Ergözt dich dieses kleine Buch, so ist's gut; ärgert 
es dich, so ist's besser; wirfst du es fort, so hast du 
Unrecht; begreifst du es, so bist du um so viel klüger 
als Machiavell. Lass es zum Brevier deiner verlorenen 
Stunden werden, es wird dich nicht gereuen. Non est 



VIII 

hie piscis jomnium. Die Widersprüche von gestern sind 
Wahrheiten für morgen. Auf gutes Verständniss ! 

Eines Tages erkennst du vielleicht beim Schein 
meiner Laterne die volle Hässlichkeit der Götzenbilder, 
die du heute noch anbetest; vielleicht gewahrst du auch 
durch die weichenden Schatten hindurch in ihrem himm- 
lischen Lächeln die Freiheit, die Tochter des Evange- 
liums, die Schwester der Gerechtigkeit und Barmher- 
zigkeit, die Mutter der Gleichheit, des Wohlstandes und 
des Friedens. Dann, lieber Leser, lasse die Flamme, 
die ich dir anvertraue, nicht erlöschen; erleuchte, er- 
leuchte jene Jugend, die uns jezt schon, den Weg zur 
Zukunft erfragend, vorwärts treibt und drängt. Mag 
sie thörichter werden als ihre Väter, aber auf andere 
Weise; das wünsche und hoffe ich. 

Darauf bitte ich Gott, er möge dich vor Unwissen- 
den und vor Dummköpfen bewahren. Vor Schlechten, 
das ist deine Sache; das Leben ist ein Handgemenge: 
du bist als Soldat geboren, wehre dich; oder besser 
noch, lerne bei den Amerikanern aufs neue den alten 
französischen Wahlspruch: Vorwärts! immer and überall 
vorwärts! 

Lebewohl, mein Freund. ' 

Rene Lefebiire. 

New-Liberty (Virgiuien) , den 4. Juli 1862, 



Erstes Kapitel. 



Ein amerikanischer Geisterseher. 

„Mr. Jonathan Dream, Geisterseher und transcendentales Me- 
dium aus Salem in Massachusetts, ersucht Sie, der psychologi- 
schen und medianimischen Abendunterhaltung beizuwohnen, 
welche er Dienstag den 1. April in seiner Wohnung, Mond- 
strasse Nr. 22, veranstaltet. 

„Somnambulismus, Verzückung, Vision, Prävision, Prophe- 
zeiung, Doppelsehen, Hellsehen, Ahnung, Erforschung und 
Verrückung der Gedanken, Geisterbeschwörung, Conversation, 
Verse und Schrift von Geistern, Gedanken aus dem Jenseits, 
entschleierte Geheimnisse des künftigen Lebens u. s. w. u. s. w. 

„Der Saal wird Punkt 8 Uhr geschlossen." 

— Bei Gott, dachte ich beim Lesen dieses Briefs, 
es wird mich freuen, mit einem amerikanischen Me- 
dium Bekanntschaft zu machen, mit einem Collegen in 
positiver und experimenteller Pneumatologie*, denn auch 
ich bin Geisterseher! Ist man gleich nur ein einfacher 
Bürger von Paris, so hat man doch schon Cäsar, Na- 
poleon, Voltaire, Frau von Pompadour, Ninon, Ro- 
bespierre und andere Gestalten aus dem Grabe be- 
schworen; und ich darf es sagen, was es auch meiner 

l 



Bescheidenheit kosten mag, diese erlauchten Persön- 
lichkeiten haben mich niemals durch ihren Geist in 
Verlegenheit gesetzt; sie haben mir alle Antworten ge- 
geben, wie wenn ich sie ihnen eingeblasen hätte. Se- 
hen wir doch, ob Mr. Jonathan Dream mit seinen trans- 
atlantischen Ansprüchen mehr Geist oder mehr Geister 
hat als sein ergebenster Diener Daniel Lefebure, Doctor 
der Medicin und in der Geisterseherei Schüler der Her 
ren Hornung aus Berlin, von Reichenbach und Baron 
von Guldenstubbe. 

In einem hübschen Zimmer, im Hintergrunde eines 
hermetisch verschlossenen, aber von Lichtern strahlen- 
den Salons (was für unsere Geisterzusammenkünfte et- 
was ungewöhnlich ist) traf ich Mr. Jonathan Dream vor 
einem runden Tisch sitzend. Er hatte die nachdenkli- 
che Stellung und das begeisterte Gesicht einer Sibylle. 
Vor ihm sassen in vollster Sammlung ein halbes Dutzend 
Anhänger, nervöse Leute, unverstandene Frauen, alte 
Jungfern, ältliche Wittwen; es ist immer wieder das 
nämliche Publikum. Jeder schrieb den Namen der 
Todten, die er zu befragen wünschte, auf ein Papier; 
ich that wie die Andern. 

Die Namen wurden in einem Hut gemischt und der 
erste, den man herauszog, war der Joseph de Maistre's. 
Jonathan sammelte sich einen Augenblick, legte die 
Hand an's Ohr, um die Stimme, die ganz leise zu ihm 
sprach, besser zu vernehmen und schrieb dann rasch, 
was folgt: 

„Es gibt keine unfruchtbare Erkenntniss; alle Erkenntniss 

gleicht der, von welcher die Bibel spricht: Adam erkannte 

Eva und sie gebar." 

„Ohne Credo kein Credit." 

— Ah, ah, dachte ich, diese Paradoxen haben 



kein schlechtes Aussehen, sie tragen ganz den Typus 
ihres Erzeugers ; nur scheint es mir, dass ich sie schon 
irgend wo anders gesehen habe, wenn ich nicht irre, 
bei Baader. Uebrigens gibt es vielleicht jenseits kein 
literarisches Eigenthum und es ist möglich, dass man 
sich zu seiner Unterhaltung mit gegenseitigem Ideen- 
diebstahl beschäftigt. 

Als zweiter kam Hippokrates. Er hatte die Ge- 
fälligkeit, französisch zu sprechen. Sein Dolmetsch 
schrieb folgendes: 

„Der Mensch, welcher am meisten denkt, ist der, welcher 
am schlechtesten verdaut. Unter übrigens gleichen Verhältnis- 
sen wird der, welcher am wenigsten denkt, am besten ver- 
dauen." 

— Ach! seufzte eine kleine Frau, deren mageres 
Gesicht unter einer Fülle grauer Locken verschwand, 
das ist die Antwort eines Arztes, eine brutale Antwort, 
die Antwort eines Mannes an Männer. Nicht der Ge- 
danke ist es, der das Herz unterwühlt, es ist ... . 
Und sie seufzte aufs Neue. 

Man rief Nostradamus; man fragte ihn \in\ seine 
Meinung über die Zukunft Polens , Frankreichs und 
Italiens. Hier folgt wörtlich die ilntwort des grossen 
Wahrsagers, der als ein erhabenes Genie immer An- 
dern die Sorge überlässt, seine Aussprüche zu ver- 
stehen: 

En France, Italie et Pologne, 
Beaucoup d'esprit, peu de vergogne, 
En Pologne , France , Italie , 
On est sage apres la folie. 
En Italie, Pologne et France, 
Moins de bonheur que d'esperance. 

Wir mussten uns mit diesem Orakel begnügen, 

1* 



das zu tief war, am deutlich zu sein. Nach dem pro- 
vencjalischen Zauberer kam Kosciusko an die Reihe. 
Der polnische Washington war an diesem Abend schlech- 
ter Laune; er gab nur die lateinische Devise von sich: 
In Servitute dolor, in übertäte labor\ in der Knechtschaft 
Schmerz, in der Freiheit Plage. Dreimal wurde er 
gefragt und dreimal schleuderte er uns dieselbe mürri- 
sche Antwort wie einen uns unfühlbaren Vorwurf in's 
Gesicht. 

Der letzte Zettel verlangte, man solle Don Quixote, 
Tom Jones, Robinson oder Werther befragen, was die 
ganze Versammlung zum Lachen brachte, obgleich 
man wahrhaftig wenig in der Stimmung dazu war. 
Der Urheber dieser Unverschämtheit, ich muss es zu 
meiner Schande gestehen, war ich. Todte und Lebende 
langweilen mich seit so langer Zeit, dass ich erfreut 
gewesen wäre, zu erfahren, was in dem Kopfe von 
Leuten vorgeht, die niemals existirt haben. 

Jonathan Dream warf den unbequemen Zettel in 
den Papierkorb, erklärte die Sitzung für geschlossen 
und geleitete uns mit vielen Verbeugungen zur Thür. 
im Augenblick, wo ich hinausgehen wollte, legte er 
mir die Hand auf die Schulter und bat mich zu bleiben. 

— Collega, sagte er zu mir, als wir allein waren, 
indem er auf eine eigen thümliche Weise lächelte; Sie 
haben an mich eine Frage gerichtet, welche diese 
Laien für indiscret halten; sind Sie vielleicht derselben 
Meinung? Blinder, dann haben sie niemals die Ge- 
heimnisse der ewigen Wahrheit ergründet! v Sie bilden 
sich ein, dass Don Quixote und Sancho, Robinson und 
Freitag, Werther und Lotte, Tom Jones und Sophie 
niemals gelebt haben? Wie! kann doch der Mensch 
kein Atom in der Materie erschaffen und Sie bilden sich 



ein, dass er ganze unvergängliche Geister aus nichts 
fertig erzeugen kann ! Glauben Sie nicht etwa an Don 
Quixote mehr, als ■ an Artaxerxes und alle persischen 
Könige? Steht nicht Robinson lebendiger vor Ihren 
Augen als Drake und Maghellan ? 

. — Wie, der geniale Don Quixote hätte gelebt? 
Und ich könnte mich mit dem weisen Gouverneur der 
Tnsel Barataria unterhalten? 

— Ohne Zweifel. Begreifen Sie doch, was ein Dich- 
ter ist; er ist ein Seher, ein Prophet, der sich in eine 
unsichtbare Welt erhebt. Dort wählt er unter den Mil- 
lionen Wesen, die über diese Erde dahingegangen sind 
und deren Gedächtniss hienieden verloren ist, diejeni- 
gen aus, deren Andenken er bei den Menschen wieder 
aufleben lassen will. Er ruft sie herbei , er spricht zu. 
ihnen, er hört sie, er schreibt nieder, was sie sagen. 
Und was dann die einfältige Menschheit für eine Er- 
findung des Künstlers hält, ist nur das Bekenntniss 
eines unbekannten Todten; aber wie können Sie, als 
wirklicher oder angeblicher Geisterseher, darin eine 
übernatürliche Stimme verkennen? Wie können Sie 
sich täuschen lassen gleich der Menge? Sind Sie nicht 
weiter vorgedrungen auf den Wegen der Geisterbe- 
schwörung? 

Indem er so sprach, warf Jonathan Dream den 
Kopf zurück, erhob seine Arme, schloss und öffnete 
seine Hände und ging auf mich los, wie wenn er mich 
in den Wogen seines Fluidums ertränken wollte. 

— Collega, sagte ich zu ihm, Sie sind, wie ich 
sehe, zwar Geisterseher, aber doch ein Mann von Geist; 
ich bezweifle gar nicht, dass Sie im Stande wären, 
uns eine kleine Rede ä la Don Quixote zu schreiben, 
oder einige Sätze zu improvisiren , die 'eines Sancho 



6 



würdig wären. Aber wir sind beide allein und wir 
sind beide Auguren. Wir haben das Recht zu lachen, 
wenn wir uns begegnen. Lassen wir es dabei bewen- 
den; ich wünsche Ihnen glücklichen Erfolg. In Frank- 
reich ist das nicht schwierig; denn das Volk, welches 
sich für das geistreichste der Erde hält, ist natürlich 
am leichtesten an der Nase zu führen. Wenden Sie 
sich nur an die Pariserinnen. 

— Halt, schrie der Magier mit wüthender Stimme. 
Hätte ich mich getäuscht? wären Sie ein Schwindler? 
oder halten Sie mich für einen Charlatan, für einen 
Betrüger, für einen Gaukler? Erfahren Sie, dass Jo- 
nathan Dream niemals ein unwahres Wort gesprochen 
hat. Ah! Sie zweifeln an meiner Macht, lieber Mann? 
Welche Probe verlangen Sie? Soll ich Ihnen alle Ihre 
Gedanken nehmen? Das würde nicht besonders schwer 
sein. Soll ich Sie einschläfern, Sie durch die Kälte, 
die Hitze, den Wind, den Regen führen? Soll ich ? 

— Nur keinen Magnetismus, erwiderte ich. Ich 
weiss, dass hier ein natürliches Phänomen vorliegt, 
das bis jetzt noch nicht genau erforscht ist und mit 
dem Sie Missbrauch treiben. Wenn Sie mich überzeu- 
gen wollen, dürfen Sie mich nicht einschläfern. Wir 
sind in keiner Akademiesitzung. 

— Gut, sagte er, indem er seine blitzenden Augen 
auf mich richtete; was würden Sie dazu sagen, wenn 
ich Sie nach Amerika versetzte? 

— Mich? ich müsste es sehen, um es zu glauben. 

— Ja, Sie, schrie er, und nicht allein Sie, sondern 
auch Ihre Frau, Ihre Kinder, Ihre Nachbarn, Ihr Haus, 
Ihre Strasse, und wenn Sie ein Wort sagen, ganz Pa- 
ris. Ja, fügte er in fieberhafter Erregung hinzu, ja, 
wenn ich will, wird morgen früh ganz Pari?* in Mas- 



sachusetts sein; nur eine unbewohnte Ebene wird an 
den Gestaden der Seine zurückbleiben. 

— Mein lieber Hexenmeister, Sie müssten Ihr Ge- 
heimniss dem Herrn Seinepräfecten verkaufen; es hätte 
uns vielleicht einige Millionen erspart. In Abwesen- 
heit der Pariser hätte man ihnen ein anderes Paris ge- 
baut, nagelneu, rechtwinklig und einförmig wie New- 
York; ein Paris ohne Vergangenheit, ohne Denkmäler., 
ohne Erinnerungen ; alle unsere Architekten und un- 
sere Verwaltungsmänner wären vor Freude ausser sich 
gewesen. 

— Sie versuchen zu scherzen, sagte Jonathan, Sie 
haben Furcht. . . . Ich wiederhole es Ihnen: wenn 
ich will , wird Paris morgen in Massachusetts stehen 
und Versailles daneben. Nehmen Sie die Herausforde- 
rung an? 

— Ja, gewiss, ich nehme sie an, antwortete ich 
lachend. Und doch setzte mich die Zuversicht dieses 
Teufelskerls in Verwirrung. Ich war kein Neuling in 
Uebertreibungen ; ich lese täglich zwanzig Zeitungen 
und ich habe mehr als einen Minister auf der Redner= 
bühne gehört; aber diese Stimme eines Verzückten im- 
ponirte mir unwillkürlich. 

— Nehmen Sie diese Schachtel, sagte der Zaube- 
rer in gebieterischem Ton, es befinden sich zwei Pillen 
darin, eine für Sie, eine für mich; wählen Sie, fragen 
Sie mich nicht weiter. 

Ich war zu weit gegangen, um noch zurückzuwei- 
chen. Ich verschlang eine der Pillen , Jonathan nahm 
die andere und rief mit hohler Stimme, indem er mich 
verabschiedete: 

— Auf Wiedersehen morgen, auf der andern Seite 
des Oceans ! 



8 



In der Strasse angelangt befand ich mich in einem 
sonderbaren Zustande, Ich lief in einem Zug auf die 
elyseischen Felder, ohne des weiten Weges gewahr zu 
werden. Ich fühlte mich lebhafter, leichter, elastischer, 
als je eine menschliche Creatur. Ich glaubte, wenn 
ich mich streckte, die Hörner des Mondes ergreifen zu 
können, der sich am Horizont erhob. Alle meine Sinne 
waren in unglaublicher Weise geschärft. Von der 
Place de la Concorde sah ich die Wagen um den Are 
de VEtoile kreisen, und hörte zugleich das Tiktak der 
grossen Uhr auf dem Thurme der Tuilerien. Das Le- 
ben kreiste in meinen Adern mit nie gekannter Schnel- 
ligkeit und Wärme; ich fragte mich, ob mich nicht 
etwa schon eine unsichtbare Hand über den Ocean 
führe. Um mir Gewissheit zu verschaffen, betrachtete 
ich die blasse Scheibe des wachsenden Mondes, die 
langsam am Himmel aufstieg. Ich war sicher, den 
Meridian von Paris nicht verlassen zu haben, kehrte 
beschämt über meine Leichtgläubigkeit nach Hause zu- 
rück und schlief ruhig ein, lächelnd über Mr. Dream 
und seine tollen Drohungen. 



Zweites Kapitel. 



Ist es ein Traum? 

Während der Nacht hatte ich einen Traum. — 
War es ein Traum? Jonathan sass an meinem Bett 
und betrachtete mich mit spöttischer Miene. 

— Nun, sagte er, Ungläubiger, was sagen Sie zu 
der Ueberfahrt? Hat Sie die Reise nicht zu sehr er- 
müdet? 

— Die Reise? murmelte ich; ich bin nicht aus 
meinem Bett gekommen. 

— Nein, aber Sie sind in Amerika. Werfen Sie 
sich nicht wie ein Rasender aus Ihrem Bett; warten 
Sie, ich will Ihnen erst einige Aufklärungen geben, 
damit die Bestürzung Sie nicht tödtet. Zunächst habe 
ich Ihr Haus eingerissen. In einem freien Lande lebt 
man nicht wie in einer Kaserne, mit allen möglichen 
Leuten durcheinander , ohne Ruhe und ohne Würde. 
Aus jeder der Schubladen, welche Sie Stockwerke heis- 
sen, habe ich eine Wohnung nach amerikanischem Zu- 
schnitt gemacht; ich habe sie nach meiner Manier 
möblirt, eingerichtet und mit einem kleinen Garten ver- 
sehen. Ich habe freilich beinahe zwei Stunden ge- 



10 



braucht, um die vierzigtausend Häuser von Paris so 
herzurichten; aber das schadet nichts; dafür sind Sie 
jetzt Ihr eigner Herr im Hause, und das ist die erste 
von allen Freiheiten. Von jetzt an haben Sie nichts 
mehr von Ihren Nachbarn und Ihre Nachbarn nichts 
mehr von Ihnen zu leiden. Küchen- und Stallgeruch, 
Kinder-, Ammen- und Frauengeschrei, Hundegebell, 
Katzen- und Klaviergeheul, das Alles ist jetzt vorbei. 
Sie sind nicht mehr eine blose Nummer in einem Bagno 
oder Spital, ein Häring in der Tonne; Sie sind jetzt 
ein Mensch; Sie haben eine Familie und einen eignen 
Herd. 

— Mein Haus eingerissen! Ich bin zu Grunde ge- 
richtet. Was haben Sie denn aus meinen Miethern ge- 
macht? 

— Seien Sie beruhigt; sie sind alle da, jeder in 
einem bequemen Haus. Das sind jetzt Erbpächter, die 
Ihnen fünfzig Jahre lang ihren Erbzins zahlen werden, 
ohne dass Sie es nöthig haben, sich gegenseitig alle 
drei Jahre zu überlisten und zu prellen, so gut es geht. 
Hier rechts habe ich Monsieur Leverd, den Krämer, hin- 
gesetzt, der heute Mister Green heisst. Aus Monsieur Petit, 
dem Banquier im ersten Stock, ist Mister Little geworden, 
und er spielt noch eine ebenso wichtige Rolle mit sei- 
nen Millionen. Der Advokat im zweiten Stock, Mon- 
sieur Reynard, heisst Sollicitor Fox, und wird dabei 
nichts an seiner Bosheit einbüssen. Links werden Sie 
den Miether aus dem vierten Stock mit seiner ganzen 
Gicht treffen, den tapfern Oberst Saint- Jean, jetzt the 
gallant colonel Saint- John, und endlich Monsieur Rose, 
den Apotheker, der als Mister Rose nicht weniger wich- 
tig und majestätisch ist wie früher. Sie selbst, mein 
lieber Lefebure, sind kraft Ihrer Auswanderung der 



11 



Herr Doctor Smith geworden, ein Glied der zahlreich- 
sten Familie, die aus dem angelsächsischen Stamm her- 
vorgegangen ist Suchen Sie Ihr Glück zu machen, 
indem Sie Ihre Patienten in der neuen Welt umbrin- 
gen oder heilen; an Namensverwandten fehlt es Ihnen 
nicht. 

Ich wollte aufstehen und rufen; aber die Blicke 
meines schrecklichen Besuchers hefteten mich unbeweg- 
lich an mein Bett. 

— A propos , sagte er lachend , Sie werden nicht 
wenig erstaunt sein, wenn Sie Ihre Frau, Ihre Kinder, 
Ihre Nachbarn englisch reden und durch die Nase spre- 
chen hören. Sie haben ihr Gedächtniss in der alten 
Welt gelassen und sind jetzt alle Yankees vom rein- 
sten Wasser. Es ist das eine wunderbare Wirkung 
des Klimas, die schon der Fürst der Geisterseher, der 
grosse Hippokrates, beobachtet hat. Die Hunde hören 
auf zu bellen, wenn sie sich dem Polarkreis nähern; 
das Getreide wird unter dem Aequator zur unfruchtba- 
ren Quecke; ein Yankee in Paris dünkt sich ein ge- 
borner Marquis und ein Franzose in den vereinigten 
Staaten verliert sogar die Scheu vor der Freiheit. Ih- 
nen selbst freilich, Sie Ungläubiger, habe ich alle Ihre 
Vorurtheile und Erinnerungen gelassen; es liegt mir 
daran, dass Sie meine Macht mit vollster Kenntniss 
der Situation beurtheilen. Sie sollen erfahren, ob Jo- 
nathan Dream ein Geisterseher ist. Sie stecken jetzt 
in einer amerikanischen Haut, die Sie nur durch mei- 
nen guten Willen wieder los werden sollen. 

— Bul I cannot speak engüsh, rief ich; aber er- 
schreckt hielt ich inne, denn ich pfiff wie ein Vogel. 

— Nicht übel, sagte der unerträgliche Spötter; in 
ein paar Tagen werden Sie shall und will, these und 



12 



those mit der ganzen Leichtigkeit und Anmuth eines 
Schotten verwechseln. 

— Leben Sie wohl, setzte er hinzu, indem er sich 
erhob; leben Sie wohl, man erwartet mich um Mitter- 
nacht bei der Favorite des Sultans im Harem zu Con- 
stantinopel; um zwei Uhr muss ich London sein und 
die Sonne werde ich in Peking aufgehen sehen. Noch 
ein letzter Rath: Denken Sie daran, dass ein Weiser 
über nichts erstaunt. Wenn Sie in Ihrer Umgebung 
diese oder jene seltsame Erscheinung sehen, so ent- 
setzen Sie sich nicht, denn man würde Sie zu unsern 
Lunatics sperren. Das würde für Ihre Beobachtungen 
störend sein. 

Ich sprang in die Höhe; aber drei Ströme magne- 
tischen Fluidums in mein Gesicht warfen mich unbe- 
weglich und sprachlos zurück. 

Der Verräther grüsste mich hierauf mit sardoni- 
schem Lächeln, ergriff einen Strahl des Mondes, der 
durch das Zimmer zog, band ihn wie einen Gürtel um 
den Leib , stieg durch das Fenster und verschwand in 
der Luft. War es Schrecken, Magnetismus oder Schlaf? 
Ich verlor die Besinnung. 

J' venni men cosi com' io morisse, 
E caddi, come corpo morto cade. 



Drittes Kapitel. 



Zambo. 

Als ich wieder zu mir kam , war es Tag. Mein 
Sohn sang mit lauter Stimme das Miserere aus dem 
Troubadour; meine Tochter, eine Schülerin von Thal- 
berg, spielte mit einem unvergleichlichen Feuer Varia- 
tionen von Sturm über ein Thema von Donner. In der 
Entfernung hörte ich meine Frau das Dienstmädchen 
ausschelten und letzteres schreiend antworten. Nichts 
war in meiner friedlichen Behausung verändert; die 
Angst dieser Nacht war nur ein eitler Traum; ich war 
von diesem gespenstischen Schrecken befreit und konnte, 
einer süssen Gewohnheit folgend , mit offenen Augen 
bis zum Frühstück träumen. 

Um sieben Uhr trat wie gewöhnlich der Diener 
mit der Zeitung in mein Zimmer. Er öffnete das Fen- 
ster und die Jalousieladen; der Glanz der Sonne und 
die Frische der Luft berührten mich aufs angenehm- 
ste. Ich wandte den Kopf dem Lichte zu. Entsetz- 
lich! Meine Haare sträubten sich; ich besass nicht ein- 
mal die Kraft zu schreien. 

Vor mir stand grinsend und tänzelnd ein Neger 



14 



mit Zähnen wie Pianotasten und mit einem dicken, 
hochrothen Lippenpaar, das Nase und Kinn fast un- 
sichtbar machte. Der Kerl war ganz in Weiss geklei- 
det, wie wenn er dadurch noch schwärzer erscheinen 
wollte; er näherte sich mir und rief, indem er seinen 
Krauskopf schüttelte und seine grossen Augen rollte: 

— Massa wohl geschlafen, Zambo wohl zufrieden. 

Ich schloss die Augen, um diesen Alp los zu wer- 
den; die Beklemmung drohte mir die Brust zu zerspren- 
gen. Als ich den Muth hatte wieder aufzublicken, war 
ich allein. Aus dem Bett springen, an das Fenster 
laufen, mich an Arm und Kopf schütteln, war das Werk 
eines Augenblicks. Vor mir stand eine lange Reihe 
kleiner Häuser, wie Kartenhäuschen aufgestellt, sechs 
Druckereien, drei Zeitungsexpeditionen, überall Annon- 
cen, das überschüssige Wasser die Rinnsteine überflu- 
thend. Auf der Strasse geschäftige, schweigsame Leute 
mit den Händen in der Tasche, ohne Zweifel, um ihre 
Revolver darin zu verbergen ; kein Lärm , keine Stras- 
senrufe, keine Bummler, keine Cigarren, keine Kaffee- 
häuser, und so weit mein Auge reichte kein einziger 
Polizeidiener, kein einziger Gendarm! Es war gesche- 
hen ! Ich befand mich in Amerika, unbekannt, einsam, 
in einem Land ohne Regierung, ohne Gesetze, ohne 
Armee, ohne Polizei, inmitten eines wilden, gewalt- 
thätigen, habsüchtigen Volks. Ich war verloren! 

Verlassener, einsamer als der schiffbrüchige Ro- 
binson sank ich auf einen Lehnstuhl, der sofort unter 
mir zu tanzen begann. Ich erhob mich zitternd, suchte 
mein Bild im Spiegel und erkannte mich selbst nicht 
mehr. Vor mir stand eine hagere Gestalt, die kahle 
Stirn mit wenigen röthlichen Haaren besäet, das bleiche 
Gesicht von einem hellen Backenbart umrahmt, der 



15 



bis zu den Schultern baumelte. Das also halte ein 
boshaftes Geschick aus einem Pariser von der Chaussee 
d'Antin gemacht! Ich erbleichte, meine Zähne klap- 
perten, der Frost schüttelte mich bis in mein Innerstes. 

— Ich will ein Mann sein, rief ich, ich muss meine 
Familie und den französischen Namen aufrecht halten. 
Ich muss die verlorene Herrschaft über meine Sinne 
wiedergewinnen. Das Ungemach macht die Helden! 

Ich wollte rufen : keine Glocke ; endlich bemerkte 
ich einen Messingknopf, auf den ich aufs geradewohl 
drückte. Plötzlich erschien Zambo wieder wie einer 
jener Teufel, die aus einer Schachtel herausspringen 
und zum Gruss die Zunge herausstrecken. 

— Feuer, rief ich, mache mir Feuer; ich will ein 
grosses Feuer im Kamin. 

— Hat denn Massa keine Zündhölzchen? sagte 
Zambo, indem er auf ein Feuerzeug wies, das auf dem 
Kamin lag. Kann sich denn Massa nicht bücken? fügte 
er ironisch hinzu. Dann drehte er unten am Kamin 
eine Schraube, liess ein Zündhölzchen über den Eisen- 
rost gleiten und daraus mit einem Male Tausende von 
Flammenzungen hervorschiessen. 

— Lieber Gott! ist es denn erlaubt, rief er im 
Hinausgehen, armen Neger zu stören, der sich sonnen 
will? 

— Wildes Volk, schrie ich, indem ich mich dem 
Feuer näherte und mich an der sanften und gleichmäs- 
sigen Wärme neu belebte; wildes Volk, das keine 
Feuerschaufel, keine Feuerzange, keinen Blasbalg, keine 
Kohle, keinen Rauch kennt-, barbarisches Volk, das 
nicht einmal das Vergnügen kennt, ein Feuer zu schü- 
ren! Einen Hahn drehen, um sein Feuer anzuzünden, 
auszulöschen und zu regeln, ist die Erfindung einer 



16 



Nation ohne jede Poesie, die nichts dem Zufall über- 
lässt, und die sich fürchtet, eine Minute zu verlieren, 
weil Zeit Geld ist. 

Nachdem ich mich erwärmt, dachte ich an meine 
Toilette. Vor mir stand ein Tisch aus Acajou, über- 
laden mit Schwanenköpfen aus Messing und anderen 
geschmacklosen Verzierungen, aber besetzt mit engli- 
schen Fayencen, die durch den Reichthum der Farbe 
und Zeichnung das Auge erfreuten. Auf diesem Tisch 
befanden sich Bürsten, Schwämme, Seifen, Oele, Pom- 
maden u. s. w. im Ueberfluss, aber nicht ein Tropfen 
Wasser. Ich drückte wieder auf den Messingknopf 
und Zambo erschien noch mürrischer als er mich ver- 
lassen hatte. 

— Warmes und kaltes Wasser zum Waschen; rasch, 
ich muss eilen. 

— Das ist doch zu stark, rief Zambo; Massa kann 
nicht drehen den Hahn zum kalten Wasser und den 
Hahn zum heissen Wasser, die dort in der Ecke sind? 
Auf Ehre, das ist zum Davonlaufen; ich kann nicht 
länger einem Herrn dienen , der nicht einmal das ver- 
steht. Er ging hinaus und warf mir die Thüre vor der 
Nase zu. 

— Zu jeder Zeit und überall heisses Wasser , das 
ist bequem, dachte ich, aber es ist eben die Erfindung 
eines Volkes, das nur an seinen Comfort denkt. Gott 
sei Dank, so steht es bei uns noch nicht. Es können 
ein oder zwei Jahrhunderte vergehen, ehe das edle 
Frankreich zu dieser Pflege der Weichlichkeit, zu die- 
ser weibischen Reinlichkeit herabsinkt. 

Nichts erfrischt die Gedanken mehr als das Rasi- 
ren. Nachdem ich mich rasirt hatte, fühlte ich mich 
wie neugeboren ; ich begann selbst mich mit meiner 



17 



langen Gestalt und meinen vorstehenden Zähnen aus- 
zusöhnen. — Wenn ich ein Bad nähme, dachte ich, 
so würde ich mich vollends beruhigen; ich könnte mit 
mehr Muth dem Anblick meiner Frau und meiner Kin- 
der entgegensehen. Ach, wer weiss, vielleicht sind sie 
ebenso verändert wie ich. 

Ich läutete, Zambo erschien mit ärgerlicher Miene. 

— Mein Freund, wo ist in der Stadt eine Bade- 
anstalt? beschreibe mir den Weg. 

— Eine Badeanstalt, Massa, wozu? 

Ich zuckte die Achseln. — Dummkopf, zum Ba- 
den natürlich. 

— Massa will ein Bad nehmen? sagte Zambo, in- 
dem er mich augenscheinlich mit Ueberraschung und 
Furcht betrachtete. Und deswegen lässt mich Massa 
mitten aus dem Garten kommen? 

— Ohne Zweifel. 

— Das ist zu stark, rief der Neger, indem er sich 
eine Handvoll Haare ausriss. Was? es ist ein Bade- 
zimmer neben jedem Schlafzimmer und Massa lässt 
Zambo heraufkommen, um ihm zu sagen: „Mein Freund, 
wo kann man baden?" So spasst man nicht mit einem 
Amerikaner. 

Der Neger stiess eine kleine verborgene Tapeten- 
thüre auf und schob mich in ein elegantes Kabinet, in 
dem sich eine Badewanne von weissem Marmor be- 
fand. 

— Schön, Zambo! rief er in komischer Wuth, drehe 
den Hahn für Massa, Hahn für kaltes Wasser, Hahn 
für heisses Wasser; bereite das Bad; lege die Wäsche 
zum Wärmen in den Kasten ; mach' nur die Amme, 
Zambo, Massa kann sich nicht mit eigner Hand be- 
dienen. 

o 



18 



Ich musste wohl schweigen, denn ich wünschte 
gar nicht, dass er mich zum Reden brächte. Ich Hess 
Zambo seinen Aerger austoben; aber ich verfluchte im 
Stillen diese schauderhaften amerikanischen Häuser, 
diese ungeselligen Wohnungen, wahre Gefängnisse, die 
man nicht verlassen kann , weil man dort Alles bei 
der Hand hat, was wir in Paris auswärts aufsuchen 
dürfen , theuer freilich , aber dafür recht weit. 



Viertes Kapitel. 



At hüiue. 

Ich verliess das Bad, ohne darin die gewünschte 
Ruhe gefunden zu haben, und stieg ganz nachdenklich 
die kleine Treppe hinab, die zum Erdgeschoss führte. 
Was war aus meinem Hause geworden? Unter wel- 
cher Maske sollte ich meine Familie wieder finden? 
Ich trat in den Speisesaal, Niemand war darin; ich 
ging hindurch zum Parlovr ; auch hier Niemand. In- 
dess betrachtete ich die beiden, Zimmer, um mich an 
das Aussehen meiner neuen Wohnung zu gewöhnen. 
Der Speisesaal, der mit einem Teppich versehen war, 
enthielt als einzigen Schmuck eine alte, schwere Truhe 
aus Acajou, besetzt mit Theegeräthe in british metal, 
glänzender als Silber, und mit chinesischen Tassen. 
Ueber dem Büffet drei mittelmässige Kupferstiche. In 
der Mitte Penn's Unterhandlung mit den Indianern unter 
der Ulme von Shakamaxon; rechts Washington zu Fuss 
mit seinem Pferde und seinem Neger; links das Bild 
des derzeitigen Souverain, des ehrlichen alten Ab6, 
mit andern Worten des ehrenwerthen Abraham Lin- 

9 * 



20 



coln, vormaligen Fenzenspalters , dermalen Präsident 
der vereinigten Staaten. 

— Das also, schrie ich, sind die schützenden Ge- 
nien meines neuen Heerdes! 'Was sind sie für mich, 
einen Franzosen, der erzogen ist in dem Cultus der 
Macht und des Erfolgs? Ein friedlicher Quaker, ein 
General, der der Kaiser einer neuen Welt sein konnte 
und sich damit begnügt, der erste Beamte eines freien 
Volkes zu bleiben, ein Arbeiter, der durch seine An- 
strengung Advokat und durch Zufall Präsident gewor- 
den ist, das sind also die Helden Amerikas! Die Mo- 
ral der grossen Männer scheint in diesem halbwilden 
Lande noch dieselbe zu sein, wie die des gewöhnlichen 
Bürgers. Was lässt sich von einer Nation mit solchen 
Vorurtheilen erwarten ? Sie wird die Welt sicher nicht 
mit einem neuen Cäsar beglücken ! 

Im Parlour stand ein Piano aus Palisander, ein 
Schreibtisch voll Papiere, ein Schrank mit Büchern. Da 
standen drei oder vier Bibeln unter den Werken von 
Francis Quarles, Bunyan, Jeremy Taylor, Law, Jona- 
than Edwards, Channing, ohne Zweifel recht ehren- 
werthe Leute, deren Namen ich aber zum ersten Male 
las. Ich hatte schon an den Titeln genug, da ich für 
die Theologie selbst an den Abenden , wo ich nicht 
recht einschlafen kann, nur wenig Geschmack be- 
sitze. Darauf folgten einige Geschichtschreiber und 
Moralschriftsteller, Franklin, Emerson, Marshall, Wa- 
shington - Irving , Prescott , Bancroft , Lothrop - Motley, 
Ticknor; hierauf einige ernsthafte Romane und dann 
eine Masse von englischen, amerikanischen, deutschen 
und selbst spanischen Dichtern. Und Frankreich, wo 
blieb Frankreich? Leider fand ich mein Vaterland nur 
durch einen Telemaque repräsentirt, dem auf englisch 



21 



die Darstellung oder vielmehr die Entstellung der fran- 
zösischen Aussprache beigefügt war. Vielleicht kam 
dann eines Tags meine Tochter, meine theure Susanne, 
um mir zu meinem Geburtstag mit ihren lieblichen Lip- 
pen zu deklamiren: Calepso ne povait se consolere diou 
departe d'Joulis! Schrecklicher Gedanke! 

Aergerlich warf ich das Buch zur Seite und ging 
in den Garten: ein kleiner Winkel zwischen vier Mauern, 
die sich hinter Epheu und Geisblatt verbargen; überall 
Veilchen, Rosenstöcke, frische Blumen; im Hintergrunde 
ein kleines Gewächshaus und ein chinesischer Kiosk, 
ein bequemer Ort, um Thee zu trinken, eine Cigarre 
zu rauchen und die Sterne zu betrachten. Im Garten 
Niemand, als Zambo, wie eine Bronzestatue auf einem 
weissen Marmortische ausgestreckt. Das Gesicht nach 
der Sonne gekehrt und mit Fliegen bedeckt, erholte 
sich der Neger schnarchend von dem schrecklichen 
Verdruss, den ich ihm bereitet hatte. Der Schelm be- 
nützte meinen Dienst nur, um nach Belieben zu faul- 
lenzen und zu schlafen. 

Dieser einsame Spaziergang in der Behausung des 
schlafenden Dornröschen fing an , mich zu langweilen ; 
ich wollte Zambo aufwecken, um zu meinem Vergnü- 
gen mich wenigstens mit einem Christenmenschen zan- 
ken zu können, als ich Stimmen hörte, die aus dem 
Souterrain des Hauses kamen oder, wie es die Franzo- 
sen in Amerika in ihrem Patois nennen, aus dem base- 
ment^ ein Wort, das hoffentlich noch lange Zeit nicht 
in dem Wörterbuche der Akademie stehen wird. 

Ich stieg einige Stufen hinab und bemerkte endlich 
in einer grossen Küche zwei Frauen, die so stark be- 
schäftigt waren, dass sie nicht einmal das Geräusch 
meiner Schritte vernahmen. Die eine, die mir den 



22 



Rücken zukehrte, die ich aber an ihrer Stimme er- 
kannte, war meine theure Jenny, die Mutter meiner 
Kinder; die andere, die ich bald würdigen lernen sollte, 
war ein blondes Geschöpf von enormer Grösse, fünf 
Fuss acht Zoll hoch, und hatte mehr das Aussehen ei- 
nes schottischen Grenadiers, als einer Tochter Eva's. 
Es war Martha, die Köchin, von Geburt eine Pensyl- 
vanierin , ihrer Religion nach Dunkerianerin oder Dun- 
keristin, etwas Aehnliches wie eine Quakerin, eine vor- 
treffliche Person, die den ganzen Tag brummte und 
nur den einzigen Fehler hatte, dass sie jeden, der ei- 
nen Knopf an seinem Rocke trug, als einen Heiden 
und Zöllner ansah. Für dieses überspannte Gemüth 
war nicht das Kreuz, sondern eine Spange das Sym- 
bol des Christenthums. 

Wollte man nach dem Ernst der beiden Frauen 
und nach der Lebhaftigkeit ihrer Unterhaltung urthei- 
len, so nahte in diesem Augenblick ein grosses culinari- 
sches Werk seiner Vollendung. Jenny (war es denn 
wirklich Madame Lefebure?J knetete in einer Serviette 
eine unförmliche Teigmasse und legte sie sorgfältig in 
einen Topf voll Wasser. Martha ihrerseits versenkte 
das kostbare Gefäss in einen grossen Ofen von Guss- 
eisen, der eine ganze Seite der Küche einnahm. Es 
war ein wahrhaft monumentaler Bau mit unzähligen 
Röhren und Behältern, aus denen der Dampf aufstieg. 
Backofen, Waschkessel, Bratspiess, Kochofen, heisses 
Wasser, heisse Luft, Alles fand sich in diesem Ofenun- 
geheuer, das wie ein Triumphbogen die Inschrift trug: 

G. Chilson's cooking ränge, Boston. 

Ich bezweifle, ob Satan selbst mit all' seinen Hilfsquel- 
len jemals einen besser geheizten Höllenofen erfunden hat. 



23 



Als Alles in Ordnung und ein Heer von Kesseln 
und Pfannen in Reih und Glied gestellt war, drehte 
sich meine Frau um und stiess bei meinem Anblick 
einen freudigen Ruf aus. 

— Guten Morgen, mein Lieber, sagte sie zu mir; 
hoffentlich hast du gut geschlafen. Du betrachtest 
unsere Vorbereitungen; es wird ein Pudding, wie der, 
den du neulich so gut gefunden hast. Ich habe ihn 
eben eigenhändig gehackt und die Mischung selbst ge- 
macht; denn ich weiss deinen Geschmack besser als 
Martha zu treffen. Du wirst hoffentlich zufrieden mit 
mir sein und mich belohnen für alle Mühe oder viel- 
mehr für alle Lust, die es mir macht, dir zu dienen. 

Mit diesen Worten näherte sie sich mir und bot 
mir ihre Stirn. Sonderbar! Es war meine Frau und 
doch war sie es wieder nicht. Dasselbe Gesicht, die 
nämlichen Züge wie in der alten Welt, abgesehen von 
einer etwas gerötheten Nasenspitze; aber zugleich et- 
was Ruhiges und Glänzendes im Auge, etwas Sanftes 
in der Sprache, etwas Liebevolles in ihren Mienen, 
was ich in unserm Haushalt im alten Paris niemals 
beobachtet hatte; ich sah mich geliebt, gehegt und ge- 
pflegt; das entzückte mich. Ich umarmte auch Ma- 
dame Lefebure oder vielmehr Mistress Smith auf das 
zärtlichste, ohne mich um Martha's Gegenwart und 
meine zwanzigjährige Ehe zu kümmern. Verzeihet mir, 
ihr Pariser Ehemänner, ich war eben in Amerika! 

— Martha, sagte meine Frau, indem sie ihre Kü- 
chenschürze abnahm und ihr seidenes Kleid ordnete, 
das sie aufgeschürzt und nach hinten aufgesteckt hatte; 
Martha, du gehst jetzt zu Mr. Green. Der letzte Kaf- 
fee, den wir von ihm hatten, war nicht gut; es war 
brasilianischer Kaffee, aber mein Mann trinkt nur den 



24 



von St. Mauritius gern. Lass dir kleine, runde Bohnen 
geben, ich werde sie selbst brennen. Ich habe auf 
dem Markte frische Erdbeeren bemerkt; nimm welche 
mit, um ein Paar von den kleinen Torten damit zu 
füllen, die du so gut machen kannst, und die im vo- 
rigen Jahre meinem Manne und meinen Kindern so 
gut geschmeckt haben. Sag dem Gärtner Hofmann, 
dass es schon überall Nelken gibt ausser in unserem 
Garten, und dass mein Mann die drei neuen Sorten 
erwartet, die er mir versprochen hat. Vergiss auch 
die Lilien nicht, die ich für Susanne ausgewählt habe 
und die Geranien, die für Henri bestellt sind. Hole 
mir endlich beim Buchhändler die jüngste Predigt des 
hochwürdigen Doktor Bellows über den Zustand der 
Nation; es ist ein Werk voll Beredsamkeit und Patrio- 
tismus. Mein Mann, der so gut liest, soll sie uns Abends 
vorlesen; es wird den Kindern und mir viele Freude 
machen. 

Wie schwach sind wir doch ! ich fühlte mich ange- 
zogen und bezaubert von dieser neuen Musik, in der 
mein und meiner Kinder Name mit jedem Takte wie- 
derkehrte. In Paris in Frankreich musste ich eine ganz 
andere Tonart vernehmen. Meine Frau besass alle 
denkbaren Vorzüge, aber ihre übertriebene Bescheiden- 
heit machte mir das Leben sauer. Es machen wie Je- 
dermann, war die Devise von Madame Lefebure. Gott 
weiss es, was ich es mir kosten lassen musste, um 
uns ja von Niemanden zu unterscheiden! Um zu woh- 
nen wie Jedermann, hatten wir ein Logis, zu welchem 
man einhundertundzehn Stufen stieg, allerdings in ei- 
nem prächtigen Hotel, dessen Hausmeister mich über 
die Achsel ansah und für sich einen Bedienten und ei- 
nen Zirnmerputzer hielt. Um es mit der Bedienung zu 



25 



halten wie Jedermann, hatten wir einen Schlingel von 
Lakai, einen lügnerischen Trunkenbold in prächtigem 
Aufzuge, mit gelber Hose und rother Weste, der mir 
sehr viel kostete, mich verkehrt bediente und mich 
blos hinderte, mich nach meinem Belieben anzuklei- 
den, zu essen und zu trinken. Um gekleidet zu sein 
wie Jedermann, brauchten meine Frau und meine Toch- 
ter Kleider von einem wahrhaft wahnsinnigen Preis, 
und Crinolinen, von denen jede einen Wagen ausfüllte, 
so dass ich selbst nur auf dem Kutschbock Platz fand. 
Um endlich aufzutreten wie Jedermann, musste ich 
nach Einladungen haschen und Leuten zulächeln , für 
die ich im Grunde meines Herzens die souverainste 
Verachtung fühlte. Das war eben Sitte! Der gute 
Ton verlangte, dass man den Reichthum anbetete und 
sich lieber ruinirte, ehe man sich von der guten Ge- 
sellschaft trennte. Davor musste ich mich vor Allem 
hüten. Das Gegentheil wäre Originalität gewesen, ein 
grober Fehler, eine Geschmacklosigkeit, die Frankreich 
den Engländern überlässt. 

Dank meiner Frau und ihren weisen Rathschlägen 
führten wir, wie ich glaube, eine schwere Rolle mit 
Anstand durch; die Leute, die uns jeden Tag zur be- 
stimmten Stunde und bei jedem Wetter im Bois de 
Boulogne spazieren fahren sahen, mussten uns Gerech- 
tigkeit widerfahren lassen. Ich darf sagen, dass wir 
unsern Rang in Paris zu wahren wussten, und dass 
wir gewissenhaft das mühsamste Leben führten, das 
sich denken lässt; wir machten jeden Vormittag zwan- 
zig Besuche und fehlten bei keiner Abendgesellschaft. 
Das Alles war ganz gut; aber, soll ich es gestehen? 
Hier in einem wilden Lande gewann meine derbe Na- 
tur die Oberhand; ich war glücklich, nichts mehr von 



26 



Jedermann hören zu müssen; es gefiel mir, dass meine 
Frau sich nur mit mir beschäftigte und nichts höheres 
kannte als ihren Gatten, ihre Kinder und ihr Haus. 
Ich fühlte mich als König in meiner Wohnung und ich 
war so zufrieden mit meinen Unterthanen und ihrem 
Gehorsam, dass ich auf der Treppe meinen Arm um 
Jenny schlang und sie wiederholt küsste. „For shame 
masler Smith", flüsterte sie hocherröthend mit einem 
Tone, der mich in eine Zeit zurückversetzte, wo wir 
um zwanzig Jahre jünger waren. 



Fünftes Kapitel. 



Ohne Mitgift. 

Während sich Zambo müde schlief und meine Frau 
mit Martha den Tisch deckte, um das Frühstück auf- 
zutragen, fing ich an den „Paris- Telegraph" zu lesen, 
ein riesiges Journal zu billigem Preise, das als Motto 
den verrückten Satz trug : The world is governed too much, 
die Welt wird zu viel regiert. Der derbe Ton dieses 
Blattes missfiel mir. Uns gibt man , Gott sei Dank, 
eine bessere Erziehung. Uns Hesse eine geordne- o Re- 
gierung im Interesse des guten Geschmacks nicht in 
die schlechte Gewohnheit verfallen, dass wir die Dinge 
bei ihrem natürlichen Namen nennen. Sollte man es 
zum Beispiel glauben , dass der Paris - Telegraph es 
wagte , einen ehrlichen Millionär mit dem Prädikat 
„Spitzbube" und „Mörder" zu belegen, weil er in Folge 
eines ohne Zweifel entschuldbaren Irrthums der Nord- 
armee sechzigtausend Paar Schuhe geliefert hatte, de- 
ren Sohlen von Pappe waren und die natürlich der 
Feuchtigkeit der Bivouaks nur unvollkommen wider- 
standen? Wie soll man Geschäfte machen in einem 
Lande, das grosse Spekulationen so wenig achtet! 



28 



Das ganze Journal war in diesem beklagenswer- 
ten Tone gehalten. Nichts entging den Schmähungen 
dieses unverschämten Winkelschreibers, dieses erbärm- 
lichen Zeitungsschmierers. Das oder jenes Gesetz war 
abscheulich, weil es die Handlungsfreiheit der Bürger 
beeinträchtigte; der oder jener Beamte war ein Jeffries 
und ein Laubardemont, weil er dem Schurken, der 
sich vertrauensvoll den Armen der Gerechtigkeit über- 
lassen hatte, in eine unschuldige Schlinge gleiten Hess: 
hier war ein Bürgermeister ein Verres oder ein Esel, 
weil er wohldenkenden Actionären ein Monopol über- 
liess, das, wie alle Monopole, für Jedermann von Vor- 
theil war. Da soll man sich die Mühe nehmen die 
Menschen zu regieren, um dar\n täglich solche Schmä- 
hungen zu erfahren ! 

— Unglücklicher Pamphletist, rief ich, wenn du 
die Ehre hättest, unter dem liebenswürdigsten und auf- 
geklärtesten Volke der Erde zu leben, so wüsstest du 
von Geburt an, dass ein Tadel über Gesetze, Richter 
oder Beamte ein Majestätsverbrechen gegen die Gesell- 
schaft ist. Das erste Dogma eines civilisirten Volkes 
ist die Unfehlbarkeit der Obrigkeit. Verflucht sei der 
Erfinder der Presse und vor Allem der freien und 
wohlfeilen Presse! Die Presse ist wie das Gas ein 
Licht, das zu gleicher Zeit die Augen verdirbt und die 
Lunge vergiftet. 

— Warum wird nicht gefrühstückt? fragte ich barsch 
meine Frau, um diesen unerfreulichen Gedankengang 
zu unterbrechen. Wo sind die Kinder? warum kom- 
men sie nicht herunter? 

— Sie sind ausgegangen, mein Lieber, werden 
aber bald wieder kommen. Henri hält diesen Abend 
seine erste Rede in der Akademie für jugendliche Vor- 



29 



Iräge; er wollte vor dem öffentlichen Auftreten erst 
noch die Akustik des Saals prüfen. 

— Und über welchen Gegenstand wird unser sech- 
zehnjähriger Cicero denn sprechen? 

— Hier ist sein Concept, sagte Jenny, und reichte 
mir mit mütterlichem Stolz ein Papier, das von unter- 
strichenen Worten , von Gedankenstrichen und Ausru- 
fungszeichen wimmelte. 

Der Titel, der mit grossen Buchstaben an der 
Spitze stand: 

„Von der Verbesserung der Frauen 
in ihrer Eigenschaft als Erzieherinnen des Menschen- 
geschlechts" 
schien mir mehr ehrenwerth, als deutlich. 

— Zum Teufel, rief ich, die Welt muss vor lauter 
Tugend noch untergehen! Wenn wir mit sechzehn 
Jahren an etwas dachten, so war es ganz gewiss nicht, 
wie mein Herr Sohn thut, die Verbess 

— Mein Lieber , unterbrach mich Jenny. 

Diese Stimme brachte mich zum Schweigen und ge- 
rade zur rechten Zeit- ich brach mitten im Worte ab 
und fühlte, dass ich wider meinen Willen über und 
über roth wurde. 

— Mein Lieber, fuhr meine Frau fort, die meine 
Verlegenheit nicht bemerkte; ich vermuthe, dass es in 
Henri's Stellung nächstens eine Veränderung geben 
wird. Er wiederholt mir alle Tage, dass er uns nun 
schon zu lange zur Last sei und dass das seinem Va- 
ter zuwider werden muss, mit einem Worte: ich glaube, 
Henri will sich einen Beruf wählen. 

— Geduld, Madame Smith, das hat noch Zeit; es 
ist meine Sache, dafür zu sorgen. 

— Mein Freund, unser Sohn ist schon sechzehn 



30 



Jahre alt; alle seine Kameraden haben eine Stellung, 
auch er muss seine Laufbahn beginnen. Sprich mit 
ihm, er hat volles Vertrauen zu dir, Niemand kann 
ihm besser rathen, als du. 

Ich fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen, wäh- 
rend sich meine Frau aus dem Fenster nach unseren 
Kindern umsah. 

— Ja, mein Sohn! dachte ich, die Sorge für deine 
Stellung ist meine Sache und ich habe schon lange 
Alles so vorbereitet, dass es dir nicht fehlen kann. 
Nicht ohne Grund habe ich dir vor sechzehn Jahren 
meinen Freund Kegelman zum Taufpathen gegeben, 
damaligen Souschef, nunmehrigen Bureauchef im Zoll- 
departement des Finanzministeriums. Ja, mein lieber 
Henri, schon jetzt bist du, ohne es zu wissen, Candi- 
dat für die Hoffnung auf ein Supernumerariat im Fi- 
nanzministerium. In zwei Jahren bist du Baccalaureus; 
und in drei Jahren, wenn du drei oder vier Examina 
glücklich bestanden hast und gehörig protegirt wirst, 
tu Marcellas eris! Ich sehe dich schon jetzt im Geiste 
als Souschef von fünfunddreissig Jahren mit einem Ge- 
halt von zweitausend vierhundert Franken und mit der 
Ehrenlegion, w r ie dein Herr Pathe; ich erblicke dich, 
wie dein Vorbild, sanft, demüthig, höflich, gefällig ge- 
gen deine Vorgesetzten, streng, rauh, befehlerisch ge- 
gen deine Untergebenen und ich sehe dich von Stufe 
zu Stufe bis zum Personalreferenten steigen. Wenn 
mich mein Vaterstolz nicht täuscht, so wirst du mit 
fünfzig Jahren der Schrecken und die Hoffnung von 
zehntausend grünen Uniformen sein. Welches Glück! 
welche Zukunft! 

— Da kommt Henri, rief meine Frau vom Fen- 
ster aus. Er spricht mit Mr. Green; ganz gewiss ver- 



31 



langt er von ihm einen guten Rath, vielleicht noch 
mehr. 

— Was soll das heissen, meine Liebe? Mit dein 
Krämer Green? Mein Sohn spricht mit so geringen 
Leuten ? 

— Geringe Leute? versetzte meine Frau voll Er- 
staunen. Mr. Green ist ein ehrenwerther Mann, ein 
guter Christ und steht allgemein in hoher Achtung; er 
ist dreimalhunderttausend Dollars werth und wendet 
das Vermögen, das er seiner Arbeit verdankt, auf's 
beste an. 

— Bravo! rief ich. Glückliches Land, wo die Krä- 
mer Millionäre sind und Rathschläge ertheilen, wie die 
Advokaten, vielleicht gar Plätze vergeben, wie die Mi- 
nister. Gut, mag mein Sohn sich um die Gunst Sei- 
ner Excellenz vom Zuckerhut und Schwefelfaden be- 
werben. Aber rufe Susanna, ich glaube nicht, dass 
sie mit Mr. Green etwas zu schaffen hat. 

— Susanna ist in ihrer Vorlesung über Gesund- 
heitspflege und Anatomie. 

— Anatomie, grosser Gott! Meine neunzehnjäh- 
rige Tochter studirt Anatomie? Sie secirt vielleicht 
sogar? 

— Was hast du, .mein Lieber? erwiderte meine 
Frau mit einer Ruhe, die mich in die Wirklichkeit zu- 
rückversetzte. Susanne wird einmal Kinder bekom- 
men. Willst du, dass sie sie in Unwissenheit aufzieht, 
ohne etwas von ihrer Körperbeschaffenheit zu verste- 
hen? Hast du ihr nicht selbst hundert Mal gesagt, 
dass das Studium des menschlichen Körpers einen not- 
wendigen Theil einer jeden guten Erziehung aus- 
macht? 

— Und wer ist denn der Arzt, dessen Klugheit 



32 



man die Sorge überlässt, jungen Mädchen Anatomie 
zu lehren? 

— Frau Hope, eine unserer ärztlichen Berühmt- 
heiten. 

— Weibliche Aerzte! Moliere herbei! Wie! In 
diesem Land, dem Widerspiel aller andern, sind es 
also nicht Männer, die unsere Mütter, Frauen und Töch- 
ter behandeln ? Es sind wohl auch Frauen , die die 
Geburtshülfe in der guten Gesellschaft besorgen? Das 
geschieht nirgends, das ist unanständig, Madame Smith, 
das ist unanständig. 

— Ich hätte eher das Gegentheil geglaubt, lieber 
Mann, aber du verstehst es besser als ich. Wenn also 
jemals unsere Tochter einen jener ernstlichen oder leich- 
ten Zufälle hätte, die eine Frau in ihrer Schamhaftig- 
keit kaum sich selbst zu gestehen wagt, so würdest 
du es vorziehen, wenn ich einen Arzt kommen Hesse? 

— Keineswegs, du missverstehst mich, meine Gute; 
ich wollte nur sagen, dass es alte Gebräuche gibt, die 
man achten rnuss, wie alle alten Irrthümer. Oder viel- 
mehr das heisst . . . . , ich werde dir das ein anderes 
Mal auseinandersetzen. Wer begleitet denn Susannen in 
ihre Vorlesung? 

— Niemand. 4 

— Niemand? Mit neunzehn Jahren und schön wie 
ein Engel geht meine Tochter allein und ohne Beglei- 
tung über die Strasse? 

— Warum sollte sie es anders machen, als ihre 
Freundinnen? welche Gefahr besteht für sie? Bildest 
du dir etwa ein, dass es in Amerika einen Mann gibt, 
der schlecht oder wahnsinnig genug wäre, um die Ach- 
tung zu verletzen, die der Jugend und Unschuld ge- 
bührt? Väter, Gatten, Brüder, Söhne, Aller Arme 



33 



würden sich erheben, um den Elenden zu strafen ; aber 
es ist in unserm edlen Lande eine solche Unwürdig- 
keit noch gar nicht vorgekommen. Diese Erbärmlich- 
keiten und Laster überlassen wir der alten Welt. 

— Uebrigens ist Susanna, wie ich glaube, gut auf- 
gehoben, setzte meine Frau mit sanftem Lächeln hin- 
zu. Alfred, der jüngste Sohn von Mr. Rose, ist von 
Indien zurückgekommen; ich habe ihn gestern mit sei- 
nem Vater und seinen acht Brüdern spazieren gehen 
sehen, und du weisst, dass er und Susanna seit langer 
Zeit mit einander verlobt sind. 

— Was! meine Tochter verliebt in den neunten 
Sohn eines Apothekers? und ihre Mutter kündigt mir 
eine solche Nachricht mit vollster Ruhe an? 

— Warum soll sie- nicht den heirathen, den sie 
liebt? sagte Jenny, indem sie ihre schönen blauen Au- 
gen fest auf mich richtete. Habe ich nicht ebenso ge- 
handelt, mein Lieber? Thut es mir leid? oder dir? 

— Aber welchen Stand, welches Vermögen hat 
denn der junge Mann ? 

— Sei ruhig, mein Lieber; Alfred ist ein Ehren- 
mann; er wird Susannen nicht heirathen, ehe er ihr 
eine feste Stellung anbieten kann. Susanne wird nö- 
tigenfalls zehn Jahre warten. 

— Und hast du an die Mitgift gedacht? Weisst 
du denn, was der junge Mensch verlangt, der jetzt 
unsere Tochter compromittirt? Weisst du, was wir thun 
können und wieviel von unserer geringen Habe wir 
opfern müssen ? 

— Ich verstehe dich nicht, Daniel. Verkaufen wir 
denn unser Kind? Muss man denn einen jungen Mann, 
einen Liebhaber, bezahlen, damit er sich entschliesst, 
ein reizendes Mädchen, dessen Anblick unser Auge 

3 



34 



erfreut und das ebenso schön als gut ist, zur Lebensge- 
fährtin zu nehmen? Woher hast du denn diese son- 
derbaren Ideeen, die ich zum ersten Male von dir höre? 

— Ohne Mitgift! rief ich; in einem Land, wo je- 
der vom Morgen bis zum Abend vor einem Dollar auf 
den Knieen liegt! 

— In Amerika, mein Freund, liebt man sich, man 
heirathet aus Liebe, und man ist sein ganzes Leben 
glücklich, sich gegenseitig wiederholen zu können, 
dass man sich aus Liebe gewählt hat. Jedes bringt 
sein Herz als Mitgift und ich hoffe, dass man bei einer 
freien, jungen und hochherzigen Nation, wie der uns- 
rigen , niemals eine andere kennen wird. 

— Ohne Mitgift! dachte ich, ohne Mitgift! das än- 
dert die Sache, wie Harpagon sagt. Dann ist die Ehe 
kein Geschäft mehr. Reich oder arm ist die Braut im- 
mer sicher, geliebt zu sein; man heirathet sie ihrethal- 
ben und nicht um ihr Geld; der Vater, der zagend die 
Hand seiner Tochter weggibt, braucht wenigstens nicht 
zu fürchten, dass sie einem unedlen Spekulanten in 
die Hände fällt. Ohne Mitgift! Manchmal haben doch 
die barbarischen Völker unbewusst eine Zartheit des 
Gefühls, die unserer Civilisation alle Ehre machen 
würde. 

— Da kommt Susanne, rief meine Frau, die ihren 
Beobachtungsposten wieder eingenommen hatte. Alfred 
ist bei ihr, ich hatte mir's gedacht. 

Ich lief zur Thür. Meine Tochter, meine theure 
Susanne war schöner als je! Ihre langen, blonden 
Haare fielen in Locken über ihre Schultern; ihr lächeln- 
des Auge, ihre vertrauensvolle Miene, ihr energischer 
Schritt verliehen ihr einen neuen Reiz. Es war die 
Unschuld eines Kindes und der Liebreiz einer Frau. 



35 



Sie fiel mir um den Hals; leidenschaftlich drückte ich 
sie an mein Herz und trug sie auf meinen Armen bis 
in den Speisesaal. 

Erst dort bemerkte ich, dass Susanne nicht allein 
in's Haus gekommen war. Neben mir stand das Un- 
geheuer, das mir meine Freude und mein Glück rau- 
ben wollte. Susanne nahm ihn bei der Hand und 
stellte ihn mir auf die unbefangenste Weise vor. 

— Mr. Alfred Rose, lieber Papa, kennst du ihn 
nicht mehr? 

Ich erkannte ihn nur zu gut; und recht hübsch 
war er, der verdammte Kerl! Ich seufzte und schlug 
grimmig ein in die Hand dieses künftigen Schwieger- 
sohnes, der so freundlich war, mich zum Schwieger- 
vater zu wählen, ohne mich darum zu fragen. Ohne 
Mitgift! dafür glaubte er sich also berechtigt, die Frau 
zu heirathen, die er liebte? Wie kann man Rücksich- 
ten erwarten von diesen ungeschliffenen Leuten, die 
gewohnt sind, immer geradeaus zu gehen! 



Sechstes Kapitel. 



Worin der Leser mit Mr. Alfred Rose und dem Nach- 
bar Green Bekanntschaft macht. 

Während Alfred und ich uns schweigend gegen- 
überstanden, unterhielten sich die beiden Frauen leise 
mit ausserordentlicher Lebhaftigkeit; die Mutter lächelte, 
die Tochter blickte bittend zu ihr auf. 

— Mein Freund, sagte Jenny plötzlich, indem sie 
die beiden jungen Leute an der Hand nahm, hier ste- 
hen zwei Kinder, die mit Gottes Hülfe einen christli- 
chen Hausstand gründen wollen und dazu um deinen 
Segen bitten. 

— Meinen Segen ! Ich habe gesehen, wie Pius IX. 
Rom und die Welt segnete mit jener Milde und Ho- 
heit, die auch den Ungläubigsten auf die Kniee wirft; 
ich habe gesehen, wie fromme Bischöfe der Unschuld 
und Andacht von Firmkindern ihren Segen gaben. Das 
war schön und gross, es war ein heiliger Erguss! Aber 
ich Sünder schrieb mir nicht das Recht zu, zu segnen, 
nicht einmal meine Kinder. Ich umarmte Susanne und 
Alfred, vereinigte ihre Hände in den meinigen und 
weinte. 



37 



Die Undankbaren waren so glücklich , dass sie 
meine Thränen gar nicht sahen ; sie eilten aus meinen 
Armen in die Jenny's. 

— Möge der Gott Abraham's und Sarairs, rief" 
Jenny, möge der Gott Isaak's und Rebekka's, Jakob's 
und RahePs euch segnen, meine Kinder, und euch ein 
christliches Leben verleihen! 

— Amen, antwortete eine Stimme, deren Ernst 
mich erschütterte. Es war Martha, die mit dem Blick 
und der Miene einer Prophetin hinzutrat. 

— Mann, sagte sie, du nimmst dieses Weib vor 
Gott; Weib, du nimmst diesen Mann vor Gott, in gu- 
ten wie in bösen Tagen , in Gesundheit wie in Krank- 
heit, für das Leben, für den Tod ; vergiss es nicht, der 
Ewige wird daran gedenken. 

— Nein, sicher, ich werde es nie vergessen, rief 
Alfred mit erhobener Hand, ich nehme Gott zum Zeugen. 

Soll ich es zu meiner Schande gestehen? Unge- 
achtet der ausgezeichneten Erziehung, die ich in Frank- 
reich erhalten habe, und obgleich man mich von Kind- 
heit an daran gewöhnt hat, nur scherzhafte Dinge ernst- 
haft zu behandeln, fühlte ich mich doch bis in's In- 
nerste bewegt durch die Feierlichkeit dieser Verlobung. 
Mein Heerd schien mir geheiligt gleich dem Abrahams, 
und Gott unsichtbar gegenwärtig, um die Verbindung 
meiner Kinder zu weihen. 

Zambo's Eintritt verjagte diese ernsten Gedanken. 
Er hatte den Garten und das Gewächshaus geplündert, 
um der Braut ein enormes Bouquet zu überreichen. 
Er begleitete sein Geschenk mit solchen Grimassen und 
mit so komischen Verbeugungen , dass ich wider mei- 
nen Willen lachen musste. 

— Wann die Hochzeit, junger Herr? fragte der 



38 



Neger; morgen, übermorgen, in acht Tagen? Zambo 
wird singen, Zambo wird tanzen. 

— Susanne, sagte ich auf meine Tochter blickend, 
der Hochzeitstag ist doch noch nicht bestimmt? 

— Lieber Vater, wir Erwarten deine Befehle, ant- 
wortete meine Tochter mit einer falschen Bescheiden- 
heit, die mir einen Seufzer entriss. 

— Und wir warten auf nichts anderes , setzte Al- 
fred hinzu; ich habe ganz nahe hier an der Ecke der 
vierten Avenue ein Haus gemiethet und eingerichtet. 
Alles ist bereit, die zu empfangen, die mir die Ehre 
erweisen wird, mein Schicksal und meinen Namen zu 
th eilen. 

— Mein Sohn, sagte ich zu Alfred und erstickte 
beinahe an diesem Worte, Susanne hat Sie gewählt, 
wir nehmen Sie ohne weitere Prüfung an, aber ent- 
schuldigen Sie die wohlberechtigte Neugierde und Un- 
ruhe eines Vaters. Seit wann lieben Sie denn eigent- 
lich meine Tochter, und da Sie selbst vom Schicksal 
sprechen, welche Grundlage hat denn dieser Hausstand, 
dessen Glück uns so nahe berührt? 

— Es würde mir schwierig sein, zu sagen, seit 
wann ich Susannen liebe, antwortete der junge Mann. 
Es scheint mir fast, dass ich mit dieser Liebe geboren 
wurde. Sicher liebte ich sie schon, als wir zusammen 
in die gemeinsame Schule gingen und den Weg dahin 
neben einander zurücklegten, sie ganz Kind, ich halb 
Jüngling. Seit jener Zeit haben wir so oft zusammen 
gespielt, gesprochen, gebetet; ich habe sie immer so 
heiter, gut, liebenswürdig gesehen; wir haben so oft 
mit offener Seele uns unterhalten; ich habe so oft die 
ganze Schönheit ihres Gemüths erkannt, dass ein Tag 
gekommen ist, wo ich fühlte, dass Susanne die Frau 



39 



ist, die mir Gottes Güte bestimmt hat. Als Susanne 
sechzehn Jahre war, habe ich sie gebeten, mich als 
ihren Verlobten zu betrachten, wir haben uns verlobt, 
sie hat es Ihnen noch am nämlichen Tage gesagt; das 
ist die Geschichte unserer Liebe. 

— Also, sagte ich seufzend, Achtung und Freund- 
schaft haben Sie zu dieser sogenannten Liebe geführt? 
Nichts Plötzliches, nichts Blitzartiges? keine Leidenschaft, 
keine Poesie? 

— Ich bin vierundzwanzig Jahre alt, sagte der 
junge Mann; ich liebe Susannen, ich habe niemals eine 
andere geliebt und werde niemals eine andere lieben; 
ich achte sie mehr als irgend Jemanden auf der Welt; 
ich liebe sie mehr als mich. Ist das Klugheit, ist es 
Leidenschaft? Davon weiss ich nichts; aber ich hoffe, 
Susanne wird nicht mehr von mir verlangen; sie wird 
zufrieden sein, wenn ich sie bis an mein Ende auf 
dieselbe Weise liebe. 

— Ganz wohl, mein Sohn, Sie sind überaus ver- 
ständig; Sie werden so glücklich sein, als Sie es ver- 
dienen, und werden viele Kinder bekommen. Aber 
wie steht es mit der Geldfrage? 

— Ich hatte kein Vermögen, sagte Alfred, und das 
schob meine Pläne weit hinaus; ich war einundzwan- 
zig Jahre alt und entschlossen , meinen Weg rasch zu 
machen; ich zweifelte nicht am Erfolg. 

— Ohne Zweifel hatten Sie mächtige Gönner? Hoff- 
nung auf irgend einen guten Platz in der Staatsverwal- 
tung? Vielleicht hatte Ihr Vater dem Vetter oder der 
Base eines Senators eine Gefälligkeit erwiesen? 

— Ich hatte nichts 'als meinen Kopf und meine 
Arme und den Wahlspruch jedes ächten Yankee: Go 
ahead, never rnind, help yourself! Das hilft mehr als 



40 



fremde Stütze. In einem Lande , das so rasch wächst 
wie das unsrige, muss jeder, der kein Dummkopf ist 
und einen festen Willen hat, schliesslich auf eine glück- 
liche Chance stossen. In meiner Stellung als Chemi- 
ker bei einem reichen Indigohändler hörte ich oft, wie 
mein Herr es beklagte, dass die Schiffe nach Indien 
nur halbe Ladung führten. Die Auffindung eines neuen 
Frachtartikels war der stete Traum unserer Rheder. 
Ich entdeckte einen, an den Niemand gedacht hatte 
und für den der Absatz sicher war: das Eis. Es wird 
niemals soviel Eis geliefert werden können, als Indien 
verbrauchen kann. Die Schwierigkeit bestand nur in 
der Aufbewahrung unterwegs; hier galt es ein Problem 
zu lösen. Dank meinem Vater bin ich in einem La- 
boratorium aufgewachsen; Physik und Chemie waren 
meine erste Unterhaltung. Ich bedurfte zur Isolirung 
meiner Eisblöcke eines schlechten Wärmeleiters. Ich 
versuchte es mit den Sägespänen, die bei uns keinen 
Werth haben. Die Erfindung war fertig. Es fehlte 
nur noch an Kapital. 

Es ist in Amerika niemals schwer, Geld zur Aus- 
führung einer guten Idee finden; ich dachte an Mr. 
Green, der grosse Geschäfte in Reis, Kaffee, Gewür- 
zen und Indigo macht. Er hatte Vertrauen zu mir und 
wagte eine Expedition. Ich reiste mit meiner Ladung 
nach Calcutta; wir hatten glückliche Fahrt; ich ver- 
kaufte mein Eis mit erheblichem Gewinn und kehrte 
zurück, nachdem ich drüben vorteilhafte Lieferungen 
für zwanzig Jahre abgeschlossen und eine Rückfracht 
für mein Schiff erlangt hatte. Nach meiner Rückkehr 
fielen tausend Dollars auf meinen Antheil und jetzt 
stehe ich an der Spitze des Hauses Green, Rose & 
Compagnie. Der Erfolg ist gewiss. Wenn ich will, 



41 



kann ich ihn heute discontiren. Vorläufig kann ich 
meiner Frau zehn bis zwölftausend Dollars jährlich an- 
bieten. 

— Sechzigtausend Franken jährlich, rief ich; et- 
was Hübsches, der Handel, wenn man Glück hat! Ich 
betrachtete meinen Schwiegersohn näher; ich fing an, 
ihn genial zu finden. An der Stirne und am Kinn hatte 
er offenbar etwas von Napoleon. 

Ich hatte gänzlich den Laden seines Vaters ver- 
gessen, als uns Zambo Mr. Rose anmeldete, der auch 
seinen Antheil an der gemeinsamen Freude haben 
wollte. So schätzbar der vortreffliche Mann war, ein 
Apotheker konnte doch nicht der Schwiegervater sein, 
den ich für meine Tochter gewünscht hätte; ich hatte 
von einem Unterpräfecten geträumt ; aber was will 
man machen in einem so ursprünglichen Lande, das 
die Centralisation, um die uns Europa beneidet, noch 
nicht erlangt hat! 

Mit Rose kamen Mr. Green und Henri. Den Apo- 
theker hatte ich gleich erkannt an dem medizinischen 
Air, das sich nicht leicht verliert; aber der Krämer im 
schwarzen Frack und weisser Binde war für mich eine 
neue Erscheinung. Seine Sprache und seine Manieren 
waren eben so auffallend als sein Anzug. Green, der 
Oel - und Kaffeehändler sprach mit der Ueberlegenheit 
und Kaltblütigkeit eines Mannes, der Millionen in Be- 
wegung setzt 

— Nachbar, sagte er zu mir mit grösster Höflich- 
keit, durch diesen jungen Mann, der Ihr Schwieger- 
sohn und mein Compagnon ist, gehöre ich auch ein 
wenig mit zur Familie. Aber es wird dabei nicht blei- 
ben. Henri hat mich besucht; er ist ein intelligenter 
Junge, er gefällt mir, ich habe eine Stellung für ihn 



42 



gefunden. Alfred lässt sich jetzt nieder; wenn man 
heirathet, kann man nicht in der Welt herumlaufen; 
aber doch brauchen wir einen zuverlässigen Menschen 
in Calcutla. Ich habe an Henri gedacht ungeachtet 
seiner Jugend. Man kommt niemals zu früh in's Ge- 
schäft. Drei Jahre Aufenthalt in Indien werden ihn 
zum Mann machen; wir geben ihm eine Tantieme, die 
ihm, wenn er fleissig ist, vier oder fünftausend Dollars 
jährlich abwirft. Sie vertrauen mir ein Kind an; in 
drei Jahren haben Sie einen Mann dafür. Was sagen 
Sie zu meinem Plan? Rehagt er Ihnen so gut, wie 
Ihrem Sohn? 

— 0, mein Sohn, dachte ich, ich hatte für dich 
eine andere Zukunft geträumt! Vielleicht ist es so 
besser für dich ; vielleicht hast du weder die politische 
Anlage, noch die erforderliche Feinheit, um dich zum 
Rang eines Büreauchef emporzuschwingen. Das Loos 
ist gefallen, du wirst blos Millionär! 

Ich dankte Green, der ganz leise zu mir sagte: 

— Nachbar, dabei wird's nicht bleiben. Sie ken- 
nen Margarethchen, mein zwölftes Kind, ein kleines 
reizendes Mädchen von zehn Jahren, aber schon so nied- 
lich, wie eine Puppe. Ich habe die Idee, dass wir sie 
in sechs oder sieben Jahren zur Mistress Henry Smith 
machen können. Bis dahin werden wir Acht auf den 
jungen Mann und auf sein Vermögen haben; zählen 
Sie auf mich. 

Das war zu stark! Ich, der Dr. Lefebure, Bürger 
und Gelehrter bei mir zu Hause, einem Krämer ver- 
schwägert und verpflichtet! Gewiss, ich liebe die Gleich- 
heit; ich bin Franzose; die Prinzipien von 1789 sind 
mein Evangelium. 



43 



Die Sterblichen sind gleich; nicht die Geburt erzeugt 
Verschiedenheit; sie wird durch Tugend nur erreicht, 

wie unser unsterblicher Voltaire sagt. 

Ich verlange, dass man diese Gleichheit allenthal- 
ben proclämirt; es ist mir recht, wenn man diese Gleich- 
heit in unsere Gesetze einführt; man wendet sie ja 
doch nicht an; aber die Gleichheit in unsere Sitten ein- 
führen, niemals, niemals! 

Stets wird der Mensch, der nichts thut, einen hö- 
heren Standpunkt einnehmen, als der, der seine Fin- 
ger mit Arbeit beschmutzt. 

Ich wollte eben den Zauber stören und das perfide 
Anerbieten zurückweisen als meine Frau die Nachbarn 
zu einem Stück Schinken und einer Tasse Thee einlud. 

— Daniel, sagte Jenny, sprich das Tischgebet. 

— Meine Liebe, ich bin so erregt, dass ich nicht 
mehr weiss, was ich thue. Vertritt meine Stelle und 
sprich es für mich. 

— Lieber Gott, sagte Jenny, segne dieses Haus 
und Alle, die darinnen sind. Segne auch, die daraus 
weggehen und mögest du, o Herr, unter ihnen nur 
reine und gehorsame Herzen finden! 

Jedermann sprach das Amen mit so andächtiger 
Stimme, dass der Lauf rneiner Ideen dadurch vollstän- 
dig durchkreuzt wurde. Ich betrachtete meine Freunde, 
meine Kinder, meine Frau; Green, der mit solcher 
Schlichtheit das Vermögen meiner Familie begründete; 
Henri, der mit sechzehn Jahren, mit der Entschlossen- 
heit eines Mannes und dem Eifer eines Knaben sich 
durch Arbeit eine Stellung in der Welt erringen wollte, 
und weder vor Gefahr, noch vor Entfernung zurück- 
schreckte; die zarte und reine Liebe zwischen Susanne 
und Alfred; und endlich meine Frau, meine gute Jenny, 



44 



die aufmerksam und hingebend nur an die Andern 
dachte, die Königin dieses Kienenstocks, aus dem der 
Schwärm entflog! 

Und ich, unnütze Drohne, der nichts verstand als 
zu murren, musste mir sagen, dass ich allein bleiben 
würde an diesem Heerd, den jetzt noch Susannen's 
und Henri's Freude belebte. Rose hatte neun Kinder, 
Green fünfzehn; Gott segnet die grossen Familien, und 
wenn wir weiser sein wollen, als er, so verkehrt er 
unsere falsche Klugheit und straft uns mit der Einsam- 
keit, die wir gesucht haben Ich weiss nicht 

mehr, was ich Alles dachte; denn Zambo machte die 
Thüre auf und trat mit erschreckter Miene ein, indem 
er rief: 

— Die Sturmglocke! die Sturmglocke! Horcht, es 
brennt. 



Siebentes Kapitel. 



Der Brand. 

Beim ersten Schrei Zambo's war der Apotheker an 
das Fenster gelaufen. Jetzt wandte er sich zu Green. 

— Lieutenant, sagte er, das Zeichen gilt uns, es 
brennt in der zwölften Avenue. 

— Sergeant, ich bin bereit, erwiederte der Krä- 
mer, indem er sich erhob. Doctor, setzte er hinzu, in- 
dem er mir auf die Achsel schlug, eilen Sie, der Wa- 
gen wartet nicht. 

— Schön, dachte ich, als ich sie mit Alfred und 
Henri fortgehen sah; jetzt spielen sie Nationalgarde. 
Die Nationalgarde ! Das ist ein Geschenk, welches uns 
Amerika durch den Bürger Lafayette übersandt hat, 
und das sich bei uns recht hübsch bewährt hat! Lauft 
nur zu dieser unnützen Parade, ihr guten Freunde; wohl 
bekomm's euch! Ich für mein Theil bleibe zu Hause. 
Was spricht Green von einem Wagen? Glaubt er et- 
wa, dass ich wie ein Maulaffe hinlaufen werde, um 
das Feuer zu sehen in einem Lande, wo es, wie man 
sagt, alle Tage brennt? Ich trat zum Fenster; starke 



46 



Rauchwolken stiegen zum Himmel, Funken sprühten; 
das Feuer wuchs. 

— Rasch, Herr, rasch, der Wagen kommt, rief 
plötzlich Martha. 

Ich drehte mich um; vor mir stand Zambo mit ei- 
ner Hacke in der Hand und mit einem Lederhelm auf 
dem Kopf; Martha hielt eine Jacke von rothem Stoff 
und einen breiten Turngürtel; es war meine Uniform, 
ich war Feuerwehrmann! 

Ich Feuerwehrmann? Ich wollte gegen diese neue 
Beleidigung, die mir das Geschick anthat, protestiren; 
aber Martha hatte sich meiner bemächtigt. In einem 
Augenblicke war ich angekleidet, gegürtet, behelmt, 
bewaffnet und auf das Dach eines ungeheuren Omni- 
bus gehoben, der in seinem Innern eine rauchende 
Dampfmaschine barg. Zwei prächtige schwarze Pferde 
trugen Feuerspritze und Spritzenmänner im Galopp 
davon. 

— Fürchte nichts, Daniel, rief Martha mit erhobe- 
ner Hand, du wirst dem Herrn dienen; der Allerhöch- 
ste wird dich aus den Flammen retten, wie seine Die- 
ner Sadrach, Mesach und Abednego. 

Dieser biblische Segen, der förmlich nach Brand 
roch, erweckte mir ein Fröstein. 

— Sonderbare Idee, rief ich, für Unbekannte seine 
eigene Haut zu riskiren, während man doch eine Feuer- 
wehr bezahlen könnte! 

— Was reden Sie da, Doctor? unterbrach mich 
eine scharfe Stimme, an der ich meinen Nachbar Rey- 
nard als Sollicitor Fox wieder erkannte. Bürger, setzte 
er hinzu, indem er irgend ein altes Plaidoyer auf- 
wärmte, wenn ihr frei sein wollt, so macht selbst eure 
Polizei und euer Heer. Wer sich Wächter anstellt, 



47 



stellt sich Herren an. Lieber Freund, fuhr er zu mir 
gewendet fort, woher haben Sie diese sonderbaren 
Ideeen, sind Sie kein Freund der Freiheit? 

— Die Freiheit über Alles! beeilte ich mich ihm 
etwas verlegen zu antworten ; seinen Mitbürgern zu 
Hülfe eilen ist eine Pflicht und eine Lust, die ich Nie- 
manden überlassen möchte, ich bin stolz darauf, Feuer- 
wehrmann zu sein ! 

— Doch nicht so sehr wie Green, lieber Nachbar, 
versetzte der Mensch mit pfiffiger Miene. Der ist ver- 
gnügt, dass es in's Feuer geht! Er ist teufelmässig 
schlau } flüsterte er mir in's Ohr; devilish smart, wieder- 
holte er viermal, indem er mit den Augen zwinkerte. 

Er öffnete seine Dose, seufzte, nahm langsam zw r ei 
Prisen und fuhr dann fort: — Unser Hauptmann, der 
brave Oberst Saint- John will sich zurückziehen; Green 
ist Lieutenant und ehrgeizig. Er will Hauptmann wer- 
den, um höher zu steigen. Er ist teufelmässig schlau; 
aber er mag sein Spiel noch so geheim halten , ich 
schaue ihm doch in die Karten. 

Fox war kaum mit seinen heimlichen Mittheilun- 
gen zu Ende, als wir an Ort und Stelle waren. Keine 
Polizei, keine Vorsichtsmassregel. Eine neugierige Volks- 
masse stand auf den Trottoirs und liess zum Glück die 
Mitte der Strasse gutwillig frei. In einem Augenblick 
war die Maschine in Stand gebracht, die Pumpenstöcke 
eingesetzt , Wasser war überall. Während der Lieute- 
nant den Hauptheerd des Feuers untersuchte und seine 
Befehle ertheilte, stellte ich mich mit meinem liebens- 
würdigen Nachbar an die Schläuche, 

Vor uns stand ein Haus in vollem Brand, die Flam- 
men leckten aus den zerbrochenen Fenstern; plötzlich 
hörte man aus dem ersten Stock jammervolle Rufe ; 



48 



eine weisse Gestalt glitt wie ein Schatten vorüber, eine 
weibliche Stimme rief um Hülfe. Sofort lehnte Green 
eine Leiter an die Mauer, stieg hinauf und verschwand 
mitten im Rauch. 

— Verdammt schlau, sagte Fox mit einer teufli- 
schen Grimasse zu mir, devilish smart; er spielt va 
banque, der Ehrgeizige! 

— Hieher Kinder, hieher, rief Rose, vollauf mit 
Löschen beschäftigt. Ich hob mit aller Kraft an dem 
schweren Schlauche, aber ich konnte meine Augen 
nicht von dem Fenster abwenden, durch das Green 
eingetreten war. Das Herz klopfte mir, die Unruhe er- 
stickte mich. 

Plötzlich erschien Green wieder mit einer Frau in 
den Armen und stieg begrüsst von dem Hurrah der 
Menge herab. 

Kaum am Boden erhob sich die Frau : — Mein Kind, 
schrie sie; wo ist meine Tochter? Sie zitterte an allen 
Gliedern, weinte, streckte die Arme nach dem bren- 
nenden Fenster aus und wollte sich wieder in die Höl- 
lengluth stürzen Vergebens suchte man sie zurückzu- 
halten; sie entriss sich unsern Armen, lief gegen das 
Haus und, von der Flamme zurückgetrieben, sank sie 
mit herzzerreissendem Geschrei nieder und raufte sich 
die Haare aus. 

Alle sahen sich fragend an; das Feuer brauste wie 
ein Orkan, das Dach war angegriffen und drohte ein- 
zustürzen, das Kind war verloren. — In diesem Au- 
genblick packte mich ein unbeschreibliches Gefühl: der 
Anblick dieser armen Frau, die Worte Martha's, das 
Beispiel Green's, der Gedanke, dass ich Franzose sei — 
was weiss ich? Es war ein Zustand von Trunkenheit. 



49 



Ich lief zur Leiter und war oben, ehe ich wusste, was 
ich that. 

Rose wollte mich aufhalten. Ich rief: 

— Ich bin Vater, ich werde dieses Kind nicht ster- 
ben lassen! 

Aber irn Zimmer ergriff mich die Furcht; rings- 
um zischte das Feuer, das Holzwerk krachte, die Schei- 
ben knackten; es war ein unheimlicher Lärm. Erstickt 
von der Hitze, geblendet vom Rauch begann ich zu 
rufen, keine Antwort; ich schrie, kein Laut. Ich war 
in Verzweiflung. Da zeigte mir eine hell aufschlagende 
Flamme durch die Finsterniss hindurch eine verschlos- 
sene Thüre mir gegenüber. Das Schloss mit einem 
Beilschlag sprengen, in die Kammer eilen, an die Wiege 
laufen, in der ein Kind weinte, diesen Schatz auf meine 
Arme laden, das Alles war das Werk eines Augen- 
blicks. 

Welche Freude! aber ach, sie war nur kurz. Von 
Rauch umgeben, halberstickt wusste ich nicht mehr, 
wo ich war; das Herz klopfte mir, ich schwindelte, ich 
war verloren! 

— Hieher, Doctor! Hieher, Daniel! rief Rose's 
Stimme, aber aufgepasst beim Zurückgehen! 

Der Rath war gut; ich hatte mich kaum gewen- 
det, als ein kräftiger Wasserstrahl, von der geschickten 
Hand des Apothekers gelenkt, mich vom Kopfe bis zu 
Fuss überschwemmte und mich beinahe umwarf. Dank 
diesem Manöver, das einen Augenblick die Flamme 
aufhielt und den Rauch zerstreute, konnte ich das Fen- 
ster sehen; ich lief hin, betrat die Leiter und liess 
mich zu Boden gleiten, geschwärzt und rauchend, wie 
ein nasser Feuerbrand. Einen Augenblick nachher 
stürzte das Dach mit furchtbarem Geprassel zusammen. 

4 



50 



Martha hatte Recht, Gott hatte mich gerettet wie Abed- 
nego. 

Es wäre vergebens, die Freude der armen Mutter 
zu beschreiben; ich hatte ein Kind gerettet und die 
Ehre des französischen Namens gewahrt. Meine Thor- 
heit war nicht ohne Folgen geblieben; die eine Seite 
meiner Haare war abgesengt, meine Wange aufgeritzt 
und der linke Arm von der Hand bis zum Ellbogen 
verbrannt; aber was war das Alles gegen das, was 
ich gewonnen hatte? 

Höchstens eine Stunde nach dem Vorfall kehrten 
wir in unsere Wohnungen zurück und überliessen den 
zuletzt Gekommenen die Sorge, die rauchenden Trüm- 
mer vollends zu löschen. Gewandt und erhobenen 
Hauptes kletterte ich auf den nämlichen Omnibus, den 
ich Morgens in so übler Laune bestiegen hatte. Da 
war auch Fox und zwinkerte mit den Augen, wie 
wenn er einäugig wäre. 

— Green ist schlau, sagte er, indem er mit dem 
Ellbogen an meinen kranken Arm stiess, dass ich vor 
Schmerz laut aufschrie; aber Sie sind noch verdammt 
viel schlauer. Es lebe der Hauptmann Smith! fügte er 
händereibend hinzu. 

Ich antwortete ihm nicht; ein neues Schauspiel 
fesselte mich. 

Auf allen Trottoirs bewegte sich eine endlose Menge 
in unglaublicher Ordnung. Fast alle Männer hielten 
ein Papier in der Hand, das sie bei unserm Vorüber- 
fahren schwenkten. 

— Es lebe der muthige Lieutenant! Es lebe Green! 
schrieen sie. Es lebe Smith! Es lebe der heldenmü- 
thige Feuerwehrmann! 

— Das sind sie, sagte man, indem man mit den 



51 



Fingern auf uns zeigte: der da ist Green; der dort ist 
Smith! Hurrah! Die Hüte hoben sich, die Taschen- 
tücher flogen, die Frauen zeigten uns ihren Kindern, 
die ihre kleinen Händchen wie zum Grusse bewegten. 

Aber durch welches Geheimniss kannte denn die 
ganze Stadt schon meinen Namen und meine That? 
Ich wusste es nicht und fragte nicht darnach ; man ge- 
wöhnt sich rasch an den Ruhm ; aber die Rührung 
übermannte mich, und wenn ich auch versuchte, die 
Menge mit der Bescheidenheit und Ruhe eines Helden 
zu betrachten, — als ich mein Haus erreichte, war ich 
in Thränen. Das Volk umgab Jenny, meine Tochter, 
Martha, die wieder predigte, und Zambo, der wie ein 
Narr umhersprang. Ich stürzte in ihre Arme und un- 
geachtet ich aussah wie ein Schornsteinfeger, Gott 
weiss, wie ich sie Alle umarmte. Ich glaube, ich habe 
selbst Zambo schwarz gemacht. 

Vor dem Eintritt in's Haus zeigte mir Jenny lä- 
chelnd die Druckerei uns gegenüber, die des Paris 
Telegraph, jener schmähsüchtigen Zeitung. Ein unge- 
heurer Anschlag überragte das Haus und auf eine halbe 
Meile konnte man lesen: 

Fünfte Ausgabe 

PARIS -TELEGRAPH 
Schrecklicher Brand 

Der muthige Lieutenant Green!!! 

Der heldenmüthige Feuerwehrmann Smith!!!! 

ERHABENES WORT: 

Ich bin Vater, ich werde dieses Kind nicht sterben lassen! 

Absatz 50,000 Exemplare, 

Sechste Auflage unter der Presse. 

4 * 



52 

Also das war der Tempel, wo der Ruhm gespen- 
det wurde! Das konnte die Eitelkeit etwas heilen! 

Mit welcher Freude lief ich in das Badezimmer und 
warf mich in's Wasser, um mich zu reinigen und mei- 
nen verbrannten Arm zu erfrischen. Diessmal fand 
ich die Einrichtung vortrefflich , die mir jeden Augen- 
blick heisses Wasser in meine Wohnung führte. Was 
Zambo betrifft, so wollte er mich diessmal gar nicht 
verlassen; er behauptete, dass Massa seine Dienste 
nothwendig hätte und ihn nicht entbehren könnte. Der 
wackere Bursche wollte mich gern zum Plaudern brin- 
gen, um sich bei der Nachbarschaft wichtig zu machen. 
Mein Ruhm war auch der seine; er war gewissermassen 
durch Stellvertretung selbst ins Feuer gegangen. Als 
ich zum Parlour hinabstieg, konnte die Expedition des 
Paris- Telegraph, von Käufern umlagert, die Nachfrage 
nicht mehr befriedigen; die Menge drängte sich unter 
meinen Fenstern, um mich zu sehen. Mit meinem Arm 
in der Binde, meinem zerkratzten Gesicht und meinen 
verbrannten Haaren konnte ich mich ein Held dünken. 

Nichts mangelte der Freude dieses schönen Tages. 
Bald kam die Musik der Feuerwehr und brachte mir 
ein Ständchen ; Green an der Spitze der ganzen Com- 
pagnie hielt eine Ansprache an mich. 

In diesem sehr wohlverfassten speech vergass der 
Krämer mit rührender Bescheidenheit seine eigene 
That gänzlich". Er sprach nur von dem Muthe, den 
ich bewiesen hatte und bat mich im Namen der Com- 
pagnie, den Posten eines Hauptmannes anzunehmen. 

Ich entgegnete: — Kameraden! Freunde! Ich bin 
verwirrt durch eure Güte, aber der Himmel bewahre 
mich davor, das Beispiel des Lieutenant Green und die 
Hülfe des wackern Sergeant Rose zu vergessen ! Jenem 



53 



verdanke ich eine gute Handlung, diesem das Leben. 
Erlaubt mir, dieser Schuld der Dankbarkeit eingedenk 
zu bleiben und stets den trefflichen Green und den bra- 
ven Rose als meine Vorgesetzten zu betrachten. Ich 
bleibe in euern Reihen , Kameraden , wie ihr als ein- 
facher Feuerwehrmann in einem freien Lande. Stolz 
auf eure Freundschaft und euern Muth möchte ich un- 
ser bescheidenes Kleid nicht gegen die Uniform eines 
Generals vertauschen. Es lebe Amerika! Es lebe die 
Freiheit ! 

Meine Antwort hatte Erfolg, namentlich der Schluss, 
der doch eigentlich nichts taugte. Green fiel mir um 
den Hals; Rose gleichfalls und Fox nahm mich bei 
Seite, um mir ganz leise zu sagen: — Kamerad, Sie 
sind teufelmässig schlau, Sie blicken hoch hinauf; aber 
es ist gleich, ich durchschaue Sie. Und er fuhr fort, mit 
beiden Augen zugleich zu zwinkern, ohne dass ich die 
Bedeutung dieser geheimnissvollen Sprache zu errathen 
vermochte. Auf ein Zeichen von Green begann das 
Ständchen von neuem ; zugleich sah ich längs der Drucke- 
rei des Paris - Telegraph eine Tafel aufsteigen, wie 
eine Flagge, die man am grossen Mäste aufhisst. Auf 
dieser transparenten Tafel, die von farbigen Laternen 
erleuchtet war , las man in fusshohen Buchstaben fol- 
gende Inschrift: 

Achte Auflage 
PARIS -TELEGRAPH 

Der heldenniüthige Feuerwehrmann Smith, der neue Cincinnatusü! 

Wie Amerika die Bürgertugend belohnt. 

Absatz 100,000 Exemplare. 

Neunte Auflage unter der Presse. 



54 



— Was soll dasheissen? rief ich. Zamho, hole mir 
dieZeitnng; dahintersteckt irgend ein schlechter Spass. 

Die Zeitung kam und ich las darin zu meinem gros- 
sen Erstaunen Green's Rede und meine Antwort. Man 
hatte sie auf der Stelle stenographtit und gedruckt. 
Meine Ablehnung trug mir den Titel Cincinnatus ein. 
Weshalb? Ich konnte es niemals erfahren; aber das 
Wort machte sich ganz gut auf dein Anschlag. An ei- 
nem Menschen, der der neue Cincinnatus heisst, muss 
immer etwas sein. 

Unter meinem Speech und unter der lächerlichen 
Aufschrift: Wie Amerika die Bürgertugend belohnt, 
las man die beiden folgenden Briefe: 

Der Schwan 

Feuerversicherungsgesellschaft 

Akazienstrasse Nro. 10. 

(Gründungskapital zehn Millionen Dollars, 

Dividendenantheil der Versicherten). 

„Herr Doctor! 

„Der Muth, welchen Sie bei dem heutigen Brandunglück ent- 
wickelten, hat die Aufmerksamkeit unseres Verwaltungsrathes auf 
Sie gelenkt. 

„Die Stelle eines Gesellschaftsarztes znr Untersuchung der bei 
Brandfällen Verwundeten und Verunglückten ist augenblicklich 
unbesetzt. 

„Wir hoffen, dass Sie uns die Ehre erweisen werden, die- 
sen Posten anzunehmen. 

„Das Honorar beträgt 400 Dollars. 



Der Director 
X. X. . . 



„Herrn 
Doctor Daniel Smith, 
Feuerwehrmann in der 7. Compagnie." 



55 



Die Vorsehung 

Kinderspital, gegründet durch freiwillige Jahresbeiträge von 

10 Dollars. 

Nussbaumstrasse Nro. 25. 

„Herr Doctor! 
„Der Arzt, welcher die schönen Worte gesprochen hat: Ich 
bin Vater, ich werde dieses Kind nicht sterben lassen^ ist der Mann, 
dem seine Hingebung und sein Talent die Pflege kranker Kinder 
als natürlichen Beruf anweisen. 

„Die Stelle eines Oberarztes an unserem Krankenhause ist frei 
und wir hoffen, dass Sie dieselbe annehmen werden. 

„Die tägliche Ordinationsstunde ist von sechs bis acht Uhr. 
Der Gehalt beträgt 2000 Dollars. 

Die Krankenhausverwaltung. 
A. . . T. . . 
,, Herrn 
Doctor Daniel Smith, 
Feuerwehrmann in der 7. Compagnie". 

— Zambo , fragte ich , sind denn Briefe für mich 
gekommen? 

— Nein, Massa, der Briefträger war noch nicht da. 

— Es ist nicht anders möglich, als dass hier ir- 
gend eii.e Mystification vorliegt. 

— Man klopft am Thor, Massa, sagte Zambo; hö- 
ren Sie: eins, zwei, drei; das ist die Post; ich komme gleich. 

Der Neger brachte mir vierzig Briefe, einen Berg von 
Papier; Kranke fragten mich um meine Sprechstunde, 
andere baten mich, sie so rasch als möglich zu besuchen, 
vier Collegen beriefen mich zu Consultationen, sechs Apo- 
theker boten mir eine Association an, und endlich, son- 
derbar, zwei sorgfältig versiegelte Briefe theilten mir wirk- 
lich im Vertrauen mit, was der Paris- Telegraph bereits mit 



56 



einer Indiscretion, die ich ihm recht gern verzieh, ver- 
öffentlicht hatte. 

Ich war mit einem Male berühmt! Mein Glück be- 
gann! Ein Tag, eine muthige Stunde machte mir einen 
Namen und that mehr für mich in Amerika, als zwan- 
zig Jahre Arbeit in der alten Welt. Aber, dachte ich, 
und dieser Gedanke gab mir die nöthige Demuth wie- 
der, hätte ich etwas erreicht ohne diese schwatzhafte 
Zeitung, ohne diese Posaune, die meinen Namen nach 
allen Theilen der neuen Welt geschleudert hat? Je- 
denfalls war es mein erster Gedanke, dem Redacteur 
zu danken, wer er auch sein mochte. Es war zu spät, 
das Bureau verschlossen, das Transparent erloschen, 
mein Ruhm verschwunden; ich verschob meinen Be- 
such auf den folgenden Tag. 

Ich brachte den Abend mit meinen alten Freun- 
den , mit meiner Frau und meinen Kindern zu. Man 
liess mich die geringsten Einzelnheiten des schreckli- 
chen und ruhmreichen Ereignisses wiederholen. Jenny 
erblasste, als ich von meinen Gefahren sprach, sie er- 
röthete, als ich die Freude der Mutter schilderte, die 
ihr Kind wiederfand. Susanne drückte mir die Hand 
und sah Alfred an. 

Ich glaube, die Unterhaltung hätte die ganze Nacht 
gedauert, wenn nicht Martha eine grosse in Leder ge- 
bundene Bibel mit Messingschliessen auf den Tisch ge- 
stellt hätte. 

— Lies, sagte sie zu mir, und besänftige deine 
Eitelkeit; vergiss nicht die Geschichte Haman's, des 
Sohnes Medatha's aus dem Stamme der Agagiter, und 
gedenke, dass es hier einen Mardachai gibt, der die 
Kniee nicht vor dir beugen wird. 

— Sei ruhig, Martha, antwortete ich, vor meiner 



57 



Thür steht kein Galgen von fünfzig Ellen Höhe und 
ich will Niemanden hängen lassen. 

Jenny öffnete die Bibel und las uns das dritte Ka- 
pitel aus Daniel vor. Die Quakerin war entzückt, 
Zambo nicht minder, und ich dachte ernstlich nach 
über die Güte Gottes an meiner Statt. Der Abend war 
sehr vorgerückt, als wir uns nach einem so schön aus- 
gefüllten Tage trennten. Ermüdet, etwas leidend, aber 
zufrieden mit mir selbst ging ich zu Bette und träumte 
die ganze Nacht von Ständchen, Ankündigungen, Hur- 
rahs und Reden. 



Achtes Kapitel 



Traft, Hiimbug <fc Comp. 

Kaum erwacht lief ich an's Fenster; ich wollte 
mich meiner beginnenden Berühmtheit erfreuen und 
nochmals die Veröffentlichung meines Namens bewun- 
dern. Die Tafel war an ihrem Platz; alle Vorüberge- 
henden Hessen ihre Blicke darauf fallen ; aber, oh Eitel- 
keit des menschlichen Ruhms! Man las darauf: 

Ankunft der Persia. 
Wichtige Nachrichten aus Europa. 

London: Consol. 92 3 ,;,. 
Liverpool: Baumwolle gestiegen um 20°/ . 

— Pökelfleisch (Cleveland), Bestellungen auf 4000 Tonnen 
zu 14 Dollars. 



Höchst wichtig für LstiMlwirthc!!! 

Vier schöne italienische Esel, Zuchtthiere von erster Qualität. 

Näheres bei Gebrüder Ginocchio, Wilhelmsstrasse Nr. 70. 

— Krämervolk, rief ich entrüstet, ungebildete Na- 
tion, bei der Geschäfte und Gefühle, Baumwolle und 



59 



Ideen durch einander in einer Reihe stehen, ich danke 
Gott, dass ich dir nicht angehöre! Es lebe das Land des 
Ideals, es lebe Frankreich, das sich durch ein wohl- 
klingendes Wort immer hinreissen lässt, Frankreich, das 
Gott sei Dank an seine Interessen immer erst denkt, wenn 
es zu spät ist! Unser Unverstand ist mehr werth, als 
die Weisheit dieser Yankees; unsere Armuth ist edler 
als ihr Reichthum. Vier Zuchtesel und der Preis des 
Schweinefleisches sind für diese unwissenden Farmer 
wichtige Neuigkeiten aus Europa! Und von Frank- 
reich, von den neuen Moden, vom letzten Hofball, 
vom neuesten Roman, vom jüngsten Lustspiel, von 
alledem kein Wort! Blasse Vandalen, ich fühle für 
euch nur noch Verachtung. 

Während ich so meinem gerechten Zorn freien 
Lauf liess, wollte ich gleichwohl dem Journalisten dan- 
ken, der Tags vorher meinen Namen genannt hatte. 
Was er auch für ein Winkelschreiber sein mochte, ich 
durfte ihm schicklicher Weise nicht verpflichtet bleiben; 
wenn ich ihn mit meinem Besuche beehrte, so war 
ich vollständig quitt mit ihm. 

Ich trat in ein unbedeutendes Haus. Auf einer 
Messingplatte an der Mauer las man: Paris- Telegraph. 
Eigenthum and Verlag von Truth , Humbug 4" Comp. Ich 
öffnete eine Thüre von grünem Tuch und befand mich 
gegenüber einem kleinen Mann, der ganz in Schwarz 
gekleidet und bis oben zugeknöpft war; es war Mr. 
Truth. Er sass vor einem Schreibtische aus Acajou 
und hielt eine gewaltige Scheere in der Hand, mit der 
er aus einer englischen Zeitung lange Streifen aus- 
schnitt, die er dann in eine Art Briefkasten warf, der 
mit der Druckerei in Verbindung stand. Das war ge- 
wiss eine billige Redactionsweise. 



60 



— Was wünschen Sie, mein Herr? fragte er, ohne 
den Kopf zu erheben oder seine Arbeit zu unterbrechen. 

— Ich bin der Doctor Daniel Smith, antwortete ich 
ernst und gemessen, Feuerwehrmann in der siebenten 
Compagnie, derselbe, dessen Lob Sie in Ihrem gestri- 
gen Abendblatt zu verkünden die Güte hatten. 

— Schön , sagte der Journalist, indem er mit dem 
Ausschneiden fortfuhr. Was wünschen Sie? 

— Ich wünsche, Ihnen den schuldigen Dank ab- 
zustatten. 

Erstaunt sah er mich an. 

— Sie schulden mir keinen Dank, Herr Doctor. 
Die Veröffentlichung Ihrer schönen Handlung lag in 
meinem Geschäft; Sie haben mir gestern mehr als 
zweihundert Dollars eingebracht. Sie sind mir also 
keineswegs verpflichtet. 

Hierauf nahm er seine Beschäftigung wieder auf, 
ohne mich nur zum Sitzen einzuladen. 

— Herr Truth, erwiderte ich trocken und würde- 
voll, die Motive Ihrer gestrigen Handlungsweise sind 
mir vollkommen gleichgültig. Sie haben mir einen 
Dienst erwiesen, ich bin und bleibe Ihr Schuldner. 

Ich wollte eben das Zimmer verlassen , als er den 
Kopf drehte und seine grossen schwarzen Augen, de- 
ren schmerzlicher Ausdruck mir auffiel, fest auf mich 
richtete. 

— Doctor, sagte er mit keuchender Stimme, wenn 
Sie absolut darauf bestehen, sich einer eingebildeten 
Schuld zu entledigen, so haben Sie hier die Gelegen- 
heit. Sagen Sie mir mit vollster Aufrichtigkeit, an wel- 
chem Uebel ich leide und wie lange ich noch zu leben 
habe. 



61 



Er erhob sich, legte die Hand auf's Herz und hielt 
plötzlich inne. Ein heftiges Asthma befiel ihn. Ich er- 
griff seinen Puls, ich lauschte auf seinen Athem, ich 
untersuchte ihn; die Symptome Hessen keine Täu- 
schung zu. 

— Doctor, sagte Truth, ich verlange von Ihnen 
die volle Wahrheit. Wenn man wie ich gewohnt ist, 
sie aller Welt zu sagen, so ist man auch stark genug, 
sie für seinen Theil zu hören. Ich niuss wissen, woran 
ich bin. 

— Sie leiden , antwortete ich , an einer übrigens 
keineswegs unheilbaren Herzkrankheit. Cigaretten aus 
Stramonium werden Ihnen eine Erleichterung gewäh- 
ren. Wollen Sie aber geheilt werden, so brauchen Sie 
eine reine Luft, ein ruhiges Leben, Ruhe für Körper 
und Geist, lauter Dinge, die Sie in einem Zeitungs- 
büreau nicht finden. 

— Ich danke, Doctor, erwiderte er; den nämlichen 
Rath hat mir mein Arzt heute Morgens gegeben. Ich 
muss den Anstrengungen meines Geschäfts entsagen; 
meinethalben ; je eher je besser. Ein Yankee schaut 
niemals hinter sich. Doctor, kaufen Sie mir meine 
Zeitung ab, für zwanzigtausend Dollars bekommen Sie 
meinen Antheil; in sechs Monaten haben Sie sie ver- 
dient. Wollen Sie? 

— Teufel, rief ich, Sie gehen rasch! Ich Journa- 
list! Das ist eine Ehre, an die ich niemals gedacht 
habe. 

— So denken Sie daran! Für einen Ehrenmann 
ist es der erste Stand. Gibt es etwas Schöneres, als 
seine Brüder auf dem Wege der Gerechtigkeit und 
Wahrheit zu führen? 



62 



Wer die Stellung eines Journalisten nur von wei- 
tem ansieht, achtet sie kaum; aber Jeden, der näher 
hinzutritt, erfasst eine unbegreifliche Lust, sich damit 
zu beschäftigen. Die Journalisten gehören zu demsel- 
ben Stande wie die Schauspieler. Man verachtet und 
man beneidet sie. Diese Vagabunden haben Geist; 
wenn man sich an sie drückt, fühlt man sich weniger 
spiessbürgerlich. Es gibt keine noch so hübsche Frau, 
die es nicht glücklich macht, sich den grossen Mode- 
schönheiten nähern zu können ; jeder Staatsmann hat 
eine Stunde, wo er dem Pressgesindel schmeichelt, 
wenn er nicht am Ende gar selbst in die Reihen der 
Zeitungsschreiber tritt. — Der Vorschlag des Redac- 
teurs kitzelte meine Eitelkeit; der Gedanke, die öffent- 
liche Meinung zu leiten, behagte mir. Wieviel könnte 
das Publikum, diese unwissende, dumme Masse von 
einem Manne lernen wie ich ! Nur das Gefühl meiner 
Würde hinderte mich, dieser thörichten Idee nachzu- 
geben. 

— Die Leitung eines Journals, sagte ich zu mei- 
nem Patienten, ist etwas zu schwieriges für Jemanden, 
der nicht in dieser Beschäftigung aufgewachsen ist. 

— Nein, nichts ist einfacher. Setzen Sie sich zwei 
Stunden hier neben mich, so will ich Sie in das ganze 
Geschäftsgeheimniss einweihen. Im Grunde lässt sich 
Alles auf eine einzige Regel zurückführen: Sagen Sie 
die Wahrheit, die volle Wahrheit, nichts als die Wahr- 
heit ! 

Die Neugierde trug den Sieg davon. Ich warf 
mich in einen grossen Lehnstuhl von braunem Leder, 
nahm meinen Stock zwischen die Beine und stützte 
meinen kranken Arm auf den Knopf; dann ergriff ich 
eine Tabaksdose, die irgend Jemand auf dem Tische 



63 



hatte stehen lassen, sah Mr. Truth an und sprach: — 
Mein lieber Aristides, Ihre Devise ist sehr schön; aber 
ist sie nicht zu schön? Ich habe bisher auf dem Ge- 
biet der Journalistik die Lüge für die Regel und die 
Wahrheit für die Ausnahme gehalten. 

— Wo haben Sie denn das gesehen, machiavelli- 
stischer Doctor? Im alten Europa vielleicht? In Spa- 
nien, in Russland, in der Türkei freilich, überall, wo 
die Presse ein Monopol in den Händen der Regierung 
bildet, haben die armen Journalisten nur das Recht, 
sechs Tage lang gar nichts zu sagen unter der Bedin- 
gung, dass sie am siebenten eine offizielle Lüge schrei- 
ben ; aber was sollte das Lügen helfen in einem freien 
Lande, wo Jeder denken kann, was er will und drucken 
darf, was er denkt? Die Wahrheit ist unsere Waare; 
sie verlangt das Publikum von uns. Die Lüge verdirbt 
unseren Credit und bringt uns schmählichen Ruin. Wir 
dürfen alle Laster haben, nur dies eine nicht. Sehen 
Sie die englische Times an; sie ist wankelmüthig, heftig, 
beleidigend, aber niemals lügnerisch. In flagranti auf 
einer Lüge ertappt würde ihr Eigenthümer ein Einkom- 
men von hunderttausend Dollars verlieren. Um diesen 
Preis kann man das Laster meiden; man ist wahrhaft 
aus Berechnung und tugendhaft aus Interesse. 

Diese amerikanische Tugend blendete mich nicht. 
Ich suchte eben eine Antwort, als ich eine Marder- 
schnauze zwischen der Thür bemerkte. Es war mein 
ehrenwerther Nachbar und Waffenbruder, der Sollicitor 
Fox , der sich schleichenden Trittes näherte und uns 
mit grosser Höflichkeit die Hand reichte. 

— Guten Morgen, mein lieber Truth, wandte er 
sich lächelnd an den Journalisten. Ich komme im Auf- 
trag des Banquiers Little, um mit Ihnen ein wichtiges 



64 



Geschäft zu besprechen. Ihr Blatt kann dabei zwei- 
tausend Dollars verdienen. Zweitausend Dollars, wie- 
derholte er, jede Sylbe betonend. 

— Schön, antwortete der Redacteur kalt, das geht 
meinen Associe an. 

Er läutete. Eine kleine Thüre öffnete sich, aus 
der nicht ohne Mühe ein dicker Mann trat, dem sein 
riesiger Körperbau, sein Kahlkopf, seine grossen Ohren 
und seine vorstehenden Zähne das Aussehen eines Ele- 
phanten in menschlicher Kleidung verliehen. 

— Guten Morgen, Doctor Smith, schrie er laut 
lachend, guten Morgen; ich erkannte Sie gleich an 
Ihrem Arm in der Binde. Was sagen Sie denn zu 
meinem gestrigen Anschlag, lieber Cincinnatus? Der 
heutige ist noch besser, nicht wahr? Truth, die vier 
Esel sind verkauft; Ginocchio hat uns eine Anweisung 
für das Inserat geschickt. Guten Morgen, Fox, Sie sind 
so klein, dass ich Sie zuerst für den Schatten des Doc- 
tors ansah. Ihr Advokaten habt ein so zartes Gewis- 
sen, dass Ihr vor lauter Bedenken ganz zusammen- 
schrumpft. Was bringen Sie uns denn ? 

— Es handelt sich um Folgendes, erwiderte Fox, 
wenig erbaut von Mr. Humbug's Höflichkeit. Das Haus 
Little hat eine kleine mexikanische Anleihe abgeschlos- 
sen, vorerst zehn Millionen Dollars. Jedes Loos be- 
trägt zweihundert Dollars zum Emissionspreise von hun- 
dert sechzig, jährliche Verloosung, Rückzahlung zum 
Nennwerth. Zehn Procent Zinsen , zwanzig Procent 
Provision, es ist ein schönes Geschäft! 

— Für Little, sagte Humbug lachend. Und ihr 
braucht jetzt Annoncen: mundus vvlt decipi, ergo deci- 
piatur. Seien Sie ruhig, Fox, ich will Ihnen einen gu- 
ten Platz in der Zeitung geben. Zwischen den Salben 



65 



von Holloway und den Morrison'schen Pillen wird sich 
eure mexikanische Anleihe prachtvoll ausnehmen. 

— Ich wollte mich mit Ihnen über den Preis ver- 
ständigen, sagte Fox. 

— Sie fragen mich, was die Anzeigen bei uns ko- 
sten? Wort für Wort einen Cent, hundert Worte einen 
Dollar; für diese allgemeine Ablagerungsstätte bestehen 
feste Preise, wie Sie wissen. 

— Entschuldigen Sie, lieber Humbug, versetzte 
Fox mit Augenzwinkern , Sie haben mich missverstan- 
den. Als ich vom Preis sprach, meinte ich nicht den 
Annoncentarif. Herr Little wünschte gern, dass der 
Plan dieses nützlichen und patriotischen Unternehmens 
in die Zeitung selbst aufgenommen würde, gerade da- 
mit er nicht das Aussehen einer Annonce hätte. Wir 
bezahlen, was verlangt wird. Verstehen Sie mich? 

— Ich füchte es, Meister Fox, antwortete der Dicke 
unter fortwährendem Lachen. Aber, wie der alte Plau- 
tus sagt: 

StuUiüa est venatnm ducere invilos canes. 

Sie sind zu spät aufgestanden, lieber Fox. Auf 
dieser Seite des Wassers gehen die Einfaltspinsel nicht 
in eine so grobe Schlinge; das ist blos gut für die 
Grünspechte in der alten Welt. Uebrigens wenden Sie 
sich an meinen Associ6, da es sich nicht um meine 
Annoncen handelt Sie haben verstanden, was er will, 
lieber Collega? 

— Vollkommen, antwortete Truth mit derber Stimme. 
Mr. Little braucht meine Ehre, um seine Anleihe unter- 
zubringen und er lässt mich fragen, wie theuer ich 
mich verkaufe. 

— Mein lieber Truth, Sie nehmen die Dinge zu 
schlimm, sagte Fox mit schmeichlerischem Ton; Sie 

5 



66 



sind puritanischer, als die Pilger von Plymouth. Wir 
verlangen nichts von Ihnen als was uns andere Zei- 
tungen versprochen haben. Der Luchs , die Sonne, die 
Tribüne werden unsere Anleihe empfehlen, ich hoffe 
wenigstens; wir stehen in Unterhandlung. 

— Nun, wenn Sie diese Zeitungen haben, ver- 
setzte Truth, was wollen Sie hier? wozu brauchen Sie 
mich? 

— Aus einem ganz einfachen Grund, vortrefflicher 
Freund, sagte Fox mit honigsüsser Stimme. Auf der 
Börse setzt man eben nur in den Paris - Telegraph Ver- 
trauen und es ist daher ganz natürlich, dass wir ver- 
suchen, euch auf unsere Seite zu ziehen. Wir bringen 
zu diesem Zweck gern jedes Opfer. 

— Fox, schrie der Journalist blass vor Aufregung, 
dort ist die Thüre. 

— Ihr ergebenster Diener, Herr Truth, versetzte 
der Advokat, indem er verschwand. 

— Der Ihrige nicht, antwortete mein Patient. Bis 
morgen werde ich erfahren, was an dieser Anleihe ist 
und dann werde ich es schon sagen. 

— Mein Lieber, sagte ich zu ihm mit ärztlicher 
Würde, Sie werden sich nur noch kränker machen, 
Niemanden helfen und sich eine tödtliche Feindschaft 
zuziehen. 

— Viel' Feind', viel' Ehr'; wir sind Soldaten, un- 
ser Platz ist das Gefecht. 

Bei diesen Worten fasste er mit beiden Händen an 
seine Brust und sank in seinen Stuhl zurück. 

— Doctor, rief Humbug, helfen Sie ihm; Sie sehen, 
er erstickt. Wie kann man sich von dieser Canaille 
so aufregen lassen! Truth, alter Egoist, Sie thun AI- 



67 



les, um sich umzubringen und mich, Ihren alten Freund, 
zu ruiniren. Wie geht es? 

Truth reichte ihm mit einem traurigen Lächeln die 
Hand. Unwillkürlich fühlte ich ein gewisses Mitleid mit 
dem armen Menschen, der sein Leben für eine Chimäre 
und für einen so beklagenswerten Beruf opferte. 



Neuntes Kapitel. 



Worin die Wahrheit ihr Theil erhält 

Als die Krise vorüber und der Kranke wieder zu 
Athem gekommen war, stützte Humbug seinen Ellbo- 
gen auf den Tisch und sprach mit schlecht erkünstel- 
ter Heiterkeit : 

— Mein lieber Truth, Sie werden Ihrem wahren 
Beruf nicht mehr lange widerstehen; Sie müssen Geist- 
licher werden. Die Laster sind aus einem guten Teig; 
sie lassen sich ohne Widerrede kneten. Auf dem 
Rücken des Nächsten geisselt man sie jeden Sonntag 
so heftig man will, und dann geht man in aller Ruhe 
zum Frühstück oder zum Mittagessen. Aber man darf 
sich diesen Zweifüsslern, die sich für Menschen halten, 
weil sie nicht auf allen Vieren gehen, diesen Wölfen 
im Cylinderhut, diesen Füchsen mit Brillen, diesen Affen 
mit Halsbinden, diesen Eseln im schwarzen Frack nur 
recht nähern, um über ihre Gefühllosigkeit, ihren Geiz, 
ihre Feigheit und ihre Dummheit zu lachen. Wer es 
ernst mit ihnen nimmt, stirbt an gebrochenem Herzen. 

— - Hier steht mein Nachfolger, lieber Humbug, 



69 



sagte Truth, indem er mich an der Hand nahm; der 
Doctor wird ein guter Associe für Sie sein. 

— Der Doctor? versetzte Humbug, unmöglich! er 
sieht aus wie ein Reh. 

— Nun, rief ich, aus welcher Thiergattung nimmt 
man denn die Redacteure? 

— Zu einem guten Journalisten , sprach Humbug 
mit komischem Ernst, .gehören die Zähne eines Hun- 
des, die Witterung eines Hundes, die Unverschämtheit 
eines Hundes, der Muth eines Hundes und die Treue 
eines Hundes. Die Zähne eines Hundes, um die Schur- 
ken einzuschüchtern; die Witterung eines Hundes, um 
sie schon von weitem zu bemerken; die Unverschämt- 
heit eines Hundes, um ihnen ungeachtet aller Grimas- 
sen und Drohungen gehörig nachzubellen; der Muth 
eines Hundes, um sie an der Kehle zu packen; die 
Treue eines Hundes, um auf den ersten Ruf der Wahr- 
heit Folge zu leisten. 

— Herr Annoncendirector, versetzte ich ungedul- 
dig, ich traute Ihnen keine so lebhafte und uneigen- 
nützige Sympathie für die Wahrheit zu. 

— Warum denn, weiser Aeskulap? versetzte er 
heiteren Tons. Glauben Sie, ich weiss nicht, dass 
zweimal zwei vier macht? Was bestimmt den Werth 
der Annoncen? Die Zahl der Leser. Was führt die 
Leser herbei? Die öffentliche Meinung. Gewinnt man 
also durch eine Täuschung dieser Meinung? Die Wahr- 
heit bildet den Körper einer Zeitung; die Annoncen 
sind nur die Crinoline, ein lächerliches Kleidungsstück, 
das Lüge und Eitelkeit liefern. Desinit in piscem mulier 
formosa superne. Wer ist Schuld daran? Geist und Ge- 
schmack des Publikums. 

— Mein Lieber, erwiderte ich, indem ich zur Un- 



70 



terstützung meiner Worte die Tabaksdose in den Hän- 
den drehte, nicht jede Wahrheit lässt sich gut ausspre- 
chen. Es gibt Wahrheiten, die die Gesellschaft ver- 
wirren und zersetzen würden. 

— Ja, lieber Doctor; die Wahrheit ist revolutionär. 

— Ach, rief ich, Sie gestehen es selbst zu. 

— Ohne Zweifel. Betrachten Sie nur die Refor- 
mation; um welchen Preis hat sie die Gewissen be- 
freit? 

— Ja wohl, sagte ich, indem ich meinen Stock 
aufstiess; das ist es gerade! 

— , Und das Evangelium, versetzte Humbug. Welche 
kolossale Umwälzung! Zerstörung der antiken Civili- 
sation, Entthronung der heidnischen Götter, Sturz und 
Untergang der Cäsaren: Welches Glück, wenn man 
diese Wahrheit, die eine alte Welt tödtete und eine 
neue erzeugte, gleich im Ursprung hätte ersticken ken- 
nen! Und die französische Revolution! Nun, lieber 
Hippokrates, antworten Sie mir nichts? 

— Mein Herr, rief ich, lassen Sie diese geheiligten 
Dinge bei Seite Der Widerstand der privilegirten Klas- 
sen hat allein alles Unheil angerichtet. Gestehen Sie 
nur, es giebt Wahrheiten, die erschrecken. 

— Ja wohl , wie das Licht die Diebe. 

— Es gibt Wahrheiten, die denen, welche sie hö- 
ren, verhasst sind. 

— Ja wohl, weil sie die Trunkenheit stören, oder 
Gewissenbisse erwecken. 

— Es gibt Wahrheiten, die gefährlich sind für die, 
welche sie aussprechen. 

— Ja wohl, wenn sie Sclaven oder Bedientensee- 
len sind. 

Ich kehrte diesem schamlosen Sophisten, der sich 



71 



nicht scheute, die weisesten Yorurtheile anzugreifen 
und das Kissen zu schütteln, auf dem die Welt seit 
zweitausend Jahren in Frieden schläft, einfach den 
Rücken; ich wandte mich an Truth, der wieder ange- 
fangen hatte, Ausschnitte zu machen und uns gar nicht 
zu hören schien. 

— Woran denken Sie, mein Lieber? fragte ich; 
langweilt Sie unsere Unterhaltung vielleicht? 

— Doctor, antwortete er lächelnd, verzeihen Sie 
meiner Phantasie; ich dachte an Pilatus; ich sah im 
Geiste diesen grossen Statthalter Christum fragen: Was 
ist Wahrheit? und dann hinausgehen, ohne die Antwort 
abzuwarten. Zur Zeit von Tiberius Cäsar würden Sie 
einen trefflichen Statthalter für Judäa abgegeben haben. 

— Wie! setzte er lebhafter hinzu, merken Sie nicht, 
dass für uns die Wahrheit das Leben und die Lüge der 
Tod ist? Blicken Sie ringsum nach den Ländern, in de- 
nen Glück, Aufklärung, Ehrlichkeit, und Frömmigkeit 
regieren; sind es nicht gerade die, wo Jeder das Recht 
hat, die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit, ohne 
Ansehen der Person, ohne Scheu vor Vorurtheilen, Vor- 
rechten und Missbräuchen? Sehen Sie dagegen auf die 
Länder, die in Elend, Unwissenheit und Unsittlichkeit 
versinken: sind es nicht die, wo die offizielle Lüge unter 
jeder Form Alles beherrscht? Betrachten Sie die Grösse 
Englands, das Wachsthum Amerikas, den steigendenWohl- 
stand Australiens. Welche Macht hat in achtzig Jahren un- 
sere vereinigten Staaten von dreiMillionen aufeinunddreis- 
sig Millionen Einwohner gehoben? Täuschen Sie sich dar- 
über nicht, es ist die Wahrheit. Lassen Sie nur die Poli- 
tiker Systeme construiren und neue Verfassungsformen 
ersinnen; betrachten Sie lieber die bei freien Völkern 
bestehenden Institutionen. Schule, Vereine, Versamm- 



72 



lungen, Presse; bedeutet das Alles etwas anderes, als 
eben so viele Werkzeuge, um die Wahrheit fortzupflan- 
zen und ihr alle Herzen zu gewinnen? Zählen Sie die 
Zeitungen bei einem Volke, so werden Sie seinen Rang 
auf der Stufenleiter der Civilisation finden; das ist ein 
Massstab, der niemals trügt. Warum? Weil die Wahr- 
heit nichts anderes ist, als das Gesetz, das die sittliche 
Welt beherrscht; weil es Naturgesetze für die Menschen 
gibt wie für die Dinge. Wer diese Naturgesetze er- 
kennt und achtet, erkennt und achtet die Wahrheit 
oder, um es deutlicher zu sagen, er erkennt und ach- 
tet Gottes allmächtige Gegenwart in der Welt. 

— Lieber Truth, antwortete ich, ein wenig aufge- 
regt durch diesen Redefluss, Humbug hat Recht; Sie 
sind zum Prediger geboren. Allein die Erfahrung hat 
mich seit langer Zeit gelehrt, dass die Praxis das ge- 
rade Gegentheil der Theorie ist. Wie viele Wahrheiten 
gibt es, die von weitem bewunderungswürdig und bei 
näherer Prüfung nichts sind! Ich höre es täglich wie- 
derholen, dass alle Menschen Brüder sind, dass die 
Frau dem Manne gleichsteht, dass die Regierungen nur 
der Völker wegen da sind 

— Zweifeln Sie daran, fragte Truth? 

— Nein, theoretisch keineswegs; aber versuchen 
Sie es nur einmal mit der praktischen Ausführung die- 
ser schönen Grundsätze; zu welchen Zuständen werden 
Sie kommen ? 

— Zu denen des Evangeliums, antwortete der 
Journalist mit merkwürdigem Ernst. Wenn Sie ein 
edleres Ideal kennen, nennen Sie es; wenn Sie ihm 
nichts an die Seite zu setzen wissen, so spielen Sie 
nicht die traurige Rolle eines Mephistopheles. Die Mensch- 
heit muss glauben und hoffen. 



73 



— Nun, theurer Doctor, wenn Sie nicht an die 
Theorie glauben, rief Humbug mit unverschämter Miene, 
wissen Sie, was Sie damit sagen? — Wenn Sie Ihren 

Kranken eine Arznei geben, wissen Sie, wasSiethun? 

Aergern Sie sich nicht; wenn Sie es wissen, so trei- 
ben Sie erst recht Theorie ; wenn Sie es nicht wissen, 
wie können Sie dann daran denken, auf Ihre Gedan- 
kenlosigkeit stolz zu sein? 

Ich vergrub mich in meinen Stuhl, kreuzte Arme 
und Beine, blickte Humbug fest in's Gesicht und sprach: 

— Hören Sie mich ernsthaft an, wenn Sie zu et- 
was Ernsthaftem fähig sind. In der Theorie, ich wie- 
derhole es, liebe ich die Wahrheit ebensosehr wie Sie 
selbst; aber die Presse ist nicht die Wahrheit. Sie ist 
ein Gemenge von Leidenschaften, Schmähungen und 
Lügen, das jedes zartfühlende Herz empört. Die wilde 
Freiheit, die in diesem Lande regiert, ist nicht nach 
meinem Geschmack. Ich habe lange über diesen Ge- 
genstand nachgedacht und ich werde Ihnen jetzt sagen, 
wenn Sie mir folgen wollen, wie man auf vernünftige 
Weise die Presse einrichten und die Wahrheit organi- 
siren kann, wie man die Möglichkeit der Sünde besei- 
tigt und nur die Freiheit zum Guten bestehen lässt. 

— Hindern Sie doch die Hunde am Bellen, rief 
Humbug laut lachend; die Quadratur des Zirkels ist 
gefunden. 

— Ich setze voraus, fuhr ich fort, ohne auf diesen 
dummen Scherz zu antworten, ich setze voraus die Exi- 
stenz einer aufgeklärten, sittlichen, väterlichen Regie- 
rung, die nur an das Wohl ihrer Unterthanen denkt. 

— Doctor, das ist Theorie! 

— Nein, mein Lieber, das ist praktische Erfahrung. 
Diese Regierung hat intelligente Minister 



74 



— Ich verstehe, fuhr der Spötter fort, aufgeklärte, 
sittliche, väterliche Minister, die nur an das Wohl ih- 
rer Untergebenen denken. 

— Ja wohl, und unter diesen Ministern stehen 
Tausende von Beamten. . . . 

— Natürlich sämmtlich aufgeklärt, sittlich, väter- 
lich u. s. w. mit einem Wort, ein Heer von Engeln in 
Uniform. 

— Ums Himmels Willen, Humbug, schweigen Sie, 
rief Truth, lassen Sie ihn sein Märchen weitererzäh- 
len; er ist ein Franzose, der geistreich zu sein glaubt, 
weil er eine Anzahl von Paradoxen aufstellt und diese 
mit Phrasen zusammenflickt. 

— Herr Truth, antwortete ich trocken, Vernunft 
und Erfahrung sprechen durch meinen Mund, hören 
Sie mich an. In die Hände dieser weisen Regierung, 
die Alles kennt, Alles sieht, Alles hört, frei von Vor- 
urtheilen und Leidenschaften ist, lege ich gewissermas- 
sen die Wahrheit nieder. Nicht als ob ich der Regie- 
rung damit ein Monopol geben wollte, denn ich bin 
ein Freund der Freiheit; nur muss sie geregelt, be- 
grenzt, sittlich geläutert sein. Vor Allem werde ich 
die Zahl der Drucker beschränken und so von vorne- 
herein eine verständige und massvolle Censur begrün- 
den, indem ich die Drucker in eine conservative Prie- 
sterschaft verwandte; dann werde ich die Zahl der 
Zeitungen beschränken , so dass ich nur eine kleine 
Anzahl von Tribünen errichte, aber diese in wahr- 
hafte Lehrstühle umbilde, von denen nur Anstand 
und Mässigung sprechen dürfen. Es wird fortan Jour- 
nalisten geben, wie es Geistliche gibt, das heisst, Die- 
ner der Wahrheit, denen die Regierung Amt und Glau- 
bensbekenntniss anweist. Wenn dann ungeachtet der 



75 



weisen Leitung des Staates irgend ein unverschämter 
Zeitungsschreiber den Ernst seiner Pflichten vergisst 
und die gebührende Achtung vor der Obrigkeit, der 
Personifikation aller Gerechtigkeit und Wahrheit, ver- 
letzt, dann werde ich nicht nach dem Geschwornenge- 
richt greifen, dessen schwerfällige Hand manche zwei- 
felhafte Unschuld durchschlüpfen iässt; nein, der stets 
väterlichen und schutzreichen Polizei werde ich die 
heilige Aufgabe lassen, die Lüge zu brandmarken und 
sie nöthigen Falls zu ersticken, bevor sie geboren ist. 
Die Polizei, stets klug, aufgeklärt, uneigennützig, weiss 
am besten, was ihr passt und was ihr hinderlich ist; 
sie wird die Frechheit und Unwissenheit zu strafen wis- 
sen; sie wird jede Opposition im Keime ersticken, wie 
Herkules die Schlangen in der Wiege. Dank dieser 
sinnreichen Einrichtung werden die Zeitungen eine un- 
schuldige Nahrung sein, eine Arznei statt eines Giftes; 
die Presse wird eine Fackel in der sicheren Hand der 
Regierung; kein Brand ist mehr zu fürchten. Man 
wird nützliche Vorurtheile und heilsame Irrthümer scho- 
nen; man wird die Wahrheit nach den Bedürfnissen 
des Staates, nach der Fassungskraft des Volkes bemes- 
sen; und erscheint im Ausland irgend eine neue Ent- 
deckung, so wird man erst warten, bis sie sich in ih- 
rem Geburtslande bewährt hat, ehe man ruhige und 
ruheliebende Gemüther unnützerweise damit beschwert 
Das ist meine Theorie; was sagen Sie dazu, Humbug? 
— Damned rascal! rief er und versetzte mir einen 
Faustschlag auf die Schulter, der einen Stier aus dem 
Gleichgewicht gebracht hätte. Wenn man so glücklich 
ist, Geist zu besitzen, hat man doch immer etwas Dum- 
mes zu sagen! Ich habe fast schon den Augenblick 
kommen sehen, wo dieser Duckmäuser mit seiner feier- 



76 



liehen Miene einen alten Yankee, wie mich, mysti- 
ficirt. 

— Diese groben Argumente, sagte ich, indem ich 
meine Schulter rieb, sind nicht nach meinem Geschmack. 
Zu Boden schlagen ist keine Antwort. 

— Erdrosseln auch nicht, schrie der Journalist la- 
chend. Fahren Sie fort, Doctor; Sie sind unterhalten- 
der, als Sie denken. Verba placent et vox. Aber ich 
muss weg; ich muss jetzt das Blatt vorbereiten; Zeit 
ist Geld; Sie richten mich zu Grunde. 

MitTruth allein, fragte ich diesen, ob er nicht von 
der Tiefe meines Systems ebenso durchdrungen sei, 
wie ich; ob die stürmische Unordnung der amerikani- 
schen Presse den Vergleich aushalte mit diesem fest 
gegliederten Mechanismus, der in kurzer Zeit das hitzig- 
ste Volk der Welt zügeln und ihm Geschmack an po- 
litischer Mässigung und an unschädlicher Freiheit bei- 
bringen müsse. 

— Doctor, sagte er mit Sanftmuth, ich bin ganz 
der Ansicht Humbug's; ich glaube, Sie scherzen mit 
unserer Einfalt. Diese Lehre, die Sie uns wie eine 
neue Entdeckung hinstellen, kenne ich schon lange 
Zeit. Sie ist das Dogma der Inquisition: die Wahrheit 
erhält eine offizielle Stellung, wird Instrument um regni, 
ein Monopol für Kirche und Staat. Vor drei Jahrhun- 
derten hat Luther diese gefährlichen Chimären wegge- 
fegt und jeden Christen wieder in sein Gewissen . und 
in sein Recht eingesetzt. Die Wahrheit ist im Anfange 
der Welt aus der Büchse der Pandora mit unzähligen 
anderen Gütern hervorgegangen , die in ungeschickten 
Händen gleichfalls Uebel sind; die Wahrheit zu suchen 
ist die Aufgabe Aller; kein Einzelner darf sich ihrer 
bemächtigen. Suchen Sie sich nicht mit Phrasen ab- 



77 



zufinden. Regierung, Minister, Beamte, sind sie nicht 
Alle Menschen, die nicht unfehlbarer und nicht klüger 
sind als wir? Aus ihnen die Verkäufer der Wahrheit 
machen, ist ein leerer Traum; die Wahrheit gehört Jeder- 
mann, wie die Luft und das Licht; die einzige Möglichkeit 
ist, sie zu ersticken, die Menschen zwar nicht am Den- 
ken, aber am Reden zu hindern. Wem soll eine so ab- 
scheuliche Einrichtung nützen? Der Regierung? Sie 
wird ihr zuerst zum Opfer fallen. Man wird sie ohne 
Unterlass betrügen; eine Hand voll Intriganten wird 
genügen, um den ehrlichsten Beamten irre zu leiten 
und in die tollsten Abenteuer zu verwickeln. Sehen 
Sie denn ausserdem nicht, dass Sie ihrer Regierung 
die vollste Gewalt geben, Unrecht zu thun, wenn sie 
sich nur bemüht, Gründe für das Unrecht ausfindig zu 
machen? Würden die Bürger dabei gewinnen? Von 
dem Tage an, wo die Sache des Staates nicht mehr 
die ihrige ist, nehmen Sie ihnen die edelsten, schön- 
sten und grössten Güter des Lebens: die Liebe zum 
Vaterland, die Liebe zur Freiheit. Unterdrücken Sie 
die Bewegung, die von der Rednerbühne und der Presse 
ausgeht, so wird die Gesellschaft nur noch ein stehen- 
des Wasser sein, aus dem Verderben und Tod auf- 
steigt. Sichern Sie vielleicht wenigstens den materiel- 
len Wohlstand, den einzigen Ködere der die Menge 
lockt? Nein, im Gegentheil: der Reichthum ist die 
Frucht der Freiheit; nur in den Ländern, wo jene uu- 
zähligen Zeitungen aus dem Boden aufschiessen, deren 
Stimme Sie so erschreckt, gibt es Sicherheit, Wohl- 
stand, Handel und Industrie. Das Schweigen ist der 
Triumph der Dummköpfe, dielSaght ist nicht das Reich 
der ehrlichen Leute; lassen Sie uns das Licht, den 
Lärm und das Leben. Erinnern Sie sich , dass man 



78 



auch in Rom über die Sprache der Tribunen schrie, 
dass Sylla sie eines Tages zur grossen Befriedigung 
aller wohldenkenden Köpfe zum Schweigen brachte, 
und dass von da ein Verfall begann, vor dem nicht 
einmal das Christenthum die Welt bewahrte. 

— Erlauben Sie mir, antwortete ich, erstaunt über 
die Wendung, welche der Streit nahm; ich behaupte 
keineswegs den Stein der Weisen für die Politik ge- 
funden zu haben. Jedes System ist des Missbrauchs 
fähig; das hängt lediglich vom Umfang der Anwendung 
ab Gestehen Sie mir aber, dass die Sprachweise Ih- 
rer Zeitungen schauderhaft ist und dass es kein grös- 
seres Uebel gibt als ihre schamlose Frechheit. 

— Doctor, Sie wissen, was das Evangelium sagt: 
An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Zeigen Sie mir 
ein Land, wo es mehr Aufklärung, mehr christliche 
Liebe, mehr materiellen Wohlstand gibt, als in Amerika. 

— Ich sehe allenthalben blos Skandal, antwortete 
ich. Selbst die Grundsäulen der Gesellschaft verschwin- 
den in diesem Flugsand, den ihr Demokratie nennt. 
Was achtet ihr denn eigentlich? Die Religion? Nun 
gut! Wenn bei euch ein Geistlicher durch leichtferti- 
ges Betragen seine Pflicht verletzt, werden sofort zwan- 
zig Journalisten ein Gelächter aufschlagen, wie der 
unwürdige Sohn Noah's, statt dass sie vor Aller Augen 
eine Schwäche verbergen, deren Schande auf die Kir- 
che zurückfällt. 

— Die Schande, versetzte Truth, trifft nur die Kir- 
che, die es mit dem Schuldigen hält, nicht die Kirche, 
die ein brandiges Glied von sich stösst. 

— Schont ihr etwa die Rechtspflege? Erst ge- 
stern hat Ihr Blatt mit cynischer Schärfe einen Richter 
angegriffen, der in einem Augenblick übler Laune ir- 



79 



gend einen Schelm etwas zu rauh anliess. Wie soll 
man den Richter achten , wenn er nicht für unfehlbar 

gut? 

— Die Rechtspflege, erwiderte Truth, ist für den 
Angeklagten da, nicht der Angeklagte für die Rechts- 
pflege. 

— Wenn einmal, fuhr ich fort, ein untergeordneter 
Beamter seine Amtsbefugnisse überschreitet, zufällig 
das Gesetz vergisst und aus Versehen einen Unschul- 
digen verhaftet: sofort werden zehn Zeitungen über 
Tyrannei heulen wie Hunde, die den Mond anbellen; 
sie werden das ganze Land in Feuer setzen für das 
niedrigste Subject; was weiss ich? für einen Bettler, 
für einen Dieb, der etwa ohne genaue Beobachtung 
der Formen verhaftet worden ist. 

— Mit vollem Rechte, versetzte Truth; die Frei- 
heit des niedrigsten Subjects berührt Alle. Sobald die 
gesetzlichen Formen verletzt werden und ungerechter 
Weise Hand an einen Bürger gelegt wird, sind Alle 
bedroht Wer das nicht fühlt, versteht nicht, was Frei- 
heit ist. 

— ist es denn nicht manchmal nothwendig, das 
Standbild des Gesetzes zu verhüllen und das Land un- 
ter Hintansetzung falscher Rechtsbedenken zu retten? 

— Doctor, Sie halten es immer mit Pilatus. Auch 
er liess sich durch ein falsches Rechtsbedenken nicht 
aufhalten; er wollte lieber einen Unschuldigen verur- 
theilen, als seine Stelle aufs Spiel setzen. Er war ein 
ganz geschickter Mann, und ich begreife gar nicht, 
warum die Welt so strenge über ihn urtheilt. 

— Aber wohin führt das? fuhr ich fort, und die 
Kälte meines Gegners brachte mich immer mehr in 



80 



Hitze. Zwölf oder fünfzehn Zeitungen werfen sich dann 
zu Herren der öffentlichen Meinung und des Staates auf. 

— Fünfzehn Zeitungen, rief Truth erstaunt, was 
wollen Sie damit sagen? Wir haben hier dreihundert 
und das ist wenig genug für eine Bevölkerung von an- 
derthalb Millionen. Boston hat hundert auf nicht ganz 
zweimalhunderttausend Einwohner; freilich fasst man 
in dem puritanischen Boston Freiheit und Civilisation 
anders auf als hier. 

— Dreihundert Zeitungen, rief ich aus, überrascht 
von dieser furchtbaren Ziffer. Wer beherrscht und lei- 
tet dann die öffentliche Meinung? Der erste Beste 
kann sich ohne weiteren Beruf als Gesetzgeber und 
Prophet geberden; der erste beste Träumer kann re- 
den , was er will und seine Meinung der Menge auf- 
dringen. Das ist der schauderhafteste Despotismus! 

— Lieber Freund, sagte Truth mit leiserer Stimme, 
um auch mich wieder in eine weniger schreiende Ton- 
art zu versetzen, fangen Sie Ihren Scherz nicht von 
neuem an; Humbug unterhält er, mir thut er weh. 
Da wo Jedermann sprechen kann, gibt es keinen ersten 
Besten, keinen Beruf, keinen Propheten; es gibt hier 
nur ein Recht, das jedem Bürger gebührt und von dem 
er in seinem besondern oder im allgemeinen Interesse 
Gebrauch machen kann. Wer hat jemals daran gedacht, 
bei einem freien Volke die öffentliche Meinung zu be- 
herrschen oder zu leiten? Gibt es einen Yankee, der 
sich nicht selbst sein' Verfahren vorzeichnet und der 
nicht mit vollster Sachkenntniss seine Partei und seine 
Fahne frei wählt? Die Presse ist nichts, als das Echo 
der öffentlichen Meinung. Diese unzähligen Zeitungen 
haben nur einen einzigen Zweck: Anhäufung von 
Thatsachen, Belehrungen und Ideeen, Vervielfältigung 



81 



und Verbreitung des Lichts! Je mehr es ihrer gibt, 
desto mehr kann jeder Bürger lesen, nachdenken und 
selbst urtheilen. Die Wahrheit Allen zugänglich zu ma- 
chen gilt uns als Ehrensache und der angebliche Des- 
potismus der Presse existirt nur in Ihrer Phantasie. 
Höchstens wäre er da möglich, wo eine übelberathene 
Regierung aus der Presse ein Monopol gegen sich 
selbst macht und dadurch, dass sie nur zehn oder fünf- 
zehn Blätter duldet, eine Coalition von Parteien gegen 
sich herbeiführt, die von Natur auseinanderstreben. 
Aber in Amerika, wo es zwei- oder dreitausend Zei- 
tungen gibt und wo täglich noch neue entstehen, hat die 
Zahl der Tyrannen die Tyrannei vernichtet. 

— Meinethalben; ihr habt nun einmal eine Verfas- 
sung, von der nichts im Aristoteles steht, eine Press- 
demokratie. In diesem glücklichen Lande regiert Alles, 
nur die Regierung nicht. Ihr Journalisten (und bei 
euch ist ja Jeder Journalist) seid mehr als Kirche, 
Rechtspflege und Staat! Was seid ihr denn? 

— Die Antwort ist leicht, sagte Truth, wir sind 
die Gesellschaft. 

— Aber wenn die Gesellschaft, wenn das ganze 
Volk regiert, wer wird denn dann regiert? 

— Doctor, antwortete der Redacteur lächelnd, wenn 
Sie sich auf der Strasse bewegen, wer wird denn dann 
bewegt? Müssen Sie denn absolut ein Gängelband ha- 
ben? Wenn Sie Ihre Leidenschaft beherrschen (was 
Sie nicht immer thun), wer wird dann beherrscht? Es 
gibt ein Alter der Reife für die Völker wie für die 
Einzelnen. Mag China ewig kindisch bleiben, ich be- 
klage es; aber wir Christen, wir Bürger eines freien 
Landes, sind kein Volk von Blödsinnigen und Schwach- 
köpfen; wir sind seit langer Zeit grossjährig und be- 

6 



82 



sorgen unsere Angelegenheiten selbst. Was bedeutet 
diese Volkssouveränetät, die wir seit siebenzig Jahren 
an die Spitze unserer Verfassung stellen , anderes als 
eine Grossjährigkeitserklärung ? 

— Gleichnisse beweisen nichts, versetzte ich trocken ; 
was für den Einzelnen wahr ist, kann nicht für eine 
Nation gelten. 

— Lauter Phrasen , Doctor; eine Nation ist eine 
Summe von Individuen und was für zehn, für zwan- 
zig, für tausend Personen gilt, gilt auch für eine Mil- 
lion. Bei welcher Ziffer soll denn der Unterschied an- 
fangen ? 

— Nein, sagte ich, es ist nicht wahr, dass eine 
Nation blos eine Summe von Individuen ist; sie ist et- 
was ganz anderes. 

— Also das Ganze bei einer Addition ist etwas an- 
deres als die Summe aller Einheiten? 

— Falsch! rief ich, müde mit einem so beschränk- 
ten Menschen zu streiten; der Unterschied springt in 
die Augen. Wie heisst das Zauberwort, das alle Staats- 
männer anrufen, um sich der Sonderinteressen zu ent- 
ledigen? Es ist das allgemeine Interesse. Wenn man 
Rechte und Ansprüche beseitigen will, die der Regie- 
rung hinderlich sind, auf was beruft man sich? Auf 
ein höheres Interesse, auf das Interesse der Gesell- 
schaft. Das öffentliche Wohl ist der Gegensatz zu den 
Rechten der Einzelnen; so denkt und handelt man we- 
nigstens in einem civilisirten Lande. Ich frage Sie, 
was aus der Politik werden würde, wenn es genügte, 
den Willen der Majorität zu hören and die Interessen 
und Wünsche der Einzelnen einfach zu summiren; sie 
würde ein Krämergeschäft, eine Beschäftigung für den 
ersten besten ehrlichen Mann werden. Denken Sie sich 



83 



einen Cäsar, einen Richelieu, einen Crom well, einen 
Ludwig XIV., die auf die Stimme eines Bauern hören, 
oder auf die Abstimmung von ein paar tausend Bür- 
gern! Was sollte aus den politischen Combinationen, 
den Allianzen, den Kriegen, den Eroberungen werden, 
aus allen diesen glänzenden Thaten, diesem Glücks- 
spiel, in dem die Helden triumphiren? Eine Nation zum 
Sieg und zum Ruhm führen, der Masse des Volkes 
Ideeen beibringen, die ihr fremd sind, sie zu Dienern 
ehrgeiziger Pläne machen, die sie nichts angehen: das 
ist das Werk eines Genie, das lieben die Völker; sie 
beten immer diejenigen an , die sie mit Füssen treten. 
Sich selbst überlassen, werden die armen Leute ihren 
Kohl pflanzen, und ihre Geschichte würde, wie der 
Schluss eines Feeenmärchens, nicht mehr als zwei Zei- 
len einnehmen : ,,sie lebten lange glücklich und hatten 
viele Kinder." Was sollte bei diesem schönen System 
aus der Geschichte werden? Und womit sollte man 
unserer Jugend Rhetorik beibringen? 

Ich fühlte es, ich war beredt. Truth war offenbar 
verwirrt und betrachtete mich mit sonderbarer Miene. 

— Doctor, sagte er, ich hasse alle Sophismen; 
aber unter allen am meisten zuwider sind mir die Pa- 
radoxen einer vergangenen Zeit, diese Lügen, die seit 
lange todt sind. Sie machen mir den Eindruck einer 
alten Buhlerin, die man aus Versehen nicht begraben 
hat und die nun unter der Jugend herumstreift, der 
vor ihrer Schminke, ihren falschen Haaren und ihren 
Runzeln ekelt. Washington bat *der Welt ein Beispiel 
gegeben, wie ein ehrlicher Mann ein freies Volk re- 
giert; die Probe ist gemacht, das Jahrhundert des po- 
litischen Eigennutzes ist vorüber; unsere Zeit verlangt 
aufopfernde Hingebung. Wer das nicht begreift, wer 

6* 



84 



die Stimme der neuen Generationen überhört, wer 
nicht einsieht, dass Industrie, Friede und Freiheit die 
Königinnen der neuen Welt sind, ist nichts als ein 
Träumer und ein Verrückter. Seine Bahn führt nicht 
zum Ruhm, sie führt zur Lächerlichkeit. 

— Genug, mein Herr! rief ich, indem ich mich er- 
hob; unwillkürlich führte ich die Hand an meinen ab- 
wesenden Degen. Wenn ich meine Uniform als Arzt 
der Nationalgarde angehabt hätte, würde ich diesen 
Unverschämten gezwungen haben, sich mit mir zu 
schlagen ; mit dem Degen in der Hand würde ich ihm 
ohne Widerrede bewiesen haben, dass Amerika von 
der Civilisation nichts versteht und dass ein Franzose 
niemals Unrecht hat. 



Zehntes Kapitel 



Die Höllenküche. 

Während Truth überrascht von meinem Feuer und 
meiner Aufwallung unruhige Blicke auf mich fallen 
Hess, trat Humbug ein mit einer Anzahl von Correctur- 
bogen in der Hand, die er auf den Schreibtisch legte. 

— Rasch, schrie er laut, es ist Zeit zum Geschäft: 
nunc animis opus, Aenea, nunc pectore firmo. Doctor, hel- 
fen Sie uns mit Ihrem rechten Arm ; nehmen Sie die- 
ses Papier und helfen Sie die Aufschrift vorbereiten. 

— Schreiben Sie: Niederlage der Bundestruppen. So ? 
das nimmt unsere ganze erste Seite eine. Und er warf 
einen Correcturbogen in den Briefkasten. 

— Niederlage! sagte ich; ihr wollt dem Land an- 
zeigen, dass es geschlagen worden ist? Setzt doch 
lieber: erfolgreiche Concenirirung nach rückwärts aus stra- 
tegischen Gründen; sonst wird eure Unklugheit überall 
Unruhe und Schrecken hervorrufen. 

— Doctor, Sie sind unverbesserlich, versetzte Truth; 
man ist dem Lande die ganze Wahrheit schuldig. Glau- 
ben Sie denn, dass eine Schlappe hinreicht, die Yan- 
kees niederzuschlagen, und dass sie wie Kinder vom 



86 



Zufall abhängig sind? Ein Sieg würde uns vielleicht 
gleichgültig machen; eine Niederlage bringt uns die 
doppelte Kraft an Energie, Soldaten und Geld. — Wie 
viel Todte? 

— 3000 Todte, erwiderte Humbug, 6000 Verwun- 
dete, 2400 Vermisste. 

— Schreiben Sie die Zahlen, sagte Truth; Doctor, 
vergessen Sie sie ja nicht auf der Ankündigung. Wei- 
ter, was macht der Congress? 

— Im Senat, erwiderte Humbug, eine lange Ver- 
handlung über die Sclaverei. Mr. Summer hat die Ab- 
schaffung derSclaverei im Bundesgebiet Columbia durch- 
gesetzt. Das ist schon ein erster Schritt. Doctor, 
schreiben Sie: Bewunderungswürdige Rede des beredten 
Senators für Massachusetts. So, unser erstes Blatt ist 
voll; jetzt kommt die Beilage. 

— Im Repräsentantenhause nichts Interessantes; 
drei Ordnungsrufe, die Zeit in Zänkereien mit dem 
Präsidenten verloren. 

— Wie gewöhnlich, sagte Truth; weiter. Hier ist 
der Leitartikel; schreiben Sie, Doctor: Rückkehr zum 
Gesetz und zur Freiheit; Wiederherstellung der Habeas- 
Corpus-Acte. 

— Was! rief ich erstaunt; im Augenblick einer 
Niederlage, wo man alle Gewalt concentriren und manu 
militari regieren muss, wollt ihr die bürgerliche Frei- 
heit mit allen ihren Gefahren wieder einführen? Nach 
meiner Erfahrung, meine Herren, müssten in diesem 
Augenblick alle Rechte suspendirt werden. Nichts gibt 
einem Volke mehr Zuversicht, als wenn es sich ganz 
und gar mit Leib und Seele in den Händen der Re- 
gierung sieht. Wahrhaftig, ihr versteht nichts von Po- 
litik. 



87 



— Der Despotismus hat keine Macht, antwortete 
Truth; je freier ein Volk ist, um so williger und ge- 
horsamer ist es, um so entschlossener zu allen Opfern. 
Wenn Sie von ihm unterstützt sein wollen, müssen Sie 
sich ihm anvertrauen. Fahren Sie fort: Veröffentlichung 
von Diebstählen in der Marine. Schreiben Sie, Doctor, 
und unterstreichen Sie diese Worte, damit man sie auf 
der Ankündigung gesperrt druckt. 

— Das ist zu keck, rief ich, denken Sie doch an 
die Interessen, die Sie verletzen, an die Klagen, die 
Sie hervorrufen. 

— Gut, mögen die Diebe sich beklagen, sagte 
Truth; ich erwarte sie, ich habe Beweise. 

— Beweise , wer hat Ihnen die geliefert ? 

— Wo Sie eine Rednerbühne aufstellen, antwor- 
tete Truth, wird sich auch Jemand zum Sprechen fin- 
den. Bei einem Volke, dem man Stillschweigen auf- 
erlegt, arbeiten die Diebe und die Bestohlenen schwei- 
gen; bei einem Volk, wo jeder Bürger ein thätiges 
Glied der Nation ist und das Recht hat, im Namen des 
Landes Anklage zu erheben, verbergen sich die Diebe 
und die Bestohlenen erheben Lärm. Ein Aufwand von 
zwanzig Millionen für die Polizei kann es in Russland 
nicht verhindern, dass Milliarden gestohlen werden; 
man nimmt nur die Polizei noch mit in den Kauf; bei 
uns, wo Jedermann Polizei ist, kann man ohne Scheu 
nicht einen Heller stehlen. Die Unterdrückung der 
Spitzbüberei im Grossen ist nicht der geringste Vor- 
theil der Freiheit. Weiter, zu den Nachrichten vom 
Auslande. 

— Hier, sagte Humbug, sind die drei Correspon- 
denzen aus London. 



— Drei Correspondenzen? rief ich, erstaunt über 
diesen Luxus. 

— Es gibt drei Parteien in England, antwortete 
Humbug, und wir müssen daher auch drei Organe für 
ihre Stimmung haben. 

— Erste Correspondenz , Farbe des alten Pam: 
„Krieg mit Amerika; Gerechtigkeit ist etwas schönes, 
aber die Baumwolle ist mehr werth; verbrennen wir 
die ganze Welt, um England damit zu heizen. " — 
Zweite Correspondenz, Farbe der Derbypartei: „Der 
alte Pam macht sich lustig über das Volk, er schreit 
nach Krieg, hat die Taschen voll Festungen und Pan- 
zerschiffe, spielt Soldatenspiel und will doch nur zwei 
Dinge erhalten: den Frieden und seine Stellung. Man 
rufe uns ins Ministerium, wir werden ebenso patriotisch 
und weniger kostspielig sein." — Dritte Correspon- 
denz, Farbe Bright und Cobden: „John Bull, mein 
Freund, deine Regierung spasst mit dir, sie kitzelt deine 
Eitelkeit, um dich um deinen letzten Heller zu brin- 
gen. Sei ein Mann , nimm dir ein Beispiel an deinem 
Vetter Jonathan und besorge deine Angelegenheiten 
selbst; erst wenn die Völker sich nicht mehr von die- 
sen gefährlichen Charlatans behandeln lassen, die man 
Diplomaten und grosse Staatsmänner heisst, werden 
sie als Brüder leben; dann werden sie den Frieden 
und ihre Existenz wohlfeil haben. " 

— Ich hoffe, sagte ich zu Humbug, dass Sie der 
Mittheilung dieser drei Correspondenzen an das Publi- 
kum Ihre Ansicht beifügen werden. 

— Keineswegs, antwortete Humbug; Jonathan ist 
gewohnt, sich seine Meinung selbst zu bilden; er hat 
zu gute Augen, um eine Brille aufzusetzen. 

Die Thüre wurde rasch geöffnet; drei junge ele- 



89 



gant gekleidete Frauen näherten sich uns; die älteste, 
die noch nicht fünfundzwanzig Jahre vorüber war, er- 
griff das Wort mit bescheidenem nnd zugleich zuver- 
sichtlichem Tone. 

— Mein Herr, sagte sie zu Humbug, wir sind ab- 
gesandt von den hiesigen Kleidermacherinnen; wir er- 
suchen Sie, anzuzeigen, dass wir unsere Arbeit einstel- 
len, und dass wir nächsten Montag ein Meeting halten 
werden, um über die Mittel zur Beseitigung des gegen 
uns geübten Druckes zu berathen; wir wollen unsere 
Rechte wiedererlangen und sicher stellen. 

— Die Schneider sind reich, versetzte Humbug; 
bevor ihr sie zwingt, werdet ihr eure Ersparnisse ver- 
zehren müssen; habt ihr eine Million zu verknuspern? 

— Mein Herr, sagte die jüngste mit eigensinnigem 
Tone , mit hundert Dollars für Inserate werden wir 
auch zum Ziel kommen. Wir werden den Herren 
Schneidern und der ganzen Welt zeigen, was fünfhun- 
dert Frauen vermögen , die sich in den Kopf gesetzt 
haben, nicht nachzugeben. Diese Lehre wird allen 
Wucherern und Tyrannen nützen, die Despoten der 
alten Welt werden auf ihren Thronen erblassen. Ha- 
ben Sie nur die Güte und setzen Sie morgen die von 
unserm Ausschuss berathene und verfasste Ansprache 
an das Publikum in Ihre Zeitung. 

Hierauf reichte die Amazone dem Redacteur ein 
zusammengefaltetes Papier und Humbug las mit lauter 
Stimme diesen frechen Scherz, dieses merkwürdige 
Denkzeichen weiblicher Thorheit und Verkehrtheit in 
einem Lande, wo selbst die Frauen an die Freiheit 
glauben. 



90 



Die Kleidermacheriniieii 

an 
die Bürger von Paris in Massachusetts. 

Um die Missachtimg unserer Rechte zu rächen, um Gerech- 
tigkeit zu erlangen, haben wir, die Kleidermacherinnen der Stadt 
Paris in Massachusetts, eine Arbeitseinstellung beschlossen; bin- 
nen acht Tagen müssen unsere Unterdrücker nachgeben oder wir 
sind beschäftigungslos. 

Wer will uns Arbeit geben? Wir wollen nicht müssig blei- 
ben , aber wir wollen auch nicht umsonst für Leute arbeiten , die 
bezahlen können. 

Wer braucht eine Handreichung? Wir können Hüte und 
Kleider machen, Pudding, Kuchen und Torte bereiten; wir kön- 
nen nahen , sticken , stricken, braten , kochen. Wir können Kühe 
melken, Butter und Käse machen, Hühner füttern, den Garten 
bestellen ; wir können die Küche fegen, das Zimmer kehren, Bet- 
ten machen, Holz spalten, Feuer schüren, waschen und bügeln 
und vor Allem sind wir in kleine Kinder vernarrt. Mit einem 
Wort, jede von uns kann einer Haushaltung aufs beste vorste- 
hen. Unsere früheren Prinzipale werden auf Verlangen unseren 
Verstand und unsere Geschicklichkeit bezeugen. 

Rasch heran, ihr Herren ! Wer liebt schwarze Augen, schöne 
Stirnen, volle Locken, den Jugendreiz einer Hebe, die Stimme 
eines Seraphim, das Lächeln eines Engels? Ihr alten Herren, die 
ihr eine gute Haushälterin braucht, ihr jungen hübschen Männer, 
die ihr eine fleissige und hingebende Frau wollt, heran, das Aus- 
gebot beginnt ! Eins , zwei , drei : der Zuschlag erfolgt ! Wer ist 
der glückliche Bieter? 

Näheres bei dem Ausschusse der Kleidermacherinnen , 
Pappelstrasse Nr. 20. 



91 



— Bravo, meine Damen, sagte Humbug; noch 
heute Abend kommt die Anzeige in die Zeitung und 
wir wollen auch auf die Ankündigung setzen: Arbeits- 
einstellung der Kleidermacherinnen, damit es Niemand 
übersieht. 

Mit diesen Worten machte er eine tiefe Verbeugung 
und begleitete die drei Frauenzimmer mit einer Höflich- 
keit zur Thüre, wie wenn er einen Präfecten zu ver- 
abschieden gehabt hätte. 

— Ist es möglich , rief ich , dass in Amerika die 
Frauen das Recht haben zu thun, was sie wollen ? Schlägt 
man damit nicht der Erfahrung und der Vernunft in's 
Gesicht? Meetings von Schneiderinnen! Warum nicht 
auch eine Coalition von Wäscherinnen, oder eine Ar- 
beitseinstellung von Hebammen? Die Revolution in Ho- 
sen ist schrecklich, die in Unterröcken ist lächerlich. 

— Lächerlich ist es blos, antwortete Truth mit 
seiner gewöhnlichen Ruhe, dass die Hosen sich das 
Recht zuschreiben, die Unterröcke zu unterdrücken. 

— Schön, versetzte ich, füllen Sie nur diese tollen 
Köpfe mit dem Rausche der Freiheit; Sie werden schon 
sehen, wer das erste Opfer wird. 

— Doctor, Sie sind wahrhaft kläglich, versetzte Truth; 
bei dem ersten Stoss, den Ihre veralteten Vorurtheile 
erleiden, schreien Sie, als ob die Welt unterginge. Die 
Frauen, mein Lieber, bilden die Hälfte der Menschheit; 
diese tiefe Wahrheit hat schon Aristoteles constatirt; 
aber seit zwei tausend Jahren hat Niemand ausser den 
Amerikanern den Philosophen verstanden. Wenn un- 
sere Frauen unsere Hoffnungen, unsere Besorgnisse 
nicht theilen, werden sie uns ihre Schwächen und Lau- 
nen theilen lassen. Wir brauchen Frauen, Töchter und 
Mütter, die die Freiheit leidenschaftlich lieben, damit 



92 



ihre Gatten, Väter und Söhne diese heilige Liebe nie- 
mals aufgeben. Ihnen erscheinen diese Scheiderinnen 
lächerlich, ich bewundere sie, so sehr ich über ihre 
Annonce lachen muss ; ich liebe die Grossherzigkeit ; die 
der Gerechtigkeit vertraut und ihr Recht vertheidigt. Aus 
solchen Herzen erwächst ein grosses Volk, darin liegt 
die Ueberlegenheit unseres schönen Landes. 

— Wir wollen die Zeitung fertig machen, sagte 
Humbug; hier sind die Marktberichte. Baumwolle, Wolle, 
Kohlen, Eisen, Mehl, Getreide, Schweine, Hammel, 
Stiere, Heu, Leder, Zucker, Kaffee. Nichts besonde- 
res, ausser beim Mehl; die guten Marken sind um 
zwei Procent höher als das gewöhnliche Mehl verkauft 
worden. 

— Welche Marken? fragte Truth, und sagte dann, 
indem er in einem Verzeichniss nachsah : Colfax, Stevens, 
Pennington; wir müssen diese Namen unterstreichen 
und sie mit grossen Buchstaben drucken. Sie lachen, 
Doctor, aber das ist keine Kleinigkeit; in der persön- 
lichen Verantwortlichkeit des Einzelnen beruht die Kraft 
und das Leben einer Republik. Jeder muss auf der 
Stirne tragen, was er ist und was er thut. Dem Ehr- 
lichen einen Namen und Vermögen verschaffen, dem 
Schurken Schmach und Ruin bereiten, darin liegt das 
ganze Geheimniss aller Moral und Regierungskunst; 
kein Gesetzgeber hat die Lösung dieser Aufgabe gefun- 
den, und unsere Presse löst sie alle Tage. 

— Schade um die schöne Tirade über einMehlfass! 

— Deren Anwendung Sie sofort sehen sollen, sagte 
Humbug; sehen Sie! Schweinemarkt, zwanzig verdor- 
bene Tonnen mit den Marken von Thomas und Williams. 
Wenn ich die Namen dieser zwei Spitzbuben unter- 
streiche, so verschliesse ich ihnen den Markt. 



93 



— Sie dürfen es nicht, rief ich, dazu sind Sie nicht 
berechtigt. Genügt es Ihnen nicht, die Regierung zu 
spielen, wollen Sie auch noch die Polizei machen? 

— Ganz richtig, ehrenwerther Doctor, versetzte 
Humbug; wir sind die Polizei und noch mehr! wir sind 
das öffentliche Gewissen. Wir spenden Ehre und Ver- 
mögen : honestus rumor allerum Patrimonium est. Reissen 
Sie nur Ihre Augen auf" und schreien Sie so laut Sie 
wollen , wenn es Ihnen Spass macht. Aber wirklich, 
wenn Sie im Ernst reden, sind Sie kein Amerikaner. 

— Du weisst nicht, murmelte ich, du weisst nicht, 
wie sehr du Recht hast. Du hast keine Idee, in wel- 
chem Grade ich einen Don Quixote verachte, der ver- 
rückt genug ist, das Interesse Anderer, das Interesse 
des ersten Besten in die Hand zu nehmen, ohne jeden 
Beruf dazu und ohne jede Bezahlung. Das wird aus 
einem Lande ohne Beamte! Da muss sich dann je- 
der selbst um seine Angelegenheiten bekümmern. Das 
ist lächerlich! In Frankreich überhebt mich eine ver- 
ständige und festgeschlossene Verwaltung jeder derarti- 
gen Sorge; dort bin ich Fürst, man bedient mich; dort 
geniesse ich in Frieden ein Glück und eine Grösse, die 
mich nichts kostet als mein Geld. Das ist der Triumph 
der Civilisation, oder ich verstehe nichts davon. 

— /Der Börsenbericht! rief ein junger Mann, der 
ganz athemlos hereintrat. 

— Nichts neues? fragte Humbug. 

— Nichts als die mexikanische Anleihe. 

— Was sagt man darüber, Eugen? fragte Truth. 

— Vollständig durchgefallen; es ist blos eine Gau- 
nerei vom alten Little. 

— Wie! eine Gaunerei! sagte ich, indem ich den 



94 



Courszettel las; die Anleihe ist doch um einen Dollar 
über den Emissionspreis gestiegen. 

— Little hat mit einer Hand gekauft, was er mit 
der andern verkauft hat, sagte Truth; der Scherz ist 
nicht mehr neu und wird bei uns niemals Erfolg ha- 
ben; dazu sind wir nicht dumm genug. — Lieber 
Rose, fügte er hinzu, indem er sich an den neuen An- 
kömmling wandte, machen Sie mir bis morgen einen 
Artikel über diesen Gegenstand; gehen Sie zu den 
Wechselagenten, suchen Sie die ganze Wahrheit zu er- 
fahren. , 

— Sie sollen ihn bis heute Abend haben, Herr 
Truth ; ich werde mehr Aufklärung erhalten als ich 
brauche. 

— Mein Lieber, sagte ich zu dem jungen Mann, 
den ich an seinem Namen als einen Sohn des Apothe- 
kers und, leider, als einen Bruder meines Schwieger- 
sohnes erkannte, es muss sehr schwierig sein, Ge- 
schäfte zu machen, wenn man sie so zum Nutzen des 
Publikums bioslegt. 

— Mein Herr, sagte Eugen ganz erstaunt, je bes- 
ser ein Geschäft bekannt ist, desto leichter ist es zu 
machen. An der Börse ist die Lüge der Ruin; die 
Wahrheit ist Reichthum. 

— Schön, sagte ich ; sie schwatzen Alle den näm- 
lichen Unsinn. In Paris, dem Centrum der Intelligenz, 
der Hauptstadt des Geistes, weiss Jedermann, dass sich 
das Publikum am meisten zu den Unternehmungen 
drängt, von denen es am wenigsten versteht. Was 
kann uns denn eine offen zu Tage liegende Unterneh- 
mung geben? Höchstens fünf oder sechs Procent, wäh- 
rend eine unbekannte fünfzehn oder zwanzig verspricht; 



95 



darin liegt das Geheimniss des Banquiers. Hier zu 
Lande tauscht man Werth gegen Werth, ein erbärmli- 
cher Handel; in Paris kauft man die Erwartung; das 
hat den Reiz der Lotterie, die Poesie des Spiels. Was 
liegt einem Franzosen daran, wenn er sein Geld ver- 
liert? das ist Prosa. In Gedanken Reichthümer ver- 
schlingen, im Traum Leidenschaften, Launen und Ehr- 
geiz befriedigen, das ist ideal; man bezahlt freilich die 
Illusion, aber kann man sie jemals zu theuer bezahlen? 

— Freund Humbug, rief eine kreischende Stimme, 
hier ist eine kleine Anzeige, die ich gern in deine Zei- 
tung einrücken möchte, du wirst mir eine bilige Rech- 
nung machen; die Zeiten sind hart. 

Der Sprecher war ein kleiner Mann mit langem 
Ueberzieher und ungeheurem Hute; seine Gestalt, seine 
Kleidung, sein ganzes Auftreten schien Jedermann zu- 
zurufen: Betrachtet mich, ich bin ein Quaker. 

Humbug nahm die Anzeige und lachte. 

— Die Annonce ist sehr spassig, sagte er; aber 
ich verstehe sie nicht; er las, was folgt: 

Villa Moiitmorenc). 

Seth Doolittle , Besitzer des Gasthofs zur Rose in Montroo- 
rency, beehrt sich zur Kenntuiss des geschätzten Publikums zu 
bringen , dass die Verliebten, welche während der Sommermonate 
bei ihm absteigen , nur die Hafte der gewöhnlichen Preise be- 
zahlen. 

— Warum diese Ausnahme? fragte ich. 

— Freund , antwortete der kleine Mann, indem er 
die Hände über der Brust kreuzte und seine Augen 
zum Himmel hob, nichts ist schöner, nichts ist achtungs- 
werther als die Liebe. Setze einen jungen Mann einem 
weissen Kleid und einem Paar schwarzer Locken ge- 



96 



genüber, die im Winde flattern, so hat er ein so himm- 
lisches, ein so ätherisches Gefühl, dass er sich die 
ganze Woche nicht herablassen wird, den Braten an- 
zurühren. Es wäre Diebstahl, diese Engel des Him- 
mels, die niemals die Rechnung nachsehen, den ge- 
wöhnlichen Preis bezahlen zu lassen; mein Gewissen 
widersetzt sich dieser Ungerechtigkeit. 

— Dieses Bedenken ist sehr ehrenwerth, versetzte 
ich und biss mir auf die Lippen; ich bedaure, einen 
so edlen Mann nicht gleich erkannt zu haben. 

— Du konntest mich nicht wohl erkennen , erwi- 
derte Seth mit niedergeschlagenen Augen; denn du 
hast mich niemals gesehen; aber Schwester Martha 
hat mir ihren Herrn und den schrecklichen Vorfall von 
gestern mit solcher Treue beschrieben, dass ich im er- 
sten Augenblick errathen habe, wer du bist. 

Der tugendhafte Gastwirth sprach Martha's Namen 
mit einer ausdrucksvollen Salbung aus, an die ich mich 
erst später wieder erinnerte; ich würde vielleicht mehr 
Acht darauf gegeben haben, wenn nicht in diesem Au- 
genblick ein Mensch, der in grösster Eile in das Zim- 
mer stürzte, gerufen hätte: 

— Wichtige Neuigkeit, Herr Truth ; wichtige Neuig- 
keit, Herr Humbug; soeben ist unser Bürgermeister 
verurtheilt worden. Man hat ihn in strafbarer Unter- 
haltung mit einer Schauspielerin vom Lyceum über- 
rascht; er muss dem Ehemann zehntausend Dollars 
Entschädigung bezahlen. 

— Doctor, sagte Humbug, nehmen Sie die Feder 
und schliessen Sie unsere Ankündigung; unser Blatt 
hat heute einen schönen Inhalt; der Absatz ist gesichert. 
Lassen Sie uns sehen: 



97 
Niederlage der Bundestruppen. 

3,000 Todte, 6,000 Verwundete. 

Bewundernswürdige Rede des beredten Senators für Mas- 
sachusetts. 

Rückkehr zum Gesetz und zur Freiheit. 

Oeffentliche Anzeige von Marinediebstählen. 

AKBEITSEINSTELLUNG DER KLEIDERMACHERINNEN. 

STRAFRECHTLICHE VERURTHE1LUNG DES BÜRGER- 
MEISTERS. 

— Schön, fuhr er fort, das ist ein guter Tag; wir 
haben die Schurken heute nicht übel angebellt. Nun 
druckt, Kinder, rief er in die Druckerei, und in einer 
Viertelstunde könnt ihr die Tafel aushängen. 



Eilftes Kapitel. 



Von dem Grundsätze der Unanlastbarkeit des Privat- 
lebens. 

Ich sank wieder in meinen Lehnstuhl und dachte 
still über das traurige Schauspiel vor meinen Augen 
nach., Eine Alles verschlingende Anarchie, allgemeine 
Spionage, allgemeine Verwirrung, die Regierung in 
Aller Händen, und hier diese aufgeblasene Presse! 
Solchen feindlichen Elementen gegenüber kann man 
niemals Ordnung in ein Volk bringen. 

— Nun, lieber Doctor, sagte Truth mit schmei- 
chelnder Stimme, Sie wissen jetzt, wie man eine Zei- 
tung redigirt. Lockt es Sie nicht? Wollen Sie mein 
Nachfolger werden? 

— Niemals! niemals! antwortete ich und schob un- 
willkürlich meinen Stuhl ein paar Schritte zurück. Was 
ich sehe, entsetzt mich; Ihr spielt mit Allem, was ich 
gewohnt bin, als achtungswerth und heilig zu betrach- 
ten. Man mag einen Minister oder einen Abgeordne- 
ten angreifen, das ist mir geichgiltig, daran bin ich 
gewöhnt; Minister haben jeder Zeit den Journalisten 
zur Zielscheibe gedient, und wer zwei oder drei zu 



99 



Fall gebracht hat, gilt als der grösste Zeitungsschrei- 
ber. Wenn es Länder und Völker gibt, die ein solcher 
Kampf unterhält, wohl bekomm's ihnen! ich wünsche 
ihnen zur Heilung blos zwei oder drei Revolutionen. — 
Aber das Privatleben, mein Lieber, muss unantastbar 
bleiben; verstehen Sie, mein Lieber, absolut unan- 
tastbar. 

— Wer behauptet das? fragte Humbug mit einer 
Naivetät, welche seine Unwissenheit bewies. 

— Royer- Collard, antwortete ich, ein grosser Me- 
taphysiker, der niemals eigne Ideeen gehabt, aber die 
Anderer in Erz gegossen und auf Marmor eingegraben 
hat. Dieser Mann, dieser berühmte Gelehrte hat die 
goldenen Worte ausgesprochen, die man in jedem Zei- 
tungsbüreau anheften sollte : Das Privatleben muss un- 
antastbar sein, 

— Da hat Ihr Metaphysiker eine grosse Dummheit 
behauptet, antwortete Humbug. Kann man einen Men- 
schen entzwei schneiden? Kann man ein Schurke im 
Privatleben und ein Fabricius im öffentlichen Leben 
sein? Was f heisst Privatleben? Wo fängt es an, wo 
hört es auf? Wann ist ein Angriff gegen das Privat- 
leben, wann gegen das öffentliche Leben gerichtet? 
Wenn unverschämte Lieferanten unsere Marine besteh- 
len, greift man dann durch Bekanntmachung der Spitz- 
buben das Privatleben an? Wenn der ehrenwerthe 
Mr. Little, der reich geworden ist durch das, was er 
Andern abgenommen hat, es wieder einmal versucht, 
Schwachköpfe zum Vortheil seiner unersättlichen Hab- 
sucht zu plündern, und ich sage ihm, dass er ein Gau- 
ner ist, ist das ein Angriff auf sein Privatleben? 

— Mein Herr, erwiderte ich dem Unverschämten, 
ich hätte Ihnen Manches zu antworten; aber es genügt 

7* 



100 



ein Wort. Der Bürgermeister von Paris ist einer un- 
glücklichen Schwäche unterlegen. Vielleicht ist er in 
eine Schlinge gefallen, die ihm irgend eine niedere Si- 
rene gestellt hat; jedenfalls hat er diesen Fehler nicht 
in seiner Eigenschaft als Gemeindebeamter begangen. 
Wozu also dieser Skandal, diese Verlästerung eines 
Mannes, dessen Fehltritt Sie nach alledem nichts an- 
geht? 

— Wozu? sprach Truth mit der Kälte eines Robes- 
pierre; um ihn zu nöthigen, seine Entlassung zu neh- 
men. Verlangen Sie vielleicht, dass wir in unseren 
Familien die Achtung vor dem Band der Ehe und den 
Abscheu vor dem Laster predigen, während ein Ehe- 
brecher im Stadthaus thront? Das ist unmöglich. Die 
Ehrenhaftigkeit des Privatlebens gibt uns eine Garantie 
für die Tüchtigkeit im öffentlichen Leben. Ausserdem 
wäre die Politik nur eine Komödie, wo Jeder eine 
Maske aufsetzt, eine Rolle spielt und zu seiner Unter- 
haltung von Gewissen, von Rechten und von Pflichten 
spricht, ohne eine Sylbe davon zu glauben. Mögen 
kindische Völker an diesen gefährlichen Possen, die 
immer ein schlechtes Ende nehmen, Gefallen finden, 
meinethalben; in Amerika treibt man Alles ernsthaft. 
Mögen unsere Wüstlinge, wenn sie ihre Gesundheit 
ruiniren und ihr Geld vergeuden wollen , über den 
Ozean gehen; bei uns muss man achtbar sein, um ge- 
achtet zu sein. 

— Hier ist ein Brief vom Bürgermeister, sagte ein 
Hilfsarbeiter; er nimmt seine Entlassung. 

— Es ist noch Zeit, Herr Truth, rief ich; halten 
Sie inne mit dem Drucke des Journals und lassen Sie 
daraus eine Verurtheilung hinweg, die nur mehr einen 
einfachen Bürger betrifft, ein Urtheil, das einen Mann 



101 



entehren und eine Familie unglücklich machen wird. 
Entfernen Sie von Ihrer Tafel jene gehässigen Zeilen, 
die einen ohne Zweifel entschuldbaren Fehler aufs neue 
und in einer von der Gerechtigkeit nicht beabsichtigten 
Weise geissein. Gibt es denn nur Catonen in Amerika? 
und hat unter euch, die ihr immer das Evangelium im 
Munde führt, keiner die Geschichte von der Ehebre- 
cherin gelesen? Im Namen des Himmels, seien Sie 
menschlich ! 

— Ich bin weder menschlich, noch unmenschlich, 
antwortete Truth mit eisigem Tone; ich bin kein Ein- 
zelner, ich bin ein Journal, das heisst ein Echo, eine 
Photographie. Die Tafel bleibt wie sie ist; der Schul- 
dige thut mir leid, aber ich habe einen Beruf zu er 
füllen und ich mäkle nicht mit der Wahrheit. 

— Aber diesen Beruf, rief ich entrüstet, haben Sie 
sich selbst angemasst. 

— Ist er darum weniger heilig? versetzte der Re- 
dacteur. Suchen Sie doch meine Stellung zu begreifen. 
Wie erhält sich die Freiheit in einer Gesellschaft, die 
ganz mit ihren eigenen Interessen beschäftigt ist und 
die sich dabei doch selbst regiert? Wie werden hier 
grosse Ideeen erzeugt und verbreitet, wie verschafft 
man dem Recht allgemeine Achtung, der Tugend Ver- 
ehrung, dem Verdienste Belohnung? Nur durch die 
Presse, deren Erfindung noch bewunderungswürdiger 
ist als die des Dampfes und der Elektrizität. Wir Jour- 
nalisten sind das Echo der Gesellschaft, ein furchtbares 
Echo, eine schmetternde Posaune, die jeden Schall ver- 
grössert, ihn bis an's Ende der Welt trägt und auch 
das schlaffste Gewissen aufweckt. Gut oder schlecht, 
uns dient Alles; das Gute, um jedes Herz mit Freude 
und Nacheiferung, das Schlechte, um es mit Entrüstung 



102 



und Ekel zu erfüllen. Sie haben gestern eine helden- 
mütige That vollbracht Wer hätte in Russland oder 
in Spanien davon erfahren? Ein paar Freunde, einige 
Nachbarn, ein Städtchen. Dank uns wiederholen jetzt 
einunddreissig Millionen Menschen den Namen des Doc- 
tor Smith; drei Millionen junge Leute beneiden Sie um 
Ihren Muth und geloben sich, Ihnen nachzuahmen. 
Das ist das Werk der Pamphletisten, die Sie so wenig 
zu achten scheinen. Heute liegt ein Skandal vor, ein 
Fehltritt, den ein Beamter begangen hat. Die Rechts- 
pflege hat den Thäter verurtheilt, die Presse verurtheilt 
die That und erweckt dagegen bei der ganzen Nation 
Hass und Abscheu. Je höher der Fall, um so stärker 
die Lehre; unsere Härte wird vielleicht eine Familie 
in Gram versetzen und einige ängstliche Gemüther ver- 
letzen; aber sie wird Tausende, die die Straflosigkeit 
ermuthigen würde, vor einer ähnlichen Schwäche be- 
wahren. Ohne Zweifel wird uns unsere Strenge eine 
tödtliche Feindschaft einbringen. Aber was liegt daran? 
Können wir zwischen unserer Pflicht und unserem In- 
teresse schwanken? Doctor, seien Sie nicht so strenge 
gegen uns. Wie viele Staatsmänner würden im Stande 
sein, den Beruf eines Journalisten auszufüllen bei den 
Eigenschaften, die er fordert, wie viele würden sich 
entschliesen, unser gefährliches und bescheidenes Amt 
zu übernehmen? 

— Bravo Truth, rief Humbug; Sie sprechen wie 
ein Buch, lieber Freund, und wie ein Buch, das Wahr- 
heit spricht: Rara avis in terris, nigroque simülima cygno. 

— Es gibt einen Ehrgeiz , der die Verborgenheit 
liebt, versetzte ich, wuthend über Truth und über mich 
(denn die Worte dieses Sophisten hatten mich tief ge- 
troffen). Mancher hält sich für tugendhaft, wenn er 



103 



nur Sittenstrenge auf seine Fahne schreibt, und ist da- 
bei doch im Grunde, ohne es zu wissen, der Sklave 
seiner eigenen Interessen und jagt blos seinein Glück 
nach. 

— Das Glück, sagte Humbug, ist für die Journa- 
listen nicht vorhanden. Doctor, mein Freund, die Welt 
ist ein Theater, worin es drei Klassen von Personen 
gibt, Schauspieler, Zuschauer, Verfasser. Zuschauer 
sind Sie oder Green oder Rose, kurz alle diese guten 
Leute, die weder Laster noch Tugenden besitzen und 
die im Schatten ihres Weinstockes und ihres Feigen- 
baumes leben. Die Schauspieler sind eine eifersüchtige 
Truppe, die allen Schauspielergesellschaften gleicht. 
Der Intrigant, der Schwätzer, der Geizhals, der Hasen- 
fuss, der Tyrann, der Bediente spielen hier ihre Rolle 
zum grossen Vergnügen des Publikums, das häufig Bei- 
fall klatscht, zuweilen zischt und immer bezahlt. Die 
Träger der Hauptrollen müssen natürlich schöne Co- 
stüme, Paläste, Gold, viel Gold haben. Sie kennen 
und benützen die Launen der Menge. Was die Ver- 
fasser, die Dichter, die Schriftsteller anlangt, die das 
Zugstück geschrieben, die Lieblingsarie componirt, der 
Masse Geist gegeben haben, so wirft man ihnen ein 
Stück Brod zu und verachtet sie. Was ist auch die 
Idee für einen geschickten Mann? Nichts als eine Co- 
carde, und die Hauptsache ist, sie zur rechten Zeit 
aufzustecken. Schreien Sie zwanzig Jahre, dass die 
Freiheit das Glück der Völker ausmacht, so wird Ihre 
Stimme blos dem Herrschenden verhasst, dem Be- 
herrschten lästig werden. Kommt dann endlich der 
Tag, wo das Volk müde ist, die Bürde länger zu tra- 
gen, die es zu Boden drückt, dann wird der erste 
Beste, der kühn genug ist, das Wort auf seine Fahne 



104 



zu schreiben, das Sie zwanzig Jahre wiederholt haben, 
der Erwählte der Menge sein; Ehre, Geld, Macht, Al- 
les fliegt ihm zu. In einer Stunde wird dieser erste 
Spieler sein Glück machen; er wird auch gar nicht 
genug Verachtung besitzen für den verkommenen Jour- 
nalisten, der ihm durch zwanzigjährige Leiden und Ge- 
fahren seinen Triumph vorbereitet hat. Das Volk aber 
wird urtheilen wie der Schauspieler. Wollen Sie eine 
Moral zu meiner Geschichte haben? Paris wird einen 
Bürgermeister wählen. Passen Sie auf; man wird da- 
bei an alle Welt denken, nur nicht an den einzigen 
Mann, der dieser Stellung Ehre machen würde. Dieser 
Mann ist Truth. Wenn er eines Tags vor Gram stirbt, 
wird er nicht einmal zwei Zeilen Lob in seiner eigenen 
Zeitung haben, falls ich zufällig nicht mehr da bin. So 
belohnt man in Amerika die Bürgertugend! und den- 
noch sind wir das erste Volk der Welt: Ab uno disce 
omnes. Jetzt urtheilen Sie über unseren Ehrgeiz. 

— Lieber Ereund, sagte Truth zu Humbug, zählen 
Sie denn die Ehre, von Ihnen geliebt und gelobt zu 
sein, für gar nichts? 

Die Thüre öffnete sich und liess zum zweiten Male 
eine Marderschnauze sichtbar werden, die nur Fox an- 
gehören konnte. Er war es , freundlicher als je. 

— Herr Truth, sagteer mit seiner süssesten Stimme, 
würden Sie wohl die Güte haben, in Ihrer trefflichen 
Zeitung anzuzeigen, dass der ehrenwerthe Mr. Little 
soeben eine Stiftung von zehntausend Dollars für das 
Kinderspital, von fünftausend Dollars für die Armen 
und von fünftausend Dollars für die Stadtbibliothek ge- 
macht hat? 

— Die mexikanische Anleihe scheint gut zu gehen, 



105 



sagte Humbug; Little ist ein gottesfürchtiger Jude, der 
dem Herrn seinen Zehenten entrichtet. 

— Die mexikanische Anleihe ist gänzlich aufgege- 
ben, antwortete Fox; Mr. Little hat sich überzeugt, 
dass die von der mexikanischen Regierung gebotenen 
Garantieen nicht zureichend sind. 

— Woher kommt denn dann diese verdächtige 
Grossmuth? fragte Humbug; dahinter steckt irgend eine 
scheussliche Spekulation. Diese zwanzigtausend Dol- 
lars werden uns theuer zu stehen kommen. 

— Immer voll Argwohn, unterbrach ich ihn; und 
wesshalb? 

— Weil ich ein alter Redacteur bin, antwortete 
Humbug; ich glaube an die Tugend der Banquiers so 
fest wie an die Einfalt der Quaker. 

— Sie werden schon noch bekehrt werden, alter 
Sünder, entgegnete Fox lachend. 

— Grosse Neuigkeit an der Börse! rief Eugen Rose 
beim Eintritt. 

— Wir wissen es schon, sagte Humbug, die mexi- 
kanische Anleihe ist zurückgezogen. 

— Ja, aber was ihr noch nicht wisst, dass der 
Bürgermeister seine Entlassung genommen hat, und 
dass man Mr. Little als Candidaten für ihn aufstellt. 

— Wirklich? sagte Fox; das ist gar nicht möglich. 
Mr. Little hat mir davon kein Wort gesagt, und ich 
bezweifle sehr, ob er bei seinen zahlreichen Geschäf- 
ten einen so wichtigen Posten annehmen könnte. 

— Trefflicher Fox! rief Humbug , er ist so un- 
schuldig wie ein Lamm; Sie werden schon sehen, ehr- 
licher Advokat, dass sich Mr. Little doch zu diesem 
grossen Opfer entschliessen wird. 

— Aber wir, sprach Truth, sind zu zartfühlende 



106 



Leute, um ihm eine so schwere Last zuzumuthen, und 
wir werden daher seine Wahl bekämpfen. 

— Und warum? rief Fox. 

— Das ist das Geheimniss der Komödie, versetzte 
Humbug, das wird nicht verrathen. 

— Also, entgegnete Fox, sollen wir euch immer 
gegen uns finden, ihr tugendhaften Puritaner, hochmü- 
thiges, unverträgliches Volk! Aber ich will verdammt 
sein, wenn ich euch nicht noch eines Tags in eurem 
eigenen Wespenneste verbrenne, ihr unnützen Hornissen, 
die ihr uns immer die Ohren vollsummt! 

— Fox, mein Freund, sagte Humbug, stellen Sie 
meine Geduld und meinen Arm nicht auf die Probe; 
ich könnte Sie leicht durch das Fenster spazieren lassen. 

Fox wartete nicht auf die nur zu wahrscheinliche Aus- 
führung dieser Drohung, und auch ich ging hinweg voll 
Aufregung und Verwirrung über das, was ich gehört 
hatte. Vernunft und Erziehung sagten mir, dass die 
Presse stets eine gegen die Regierung und die Gesell- 
schaft gerichtete Waffe ist; hundertmal hatten mir die 
verständigsten Minister diese kostbare Wahrheit ein- 
geimpft; aber auf der andern Seite war ich tief erschüt- 
tert von der Grösse und Hochherzigkeit, die ich bei 
Truth, von dem Muthe und der Entschlossenheit, die 
ich bei Humbug gefunden hatte. Die Sache der ehrlichen 
Leute gegen die Schurken führen, von denen die Welt 
strotzt, jeden Tag auf der Jagd und ohne Unterlass auf 
der Verfolgung des Diebstahls, der Ungerechtigkeit, der 
Lüge, das ist immerhin etwas. Ein Volk, das solche 
Männer zählt, ist kein gewöhnliches Volk. 

— Bah! sagte ich zu mir, um diese eiteln Beden- 
ken zu verjagen; das sind Ausnahmszustände. Das Ver- 



107 



nünftigste würde es doch sein, die Zeitungen ganz zu 
unterdrücken; man wird mir entgegnen, dass das nur 
die Arznei und nicht die Krankheit entfernt; aber, wenn 
die Krankheit unheilbar ist, so weiss man sich zu fas- 
sen und stirbt, wenn man sterben muss, ohne Klage. 

Das ist ein grosser Y ortheil für die Aerzte. 

Ich war so weit in meinen Gedanken, als mich 
mitten auf der Strasse eine Stimme anrief, die Stimme 
Susannens. Sie fuhr in einem zweirädrigen Cabriolet, 
das Martha führte. Das Pferd hatte einen sichern Tritt 
und Martha war eine vorsichtige Person, die von dem 
Zügel mehr Gebrauch machte als von der Peitsche; 
aber an der Ecke der rueTaitboul und der rue du Hel- 
der oder vielmehr (ich täusche mich) an der Ecke der 
siebenten und achten Avenue gibt es ein entsetzliches 
Pflaster aus kleinen Steinen, das vermuthlich irgend 
ein eigennütziger Thierarzt gelegt hat; denn seit zehn 
Jahren vergeht kein Tag, an dem hier nicht Pferde 
stürzen. Das Schicksal von Martha's Pferd war gewiss; 
in meiner Nähe stürzte das arme Thier plötzlich auf 
die Kniee, Martha wurde über den Kopf des Pferdes 
hinweggeschleudert, Susanne fiel in meine Arme, warf 
mich durch den Stoss zu Boden und rollte mit mir über 
die Strasse. Wüthend und mit Staub bedeckt erhob 
ich mich; Susanne hatte ein zerkratztes Gesicht, Martha 
blutete. 

— Bist du verwundet, Martha? rief ich. 

— Nein, mein Herr, es hat nichts zu bedeuten; 
die Rechte des Ewigen hat mich gestützt; nur die Na- 
senspitze hat ihr Theil bekommen. 

Wir beschäftigten uns nun beide damit, das Pferd 
von Blut zu reinigen und wiederaufzurichten. 

Als das Thier wieder angespannt war, rief ich: 



108 



— Bei Gott, es ist eine Schande, dass die Gemeindever- 
waltung seit zehn Jahren vor meiner Wohnung, in 
einer der belebtesten Strassen der Stadt eine solche 
Fallgrube duldet. Und wüthend lief ich in das Redac- 
tionsbureau zurück. 

— Herr Doctor? was haben Sie, sagte Humbug lachend; 
haben Sie den Wahlkampf mit Fox etwa schon begon- 
nen? Nach Ihrem Rocke zu schliessen sind Sie nicht 
obenauf geblieben. 

— Abscheulich! rief ich; abscheulich, seit zehn Jah- 
ren das Pflaster in einem solchen Zustande zu lassen, 
dass so eben mein Pferd gestürzt, meine Tochter im 
Gesicht verwundet und meine Köchin fast umgekom- 
men ist; ich bin wüthend, ich werde mich beklagen, 
ich verlange Gerechtigkeit. Wir sind zu Paris in Amerika, 
ich werde sie erlangen. Die Oeffentlichkeit wird Alles 
auf meine Seite bringen. Geben sie mir eine Feder 
und Tinte, damit ich einen recht scharfen Brief an 
Sie aufsetze, worin ich die Verwaltung nach Gebühr be- 
handle. 

— Hier haben Sie, was Sie wünschen, sagte Hum- 
bug, und ausserdem noch einen Dollar. 

— Einen Dollar? Wozu? 

— Wir zahlen Jedem, der uns eine vermischte Nach- 
richt bringt, einen Dollar; zieren Sie sich nicht, Doctor; 
nehmen Sie ihn und lassen Sie ihn unter Glas und 
Rahmen setzen. Er wird Ihnen stets ins Gedächtniss 
rufen, dass die Presse die Stimme Aller ist, und dass 
Sie diese grosse Wahrheit in dem Augenblick begriffen 
haben , wo ein Unfall Sie traf. 

— Humbug, antwortete ich, diese Worte, die Sie 
mit gewohnter Leichtigkeit hervorsprudeln, haben mehr 
Tragweite, als sie glauben; ich werde sie nie vergessen. 



109 



Und Morgens, wenn ich meine Zeitung lese, wird mich 
jede Klage an ein Leiden erinnern, das morgen viel- 
leicht das meinige sein kann, ein Uebel, dem ich ab- 
helfen oder zuvorkofnmen kann, wenn ich mich der 
Stimme des Publikums anschliesse. 

— Bravo, Doctor, Sie sind ein grosser Philosoph. 
Ihre Augen öffnen sich und Sie rufen: et lux facta est. 
Gleichviel; Sie werden bald noch eine andere ebenso 
gewichtige Wahrheit begreifen, dass nämlich schliess- 
lich die Pressfreiheit nur den ehrlichen Leuten nützt. 
Daher weiss man auch, wo man ihre Feinde zu suchen hat. 



Zwölftes Kapitel. 



Eine Candidatur in Amerika. 

Alle diese Erörterungen hatten mich verwirrt. Ge- 
wiss, ich war nicht so schwach, die politische Ueber- 
zeugung zu verleugnen, die mir die Lehrer meiner 
Kindheit beigebracht hatten, ich verabscheue die Rene- 
gaten. Wenn man im Irrthum geboren ist und das Ge- 
wissen fordert es, dass man ihn abschwört, so fordert 
die Ehre, dass man ihn beibehält; und ein Franzose 
wird stets nur auf die Ehre hören. Lieber hätte ich 
mich zerhacken lassen, als öffentlich zugestanden, dass 
diese Yankees nicht so Unrecht hatten. Aber im Grund 
meiner Seele empfand ich den Verlust meiner Unschuld; 
ich hatte mich der Presse bedient und hatte nicht ein- 
mal die Kraft, mich dessen zu schämen. Unzufrieden 
mit mir sank ich in einen unruhigen Schlummer; als 
ich erwachte, war es noch Nacht. Die Sophismen von 
Truth und Humbug waren wie Pfeile in meinen Geist 
gedrungen; hier in meinem Bett suchte ich vergeblich 
nach Antworten, als ich plötzlich mitten im Dunkel 
und in der Stille auf der Strasse eine Stimme hörte, 
die mich rief. /Es war die Stimme meiner Tochter; 
ein Vater irrt sich darin nicht. 



111 



Meinen Schlafrock anziehen und an das Fenster 
laufen, war das Werk eines Augenblicks; ich neigte 
mich hinaus, um in die Finsterniss hinabzusehen. Mein 
Kopf stiess an ein mir unbekanntes Hinderniss. Es 
knackte und sofort blendete mich glänzender Sonnen- 
schein, heitere Rufe begrüssten meine Erscheinung. 
Die Strasse war voll Menschen, ein ungeheurer An- 
schlag bedeckte mein ganzes Haus und mein Kopf, von 
einem riesigen umgeben, bot den Vorübergehenden 
ein höchst lächerliches Schauspiel. 

— Papa, bleibe so stehen, sagte Susanne, indem 
sie vergnügt aufsprang und in die Hände klopfte; so 
wird ganz Paris den Anschlag leseri. — Green for ever, 
wiederholten die Yankees im Vorüberlaufen. A very 
good Irick, setzten sie hinzu und zeigten lachend ihre 
grossen Zähne. 

Rasch kleidete ich mich an und lief auf die Strasse. 
Paris war nur noch eine endlose Anschlagsäule; Can- 
didaten von allen Farben, blau, roth , weiss, gelb, 
grün, rosenfarben breiteten auf allen Mauern ihre Ver- 
dienste und Vorzüge aus. Mein Haus war dem Grün 
gewidmet. Die Worte Green for ever dehnten sich dort 
in drei Fuss hoher Frakturschrift aus ; mir gegenüber 
hatte die Druckerei eine unermessdiche Tafel aufgezo- 
gen , auf der man las : 

Bürger 
der ersten Stadt der Welt! 

Keine Banquiers! 
Keine Advokaten! 
Keine Schwindler ! 
Wählt den grossherzigen Patrioten, 

den heldenmüthigen Kaufmann, 



112 

den guten Familienvater } 
den Sohn unserer Stadt , 
Wählt den ehren wertheil und trefflichen GREEN!!! 

Diese demokratische Posse belustigte Susannen; 
Mr. Alfred Rose stand bei ihr mit dem ehrenwerthen 
Apotheker und seinen acht andern Söhnen. Henri 
tanzte vor Freude wie ein Kind, das der Lärm ent- 
zückt. Ich meines Theils habe wenig Geschmack für 
diese Orgien des Volks; ein Wort kennzeichnet sie: 
Viel Lärmen um nichts. 

— Nachbar, sagte der Apotheker zu mir, unser 
Hauptmann geht ins Feuer; ich hoffe, dass Sie uns die 
Hand reichen werden; die Gegenpartei ist mächtig und 
wir werden ihn nur durchsetzen, wenn wir gehörig 
reden und handeln. 

— Lieber Herr Rose, antwortete ich ihm, mit Ih- 
rer gütigen Erlaubniss werde ich zu Hause bleiben. 
Ich habe bei allem dem kein Interesse. Ich bin wie 
ein grosser Herr, der zur Führung seiner Geschäfte 
eine gewisse Anzahl von Intendanten hält, die er be- 
zahlt, ohne dass er sich nur die Mühe gibt, sie selbst zu 
wählen; was unter meinen Leuten vorgeht, kümmert 
mich nichts. Was ist denn ein Maire von Paris? Ein 
Mann in Uniform, der alte Jungfern und trostlose Wittwen 
verheirathet und zweimal des Jahres in einen Galawa- 
gen steigt, um dem Herrn Präfekten seine Aufwartung 
zu machen und im Stadthaus zu speisen. Das ist eine 
grosse Ehre, die man nicht zu theuer erkaufen kann; 
aber was geht das mich einfachen Bürger an, der doch 
kein anderes Recht geniesst, als ein Budget zu bezah- 
len, um das er nicht gefragt worden ist? Ich weiss 
nicht, wen ein Maire vorstellt, aber sicher nicht die 



113 



Bewohner seines Bezirks. Mag ihn wählen, wer da 
will; ich bin Arzt, ich kümmere mich um nichts. 

Mr. Rose ergriff zur Antwort meinen Arm und 
fühlte mir den Puls. 

— Entsetzlicher Doctor, sagte er zu mir, bei Ihren 
ewigen Spässen läuft mir die Gänsehaut auf; ich habe 
wirklich geglaubt, Sie sind verrückt. Muss ich Ihnen 
als Bürger eines freien Landes erst sagen, dass heute 
unsere wichtigsten Interessen auf dem Spiel stehen. 
Ist nicht der Bürgermeister die erste Persönlichkeit der 
Stadt, der Repräsentant unserer Ansichten und Wün- 
sche? Ordnet nicht der Bürgermeister unter Mitwir- 
kung unseres Gemeinderathes Alles, Polizei, Märkte, 
Strassen, Schulen, mit der souverainen Machtvollkom- 
menheit, die ihm unsere Wahl überträgt? Im Staate 
hat er Vorgesetzte, in der Stadt keine. Kann ihm Je- 
mand Befehle geben? Ist er nicht unser rechter Arm, 
unser Organ, unser Minister? Ist er nicht uns allein 
für seine Handlungen und für sein Budget verantwort- 
lich? Und eine solche Wahl soll uns gleichgültig las- 
sen? Ich meines Theils kümmere mich wenig darum, 
was die Herren Schönredner aus dem Westen und Sü- 
den in Washington anfangen; aber Paris, das gehört 
mir, das geht mich an; es ist das Grab meiner Väter, 
die Wiege meiner Kinder. Ich liebe Alles in Paris, 
selbst seine Warzen und Flecken; ich liebe seine alten 
Strassen, wo ich in meiner Kindheit gespielt habe; ich 
liebe seine neuen Boulevards, diese frischen Verkehrs- 
adern; ich liebe seine gothischen Kirchen, die mir von 
der Vergangenheit erzählen; ich liebe seine Bahnhöfe 
und Schulen, die mir von der Zukunft sprechen. Für 
mich haben vierzig Generationen diesen Fleck Erde 
bereichert; diese Erbschaft habe ich von meinen Vätern 

8 



114 



überkommen; ich will sie vermehren und meinen Kin- 
dern überlassen. Ich will nicht, dass man ohne meine 
Erlaubniss an einen Stein oder an eine Einrichtung 
meiner theuern Stadt, meiner wahren Heimath rühre. 
Ich gehöre Paris, Paris gehört mir an! 

— Rose, mein Freund, rief ich, Sie sind der Ci- 
cero aller Apotheker; aber die Beredsamkeit hat nun 
einmal das Vorrecht, das Gegentheil der Wahrheit zu 
behaupten. Sie wollen doch nicht im Ernste davon 
sprechen, einem von uns, einem einfachen Bürger, die 
Polizei in einem solchen Pandaemonium zu übertragen? 
Hier bedarf es einer festen und unabhängigen Hand, 
die uns wider unseren Willen leitet. 

— Papa, sagte Susanne, warum quälst du den gu- 
ten Rose? Du weisst wohl, dass der Bürgermeister 
die Policemen ernennt; du hast ja selbst den aufstellen 
lassen, der unsere Strasse bewacht. 

— Am Ende lasst ihr auch, setzte ich mit einer 
Miene des Bedauerns hinzu, die Gemeindeumlagen von 
denen bewilligen, die sie bezahlen? 

— Ohne Zweifel, erwiderte Rose; wer sollte denn 
sonst das Recht haben, eine Ausgabe zu bewilligen, 
als der, der sie bezahlen muss? 

— Nun, das wird ein hübsches Budget geben ! Das 
ist die rechte Manier, um Millionen zu bekommen! 
Und wenn ihr neue Strassen eröffnet, so fragt ihr wahr- 
scheinlich erst die Bewohner, um alle egoistischen Pri- 
vatinteressen gegen euch ins Werk zu setzen? 

— Wen sollte man denn sonst befragen? -sprach 
der naive Apotheker; die Strassen gehören, wie ich 
glaube, für uns Einwohner und die Gesammtheit unse- 
rer Privatinteressen bildet das allgemeine Interesse. 

— Vortrefflich! vortrefflich! rief ich lachend; sie 



115 



sind Alle mit derselben Eselsmilch aufgezogen. Guter 
Gott! Wie noth wendig wäre es, mit Hammerschlägen 
die grossen Ideeen der Civilisation in diese beschränk- 
ten Köpfe einzugraben! Könnten sie die Wunder der 
Centralisation sehen, so würden sie endlich begreifen, 
dass unsere Angelegenheiten niemals besser besorgt 
werden, als wenn man sie, ohne uns zu fragen, in die 
Hände solcher gibt, die dabei kein Interesse haben! 
Und die Umlagen für die Schulen und die Grösse des 
Aufwandes hiefür wird etwa auch von den Familienvä- 
tern bestimmt? Ich möchte das Resultat wohl kennen. 

— Den Schulaufwand, sagte Mr. Alfred, der gern 
seine Bildung glänzen lassen wollte, den Schulaufwand 
bewilligen Alle. Die Erziehung ist eine öffentliche 
Schuld, zu deren Tilgung beizutragen Jeder für eine 
Ehre hält. Vorgestern wurde die Steuer für 1862 fest- 
gesetzt; sie beträgt zwei Dollars auf den Kopf, ohne 
zu rechnen, was der Staat gibt. 

— Sechzehn Millionen Franken von den Einwoh- 
nern von Paris für die Schulen der Stadt bewilligt! 
rief ich. Das ist nie vorgekommen und wird nie vor- 
kommen; das ist unmöglich! 

— Papa, entgegnete Susanne lebhaft, da Alfred es 
sagt, muss es doch wahr sein. 

— Nun, meine Freunde, rief ich, man muss mit 
den Wölfen heulen. Wenn unsere Angelegenheiten 
wirklich die unsrigen sind, wenn Paris uns und nicht 
dem Staate gehört, wenn wir unser Geld selbst bewil- 
ligen und ausgeben, wenn alle diese unglaublichen, mon- 
strösen, der Erfahrung und Vernunft zuwiderlaufenden 
Dinge wahr sind, so räume ich der allgemeinen Thor- 
heit das Feld! Ein Pariser, der kein Fremder ist in 
seiner Stadt, ein Pariser, der in Gemeindesachen eine 



116 



Stimme hat, ein Pariser, der sprechen darf und auf 
den man hört, ist ein Phönix, den man nur in Ame- 
rika sieht. So lasst uns denn stimmen ; es lebe Green, 
Bürgermeister von Paris ... in Massachusetts! 

— Es lebe Green, rief die ganze Schaar und setzte 
sich nach dem Laden des Krämers in Bewegung. 

— Papa, sagte Susanne, umarme mich, bevor du 
gehst. Weisst du schon, setzte sie ganz leise hinzu, 
dass dein Name auch auf der Liste steht? 

— Auf welcher Liste, mein Kind? 

— Auf der Liste der Gemeindebeamten. Eine An- 
zahl von Wählern schlägt dich im Paris- Telegraph als 
Inspector der Strassen und Wege vor, neben Mr. Hum- 
bug, der Friedensrichter werden soll. Siehst du, Papa? 
und das Fräulein zog die Zeitung aus der Schürze. 
Was ist das für ein Land, wo ein verliebtes Mädchen 
die Zeitung liest und sich für Wahlen interessirt! 

Ich nahm den Paris-Telegraph; wirklich stand mein 
Name in grossen Buchstaben und von einer geeigneten 
Empfehlung begleitet an der Spitze der Liste. Die 
Wirkung war eine höchst eigentümliche. Ich verstehe 
mich darauf, die Verwaltung in Allem zu kritisiren; 
dafür bin ich Pariser. Die Gebieter tadeln und ver- 
spotten ist der einzige Theil der Freiheit, den uns 
selbst der grosse König nicht rauben konnte. Damit 
trösten und rächen wir uns für unsere politische Un- 
thätigkeit. Aber selbst verwalten und befehlen, han- 
deln, statt zu schreien, die Opposition verlassen, um 
sie mir gegenüber zu sehen, sie durch Eifer und Er- 
folg zum Schweigen bringen, das war für mich eine 
neue, reizende Aussicht; schon schlich sich der Ehr- 
geiz in meine Brust. Ich dachte daran, dass ich Tags 
vorher grob gegen Humbug gewesen war (und doch 



117 



ist eine Zeitung eine Macht!), und dass ich vielleicht 
mit Rose und seinen Söhnen zu rauh gesprochen hatte; 
das waren zehn Wähler! Rasch umarmte ich Susanne, 
lief dem Apotheker nach und knüpfte mit ihm ein ver- 
trauliches Gespräch über Pillen meiner Erfindung an. 
Diese Pillen waren bestimmt, eine Revolution in der 
Praxis hervorzurufen und den Arzt, der sie erfand wie 
den Apotheker, der sie verkaufte, zu reichen Leuten 
zu machen. Ein Extract aus eingedampften Kamillen 
ist ein unfehlbares Heilmittel für die Dyspepsie, jene 
unheilbare und schmerzliche Krankheit aller gescheuten 
Leute. Ich hatte bisher die Akademie der Medicin mit 
dieser wunderbaren Entdeckung überraschen wollen; 
seit sechs Jahren war mein Bericht in der Arbeit; aber 
wenn uns der Ehrgeiz erfasst, verlässt uns die Klug- 
heit. Schon blendete mich der akademische Ruhm nicht 
mehr, die Inspection der Strassen eröffnete mir die po- 
litische Laufbahn, ich war Candidat! 



Dreizehntes Kapitel 



Ganvassing. 

Warst du je verliebt, lieber Leser, erinnerst du 
dich, wie dein Herz lebhaft, dein Auge feurig, dein 
Gedanke rasch, dein Leben leicht war in diesen glück- 
lichen Tagen? Dann weisst du, was ein Candidat ist. 
Ungeachtet meines schlechten Gesichts erkannte ich 
auf fünfzig Schritte Wähler, die ich nie gesehen hatte; 
ich fand in einem Winkel meines Gehirns die Geschichte 
einer Masse Menschen, mit denen ich nie gesprochen 
hatte, und nicht nur die ihrige, sondern auch die ihrer 
Frauen, Kinder, Väter, Grossväter und Vettern. Rechts, 
links, überall vertheilte ich Versprechungen und Hände- 
drücke. Herablassend zu den Kleinen, bescheiden ge- 
gen die Grossen stellte ich alle Missstände ab und pfla- 
sterte alle Strassen neu. Cicero war sicher als Bewer- 
ber um das Consulat nicht beredter, nicht grossherzi- 
ger, nicht liebenswürdiger als ich. 

Green schloss sich uns an. Er war, man darf 
mir's glauben, ein recht dürftiger Candidat Die Wäh- 
ler, die auf ihn gerathen waren, hatten keine glück- 



119 



liehe Hand; in derselben Strasse hätten sie leicht eine 
bessere Wahl treffen können. Ein Krämer hat nicht 
die hohe Bildung empfangen, die ihm gestattet, mit 
Menschen und Dingen zu spielen. Keine Schmeichelei 
an die Menge, keine jener Versprechungen, die dann 
auf dem Boden der Wahlurne zurückbleiben ; keine je- 
ner liebenswürdigen Lügen, die das ständige Feuer- 
werk bei allen Wahlen sind. Green war kalt und 
besonnen wie ein Kaufmann , der ein Geschäft macht 
und jeden xlbschluss überlegt. Wenn er einem Wäh- 
ler die Hand gedrückt und dabei gesagt hatte: „ich 
werde mein Bestes thun", oder „die Stellung ist schwie- 
rig", oder „wählen Sie Mr. Little, wenn Sie ihn für 
fähiger halten", so glaubte er genug gethan zu haben. 
Auf meine wohlwollenden Vorwürfe antwortete er mit 
eiskaltem Tone: — Mein Gewissen verbietet mir, mehr 
zu thun, ich darf nicht mehr versprechen, als ich hal- 
ten kann. — Gewissen bei einem Candidaten! das 
war ein achtes Krämerbedenken. Wenn man Glück 
haben will, muss man sein Gewissen am Tage vor der 
Wahl hinter Schloss und Riegel setzen und es erst am 
Tage nach der Wahl wieder herausnehmen. In Frank- 
reich weiss das Jedermann. 

Ich würde auf diesem Wahlgange vor langer Weile 
gestorben sein, hätte uns nicht der unermüdlich heitere 
Humbug begleitet. Immer bereit, Rede und Antwort 
zu geben, konnte man seine Spur an dem Gelächter 
verfolgen, das er hinter sich liess. Man bereitete uns 
nicht überall den besten Empfang; der Angelsachse 
trägt im Hass wie in der Freundschaft eine rauhe Frei- 
müthigkeit zur Schau; das amerikanische Salz ist nicht 
gerade sehr attisch. Aber Humbug war ein vorzügli- 
cher Ballspieler; jeden Scherz fing er auf und warf ihn 



120 



auf den ersten Schlag zurück. Wen er einmal getrof- 
fen hatte, der Hess ihn in Ruhe. 

— Green Candidat! Das ist eine Schande! sagte ein 
Börsenspieler mit bleichem Gesichte und verstörten Zü- 
gen. Denkt euch nur den Krämer im Stadtrath ! Wenn 
man mit der Glocke läutet, wird errufen: Gleich, Herr^ 
gleich ; was steht Ihnen zu Diensten ? In die Hölle mit 
ihm und seiner ganzen Sippschaft! 

— In die Hölle? sagte Humbug; was sollen wir dort 
deinem Vater, dem Bankerotteur sagen? Dass du bei 
deinem dritten Bankerott bist und auf den vierten 
wartest? 

— Green Candidat! versetzte ein Ladendiener, ein 
Stutzer in Glanzstiefeln, der bei jedem Wort mit seiner 
unschuldigen Reitpeitsche die Luft durchhieb; Green, 
ein Krämer, der nicht einen Esel von einem Pferde 
unterscheiden kann! 

— Nur nicht ängstlich, mein Sohn, sagte Humbug; 
unter Tausenden würde er dich erkennen. 

— Diese Antwort ist eines Mannes würdig, der von 
seinem Geist lebt. 

— Wenn du nichts anderes zum Leben hättest, 
mein Sohn, wärst du nicht so dick dabei geworden wie 
ich, antwortete Humbug, und setzte seinen Weg unter 
dem Gelächter der Menge fort. 

Wir traten in das Gasthaus zur Union, der Wirth 
war uns als einer der einflussreichsten Wähler der Stadt 
bezeichnet. Aber in seinem Haushalte schien die Frau 
die Führung zu haben. Kaum begann Green, so schnitt 
ihm die hitzige Matrone das Wort ab. 

— Verdammt sei die Politik! sagte sie. 

— Verdammt sei die Gastwirthschaft! antwortete 
Green mit einer tiefen Verbeugung. 



121 



— Joseph, schrie die gebieterische Juno, man be- 
schimpft deine Frau, man beleidigt dich , und du stehst 
dabei wie ein Klotz? Hast du denn das Blut eines 
Truthahns in den Adern? 

Joseph blieb bei dieser schrecklichen Stimme 
stehen und riss die Augen auf. Ich glaube, der brave 
Wirth hätte uns auf der Strasse gern die Hand gedruckt; 
sein breites Gesicht, seine herabhängende Lippe, sein 
dicker Bauch kündigten keine kriegerische Neigung an; 
aber unter den Augen seiner Frau hielt er es für zweck- 
mässig , sich in Wuth zu versetzen. Krieg nach aus- 
sen war das einzige Mittel, Friedennach innen zu erhalten. 

— Er soll nur kommen, der schöne Candidat, rief 
er mit seiner fetten Stimme, der er einen boshaften 
Klang zu geben suchte; ich habe da eine Halfter, um 
ihn daran aufzuhängen. 

— Danke bestens, lieber Freund, antwortete ihm 
Humbug mit sanftem Tone; wir würden uns ein Ge- 
wissen daraus machen, dich dieses Familienstücks zu 
berauben. 

Wir wollten mit lautem Lachen aus der Höhle 
Polyphems flüchten ; aber der Rückzug war uns abge- 
schnitten. Auf der Schwelle des Hauses stand die Frau 
aufrecht, wie eine Schildwache, hielt Humbug an und 
fragte zitternd vor Zorn: 

— Wisst ihr, wer ich bin? 

— Wer kennt und bewundert Sie nicht? versetzte 
Humbug mit süsslichem Tone; Sie sind ein reizendes 
Kind, das das Unterscheidungsalter noch nicht er- 
reicht hat 

Er machte eine Verbeugung und liess die würdige 
Frau stehen, so stumm und dumm wie Loths Frau, als 
sie zur Salzsäule wurde. 



122 



Doch das waren nur Scharmützel; es gab aber auch 
öffentliche Versammlungen, wo man die Ansprüche der 
Candidaten erörterte; dort wurden Schlachten geliefert 
und der Sieg entschieden. Der Augenblick unserer 
Trennung war gekommen, jeder musste mit seiner Per- 
son in's Feuer. Man wies mir das Lyceum zu. Ich be- 
trat den ungeheuren Saal, den eine erregte Menge 
füllte. Man erkannte, man rief mich, alle Blicke rich- 
teten sich auf mich; Furcht ergriff mich, ich hätte 
gern auf diese fatale Candidatur verzichtet, die mich 
dem Publikum preisgab. Leider war es zu spät. 

Vor mir stand ein Mann auf einer Bühne, sprach 
und gestikulirte mit der äussersten Lebhaftigkeit. Man 
hörte ihn eine Weile stillschweigend an, dann brach 
plötzlich Alles in ein schreckliches Hurrah oder in ein 
Grunzen aus ; denn so klatscht und zischt man bei den 
Angelsachsen. Dieser Volkstribun, der die Leiden- 
schaften der Menge aufwiegelte, war der Advokat des 
Banquiers Little, Fox 5 unser Gegner. 

So sehr ich den Schelm verwünschte, musste ich 
doch ein gewisses Talent, mit dem er jetzt Missbrauch 
trieb, an ihm anerkennen. Abwechselnd ernst und 
scherzhaft hatte er eine Manier, seine Gegner zu loben, 
die sie lächerlich machte und seine Freunde zu ver- 
spotten, dass sie in Aller Augen dadurch gehoben wur- 
den. Er schloss mit einer raschen Aufzählung der 
Reich thümer, welche das Bankwesen in Amerika ver- 
breitete. Little ward zu einem Jupiter, der als Gold- 
regen auf den Schooss einer neuen Danae fiel. Nach 
der Rede des Advokaten gruppirten sich Eisenbahnen, 
Kanäle, Dampfschiffe als Wahlgeleite um den Banquier, 
während uns der Sprecher mit geringschätziger Ge- 
berde den Krämer eingetaucht in seinen Syrup und 



versenkt in seine Sardinen und Stockfische schilderte. — 
Freunde des Friedens, rief er zum Schluss, wollt ihr 
diesen Verfertiger chemischer Zündhölzchen, dessen 
Waare man bei jedem Brand als Ursache findet, zum 
Haupt der Stadt machen? Freunde der Freiheit, wollt 
ihr diesen Stockfischhändler wählen, der den Sklaven 
der Südstaaten ihre Nahrung liefert und der morgen 
insolvent ist, wenn seine Abnehmer, durch unser Ver- 
dienst befreit, seine verpestete Waare liegen lassen? 
Nein, niemals werdet ihr in diese Schande versinken. 
Ich, ein ächter Yankee, ein Patriot, stolz auf unseren 
Ruhm, ehe ich meine Stimme diesem Menschen geben 
möchte, würde ich lieber stimmen für den .... Er 
hielt an, zwinkerte mit den Augen und fuhr mit leise- 
rer Stimme fort: .... für den, welchen unsere Frauen 
in ihrem grenzenlosen Mitleid einen armen gefallenen 
Engel nennen; seinen Namen werde ich euch nicht 
sagen. 

Donnernder Beifall begrüsste den Redner; er stieg 
von der Erhöhung herab und nahm eine Unmasse von 
Complimenten und Versprechungen entgegen. In jeder 
Versammlung gibt es immer einen Haufen von Scha- 
fen, die blökend jedem Redner folgen. Aber dieser 
Erfolg genügte dem Verräther nicht; er ging gerade 
auf mich zu, reichte mir seine Hand, die ich nicht zu- 
rückzuweisen wagte und rief, dass man es im ganzen 
Saal hören konnte: — Jetzt sind Sie an der Reihe, Doc- 
tor Smith; offenes Spiel, das ist der Wahlspruch der 
Amerikaner. 

Mit einem kalten Schweisse auf der Stirn erhob 
ich mich; von allen Seiten schrie man: Hört! Hört! 
Der Lärm, das Anstarren von allen Seiten, die darauf 
folgende Stille, das Alles nahm mir das Bewusstsein; 



124 



eine rothe Wolke zog an meinen Augen vorüber, ich 
brachte keinen Laut aus dem Halse, mein ganzer Kör- 
per zitterte unter den gewaltigen Schlägen meines Her- 
zens. Was würde ich nicht für die Beredsamkeit die- 
ses Elenden gegeben haben! Meine Grundsätze waren 
edler als die seinen, mein Patriotismus aufrichtiger; 
aber der Advokat hatte die Gewohnheit, die Fertigkeit 
für sich , während man mich , einen Bürger des civili- 
sirtesten Landes der Erde, nicht einmal reden gelehrt 
hatte. Ich war besiegt, besiegt ohne Schwertstreich. 

Vor Zorn und Scham wollte ich umsinken, als 
plötzlich Henri, mein Sohn, der mich erbleichen sah, 
auf die Tribüne sprang und zu verstehen gab, dass er 
sprechen wolle. Hochaufgerichtet, mit erhobenem Haupt, 
mit gespreizten Füssen, die linke Hand im zugeknöpf- 
ten Rock, grüsste er mit der Rechten anmuthig die 
Menge und wartete, bis der Tumult sich legte. 

— Das ist sein Sohn, sein Sohn, murmelte man 
auf allen Seiten. Hört^ hört! Jeder betrachtete das 
Kind mit Neugierde, eine tiefe Stille entstand, man 
hätte eine Fliege hören können. 

— Bürger, Freunde, sprach er mit heller und durch- 
dringender Stimme, ich will nicht den Banquier Little, 
den fürchterlichen Goliath bekämpfen; freilich an Stei- 
nen fehlt es uns nicht; der Philister hat ihrer nur zu 
viele in unseren Garten geworfen ; aber ich besitze von 
David nichts als die Jugend und ich habe nicht die 
Kraft, mich mit einem so geübten Gegner zu messen; 
Alles, was ich versuchen will, ist die Vertheidigung 
meines Vaters und meiner Partei. Ich bin überzeugt, 
dass unter euch kein einziger ist, ihr edlen Männer, 
der nicht sagt: Dieser junge Mann hat Recht. 



125 



— Hört, hört! rief es auf allen Seiten; er spricht 
ganz gut. 

— Der ehren werthe Sollicitor, fuhr mein Sohn fort, 
indem er den Nachdruck auf das Beiwort legte, liebt 
die Krämer nicht. Das wundert mich; denn er macht 
einen solchen Aufwand an grobem Salz, dass ich froh 
wäre, wenn ich es auch so verstünde. Wenn er mir 
von seinem Vorrath ablässt, will ich dafür ihm Zucker 
in den Kauf geben, der ihm fehlt. Zucker besänftigt 
die Galle; ohne ihn sieht man Alles schwarz und ist 
ungerecht gegen Waffengefährten und Freunde. 

Ich weiss nicht, woher mein Herr Sohn diese et- 
was geringhaltige Beredsamkeit nahm; allein sie war 
jedenfalls nach dem Geschmack der unwissenden Menge; 
man lachte, man klatschte, die Frauen schwenkten 
ihre Tücher, Henri verbeugte sich lächelnd; er hatte 
die Versammlung gewonnen. 

— Ich will nichts Uebles von den Banquiers reden, 
fuhr mein sechzehnjähriger Tribun fort; die Banquiers 
gleichen den Zahnärzten, man muss sie sich nicht zu 
Feinden machen, denn wer weiss, ob man sie nicht 
morgen braucht; aber muss man denn die Interessen 
der Stadt in ihre Hände legen? Ich erinnere mich, 
dass meine Grossmutter, eine ehrwürdige Frau aus 
Connectitut, eine Enkelin unserer Urväter, der Coloni- 
sten, mir oft wiederholte, was sie von ihren tugend- 
haften Vorfahren gehört hatte, dass der Banquier eine 
Stütze des Staates sei, wie der Strick eine Stütze für 
den Erhenkten: er erdrosselt ihn. 

— Dreimal gegrunzt auf die Banquiers! rief eine 
kreischende Stimme, die offenbar irgend einem unter 
der Menge versteckten schlechten Zahler angehörte. 



126 



Der Schrei fand Widerhall und der Saal erzitterte von 
einem Geheul, das für mein Vaterohr so wohl klang 
wie eine Beethoven'sche Sonate. 

— Meine Grossmutter, fuhr der Junge aufgeregt 
durch den Beifall fort, gab uns oft Räthsel auf, um 
uns an Winterabenden am Kamin die Zeit zu vertrei- 
ben. Wenn man, sagte sie, einen Banquier, einen Sol- 
licitor und einen Schneider zusammen in einen Sack 
steckt und einen davon aufs Gerathewohl heraus zieht, 
was kommt dabei auf jeden Fall heraus? 

— Ein Spitzbube, antworteten zwanzig Zuhörer, 
entzückt über diese Erinnerung aus ihrer Kindheit. 

Henri näherte sich dem Rand der Tribüne, legte 
einen Finger auf den Mund und sagte halblaut: 

— Dieses Wortes hat sich allerdings meine Gross- 
mutter bedient; aber heut zu Tage würde man sagen: 
ein glücklicher Millionär. 

— Gewiss, fügte er hinzu, ich will nichts über den 
Reichthum sagen, ich hoffe auch noch meinen Weg zu 
machen so gut wie ein Anderer. 

— Und du wirst es weit bringen, kleiner Riese, 
rief eine laute Stimme aus der Versammlung. 

— Zeigt mir, fuhr mein Sohn fort, ermuthigt durch 
diese Meinung, zeigt mir ein Vermögen, das auf eh- 
renhafte Weise verdient ist, durch Schiffahrt nach In- 
dien, nach Terreneuve, nach den Molukken, ich werde 
es achten, wie ich in Green's Person zwanzig Jahre 

Arbeit, Berechnung, Sparsamkeit verehre 

Aber sprecht mir nicht von diesem zufälligen' Reich- 
thum, von diesen Millionen, die in einer Stunde im 
Spiele gewonnen werden; das ist fremdes Gut, das nur 
ein Geschickterer in seine Tasche praktizirt. Vermögen 
ohne Arbeit, Vermögen ohne Ehre! (Hört! Hört!) 



127 



— Und übrigens, liebe Mitbürger, wollt ihr denn 
den Reichthum belohnen? Zieht ihr nicht Muth und 
Hingebung vor? Ist nicht Green der muthige Haupt- 
mann, der in ein brennendes Haus dringt, um vielleicht 
eure Frau oder Tochter zu retten ? Habt ihr nicht alle 
gewissermassen das Kind adoptirt, das mein Vater ge- 
stern den Flammen entriss? Und ihr Frauen! ihr, un- 
ser Gewissen! ihr Sterne unserer Seele! ihr Mütter, 
Gattinnen, Töchter, Schwestern, redet! für wen soll 
man stimmen? (Hört! Hört!) 

— Ich liebe die muthigen Leute, die sich nicht scheuen, 
ins Feuer zu gehen, fuhr mein junger Gracchus fort, 
aber ich habe keinen Geschmack für die, welche fort- 
während darin leben. Ich bin nicht darüber erstaunt, 
dass der gentleman, dessen Namen man nicht genannt 
hat, die Sympathieen unserer Gegner geniesst; es ist 
natürlich, dass der ehrenwerthe Mr. Fox seinen Re- 
präsentanten aus seiner Familie oder aus seinen Freun- 
den wählt; aber wir, die wir weniger hohe Verbin- 
dungen haben , brauchen vor Allem einen ehrlichen 
Mann an der Spitze unserer gemeinsamen Angelegen- 
heiten. Unser Mann braucht seinen Namen nicht zu 
verbergen, er ist der Sohn seiner Arbeit, ein Kind un- 
serer Stadt, er heisst Green! 

— Hurrah für Green! Hurrah für Smith! schrie 
die Menge von dem Eindruck hingerissen. Der Sieg 
war unser. 

Mitten in diesem Lärm suchten mich Henri's Blicke. 
Er wollte sich eben seinem jungen Ruhme entziehen, 
als ein kräftiger Jäger aus Kentucky, einer jener Rie- 
sen, die sich rühmen, halb Pferd, halb Krokodil zu 
sein, meinen Sohn auf seine Schultern lud und ihn 



128 



durch den Saal trug. Es entstand ein Beifallsdonner, 
dass man glaubte, die Mauern würden bersten. Die 
Männer drückten dem Wunderkinde die Hand, die 
Frauen umarmten ihn. Ich wollte rufen : — Er ist mein, 
ich bin sein Vater! aber der Schrecken schnürte mir 
zum zweiten Male die Kehle zu und ich seufzte ganz 
leise: — Mein Gott! warum bin ich nicht mein Herr 
Sohn ! 



Vierzehntes Kapitel 



Vanitas vanitatum. 

Als die Menge sich verlaufen hatte, um den Ruhm 
und den Namen des künftigen Webster weithin zu ver- 
breiten, konnte ich erst den Redner mit Müsse umar- 
men und mit ihm den Weg nach Hause einschlagen. 
So sehr ich mich der stummen Rolle schämte, zu der 
meine Furchtsamkeit mich verdammt hatte, konnte ich 
doch der Lust nicht widerstehen , den jungen Cicero 
zu necken. 

— Nun, kleiner Schelm, sagte ich, woher hast du 
denn diese Leichtigkeit zu plaudern, jene Zuversicht, 
die sich durch nichts stören lässt? Improvisiren, de- 
klamiren, die Rede mit entsprechenden Gesten beglei- 
ten, diese Kunst, die seit dem Alterthume verloren war, 
wo hat man dich das Alles gelehrt? 

— In der Schule, versetzte mein Sohn. Du weisst 
es ja, Papa, du hast mich ja selbst oft genug meinen 
Enfield's Speaker repetiren lassen. Hatte ich genug Nach- 
druck, habe ich nicht etwa die Arme über die Höhe 
des Kopfes erhoben? Bist du zufrieden? 

9 



130 



— Und deine Kameraden können alle schwatzen, 
wie du? 

— Natürlich, Papa. Ein Volk von Stummen, das 
gäbe hübsche Bürger! Reden und gestikuliren ist für 
uns so nothwendig, wie schreiben und lesen. Es ist 
keiner unter uns , der nicht später in der Gesellschaft, 
in der Gemeinde, im Staate irgend eine Bedeutung er- 
langen wird. Als Mitglieder eines Meeting oder einer 
Gesellschaft, als Wähler, als Candidaten , als Beamte, 
als Senatoren, immer werden wir genöthigt sein, öf- 
fentlich zu sprechen; man gewöhnt uns also schon in 
der Schule daran. Das Improvisiren ist nicht schwer 
und dabei sehr unterhaltend. In unseren Erholungsstun- 
den halten wir Reden ; ich habe schon mehr als hun- 
dert Reden an meine künftigen Wähler gehalten; aber 
meine Stärke besteht in der Geste. „Die Bewegung", 
sagt Demosthenes in meinem Enfield, ,,die Bewegung! 
die Bewegung !" Sieh' mich an, Papa. 

Und nun geht mein Gassenjunge vor mir her und 
deklamirt irgend eine Rede von Lord Chatham. Er 
geht, er hält an, er hebt die Augen zum Himmel, er 
schlägt die Hände zusammen, streckt die Faust vor, 
schlägt mit der Hand auf's Herz und fällt mir zum 
Schluss laut lachend um den Hals, während ich, sein 
Vater, unfähig ein Wort zu reden oder einen Arm zu 
bewegen, ganz verwirrt stehe vor dieser unnatürlichen 
Frühreife, dem Resultat einer ungesunden Erziehung. 
Mein Sohn war keineswegs ein Wunder, er war blos 
ein allzu geschickt dressirter Yankee. 

— Unglückliches Kind! rief ich; wozu soll dir nun, 
wenn du nach Indien gehst, diese Schauspielerkunst 
nützen; es ginge noch an, wenn du Advokat würdest. 

— Vielleicht werde ich's noch einmal, Papa, ant- 



131 



wortete mein Sohn. Lass mich drüben zehntaasend 
Dollars gewinnen 5 nach meiner Rückkehr studire ich 
und associre mich mit einem bewährten Anwalt. 

— Und dann? fragte ich, erschreckt durch diesen 
jugendlichen Ehrgeiz. 

— Dann, Papa, lasse ich mich im Staate Massa- 
chusetts zum Abgeordneten wählen und werde später 
hier Senator. 

— Und dann? 

— Dann, Papa, werde ich Abgeordneter beimCon- 
gress und später Senator beim Bunde. 

— Und dann? 

— Dann, Papa, werde ich Minister, wie Mr. Se- 
ward, oder, wenn es mir nicht glückt, Präsident ; wie 
Mr. Lincoln. 

— Und dann? rief ich; dann wirst du ohne Zwei- 
fel die Stelle Luciferö einnehmen; denn du hast ja ei- 
nen wahrhaft dämonischen Ehrgeiz und Hochmuth. 

— Papa, rief das Kind, beunruhigt durch meine 
Heftigkeit, alle meine Kameraden machen es wie ich. 
Unsere Lehrer wiederholen uns alle Tage, dass wir 
die Hoffnung des Vaterlandes sind, dass das Gemein- 
wesen unser bedarf. Die Pflicht, nicht der Ehrgeiz 
führt uns in die politische Laufbahn. Der Bürger dient 
seinem Lande am besten , der es am weitesten bringt. 

— ihr Heiden, ihr Heiden! rief ich; da stehen 
wir wieder mitten in der Skandalgeschichte Athens und 
Roms. Die erste Pflicht eines Christen , mein Lieber, 
ist demüthig zu bleiben, die Politik zu (liehen und sich 
nie in die Angelegenheiten seines Landes zu mischen, 
falls ihn nicht die Obrigkeit dazu zwingt. 

— Papa, das lehrt man uns nicht auf der Kanzel. 
Am letzten Sonntage erst wurde uns ein Papst genannt, 

9* 



132 



ich glaube Pius VII., der, allerdings als er noch Bi- 
schof war, das Wort sprach : Seid gute Christen, so wer- 
det ihr gute Bürger sein. Alle unsere Freiheiten stam- 
men aus dem Evangelium; man wiederholt uns ohne 
Unterlass, dass die christliche Sittenlehre zur Demo- 
kratie führt, das heisst zu brüderlicher Gleichheit und 
zur Achtung vor dem geringsten Individuum. Liebet 
euch untereinander , was will das anderes heissen, als 
dass der Stärkere den Schwächeren mit seinem Ver- 
mögen, mit seinem Rath, mit seiner Hingebung unter- 
stützen soll? 

Ich ergriff Henri beim Arm und sagte zu ihm: 

— Armes Kind, die Thorheit deiner Lehrer hat 
dich verblendet. Sieh' hin, wozu die Demokratie führt. 

Vor uns ging gemessenen Schritts ein Mann, der 
in einem hölzernen Futteral steckte. Auf dieser wan- 
delnden Anschlagsäule las man in grossen Buchstaben: 

Der Luchs 

demokratisches Tagblatt. 

Mitbürger! 

Hütet euch vor Intriganten und Dummköpfen!! 

GREEN J 

SMITH \ Die Entlarvung des lächerlichen Kleeblatts. 

HUMBUG I 

— Geben Sie mir den Luchs , sagte ich zu einem 
Zeitungsverkäufer. 

— Hier, mein Herr, antwortete der Mensch in 
heiterem Ton ; aber wenn Sie recht lachen wollen , so 
müssen Sie die Sonne oder die Tribüne lesen, da wer- 
den Sie erst sehen, wie das Kleeblatt gehörig herge- 
nommen ist. 



133 



Der Luchs genügte mir; ich öffnete das abscheu- 
liche Blatt. Green war mit feinem Spott überhäuft, 
Humbug erhielt derbe Wahrheiten; aber ich, grosser 
Gott, wie war ich behandelt? Welche Lügen! Welche 
Beleidigungen! Welche Greuel! 

Ich zerknitterte das erbärmliche Pamphlet, ich 
wollte es eben in den Koth werfen, wohin es gehörte, 
als ich an der Schwelle meines Hauses das heitere 
Antlitz und das unverschämte Lächeln Humbug's er- 
blickte. 

— Sie triumphiren, Herr Redacteur, rief ich und 
hielt ihm den Luchs unter die Nase. Wahlen sind für 
euch Festtage, das sind die Saturnalien der Verläum- 
dung ! 

— Mit der Verläumdung, sagte der Dicke, ist es 
wie mit dem Rothlauf: Tritt es heraus, so wird man 
gesund; tritt es zurück, so stirbt man daran. 

— Nur in euren Demokratieen werden solche 
Schändlichkeiten gedruckt! 

— Das glaub' ich! antwortete der Sophist, glück- 
lich, ein neues Paradoxon gefunden zu haben. In den 
Monarchieen der alten Welt hütet man sich wohl, die 
Verläumdung zu drucken; man flüstert sie sich ins 
Ohr; das ist perfider und sicherer. Man greift die 
Leute nicht von vorn an, denn sie würden sich ver- 
theidigen; man überfällt sie von hinten. Dort führen 
Intrigue und Lüge die unbestrittene Herrschaft und 
dort wird der Fürst das erste Opfer des Giftes, dessen 
Ausdünstung er verhindern will. Summa peüt livor. 
Die Verläumdung 4st die Pest und die Geissei des Des- 
potismus ; in einem freien Lande ist sie ein Wespen- 
stich , an den man Tags darauf nicht mehr denkt. 



134 



— Herr Philosoph, sagte ich trocken, lesen Sie 
diese Zeitung, es ist darin von Ihnen die Rede, 

— Ein Grund mehr, um sie nicht zu lesen. Es 
ist immer dasselbe Thema, acht oder zehn Substantiva 
mit einigen hochklingenden Beiworten; der Refrain ist 
immer derselbe. Wenn Sie so keck sind, den gelehri- 
gen Schafen nicht zu folgen, die von geschickten Hän- 
den geführt werden, oder wenn Sie es wagen, eine 
eigene Meinung und einen eigenen Willen zu haben, 
so gelten Sie als ein hochmüthiger Träumer und als 
ein ehrgeiziger Fanatiker. Sagen Sie Ihren Mitbürgern 
die Wahrheit, wollen Sie sie über die Voraussetzungen 
der Freiheit aufklären und gegen die Gefahren der 
Anarchie schützen, so sind Sie ein schändlicher Aristo- 
krat, ein knechtischer Verehrer des treulosen Albion. 
Denn wer dem Volk die Augen öffnet, verdirbt den 
Blindenführern ihr Geschäft und setzt ehrliche Leute 
aufs Trockene, die das niemals verzeihen. Sprechen 
Sie freimüthig, nennen Sie die Missbräuche und die, 
welche davgn leben, bei ihrem rechten Namen, so 
sind Sie ein Schmeichler der Masse und ein feiger De- 
magoge. Ironisches Lob, wenn es mit Ihrer Bewer- 
bung schlecht geht; gemeine Grobheit, wenn es gut 
geht; das ist das ewige Lied der Zeitungen und der 
Zeitungsschreiber, denen es an Selbstachtung fehlt. Es 
geht damit, wie mit den Drehorgeln, an denen nur die 
Kindsmägde und die Leute mit schlechtem Gehör Ge- 
fallen finden. Man muss Geduld üben gegen diese klei- 
nen Leiden des menschlichen Lebens. 

— Lesen Sie doch diesen Artikel, erwiderte ich un- 
geduldig; dann wollen wir sehen, wie weit Ihre Gut- 
müthigkeit geht. 

Im Parlour, wo wir glücklicherweise allein wä- 



135 



ren, begann Humbug die schmähliche Abhandlung zu 
lesen, während Henri nach Nachrichten ausging. 

— Green kann sich nicht beklagen, sagte der dicke 
Redacteur lachend. Nach der rauhen Manier, mit der 
er behandelt ist, kann man sehen, dass seine Aktien 
in der Stadt gut stehen. Auch die meinigen stehen 
nicht schlecht. Schamloser Falstaff ist nicht übel; trun- 
kener Silen, dem selbst sein Esel nicht fehlt, wenn der 
Doctor bei ihm ist, zeugt von einer mythologischen 
Kenntniss, die der Gelehrsamkeit des Verfassers alle 
Ehre macht. Das Alles aber ist das telum imbelle, sine 
ictu einer verlorenen Partei. 

— Warum hindert man diese Elenden nicht, so 
zu reden? 

— Doctor, haben Sie denn'den Stein der Weisen 
gefunden? Vorher wissen, was die Leute sagen wol- 
len ist eine Kunst, die man noch nicht entdeckt hat; 
alle Welt zu knebeln , ist das einzige Mittel, den Skan- 
dal zu vermeiden, der Sie so entsetzt; ein Kraftmittel, 
das die Leute tödtet, damit sie nicht schlecht leben. 
Ist das Ihre ärztliche Wissenschaft? Diese Schufte, 
werden Sie sagen, treiben gegen Bezahlung ein gemei- 
nes Handwerk; sie missbrauchen, sie prostituiren die 
Freiheit; das gebe ich zu, aber dieser Missbrauch darf 
uns nicht den Gebrauch unserer Rechte entziehen. Es 
gibt Frauenzimmer, die von dem Recht, auf der Strasse 
herumzulaufen, eine üble Anwendung machen; sollen 
wir deshalb unsere Frauen in einen Harem einschlies- 
sen? Es gibt Leute, die sich zum Vergnügen oder 
aus Trunkenheit umbringen; wollen Sie uns deshalb 
unter ein Regiment stellen, wie das Sancho's auf der 
Insel Barataria? Wollen Sie aus Furcht vor einem 



136 



Brande den Feuerstahl und die Zündhölzchen verbieten? 
Wollen Sie uns aus Furcht vor einem Mörder das erste 
Recht eines freien Volkes nehmen, das Recht, Waffen 
zu tragen? Jede Freiheit bringt die Möglichkeit des 
Missbrauchs mit sich ; jede Gewalt und jedes Werkzeug 
ebenso. Die Freiheit unterdrücken, um den Missbrauch 
zu verhindern, das Gute unterdrücken, um das Uebel 
zu beseitigen, heisst Gott selbst den Prozess machen, 
und ihm beweisen, dass er bei der Schöpfung nichts 
verstand. 

— Wenn ihr die Verläumdung nicht verhindern 
könnt, rief ich, so straft sie, sinnt auf schreckliche 
Strafen; behandelt den, der mir die Ehre raubt, wie 
den, der mir das Leben raubt. 

— Die Gerichtshöfe stehen Ihnen offen, antwortete 
Humbug, aber die Verachtung ist eine raschere und 
sicherere Justiz. Morgen werden Ihre Wähler Sie für 
die heutigen Schmähungen rächen. Steht es übrigens 
fest, dass man uns verläumdet hat? Ich meines Theils 
fühle mich gar nicht verletzt. 

— Dann weiss ich nicht, was Sie in den Adern 
haben , sagte ich und riss ihm die Zeitung aus den 
Händen. Hören Sie nur, wie ein anonymer Feigling 
einen Mann von meiner Stellung und von meinem Al- 
ter zu behandeln wagt; ich werde Ihnen dann zeigen, 
wie man solche Gemeinheiten züchtigt. 

Und mit einer vor Zorn bebenden Stimme las ich, 
was folgt: 

„Der Doctor ist ein dreifacher Dummkopf. Er ist ein Dumm- 
kopf von Geburt, den dreissigjahrige Studien noch dümmer ge- 
macht haben; es fehlte ihm nur noch ein Stückchen Ehrgeiz, um 
das bischen Verstand, das ihm die Arbeit gelassen hat, vollends 



137 



zu nehmen. Man kennt die Narrheit dieses Biedermannes, der 
nicht weiter sieht als seine Nasenspitze reicht. Ein einfältiger 
Bewunderer der Vergangenheit macht er das alte Europa zu sei- 
nem Ideal; er kennt nichts besseres als diese abgelebte Gesell- 
schaft, wo die romanische Tradition, wo der Despotismus der 
Verwaltung jede Unabhängigkeit und jedes Leben erstickt. Der 
gelehrte Smith, die Zierde zwanzig unbekannter Akademieen, 
hätte in seiner namenlosen Angst am Schöpfungstage sicher ge- 
schrieen : „Lieber Gott, halt ein; du wirst sonst das Chaos zer- 
stören !" 

Er gleicht den Bremsern auf den Eisenbahnen, die dem Zug, 
der sie fortführt, den Rücken drehen. Er sieht, er bewundert nur, 
was in dem Schatten der Vergangenheit verschwindet; er merkt 
nicht, dass sich hinter ihm eine neue Sonne und eine neue Welt 
erhebt , das Reich des Individuums , der Triumph der Freiheit. 
Eine solche Mumie soll in ihrem Raritätenkabinet bleiben und 
sich dort von Tölpeln bewundern lassen, wir werden ihn dort 
nicht stören; aber was sollen diese erloschenen Augen, dieser 
stumme Mund , dieser schwache Arm im hellen Lichte des öffent- 
lichen Lebens ? Unser junges nnd ruhmreiches Gemeinwesen braucht 
Männer unserer Zeit, Banquiers, die dem Fortschritte der Civili- 
sation dienen, indem sie täglich neue Unternehmungen und Ak- 
tien schaffen, Redner, die uns zu der glorreichen Bestimmung 
führen, welche die Zukunft für uns bewahrt. Lasset die Todten 
ihre Todten begraben; uns gehören die Herzen, die für jedes 
grosse sociale Streben offen sind, die Köpfe, die sich für die 
brennenden Fragen der Gegenwart erhitzen! Mögen Maulaffen 
und Feiglinge für ihre alten Götzen stimmen, unsere Candidaten 
sind Männer, um die uns Europa beneidet, der geschickte und 
grossherzige Banquier Little, der beredte und berühmte Fox! 

Morgen wird die Stimme des Volkes aus der Wahlurne her- 
vorgehen, wie der Donner aus der Wolke, und wird durch ganz 
Amerika den Wahlsieg der Demokratie verkünden. Es lebe Little ! 
Es lebe Fox!" 

— Bravo, sagte Humbug; Doctor, Sie sind getrof- 



138 



fen. Das ist eine hübsche Arbeit; kein Angriff auf Ih- 
ren Charakter, freilich etwas starke Scherze, aber bei 
alledem Schwung, Feuer, Feinheit, Beobachtungsgabe, 
ohne von dein modernen Styl zu reden. Der Bursche, 
der diese Tirade geschrieben hat, ist kein Dummkopf. 

— Kommen Sie mit mir ins Bureau des Luchs, 
erwiderte ich; Sie sollen sehen, wie ein dreifacher 
Dummkopf diesen geistreichen Burschen beohrfeigt; das 
ist eine Lehre, die er nöthig hat. 

— Sind Sie verrückt? rief der Dicke, indem er 
aufsprang. Wenn Jemand anders als ich Sie hörte, so 
würde man Sie zehntausend Dollars Caution stellen 
lassen oder Sie in Arrest schicken. Halten Sie uns für 
Rothhäute? Sind Sie ein Christ? In den Einöden von 
Arkansas gibt es Rasende, die mit der Pistole in der 
Faust streiten , in Massachusetts gibt es keine Rache 
als die des Gesetzes. Bei einem civilisirten Volke wird 
viel gesprochen und lebhaft gestritten; aber man er- 
mordet seinen Gegner nicht, und eben so wenig schlägt 
man sich mit ihm. 

— Wilde! rief ich aus, Ihr versteht nicht einmal 
etwas von Ehre. 

— Selbst ein Wilder, versetzte Humbug lachend. 
Wahrhaftig, Doctor, der Aderlass hat Sie toll gemacht 
Wie kann es der Sache der Gerechtigkeit und der Ver- 
nunft dienen, wenn man die Leute tödtet, oder sich 
von ihnen tödten lässt? -Ein Duell nützt nur dem Arzt 
oder dem Todtengräber. 

— Was machen Sie denn dann, wenn Sie feiger 
Weise von einem Winkelschreiber beleidigt werden? 

— Lieber Doctor, antwortete der schamlose Mensch, 
ich wiederhole ganz leise oder ganz laut ein türkisches 



139 



Sprichwort, dessen tiefe Weisheit ich Ihnen empfehle: 
„Wer sich damit aufhält^ Steine nach allen Hunden zu 
werfen, die ihn anbellen, wird niemals am Ziel seiner Reise 
ankommen" So, jetzt will ich für unsere Wahl sor- 
gen; thun Sie Ihrerseits desgleichen und suchen Sie 
recht rasch den Luchs und seine Rhetorik zu ver- 
gessen. 

Tu ne cede maus, sed contra audentior ilo. 
Adieu! 



Fünfzehntes Kapitel. 



Erinnerung an die ferne Heimath. 

Die Ankunft meiner Frau und meiner Kinder be- 
sänftigte meine üble Laune; sie brachten gute Nach- 
richten. Alfred und Henri hatten alle Versammlungen 
durcheilt und überall Beifall und Versprechungen ge- 
erntet; Jenny und Susanne hatten alle ihre Freundin- 
nen besucht. Zweihundert der angesehensten Damen 
der Stadt trugen meine Photographie um den Hals; 
meine Wahl war gesichert. 

Die Heiterkeit unserer einfachen Mahlzeit heilte 
vollends meine Wunden. Wir waren ein Herz und 
eine Seele. Meine Jenny war munterer als an der 
Taufe ihres Erstgebornen. Ich habe stets die Beobach- 
tung gemacht, dass die Frauen von Natur ehrgeizig 
sind; ein junger und schöner Mann, der nichts bedeu- 
tet, wird ihnen niemals lange gefallen können; aber 
ein alter Mann wird ihr süssestes Lächeln erhalten, 
wenn Vermögen oder Ruhm seine weissen Haare be- 
kränzen. Wenn die Liebe sich zu ^diesem berechtigten 
Ehrgeiz gesellt, dann wird die Frau im schönsten Sinne 
des Worts unsere andere Hälfte. Man lebt, man denkt, 



14 L 



man träumt zu zweien; das ist das vollkommene Glück 
auf Erden, ein Glück, das in Frankreich, wo die Mode 
den Frauen jeden Geschmack an ernsten Dingen, jede 
grossherzige Leidenschaft verbietet, fast unbekannt, 
aber in den vereinigten Staaten, wo die öffentliche Mei- 
nung sie zur Parteinahme auffordert, sehr gewöhnlich 
ist. Susanne war noch eifriger als ihre Mutter*, das 
war mein Blut! Sie sprach von nichts als von meiner 
Wahl. Freilich hatte sie Alfred zu einem meiner Wahl- 
männer gemacht, und wenn sie sich mit mir beschäf- 
tigte, beschäftigte sie sich auch mit ihm. 

Abends gab es eine neue Wahldemonstration. Die 
ganze Feuerwehr in Parade mit Musik an der Spitze 
zog mit Fackeln unter unseren Fenstern vorüber. Ihr 
folgten die jungen Leute der Stadt, in Uniformen und 
bunten Costümen, mit langen Stangen, an welchen farbige 
Laternen hingen. Mitten im Zuge zeigte eine unge- 
heure Fahne der erstaunten Menge ein Transparentbild 
mit zwei schwarzen Figuren, welche mit weissen Bün- 
deln unter dem Arm aus Flammen hervorstiegen. Die 
Namen Green und Smith, welche unter diesen Figuren 
angeschrieben standen, gaben der Höllenscene, die die 
Menge im Vorbeiziehen bejubelte, einen menschlichen 
Sinn. Die Frau und das Kind, die wir gerettet hatten, 
wurden in einem mit vier weissen Pferden bespannten 
Wagen, der ganz mit Lampen und Inschriften bedeckt 
war, im Zuge mitgeführt. Es war ein Triumphzug, 
ein wahrhaft eleusinisches Fest. Von allen Seiten hörte 
man Geschrei, Bravorufe, dazwischen auch manchmal 
ein Grunzen, das aber sofort von Hurrahs erstickt 
wurde. Die Gegner waren besiegt und durch die Schön- 
heit dieses Aufzuges in die Flucht geschlagen. Es war 
schwer für Little, mit solchen Wundern in die Schran- 



142 



ken zu treten. Was konnte er durch die Strasse füh- 
ren? — zu Grunde gerichtete Actionäre? Mit diesem 
alltäglichen Schauspiel verlockt man ein Volk nicht. 

Um zehn Uhr las Jenny aus der Bibel vor. Wir 
standen beim fünften Kapitel aus Daniel, das heisst bei 
der Geschichte des Königs Belsazar, und bei der Rä- 
cherhand, die auf die Mauer das Todesurtheil schrieb: 
Mene mene tekel upharsin. Das war für Martha eine 
schöne Gelegenheit zu prophezeien , die sie auch nicht 
versäumte. Wohl oder übel verglich sie mich mit Ne- 
bukadnezar und verdammte mich, zu wohnen unter 
den wilden Thieren und zu essen das Gras auf dem 
Felde wie ein Ochse, wenn ich jemals vergässe, dass 
der Allerhöchste eine unbeschränkte Macht hat über 
den Menschen, und dass er auf den Thron setzt, wel- 
chen er will. Für einen künftigen Strasseninspector 
schien mir die Lehre ein wenig stark; aber vielleicht 
braucht man gar nicht einmal König zu sein, um den 
Stolz und den Uebermuth Nebukadnezars zu theilen. 
Wer weiss, ob die assyrischen Beamten nicht noch 
hochmüthiger waren als ihr glorreicher Fürst? 

Ich verlachte die Sibylle; aber doch war ich durch 
diese Wahlbewerbung aufgeregt, und zu aufgeregt, um 
den Schlummer zu finden, ich stopfte daher, nachdem 
ich mein Zimmer erreicht hatte, eine Pfeife mit ausge- 
zeichnetem virginischen Tabak, setzte mich an's Fen- 
ster und suchte meine aufgeregten Sinne zu beschwich- 
tigen. 

Die Strasse war leer; der Mond, der mit seinem 
bleichen Licht die stummen, verschlossenen Häuser be- 
schien, erhöhte noch die geheimnissvolle Ruhe der 
Nacht; weithin schlief Alles; Alles schwieg. Das ein- 
zige Geräusch, welches diese allgemeine Stille störte 



143 



oder vielmehr nur noch bemerklicher machte, war das 
Tiktak einer schwarzwälder Uhr, die neben meinem 
Bett hing. Eingewiegt durch diesen einförmigen Ton, 
betäubt durch den Tabaksrauch, Hess ich meinen Träu- 
mereien freien Lauf, als plötzlich die Uhr sich belebte. 
Ein Knirschen der Walzen, ein Stöhnen der Räder und 
der Schnüre zeigte den Stundenschlag an. Ich erhob 
mich, um dieses Meisterwerk deutscher Uhrmacherkunst 
zu bewundern. Als ich hinzutrat, schüttelte ein bun- 
ter Hahn, der oben auf der Uhr sass, seine Flügel und 
krähte dreimal heftig. Unter dem Hahn sprang eine 
Thüre auf und zeigte mir Paris mit der Seine und dem 
Stadthaus von 1830. Lafayette, mit blonder Perrücke, 
blauem Frack und weissen Beinkleidern schloss gleich- 
zeitig einen Soldaten, einen Gendarm und eine dreifar- 
bige Fahne in seine Arme, auf der man in goldenen 
Buchstaben las: Freiheit, öffentliche Ordnung. Die Uhr 
schlug eilfmal und eilfmal schüttelte der brave Lafayette 
den Kopf und schwang seine Fahne; dann schloss sich 
die Thüre, der gallische Hahn schlug mit den Flügeln 
und krähte heftiger als vorher; dann verschwand die 
Erscheinung. 

Diese verlorene Erinnerung, dieses seit so langer 
Zeit vergessene Motto erweckte in mir die goldenen 
Träume meiner Jugendzeit. Wie schlug unser Herz im 
Jahre 1830! Arm und unwissend verstanden wir da- 
mals nicht, dass die Freiheit, wie jede Geliebte, ihre 
Liebhaber verräth und zu Grunde richtet. Freiheit, öffent- 
liche Ordnung, entsetzliche Worte, das Mene tekel der mo- 
dernen Zeit! Das ist das Räthsel, das die Sphynx der 
Revolutionen den Franzosen seit fünfzehn Jahren auf- 
gibt, stets bereit, den Oedipus zu verschlingen, der es 
nicht erräth. Freiheit und öffentliche Ordnung , sind das 



144 



nicht zwei tödtliche Feinde, die abwechselnd Sieger 
und besiegt einen endlosen Kampf fahren, dessen Ein- 
satz wir sind? Den einen Tag gewinnt die Freiheit 
die Oberhand und der Himmel hallt wieder von freudi- 
gem und hoffnungsreichem Jauchzen; aber unter der 
Maske dieser heiteren Gottheit triumphirt die Anarchie, 
die den Bürgerkrieg nach sich zieht, alle Rechte an- 
greift, alle Interessen bedroht und ein erschrecktes 
Volk mit Entsetzen erfüllt. Am andern Tage nimmt 
die öffentliche Ordnung den Platz ein mit dem Säbel 
in der Faust; sie bringt Frieden, stellt Ruhe her, bricht 
jeden Widerstand und gleitet bald durch ihre eigene 
Schwere dem Abgrund zu, in welchen jede Gewalt ver- 
sinkt, der Niemand rathen darf und die nichts hemmt. 
Woher kommt dieser ewige Schiffbruch, woher kommt 
es, dass seit siebenzig Jahren ein ehrliches, tapferes, 
geistvolles Volk, immer auf's neue unzufrieden und 
enttäuscht, nur Ruinen aufbaut? 

Und wie kommt es, dass in den vereinigten Staa- 
ten , wo die Freiheit alle Köpfe verdreht und wo Nie- 
mand von öffentlicher Ordnung spricht, der innere 
Friede niemals gestört wird? Warum gibt es in dieser 
stürmischen Demokratie, unter dieser sich selbst über- 
lassenen Menge, ohne Polizei, ohne Gendarmen, wa- 
rum gibt es hier keine Aufstände, keine Revolutionen? 
Amerika besitzt nicht gleich uns hunderttausend Be- 
amte in Reih' und Glied, keine bewunderungswürdige 
Verwaltung, die alles befiehlt, alles verbietet, alles lei- 
tet, alles anordnet; es besitzt nicht gegenüber dieser 
festgeschlossenen Organisation ein gelehriges Volk, das 
an Befehl, Verbot, Leitung, Anordnung gewöhnt ist; 
und doch ist es ruhig und glücklich. Die Freiheit, in 
ihrer vollen Ausübung vom Gesetz gewährleistet, in 



145 



ihren Ausschreitungen von der Rechtspflege bestraft, 
das ist die öffentliche Ordnung der Amerikaner. Ihr 
beschränkter Geist hat sich niemals zu jener bevor- 
mundenden Centralisation erhoben, die unsere Einheit 
und unseren Ruhm ausmacht. Bei diesem ursprüngli- 
chen Volk hat man die öffentliche Ordnung von der 
Freiheit nicht getrennt, man hat sie nicht personifizirt, 
man hat sie nicht mit furchtbaren Schranken und mit 
geladenen Kanonen umgeben. Keine Beamtenhierar- 
chie, keine Präventivpolizei, keine Verordnungen, keine 
Unverantwortlichkeit der Beamten, keine Ausnahmsge- 
richte, nichts von jener verständigen Mechanik, die bei 
den civilisirten Nationen jeden Widerstand bricht und 
jedes Individuum zermalmt. Das Gesetz allmächtig, 
der Bürger verantworlicher Herr seiner Handlungen, 
der Beamte ohne Vorrechte, die Verwaltung dem Spruch 
der Gerichte unterworfen, der Richter der einzige Er- 
klärer des Gesetzes, das ist das ganze System. Es ist 
von einer lächerlichen Einfachheit, nichts als Gesetze 
und Richter in diesem unentwickelten Staate, und doch 
überall Freiheit und überall Reichthum. Seltsamer Hohn 
des Geschicks, den unsere grossen Politiker noch nicht 
erklärt haben! Warum hat man den Amerikanern 
nicht schon zu beweisen gesucht, dass sie gegen alle 
Regel glücklich sind und dass sie uns um unsere Re- 
volutionen beneiden müssen? 

Unter diesen weisen Betrachtungen schlief ich ein. 

Ich weiss nicht, wie lange ich geschlafen hatte, 
als ich mich von einer kräftigen Hand heftig geschüt- 
telt fühlte. Neben mir an meinem Bett stand ein Gen- 
darmeriebrigadier. Dieser Anblick machte mir Spass. 
Ein Gendarm! Ich war in Frankreich, daran erkannte 
ich mein Vaterland. 

10 



146 



— Auf, auf, Herr Lefebure, rief mir der Brigadier 
mit einem gaskonischen Accent zu, der auf eine Meile 
weit bemerklich war. 

Ich betrachtete den liebenswürdigen Boten näher, 
sein Gesicht schien mir nicht unbekannt. Dieses Auge, 
diese Stimme, dieses sardonische Lächeln, es war mein 
Feind, der schreckliche Geisterseher Jonathan Dream. 
Beim Anblick dieses Verräthers verwandelte sich meine 
Freude in Schrecken. 

— Wer sind Sie? was wollen Sie? fragte ich. Mit 
welchem Recht dringen Sie Nachts bei einem friedli- 
chen Bürger ein? Mein Haus ist meine Burg. 

— Still, Bürger, antwortete der Gendarm. Sie ha- 
ben Unrecht, mit der Obrigkeit zu rechten, die ihre 
Handlungen niemals rechtfertigt, weil sie immer Recht 
hat. 

Darauf öffnete er seine Patrontasche und zog dar- 
aus einen Pack Stempelpapier hervor. 

— Nummer eins, begann er, an den Doctor Lefe- 
bure, redend mit ihm selbst in seiner Wohnung. Eine 
vorläufige Verwarnung wegen frecher Kritik der Ge- 
meindeverwaltung in einem öffentlichen Blatt aus An- 
lass des Strassenpflasters. 

— Das ist stark, rief ich. Statt einer Verwarnung 
hätte die Regierung Entschuldigungen an mich richten 
und das Pflaster ändern sollen. 

— Still, Bürger, versetzte der Soldat. Als Privat- 
mann läugne ich nicht, dass das Pflaster von geringer 
Güte ist; ich habe eben selbst zwei gestürzte Pferde 
vor Ihrer Thüre aufgehoben; aber als Gendarm muss 
ich Ihre Klage für ungeeignet und unzeitig erklären. 
Wenn mein Herr Oberst zu mir sagte: Brigadier, mor- 
gen Mittag ist es finster, so würde ich antworten: zu 



147 



Befehl, Herr Oberst, und ich würde den ersten Strassen- 
jungen, der behauptete, es sei hell, in Arrest stecken. 
Die Ordre sagt, dass das Pflaster gut ist; also ist es 
gut; und nur Uebel wollende brechen aus strafbarer 
Bosheit absichtlich den Hals. 

— Wie? sagte ich entrüstet, ich soll nicht das 
Recht haben, die Verwaltung zu kritisiren, wenn sie 
ihre Pflicht nicht thut? 

— Im Gegentheil, Bürger, versetzte der Brigadier, 
beklagen Sie sich immerhin; die französische Verwal- 
tung liebt den Tadel, aber man muss höflich mit ihr 
sein. Sie haben nicht um die Erlaubniss gebeten, sie zu 
kritisiren. Sie sind zu derb gewesen , lieber Freund. 

— Mein Tapferer, ich achte Sie, aber Sie haben 
eine Logik wie eine Patrontasche. Die Obrigkeit ist, 
wie ich glaube, für uns da und nicht wir für die Obrig- 
keit. 

— Riesiger Irrthum, mein Gutex, versetzte der 
Gendarm mit einer verächtlichen Miene, die mich em- 
pörte. Die Gehorchenden sind für die Befehlenden da, 
nicht die Befehlenden für die Gehorchenden. 

— Aber wir sind das Volk, wir sind Frankreich, 
wir sind das Land. 

— Das Land, mein Guter, sagte der hartnäckige 
Brigadier, besteht aus Marschällen, Generälen, Ober- 
sten, Hauptleuten, Lieutenants, Präfecten, Maires und 
anderen Uniformen, die ich hoch achte; das Uebrige 
ist ein Haufe von Rekruten und Steuerpflichtigen, die 
gehorchen und schweigen müssen .... 

— „Ohne Murren u , nicht wahr? ich kenne dieses 
Lied. Ach! wenn wir eine Justiz hätten! 

— Dann würden Sie keine Verwaltung haben, Bür- 
ger; Sie würden ein Irokese sein wie die Engländer 

10* 



148 



und andere Kannibalen, die thun, was sie wollen. Sie 
würden dann nicht die Ehre haben , ein civilisirter 
Mensch und ein Franzose zu sein. 

— Nummer zwei, fuhr er fort. An den genannten 
Lefebure, für die Keckheit, in eigener trauriger Ge- 
stalt von Haus zu Haus gegangen zu sein , eine Zu- 
stellung vom Herrn Präfecten, der ihn vorläufig seiner 
unentgeltlichen Functionen als Mitglied der Armenpflege 
entsetzt. 

— Die Wahlbewerbung steht Jedem frei, rief ich. 

— Ohne Zweifel, antwortete der Gendarm, aber 
nur mit Ermächtigung der Obrigkeit. 

— Nummer drei. An den besagten Lefebure, we- 
gen Vertheilung oder Vertheilenlassens von Wahlzet- 
teln mit seinem Namen oder mit dem Namen anderer 
gleich unbekannter und anstössiger Personen; Vorla- 
dung, von heute an in acht Tagen vor dem Herrn Prä- 
sidenten und den Richtern des Zuchtpolizeigerichts zu 
erscheinen, um sich daselbst wegen des Vergehens der 
Vertheilung unerlaubter Druckschriften zu verantworten. 

— Wie? ich darf an meine Wähler keinen Zettel 
vertheilen, der meinen Namen trägt? 

— Sie dürfen Alles, antwortete der Brigadier, aber 
nur mit Ermächtigung der Obrigkeit. Glauben Sie 
denn, wenn Sie nicht der geeignete Mann sind, dass 
die Obrigkeit in ihrer schutzreichen Bevormundung die 
Maulaffen eine Dummheit begehen lassen kann, welche 
schliesslich in Opposition ausarten würde? Wenn ich 
die Regierung wäre, ich würde Sie bis auf weiteres 
hübsch einsperren! 

— Nummer vier. An den besagten Lefebure, we- 
gen Vereinigung mit einer Schaar von Quidams zu ei- 
ner sogenannten Wahlversammlung, und wegen Bil- 



149 



düng einer geheimen Gesellschaft oder eines geheimen 
Vereins; Vorladung vor das besagte Gericht, um sich 
dort gemäss des Artikels 291 des Strafgesetzbuchs zu 
Gefängnissstrafe verurtheilen zu hören , vorbehaltlich 
alles weiteren. 

— Nummer fünf. An den besagten Lefebure, we- 
gen Anreizung seines minderjährigen Sohnes zu einer 
aufrührerischen Rede in der besagten Versammlung 
und zu Angriffen gegen die ehrenwerthe und achtbare 
Person des Regierungscandidaten Monsieur Petit; Vor- 
ladung vor das besagte Gericht als Urheber, Theilneh- 
mer und als civilverantwortlich für das besagte Ver- 
gehen, vorbehaltlich alles weiteren. 

— Wie? habe ich nicht das Recht, meine Wähler 
zu versammeln, und haben sie nicht das Recht zu er- 
fahren, was ihr Repräsentant denkt? 

— Sie haben alle denkbaren Rechte, aber immer 
nur mit Ermächtigung der Obrigkeit. Es wäre nicht 
übel, wenn in einer Kaserne die Soldaten ohne Erlaub- 
niss sich versammeln und schreien dürften! 

— Aber wir sind doch nicht in einer Kaserne. 

— Auf eine dumme Frage gehört eine dumme Ant- 
wort, erwiderte der Gendarm. Indess will ich mich 
herablassen, Bürger, Ihre tiefe Unwissenheit aufzuklä- 
ren. Jeder Franzose ist als Soldat geboren und war- 
tet nur auf das Kommando. Je mehr er kommandirt 
wird, desto zufriedener ist er. Man muss diesen Ge- 
horsam, der ihm Vergnügen macht, nicht stören wol- 
len. Wenn ich die Regierung wäre, ich liesse alle 
Schwätzer aufhängen, vorbehaltlich alles weiteren. 

— Nummer sechs. An den besagten Lefebure we- 
gen Veröffentlichung oder Veröffentlichenlassens von un- 
nützen und strafbaren Maueranschlägen; item wegen 



150 



Organisation oder Duldung eines revolutionären Auf- 
zugs und wegen Vorbereitung eines ordnungswidrigen 
Auflaufs, der ohne die Vorsicht und Aufmerksamkeit 
der stets wachsamen Polizei sicher zum Ausbruch ge- 
kommen wäre; Vorladung vor das besagte Gericht, um 
sich daselbst zur gesetzlichen Strafe verurtheilen zu 
hören, vorbehaltlich alles weiteren. 

— Um Gottes willen, Brigadier, um Gottes willen, 
Herr Gendarm! Ich bin das Opfer eines Irrthums! in 
Frankreich würde ich ohne Zweifel ein grosser Ver- 
brecher sein; aber wir sind in Amerika und da bin 
ich unschuldig. Was in Frankreich ein Verbrechen ist, 
ist in den vereinigten Staaten ein Recht. 

— Verschonen Sie mich mit Ihren Klagen, ant- 
wortete der herzlose Gendarm, und zog etwas aus sei- 
ner Tasche, das wie Handschellen aussah. Als Privat- 
mann bin ich nicht ohne Herz, aber in diesem Augen- 
blick bin ich das Organ des Gesetzes. 

— Dann ist das Gesetz ein Unsinn. 

— Still, Aufrührer; genug geschwatzt. Wenn man 
sie hört, sind alle Lumpe unschuldig wie neugeborene 
Kinder. Unschuldig oder nicht, du kommst mir ver- 
dächtig vor und zur Vorsicht lege ich Hand an dich. 

Mit diesen Worten ergriff er mich mit solcher Ge- 
walt am Arm, dass ich vor Schmerz laut aufschrie. 
Dieser Schrei weckte mich; Gott sei Dank, ich hatte 
geträumt! 

Um diesen entsetzlichen Alp abzuschütteln, zündete 
ich das Gas an. Entsetzen! ich bemerkte hinter dem 
Bett den Schatten eines drohenden Arms und jenen 
dreieckigen Hut, vor dem auch der Keckste erblasst. 

Erstarrt, mit bebendem Herzen, blieb ich bewe- 
gungslos wie ein Verbrecher, der sein Todesurtheil er- 



151 



wartet. In diesem Augenblick krähte der Hahn auf 
der Schwarzwälder Uhr, der Hahn, der die bösen Gei- 
ster der Nacht zum Fliehen bringt; ich kehrte mich 
gegen die Wand und .... brach in ein lautes Ge- 
lächter aus. Der Arm, der mich entsetzte, war mein 
eigener; der dreieckige Hut war nichts als der Schat- 
ten einiger gesträubter Haare. 

Ich löschte das Licht aus und sank auf mein Bett 
zurück, indem ich rief: — Gendarm, tapferer, braver 
Soldat, schlichtes und grossmüthiges Herz! Niemand 
repräsentirt besser als du die öffentliche Ordnung eines 
Volkes, das die Obrigkeit nur in Uniform und den Frie- 
den nur mit dem Schwerte in der Hand kennt! Du bist 
der Schrecken des Bettlers und Vagabunden, die Plage 
des Wilddiebs, das Gewissen des Gastwirthes und Wein- 
händlers, der Glaube und die Moral des Bürgers, die* 
rechte Hand des Herrn Maire, das Organ des Herrn 
Präfecten; Gendarm! ich achte und liebe dich. Aber 
verzeihe die Kühnheit meiner Phantasie. Ich wünschte, 
dass eines Tages das Elend kein Verbrechen mehr 
wäre; ich wünschte, dass die Polizei das Gute, das 
doch die Regel bildet, nicht verhindert, um das Uebel 
zu beseitigen, das nur eine Ausnahme ist; ich wünschte, 
dass die Freiheit in den Besitz aller Bürger zurück- 
kehrt und aus unsern Gesetzen alle Verbrechen ent- 
fernt, die es in Wirklichkeit nicht sind; ich wünschte 
endlich (Diener der Obrigkeit, zucke nicht die Ach- 
seln!), ich wünschte, dass die Justiz allein dir Befehle 
ertheilt, und dass dein Rächerberuf sich auf die Ver- 
folgung der Schurken und auf die Verhaftung der ge- 
setzmässig angeschuldigten Uebelthäter beschränkt! Ich 
weiss, Brigadier, wie sehr du über diese amerikanische 
Phantasie lachen wirst, die ich dem einundzwanzigsten 



lf>2 



Jahrhundert hinterlasse als einen Gedanken, der eines 
Tags noch meinem Namen Unsterblichkeit verleihen 
wird. Dann verlange ich , dass man mir in meiner 
Vaterstadt, in der Mitte der Anlage, die dann wahr- 
scheinlich an der Stelle meines Hauses und meiner 
Strasse steht, ein Standbild auf einer wasserlosen Fon- 
taine errichte und darauf die Inschrift setze: 

DEM TRAEUMER, 

WELCHER 

IM JAHRE 1862 FORDERTE, 

DASS DIE JUSTIZ ALLEIN 

UND LEDIGLICH AUF GESETZMAESSIGE ANKLAGE 

ZUR VERHAFTUNG VON BÜRGERN BERECHTIGT SEIN SOLLE 

DIE DANKBARE GENDARMERIE 

AM 14. JULI 2089. 

Und mein letztes Fünffrankenstück mit den Zinses- 
zinsen auf zwei Jahrhunderte vermache ich der Aka- 
demie der Wissenschaften, damit sie auf hebräisch, 
koptisch , sanscrit und syrisch einen Gedanken über- 
setzen lässt, den der Franzose in angeborener Schwä- 
che nie verstanden hat und dem seine Sprache Aus- 
druck zu geben unfähig ist: 

Sub lege libertas. 



Sechzehntes Kapitel. 



Die Wahl. — »er Sabbath. 

Endlich erschien er, jener bedeutungsvolle Sonn- 
abend, der fünfte April, der aus einem Pariser von der 
Chausee d'Anün ein Mitglied der Gemeindeverwaltung 
von Paris in Massachusetts machen sollte. Um sieben 
Uhr Morgens, im herrlichsten Wetter wurden einhun- 
dert und zwanzig Wahlurnen eröffnet Feierliche Ruhe 
herrschte. An der Thüre jedes Wahlbüreau sah man 
zwei lange Reihen von Wählern, die mit einer acht 
angelsächsischen Geduld und Zähigkeit den Augenblick 
für die Ausübung ihrer Souveränetätsrechte erwarteten. 
Die Streitigkeiten hatten aufgehört; die Feinde von ge- 
stern wechselten nur noch Scherzreden und Hände- 
drücke. Jeder beugte sich im voraus dem Beschlüsse 
der Mehrheit und behielt sich nur vor, nach einem 
Jahre Revanche zu nehmen. 

Schon Mittags waren die Wahlurnen geleert und 
das Resultat der Abstimmung verkündet. Green hatte 
116,735 Stimmen gegen 78,622, welche auf Little ge- 
fallen waren. Humbug erlangte 146,327 Stimmen, wäh- 
rend der unglückliche Fox nur 18,124 hatte; ich end- 



154 



lieh war ungeachtet der Beanstandung einiger Wahl- 
zettel durch gehässige Wahlausschüsse mit 199,999 Stim- 
men gewählt. Niemals war ein Strasseninspector von 
einer so imposanten Majorität ernannt worden. Der 
Eindruck war gross in Massachusetts, noch grösser in 
England. Da der Baumwollenpreis eben gestiegen 
war, erklärte die Times die Yankees für Wilde, bei de- 
nen Wahlen nur unter Pistolenschüssen vorgenommen 
würden und zog daraus den Schluss, dass die Demo- 
kratie eine unhaltbare Regierungsform sei. Der alte 
Pam nahm dies Thema im Parlament auf; er bewies 
den Engländern, dass sie das erste Volk der Welt wä- 
ren und dass Jonathan schon durch den Mangel eines 
erblichen Adels nicht bis an die Knöchel John Bull's 
reiche; John Bull verdaute diese etwas harte Wahrheit 
mit seiner gewöhnlichen Bescheidenheit und bewilligte 
dabei gern sein grösstes Budget. 

Der liebenswürdige Truth zeigte mir meine Ernen- 
nung an; er bedauerte sehr, wie er sagte, diese gute 
Nachricht dem Publikum nicht mehr mittheilen zu kön- 
nen; aber er hatte seit gestern seine Zeitung an Eugen 
Rose verkauft und zog sich von der Politik zurück. 

— Sie thun recht, sagte ich zu ihm. Ruhen Sie 
gründlich aus, Sie haben es nöthig. 

— Ausruhen ist kein amerikanisches Wort, antwor- 
tete er mir mit seinem sanften Lächeln. Jung oder alt, 
krank oder gesund arbeitet ein Yankee bis zum Tode; 
das ist Mannespflicht und Christenpflicht. Ich habe den 
Rath Humbug's befolgt, ich habe mich wieder den Stu- 
dien und Neigungen meiner Jugend zugewandt. Die 
congregationalistische Kirche in der Akazienstrasse hat 
mir die Stelle eines Predigers angeboten ; ich habe sie 
angenommen. Morgen trete ich mein Amt an. 



155 



— Gestern Redacteur, morgen Prediger! Sie sind 
ein Universalgenie, Sie wechseln Ihre Beschäftigung 
wie einen Rock. Was werden Sie in einem halben 
Jahre sein? 

— Was Gott gefällt, antwortete der neue Pfarrer. 
Wenn Humbug da wäre, der der Reihe nach Pflanzer 
im Westen, Soldat in Mexiko, Advokat in Philadelphia, 
Redacteur in Paris gewesen ist und morgen Richter 
sein wird, so würde er Ihnen mit einem seiner Lieb- 
lingscitate erwidern: 

Homo sum, humani nihil a me alienum puto. 
Sie selbst, Doctor, sind bis vor kurzem Gelehrter, vor- 
gestern Feuerwehrmann, gestern Wahlcandidat gewesen, 
heute sind Sie Strasseninspector, nächste Woche wer- 
den Sie wieder Arzt sein. Sie wechseln , wie mir 
scheint, Ihre Rolle leicht genug. Das ist einer der 
grossen Vorzüge unseres schönen Landes. Im alten 
Europa steckt man von der Geburt bis zum Tod in ei- 
nem einzigen Schauspieleranzug. Man ist sein ganzes 
Leben lang Soldat, Richter, Advokat, Kaufmann, Fabri- 
kant, niemals Mensch. Man hat nur die beschränkten 
Ideeen und Vorurtheile seines Handwerks. Bei uns ist 
der Stand, gleichviel welcher, nur das Oberkleid, das 
man nach Bedürfniss anzieht und ablegt; vor Allem 
und überall ist man Mensch. Hierin ruht die W^urzel 
jener Gleichheit, die unsern Ruhm und unsere Stärke 
ausmacht. Clay war Müller in Kentuck} 7 , Douglas und 
Lincoln waren Farmer in Illinois, der berühmte Gene- 
ral Banks war ein Spinnarbeiter; Alle sind sie grosse 
Männer geworden , weil sie gearbeitet und gelitten ha- 
ben. Wer sich nicht im Kampf mit dem Leben erprobt 
hat, weiss nicht, was er werth ist. Dieser Kampf ge- 
gen die Verhältnisse bildet den Willen und das Herz 



156 



aus. Die Aristokratie wird stets zarte, verfeinerte, 
kränkliche Menschen erzeugen. Den Emporkömmlin- 
gen gehört die Herrschaft über die Welt. Uns gehört 
die Zukunft! 

— Truth, Sie predigen ausgezeichnet. So lange 
Sie sprechen, fühle ich, dass Sie Recht haben; aber 
wenn Sie fort sind und ich meine Erinnerungen sammle, 
so erwecken mir ihre Theorieen Furcht. Wenn ich 
die Schwäche hätte, Sie länger anzuhören, so würde 
ich Alles vergessen, was mir meine Lehrer beigebracht 
haben. Gleichviel, morgen wollen wir Sie hören. Ein 
einfacher Christ, der zu seinen Brüdern spricht und 
ihnen in alltäglicher Sprache das Evangelium auslegt, 
das muss originell sein. Ich habe keine Vorstellung 
vom republikanischen Christentum. 

Im Augenblicke, -wo mich Truth verliess, holte man 
mich ab zur Einsetzung in mein neues Amt. Jenny, 
Susanne, Alfred und ich stiegen mit Martha, die ohne 
Zweifel meinen Stolz überwachen wollte, in einen schö- 
nen Wagen; Henri setzte sich neben den Kutscher, 
Zambo kletterte hinten auf; zwei kräftige Traber, wie 
man sie nur in Amerika sieht, brachten uns nach Mont- 
morency, dem Endpunkte meines Amtsbezirkes. Mehr 
als einmal mussten wir anhalten ; jeder Aufseher war 
au seinem Posten und erwartete den neuen Vorgesetz- 
ten; ich versicherte die braven Leute meines Wohl- 
wollens, während meine Frau und meine Tochter ihr 
liebenswürdigstes Lächeln verschwendeten. Wir waren 
wirklich zu Fürsten geboren. Das einzige, was mir 
auffiel, waren die Schranken, die ich unterwegs von 
Strecke zu Strecke antraf. Hieran erkannte ich die de- 
mokratische Knickerei, die sich jeden Dienst von denen 
bezahlen lässt, die davon Nutzen haben, um diejeni- 



157 



gen, welche davon keinen Gebrauch machen, um den 
gleichen Betrag zu entlasten; ich gelobte mir, diesen 
im alten Europa unbekannten Mis ( sbrauch abzustellen 
und überall der Gleichheit zum Siege zu helfen. Uebri- 
gens hielt dieser Aerger nicht Stich gegen die pracht- 
vollen Blumensträusse, welche die Zolleinnehmer und 
die Oberaufseher meiner Frau und meiner Tochter 
überreichten. Der Wagen glich einem Blumenkorbe ; 
wir verschwanden unter Blumen. Man empfing uns, 
wie Könige. Gute Leute, die gewiss nicht hebräisch 
verstanden , verglichen doch meine Susanne mit den 
Lilien des Feldes. Jenny, die vor Vergnügen fort- 
während erröthete, glich einer aufgeblühten Rose. 
Martha war eine Pfingstrose; man hätte glauben kön- 
nen, das Blut würde aus ihren hochrothen Wangen 
hervorbrechen. Sie schnaubte wie ein müder Stier im 
Pfluge. Weib, dein Name ist Eitelkeit! Ich selbst 
lag bequem ausgestreckt in einer Ecke meines Wagens 
und liess mich durch den Weihrauch meiner beginnen- 
den Popularität nicht betäuben ; aber im Innersten mei- 
nes Herzens fand ich "die Strassen bewunderungswür- 
dig und ärgerte mich über die elende Schindmähre, 
die vorgestern auf einem Pflaster gestürzt war, das 
von so galanten Aufsehern unterhalten wurde. 

Bei unserer Ankunft in Montmorency fuhr uns 
der Kutscher, ohne Befehl dazu erhalten zu haben, 
unmittelbar in den Gasthof zur Rose , zu dem Quaker 
Seth. Alfred und Susanne schienen vor den Augen 
dieses Freundes der Liebe nicht Gnade zu finden. Statt 
uns als Verliebte zu behandeln, liess er uns ein sehr 
schlechtes Mittagessen enorm theuer bezahlen. Ich re- 
klamirte; aber Bruder Seth verband mit seiner natür- 
lichen Habsucht den schlimmsten Fehler, den die Civi- 



158 



lisation hervorruft, er war Nationalökonom. Er hielt 
mir einen Vortrag in drei Abschnitten, um mir zu be- 
weisen, dass gut und billig leben das Elend der Völ- 
ker ohne Handel und ohne Industrie kennzeichne, wäh- 
rend die Theurung ein Beweis der vorgeschrittensten 
Civilisation sei, indem die Bevölkerung das Angebot 
vermindert und der Reichthum die Nachfrage vermehrt. 
Ein Tag werde kommen, wo nur noch der letzte Roth- 
schild im Stande sein werde, ein Ei zu bezahlen* die- 
ser Tag werde den Zenith des allgemeinen Wohlstan- 
des bezeichnen. Ich bezahlte, um wenigstens mit den 
Worten und der Zeit ökonomisch zu verfahren. Der 
Himmel bewahre mich vor einem Streite mit diesen 
Fanatikern, die nur eine fixe Idee haben! Ich kenne 
diese Nationalökonomen. Sie würden Frankreich, seine 
Arsenale, seine Marine, sein Heer, seinen Ruhm, seine 
Rechte dem Grosstürken ausliefern gegen das Verspre 

chen der Befreiung von der Fleischtaxe. 

Es war vier Uhr, als unser Zug den Weg nach 
Paris wieder einschlug. Zu meiner grossen Ueber- 
raschung verschluss man die Thüren und Fensterläden 
des Gasthauses mit eisernen Stangen, wie wenn das 
Haus wegen eines Todesfalls geschlossen wäre. Es 
war eine seltsame Art, die Annäherung des Sonntags 
zu feiern; aber in diesem Land, dem Widerspiel aller 
andern, darf man über nichts erstaunen. Freund Seth 
kam mit uns zur Stadt; er bestieg ein dickes Pferd, das 
er mit seinem ungeheuren Hute überschattete. Ihm 
zur Seite, auf einer grossen grauen Stute, trabte Mar- 
tha, hoch, aufrecht, steif wie ein Carabinier. Das wa- 
ren zwei Vorreiter, die unsern Triumphzug allen Vor- 
übergehenden ankündigten. 



159 



Bei der ersten Zollschranke fand ich den friedlichen 
Quaker im Wortwechsel mit dem Einnehmer. 

— Ich sage euch, rief der letztere, ihr kommt nicht 
vorüber, wenn ihr nicht den Zoll bezahlt. Ihr seid 
zwei, das macht vierundzwanzig Cents und nicht zwölf. 

— Freund, antwortete der Gastwirth, du hast Un- 
recht, dich so zu erhitzen; das ziemt weder einem ver- 
nünftigen Manne, noch einem Christen. Betrachte dei- 
nen Tarif und verlange nicht mehr von mir, als das 
Gesetz dir zu fordern erlaubt, sonst machst du dich 
eines Verbrechens der Erpressung schuldig. 

— Hier ist der Tarif, versetzte der Zöllner wü- 
thend ; lies ihn selbst, unerträglicher Schwätzer! Acht 
Cents für das Pferd, vier Cents für den Mann; ist das 
deutlich? 

— Ganz deutlich, sagte der Quaker; und ich rufe 
diese verehrten Herrschaften zu Zeugen, dass ich dir 
deine zwölf Cents bezahlt habe. 

— Und diese Frau? erwiderte der Einnehmer und 
zeigte auf Martha, die weiter trabte. 

— Nun, versetzte Seth mit unerschütterlichem 
Ernst, diese Frau ist kein Mann und ihre Stute ist kein 
Pferd; also ist sie dir nichts schuldig. 

Darauf ritt er im Galopp fort und liess den Zöll- 
ner mit offenem Munde stehen. 

— Hoffentlich, sagte ich zum Einnehmer, werden 
Sie ein Protokoll über diese Unverschämtheit aufnehmen. 

— Nein, Herr Inspector, antwortete er, wir wür- 
den nur verlieren. Das ist einer von den abgefeimten 
Schurken, die mit einem vierspännigen Wagen durch 
unsere Gesetze fahren, ohne hängen zu bleiben. Er 
hat den Buchstaben des Tarifs für sich. 



160 



— Aber der Geist des Gesetzes ist gegen ihn, er- 
widerte ich; seine Behauptung ist absurd. 

— Bei uns, Herr Inspector, antwortete der Bie- 
dermann , hat das Gesetz keinen Geist. Man kennt 
nur den Text. Wollte der Richter das Gesetz inter- 
pretiren, so würde er sich, sagt man, zum Gesetzge- 
ber machen; das Recht und die Ehre der Bürger hät- 
ten dann gar keine Garantie mehr. 

— Unwissende! rief ich. Nicht einmal das Abc 
jeder Gesetzgebung kennen sie! Wenn in einem Streite 
zwischen dem Fiskus und einem Privatmanne ein Zwei- 
fel besteht, muss nicht der Zweifel dem Fiskus zu gut 
kommen, der das allgemeine Interesse vertritt? 

— Niemals, versetzte der Zöllner. Man urtheilt 
immer zu Gunsten des Bürgers. Der Fiskus muss 
schon zweimal Recht haben, um seinen Prozess zu ge- 
winnen. 

Was soll man bei einer solchen Verwilderung ma- 
chen? Ich zuckte die Schultern und befahl dem Kutscher, 
weiterzufahren. 

Die Stadt schien wie ausgewechselt während mei- 
ner Abwesenheit. Die Strassen und Plätze waren leer; 
man sperrte die Strassen hinter uns durch grosse Ket- 
ten, welche die Circulation hinderten. Die Fenster bo- 
ten einen seltsamen Anblick; an allen Fensterbänken 
sah man Stiefel in Reih' und Glied, die Sohle den Vor- 
übergehenden zugekehrt, wenn es überhaupt Vorüber- 
gehende gegeben hätte. Indem ich ein Paar dieser 
Stiefel mit dem Auge verfolgte, gelang es mir endlich 
menschliche Beine, zuletzt einen Körper in umgekehr- 
ter Lage und eine Cigarre zu entdecken, deren bläu- 
licher Rauch zum Himmel stieg. Ich konnte mir nicht 
erklären, welches Vergehen man mit einer so quäl- 



161 



vollen Stellung bestrafte; von Zambo, den ich auf ge- 
schickte Weise ausfragte, erfuhr ich jedoch, dass es nur 
ein beliebtes Vergnügen sei. Jeden Sonnabend ver- 
sucht der Yankee sich auf diese Weise einen Schlag- 
anfall zuzuziehen und manchmal gelingt es ihm. Wie 
viel weiser sind wir Franzosen! Wir setzen uns höch- 
stens in einem Theater einem kleinen Erstickungsan- 
fall aus. 

Zu Hause empfand ich das Verlangen, diesen glück- 
lichen Tag fröhlich zu enden; ich bat Susannen und 
Henri, mir meine Lieblingsarie: Reich' mir die Hand, 
mein Leben aus Don Juan vorzusingen. Susanne sah 
mich an und erblasste. 

— Was hast du denn, liebes Kind? Bist du krank? 

— Nein, Papa, antwortete sie, dein Verlangen er- 
schreckt mich nur. Willst du die ganze Stadt unter 
unsere Fenster hetzen? Willst du unseren Ruf zu 
Grunde richten? Hast du vergessen, dass der Sabbath 
begonnen hat und dass nichts mehr die Ruhe des Herrn 
stören darf? 

— Lieber Gott, dachte ich, hat uns denn der Ver- 
räther Jonathan bei unserer Versetzung nach Amerika 
in Juden verwandelt? Entschuldige, liebes Kind, sagte 
ich zu Susannen, ich war zerstreut; die Ereignisse des 
heutigen Tags haben mir den Kopf verwirrt. Geh' in 
mein Studirzimmer und hole mir meinen grossen Hip- 
pokrates; ich würde mich gern durch etwas griechi- 
sche Leetüre erholen. Es gibt nichts erfrischenderes. 

Statt aller Antwort setzte sich Susanne auf meine 
Kniee, legte ihre Hand auf meine Stirn, küsste mich 
und sagte: — Armer Vater, wie müde muss er sein! 
Sieh, Mama, er vergisst ganz, dass man am Vorabend 
des Sabbaths nur die Bibel liest. 

11 



162 



Es war gewiss; ich war Jude, ohne es zu wissen. 
Dennoch empfand ich einige Zweifel, als ich beim Auf- 
schlagen der Familienbibel die Evangelien fand und im 
Evangelium Marci lesen konnte, dass der Sabbath für 
den Menschen gemacht ist und nicht der Mensch für den 
Sabbath. Diese Worte erweckten mein Nachdenken ; 
aber um Niemanden zu verletzen, behielt ich meine 
Gedanken für mich, Hess die beiden Frauen versenkt 
in ihre fromme Leetüre und stieg zum Garten hinab. 

Der Abend war schön, die Bäume breiteten ihre 
frische Laubdecke aus, die Sonne ging in einem Meere 
von Gold unter; Alles lud zum Träumen ein. Ich war 
müde, ich trat an den chinesischen Kiosk, warf mich 
auf den Divan und zündete eine Cigarre an. Neben 
mir stand ein leerer Gartensessel, ich legte meine Beine 
über die Lehne und bemerkte zu meiner Beschämung, 
dass die amerikanische Sitte doch ihr Gutes hatte. 

Hinter den Jalousieladen des Gartenhäuschens ver- 
borgen ruhte ich aus und heftete die Augen mechanisch 
auf Zambo, der in einer Ecke des Gartens Sandstein 
zerklopfte, um seine Messer zu reinigen. Der arme 
Bursche war ganz in sein Geschäft vertieft, als Martha 
aus der Küche stieg, wie eine Spinne, die auf eine 
Fliege lauert. 

— Sohn Harns, was machst du da? rief sie und 
entriss ihm den Hammer. 

— Ich zerschlage Steine, Fräulein Martha, wie Sie 
sehen. 

— Unglücklicher, rief sie, du brichst den Sabbath. 
Zambo floh mit kläglicher Miene; seufzend ging er 

an meinem Ruheort vorüber, und als er die Hauskatze 
bemerkte, die eben eine Feldmaus fing, sagte er: 

— Pascha, nimm dich in Acht; wenn du am Sab- 



bath Rattenjagd hältst, wird dich Martha am Montag 
hängen. 

Ich lachte noch über das dumme Gesicht des Ne- 
gers, als sich zwei Personen auf eine Bank vor dem 
Kiosk in meiner unmittelbaren Nähe niederliesen, so dass 
ich kein Wort von ihrer Unterhaltung verlor. Ich er- 
kannte den liebenswürdigen Seth, der die Einsamkeit 
des Sabbathabends benutzte, um der schönen Martha 
eine Rede zu halten. 

— Theure Schwester, sprach er mit komischem 
Ernst und indem er jedes seiner Worte betonte, es 
gibt drei Dinge, die stets meine grosse Verwunderung 
erregen. Erstens, dass die Kinder thöricht genug sind, 
mit Steinen und Stöcken nach den Bäumen zu werfen, 
um die Früchte herabzuschlagen; wenn die Kinder 
ruhig bleiben wollten, so würde ein Tag kommen, wo 
die Früchte von selbst herabfallen. Zweitens, dass die 
Menschen im allgemeinen und die Amerikaner im be- 
sonderen närrisch und boshaft genug sind, sich zu be- 
kriegen und zu tödten; wenn sie ruhig blieben, wür- 
den sie auf ganz natürliche Weise sterben. Drittens 
und letztens, dass die jungen Leute unvernünftiger 
Weise ihre Zeit damit verlieren, den jungen Mädchen 
nachzulaufen, die sie heirathen wollen; wenn sie zu 
Hause blieben und sich etwas verdienten, so würden 
die jungen Mädchen ihnen nachlaufen. Was sagst du 
dazu, Martha? 

— Seth, ich sage, dass du die Weisheit des Kö- 
nigs Salomo , aber auch seine Eitelkeit besitzest. 

— Martha, rief der Quaker mit zärtlicher Stimme, 
du besitzest ebenso viel Geist als Schönheit. 

— Seth, antwortete Martha aufgeregt, du denkst 
nicht, was du sagst. 

11* 



164 



— Und du, Martha, versetzte der Andere, sagst 
nicht, was du denkst. 

— Bravo, sagte ich leise, man liebt sich doch in 
Amerika. An diese Verwendung des Sabbaths hatte 
ich nicht gedacht. Dieses Krämervolk, das Alles be- 
rechnet und nur lebt, um sich zu bereichern, hat sich 
einen Tag wöchentlich zu unfreiwilliger Ruhe verur- 
theilt, um an diesem Tage der Jugend und der Liebe 
seine Schuld abzutragen. Wollen wir sehen, wie Seth 
seine Erklärung macht. 

Nach tausend Umwegen kam der verliebte Quaker 
endlich zu dem Wort, das allem Anschein nach schon 
lange erwartet wurde. 

— Martha, sagte er und stiess einen langen Seuf- 
zer aus, Martha, liebst du mich? 

— Seth, antwortete die gute Christin, ist es uns 
nicht geboten, uns unter einander zu lieben? 

— Ja , Martha ; aber ich frage dich , ob du für 
mich etwas von jenem besonderen Gefühle empfindest, 
welches die Welt Liebe nennt? 

— Ich weiss nicht, was ich antworten soll, stam- 
melte die schüchterne Taube; ich habe immer versucht, 
alle meine Brüder in gleicher Weise zu lieben; aber 
wenn ich es dir gestehen soll, Seth, so habe ich oft 
bei der Einkehr in mein Innerstes bemerkt, dass du 
bei dieser allgemeinen Liebe mehr als deinen Antheil 
bekommst. 

Das Geständniss war gemacht, es war kein Rück- 
tritt mehr möglich; ich glaubte einen derben Kuss zu 
hören, der die Verlobung besiegelte, als plötzlich Martha 
einen schrecklichen Schrei ausstiess und auf die Bank 
sprang. Ein riesiger Hund, ein Neufoundländer , hatte 
sich zwischen das verliebte Paar gestürzt. Ich erhob 



165 



mich und bemerkte im Schatten Zambo's weisse Zähne. 
Der Schelm lachte laut auf; er hatte, um sich an der 
Quakerin zu rächen, die Hausthüre geöffnet und den 
lästigen Gast auf Martha gehetzt, der sie so erschreckt 
hatte. 

Ich hatte wenig Vorliebe für den Quaker, aber 
ich konnte doch nicht umhin, seine Festigkeit und Sanft- 
muth zu bewundern. Weit entfernt, sich vor dem 
Hunde zu fürchten, rief er ihn zu sich, zog aus seiner 
Tasche ein Stück Zucker und gab es dem Thiere, das 
seinen Liebkosungen gern folgte. 

— Freund, sagte der fromme Mann zu dem Hunde, 
der ihn schweifwedelnd betrachtete, du hast mir den 
süssesten Augenblick meines Lebens gestört; ein An- 
derer als ich hätte dich geschlagen oder getödtet, er 
hätte recht daran gethan; ich werde dir den Unter- 
schied zwischen einem Quaker und einem gewöhnli- 
chen Menschen zeigen. Statt jeder Rache werde ich 
mich damit begnügen, dir einen hässlichen Namen zu 
geben. 

Hierauf lockte Seth den Hund, der ihm nachsprang, 
um ein neues Stück Zucker zu erhalten, und führte 
ihn vor die Thüre; dann schloss er plötzlich das Git- 
ter und schrie aus vollem Halse: — Ein toller Hund! 
ein toller Hund! 

In einem Augenblicke waren die Stiefel von den 
Fenstern verschwunden; Tausende von Köpfen betrach- 
teten drohend den Feind; Steine, Stöcke, Stühle fielen 
wie Hagel auf das Thier; ein Schuss streckte es nie- 
der, bevor es am Ende der Strasse war; es fiel, um 
sich nicht wieder zu erheben, indem es ein Geheul aus- 
stiess, das mir tief ins Herz .schnitt. 



166 



Ausser mir vor Wuth ergriff ich Seth am Kragen 
und warf ihn vor die Thüre. 

— Elender, rief ich, wer hält mich jetzt ab, zu 
rufen: ein toller Quaker^ um dich niederstrecken zu 
lassen, wie dieses arme Thier? 

— Freund Daniel, antwortete Seth, indem er sei- 
nen Hut von der Strasse auflas, ich werde dich zu fin- 
den wissen. 

Kühl ging er weg. 

— Gehen Sie in Ihr Zimmer, Mamsell, sagte ich 
zu Martha. Was thun Sie um diese Zeit im Garten? 

— Ach Gott, Herr, nichts Böses, sagte sie schluch- 
zend; ich suchte einen Schwiegersohn für meine Mutter. 

Ich erstickte fast vor Zorn. — Wie viele Leute, rief 
ich, nennen sich und dünken sich vielleicht tugendhaft, 
die es machen, wie dieser feige Heuchler! Man ist 
stolz darauf, ein ehrenwerther und frommer Mann zu 
sein, weil man seinen Feind nicht anrührt, aber man 
entledigt sich seiner dadurch, dass man ihm einen 
hässlichen Namen gibt. Verleumdung! Verleumdung! 
du bist die Form des Meuchelmords bei den Völkern, 
die sich mit ihrer Civilisation brüsten. Schmach den 
Elenden, die sich dieser vergifteten Waffe bedienen, 
und wäre es auch nur, um einen armen Hund zu 
tödten ! 

Erschöpft durch dieses Selbstgespräch legte ich 
mich zu Bett und dachte an den trübseligen Tag, den 
mir die Freuden des morgigen Sabbaths in Aussicht 
stellten. Wie sehnte ich mich nach der frischen Fröh- 
lichkeit der Pariser Sonntage! 

— Franzosen, rief ich, liebenswürdiges, ritterliches 
Volk, lasst diese derben Nationen sich ihrer fieberhaf- 
ten Industrie und ihrer ermüdenden Freiheit rühmen. 



167 



Verschliesst euer Ohr den wilden Demokraten, den 
melancholischen Träumern, die aus euch, wenn ihr auf 
sie hörtet, die Nebenbuhler der Engländer und Ameri- 
kaner machen möchten. Freunde des Weins, des Ruhms 
und der Schönen, euerLoos ist besser. Lasst die Herr- 
schaft der Welt diesen bleichen Arbeitern, die das Le- 
ben ernsthaft auffassen; behaltet euren unverbesserli- 
chen liebenswürdigen Leichtsinn. Unterhaltet euch, Fran- 
zosen; treibt Krieg und Liebe; vergesst die Welt und 
die Politik; — wenn ihr nachdenken würdet, könntet 
ihr nicht mehr lachen! 



Siebenzehntes Kapitel. 



Reise nach einer Kirche. 

Mit Tagesanbruch erhob ich mich. Ein Mann in 
öffentlicher Stellung muss ein gutes Beispiel geben und 
ich wünschte sehr, dass die Yankee's den Eifer und die 
Wachsamkeit ihres neuen Aedilen bewundern möchten. 
Mein Spaziergang war lang. Das Pflaster gehörte ja 
mir. Mit eifersüchtigem Blick folgte ich allen Vorüber- 
gehenden, die wie Enten in einer Reihe hintereinander 
hergingen und die eine Furche in meine Trottoirs zu 
ziehen drohten. Auf der Strasse herrscht noch Anar- 
chie; jeder geht, wohin und wie er mag; das ist ein 
Scandal, ich begreife nicht, warum man kein Gesetz 
gibt, das den Leuten auferlegt, nach Vorschrift der Re- 
gierung zu gehen. Es würde Frankreich, dem Staate 
der Ordnung und des Anstandes, wohl anstehen, die- 
sen letzten Missbrauch zu beseitigen. 

Als ich mich meinem Hause wieder näherte, be- 
merkte ich Zainbo. Er war in Schwarz gekleidet, wie 
ein Gentleman und trug Weste, Halsbinde, Strümpfe und 
Handschuhe von blendender Weisse, so dass er ganz 
scheckig aussah. Schon von weitem, sobald er mich 



169 



erkannte, lief er auf mich zu und schwang ungeduldig 
seine Arme. 

— Massa, schrie er, Alles ist in der Kirche; eilen 
Sie, Sie kommen zu spät. 

Zugleich gab er mir ein dickes Buch in Lederein- 
band und mit silbernen Schliessen in die Hand. 

— Sind die Damen in der Messe? fragte ich. 

— In der Messe! erwiderte er mit erstaunter Miene. 
Meine Herrin ist eine Christin. 

— Dummkopf! sind die Katholiken vielleicht Tür- 
ken ? 

— Massa, Massa, man sagt, dass die Papisten wie 
die Heiden in Afrika sind, sie haben Woduhs. 

— Was ist das, ein Woduh? 

— Massa, das ist ein kleiner Gott, den man sich 
selbst macht und der nicht der wahre Gott ist. 

— Seid ihr wirklich einfältig genug, um zu glau- 
ben, dass die Katholiken Fetische anbeten? Das ist 
etwas, was allenfalls gut ist für euch Wilde vom Se- 
negal. 

— - Massa, erwiderte er, die Papisten beten Bild- 
säulen an; ich habe sie davor auf den Knieen liegen 
sehen. 

— Und du hast nicht begriffen, dass man nicht die 
Steine anbetet, sondern die Heiligen, deren Bild sie 
sind? 

— Ich bin kein Gelehrter, Massa, sprach der Ne 
ger mit zerknirschter Miene; aber der Prediger, der 
Alles weiss, ermahnt uns oft, es nicht zu machen wie 
die Papisten, welche Götzenbilder anbeten. 

— Pfaffen, rief ich, ihr seid überall die nämli- 
chen! Nichts ist leichter, als den katholischen Glau- 
ben zu begreifen , man braucht nur einen Katechismus 



170 



aufzuschlagen; aber der Hass will keine Aufklärung; 
er will lieber die grösste Gemeinschaft der Erde belei- 
digen. Fahrt nur fort in. diesem abscheulichen Werk, 
das eures Vaters, des Teufels, würdig ist. Wir Katho- 
liken, eure Opfer, werden keine Vergeltung durch Ver- 
läumdung üben. Uns genügt die Wahrheit. Jeder- 
mann weiss, dass Luther und Calvin zwei Verbrecher 
sind , die aus Ehrgeiz und Lüsternheit den menschli- 
chen Geist verderbt haben, indem sie ihn mit dem 
Rausche des Hochmuths und der Freiheit erfüllten. Die 
Lüge hat die Reformation erzeugt; die Reformation hat 
die Philiosophie erzeugt; die Philosophie hat die Revo- 
lution erzeugt; die Revolution hat die Anarchie erzeugt; 
die Anarchie hat .... 

— Massa, sagte Zambo, unfähig, meinen heiligen 
Zorn zu begreifen; wenn die Papisten Christen sind, 
um so besser; es soll mir ganz lieb sein. 

— Wie so, um so besser? 

— Weil Jesus Christus für Alle gestorben ist, die 
ihn anrufen; er wird die Papisten erlösen wie die an- 
dern Christen. 

— Freund Zambo, sagte ich zu ihm mit souverae- 
n er Geringschätzung gegenüber solcher Einfalt, du wirst 
niemals ein Theologe werden. Geh' in deine Kirche; 
ich will dich nicht aufhalten. Aber wo sind meine Frau 
und meine Tochter? 

— Meine Herrin, antwortete er, ist in der Episko- 
palkirche bei der übrigen vornehmen Welt. Das Fräu- 
lein ist im Bethaus der Presbyterianer. 

— Mit ihrem Bruder wahrscheinlich? 

— Nein, Massa, mit dem jungen Herrn Rose. 
Herr Henri ist in der Kirche der Baptisten. 



171 



— Bravo, rief ich und stiess einen Seufzer aus; 
und du, Zambo, gehst jetzt ohne Zweifel zu Martha? 

— Nein, nein, Massa, rief er; Martha ist Dunke- 
rianerin, ich bin Methodist. Wir armen Neger, die 
von den Weissen aus ihren Gotteshäusern zurückge- 
wiesen werden, gehören alle derselben Religion an. 

— Ich verstehe, ihr habt eine schwarze Kirche und 
ein farbiges Christenthum. Geh' mein Freund, und 
bete Christum nach deiner Manier an. Unter diesen 
feindlichen Sekten, die sich um die Fetzen des Evan- 
geliums reissen , wird der Herr die Seinen erkennen. 

Zambo entfernte sich eilig, ich ging langsam und 
gesenkten Hauptes weiter. Die Entdeckung, die ich 
soeben gemacht hatte, schlug mich nieder. Mein Haus, 
mein Zufluchtsort in allen meinen Leiden, war also ein 
Babel, eine Höhle aller möglichen Ketzereien. Der 
Mann Katholik, die Frau Anglikanerin , die Tochter 
Presbyterianerin, der Sohn Baptist, die Magd Quakerin, 
der Diener Methodist; jeder hatte einen verschiedenen 
Glauben und entgegengesetzte Hoffnungen ! Welche 
Verwirrung! Welche Anarchie! Das war die Hölle im 
eigenen Haus! Und doch liebte mich Jenny leiden- 
schaftlich, die Kinder waren nur in unserer Nähe glück- 
lich, die Dienstboten achteten mich ; ich sah nur glück- 
liche und zufriedene Gestalten um mich. Jeder las die 
Bibel nach seiner Manier, jeder hatte seinen besonde- 
ren Glauben und doch gab es keinen Streit. Nirgends 
Einheit, aber überall Liebe und Eintracht. Das war 
ein Widerspruch gegen die Ideeen meiner Kindheit, ein 
Geheimniss, das meinen Verstand verwirrte. 

— Nein, dachte ich, ich kann diese sittliche Un- 
ordnung nicht dulden. Dieser Friede ist nur ein Trug- 
bild; diese Blumen verbergen mir nur den Abgrund. 



172 



Wenn das fortdauert, bin ich verloren. Ich verlange, 
dass bei mir Alles denkt wie ich oder schweigt; ich 
verlange Gleichförmigkeit. Gleichviel, ob ich nur ein 
mittelmässiger Christ bin, Katholik bin ich mit Leib 
und Seele. In Kirche, Staat und Familie darf nur ein 
Gesetz, nur ein Wille herrschen. Nötigenfalls werde 
ich heilsame Strenge anwenden; ich werde meine Frau 
einschüchtern, meine Kinder bedrohen, meine Dienst- 
boten fortjagen; ich werde Alles opfern, um Gehorsam 
oder Stillschweigen zu erzwingen. Ich bin Franzose, 
es lebe die Einheit! 

Unter diesen weisen Gedanken verstrich die Zeit. 
Es schlug zehn Uhr, als ich die Akazienstrasse betrat, 
eine endlose Strasse, die an Majestät und Länge der 
rue de Rivoli nichts nachgab, nur mit dem Unterschiede, 
dass alle hundert Schritte ein griechischer, byzantini- 
scher oder gothischer Bau seinen Thurm oder seine 
Kuppel stolz zum Himmel erhob. In einem Lande, wo 
sich jeder seine eigene Religion macht, ist es natür- 
lich, dass man bei jedem Schritt auf eine Kirche stösst. 

Es war nicht leicht, sich in diesem Labyrinth zu- 
recht zu finden. 

Ich wendete mich an eine gute Frau, die mit ei- 
nem Buche in der Hand an mir vorüberging, und bat 
sie, mir die Kirche der Congregationalisten zu zeigen. 

— Nichts leichter als das, lieber Herr, antwortete 
die Alte mit liebenswürdigem Lächeln. Sie ist ein we- 
nig weit von hier, aber mit meinen Anweisungen kön- 
nen Sie nicht fehlgehen. Achten Sie nicht auf die Kir- 
chen zu Ihrer Linken; die Kirche der Congregationali- 
sten ist rechts. Zählen Sie die Thürme, dann können 
Sie sich nicht irren. Die erste Kirche, fuhr sie fort 
mit der Geläufigkeit einer Frau, die ihren Rosenkranz 



173 



ableiert, ist Sankt- Paul, die katholische Kirche, die 
zweite das Kloster der Ursulinerinnen, die dritte die 
bischöfliche Kirche, die vierte das Kapuzinerkloster, 
die fünfte gehört den Baptisten, die sechste den hol- 
ländischen Reformirten , die siebente den Lutheranern, 
die achte den schwarzen Methodisten, die nennte ist 
die jüdische Synagoge, die zehnte der chinesische Tem- 
pel. Sie können ihn dort oben mit seinem doppelten 
Dach und seinen Glöckchen sehen. Sind Sie einmal 
dort, so brauchen Sie nur noch etwas weiter hinabzu- 
gehen ; Sie kommen dann zu den Mennoniten, nach den 
Mennoniten zu den deutschen Reformirten, nach den 
deutschen Reformirten zu den Quakern, nach den Qua- 
kern zu den Presbyterianern, nach den Presbyterianern 
zu den mährischen Brüdern, nach den mährischen Brü- 
dern zu den weissen Methodisten, nach den weissen 
Methodisten zu den Unitariern, nach den Unitariern zu 
den Unionisten, nach den Unionisten zu den Dunkeria- 
nern. Zählen Sie dann vier Kirchen weiter, erstens die, 
welche sich die christliche Kirche schlechthin nennt, dann 
die freie Gemeinde, dann die Swedenborgische Kirche 
und endlich die der Universalisten, das macht im Gan- 
zen dreiundzwanzig Kirchen und Bethäuser; das vierund- 
zwanzigste Gebäude, das ungefähr in der Mitte der 
Strasse liegt, ist dann die congregationalistische Kirche. 

Nachdem sie mir, ohne Athern zu holen, dieses 
Kyrie hergesagt hatte, machte sie mir eine Verbeugung 
und setzte ihren Weg fort. 

— Bei Gott! dachte ich, wenn der Teufel einmal seine 
Religion verlöre (ich vermuthe nämlich, dass man in 
der Hölle irgend eine Art von Glauben an Gott hat), in 
dieser Strasse müsste er sie wiederfinden. In diesem 
Lande muss das Kultusministerium kein Ruheposten 



174 



sein! In Frankreich, wo der Staat nicht mehr als vier 
Religionen umfasst (ich zähle Algier nicht mit) , hat 
die Regierung schon mitunter schwierige Momente; 
aber wie soll man hier das Budget vertheilen und Ord- 
nung stiften zwischen dreissig Kirchen, von denen jede 
nach einer anderen Seite zieht und die ohne Zweifel 
sich auf die christlichste Weise gegenseitig verketzern? 
Das ist ein Problem, dessen Lösung ich mir nicht zu- 
traue. Es lebe Spanien! Das ist ein der Tradition 
treues Volk, das die richtigen Prinzipien bewahrt hat. 
Das Land gleicht einem Schachbrett, wo Alles sein be- 
stimmtes Feld hat, wo Leib und Seele in gleicher und 
einheitlicher Weise regiert werden. Dank der Ehe zwi- 
schen Kirche und Staat ist Alles leicht. Es gibt Bi- 
schöfe, wie es Präfecten, Pfarrer, wie es Gemeinde- 
vorsteher gibt; geistliche und weltliche Beamte haben 
ihren bestimmten Platz in dem nämlichen Rahmen und 
halten mit einander gleichen Schritt. Geburt, Taufe. 
Erziehung, Communion, Conscription, Beichte, Steuern, 
Presse, Tod, Begräbniss, Alles steht in Verbindung. 
Die Kirche ist Obrigkeit, die Obrigkeit ist Kirche; man 
excommunizirt Deserteure und Zeitungsschreiber, man 
schickt dafür die Ketzer auf die Galeeren. Das Volk 
wird durch Sanftmuth oder Gewalt in ewiger Kindheit 
und ohne jede Einmischung seiner Seits dem Ziele zu- 
geführt, das man ihm gewählt hat, ohne es zu fragen. 
Eine bewunderungswürdige Politik, die das Glück der 
Christenheit ausmachte, bevor der abscheuliche Luther 
mit einem Schlage die kirchliche und bürgerliche Frei- 
heit entfesselt hat, diese doppelte Pest, von der die 
Welt nie mehr genesen wird! Seitdem man die Men- 
schen selbst für ihre Seele und für ihr Leben sorgen 
lässt, gibt es weder Religion noch Regierung. 



175 



Inzwischen war ich ans Kloster der Ursulinerinnen 
gekommen; ich trat hinein. Den Kultus meiner Hei- 
math wiederfinden, hiess mich Frankreich nähern, von 
dem ein neidisches Geschick mich ferne hielt. Die 
Kirche ist ein zweites Vaterland, aus dem es wenig- 
stens keine Verbannung gibt. 

Die Kapelle war klein, aber reich ausgeschmückt; 
im Hintergrund hielt eine Madonna aus Marmor unter 
einem Baldachin von rothem goldgesticktem Tuch das* 
Jesuskind in ihren Armen und betrachtete es mit der 
unaussprechlichen Zärtlichkeit der Jungfrau, die den 
Erlöser geboren hat. Seltene Pflanzen, frische Blumen, 
bunte Fliedergarben umgaben den Altar, der von Licht- 
glanz strahlte, majestätische Tonwellen rauschten von 
der Orgel hernieder, der Weihrauch erhob sich in dich- 
ten Wolken, die ein Sonnenstrahl durchbrach, und hin- 
ter einem Gitter, das ein Vorhang verschloss, sangen 
Nonnen und junge Mädchen mit sanfter und feierlicher 
Stimme: Inviolata , integra et casta es, Maria. Einen 
Augenblick sah ich wie im Traum meine verschwun- 
dene Jugendzeit, meine fernen Freunde wieder; ich 
fiel auf die Kniee und weinte. Nein, eine Religion, 
die durch die Sinne zürn Herzen dringt, ist kein Götzen- 
dienst; warum sollte nicht unser Leib so gut wie un- 
sere Seele dem Herrn dienen? 

Ich verliess das Kloster und trat einige Schritte 
weiter in die bischöfliche Kirche. Es war auch die ka- 
tholische Messe, aber Vortrag und Gesang waren we- 
niger gut; nach der Liturgie bestieg ein Geistlicher eine 
grosse Tribüne, unter dem Arm trag er ein dickes 
Heft, das er vor sich legte und langsam aufschlug. Es 
war ein Predigtbuch für alle Sonn- und Festtage des 
Jahres. 



176 



Als der Prediger den Vortrag gefunden hatte, den 
er suchte, setzte er seine Brille auf urid fing an, unter 
der tiefsten Aufmerksamkeit der Versammlung in ein- 
förmigem Tone vorzulesen. Der Gegenstand, den er 
gewählt hatte, war die Menschwerdung Christi und 
seine Anwesenheit in Brod und Wein beim Abendmahl, 
eines jener Geheimnisse, an denen der menschliche 
Verstand verzweifelt und vor denen der Gläubige sich 
»nur beugen kann. Aber nichts ist für die Kühnheit ei- 
ne's Theologen zu gross; mit einem Bibeltext, einer De- 
finition und zwei Syllogismen würde er dem heiligen Pau- 
lus widersprechen und den Glauben selbst vernichten. 

Nach dem in der Kirche herrschenden Stillschwei- 
gen zu urtheilen, waren die Zuhörer sehr erbaut. Jenny 
heftete ihre Augen fest auf den Vorleser und verlor kein 
Wort; man hätte glauben können, dass sie auch die 
lateinischen, griechischen und selbst hebräischen Citate 
verstünde, mit denen dieser Vortrag gespickt war; ich 
hätte nie geglaubt, dass die Scholastik so grosse An- 
ziehungskraft besitzt. Ich meines Theils ging schon 
nach dem ersten Abschnitt fort; mich entsetzen diese 
unfruchtbaren Streitereien. Wer mir beweisen will, 
was unbeweisbar ist, macht mich zum Skeptiker. Ich 
lasse das Geheimniss gelten; denn es umgibt mich von 
allen Seiten. In der Natur wie in meiner Seele fühle 
ich die Unendlichkeit, die mich überragt; aber mein 
Verstand sagt mir, dass ich sie nur fühlen und nicht 
erkennen kann, ich, der ich nur ein in der Unendlich- 
keit verlorenes Atom bin. Ich kann die Hand, die 
mich und alle Welten aufrecht hält, nicht sehen; aber 
ich vertraue auf sie und ich bete sie an. Gott verlangt, 
indem er sich uns offenbart, nicht, dass wir ihn ver- 
stehen; er will nur, dass wir ihn lieben. 



177 



Als ich bei den Methodisten vorüberging, dachte 
ich an Zambo und trat aus Neugier ein. Die Ver- 
sammlung war zahlreich und sehr belebt. Die Ne- 
gerinnen, bedeckt mit Gold und Schmucksachen, brei- 
teten auf den Bänken die Wolken ihrer umfangreichen 
Crinolinen aus, die Neger sangen mit eintöniger, kla- 
gender Stimme und lobten Gott mit der vollen Gluth 
liebender Herzen. Der Prediger, ein Neger von gros- 
ser Gestalt und ehrwürdigem Aussehen, ergriff das Wort 
und hielt eine Predigt, die mich zugleich belehrte und 
rührte. Wo hatte dieser Schwarze seine theologische 
Bildung erhalten? Ich weiss es nicht; er war ein alter 
Sklave, den, wie er sagte, die Güte Gottes aus einer 
Knechtschaft befreit hatte, die weniger hart und weni- 
ger schimpflich war als die der Sünde; aber dieser 
Sklave hatte gelitten und gedacht, er war ein Mann! 
Was man nicht in der Schule lernt, hatte ihn das Le- 
ben gelehrt; seine eindringliche und zutrauliche Sprach- 
weise ging zum Herzen. Man bemerkte es an der Er- 
regung seiner Zuhörer. 

Er fing damit an, den Methodismus zu loben, eine 
Religion, die der Herr segnete, wenn man, wie er 
sagte, nach den Eroberungen urtheilen durfte, die sie 
täglich machte. In langer Reihe zählte er die Zahl der 
Gläubigen und den Reichthum der Kirchen auf. Vier 
Millionen Communicanten, zwölftausend Prediger, sech- 
zehntausend Kirchen , für dreiundsiebenzig Millionen 
Grundeigenthum, das war die Frucht eines Eifers, der 
nie einschlief. Dem alten Europa, das die Kirche dem 
Staate dienstbar macht und sie in einer ewigen Un- 
mündigkeit erhält, stellte er das junge Amerika gegen- 
über, welches den Christen die Sorge für ihren Cultus 
wie die für ihr Gewissen überlässt. — Die Freiheit, 

12 



178 



sagte er, thut, wenn sie durch die Religion geheiligt 
ist, Wunder, welche die alte Welt, in ihre Vorurtheile 
begraben, niemals erblicken wird. England, so stolz 
auf seinen Reichthum, verdirbt seine Bischöfe, indem 
es sie mit einem heidnischen Luxus umgibt, und er- 
niedrigt seine Vicare, indem es sie zu einem würdelosen 
Elend verdammt, während in den Kirchen der vereinig- 
ten Staaten die hochherzige Frömmigkeit der Gläubi- 
gen den Priester, der Alles seiner Heerde verdankt, 
mit Wohlstand und Achtung umgibt. Ein Fürst dünkt 
sich ein neuer Konstantin, wenn er vielleicht einmal 
eine Kirche errichtet und ausstattet; die Methodisten im 
Norden allein haben im Jahre 1860 vier hundert und 
fünfzig Kirchen gebaut. Die armen Neger der Akazien- 
strasse besolden ihren Kaplan besser als die Könige 
des Occidents. 

— Aber, fuhr er mit einer Mischung von Feinheit 
und Naivetät fort, dieser Prediger, der ein so gutes 
Einkommen hat, muss den Negern, die ihn gewählt 
haben, eine Schuld bezahlen, deren sich die Almose- 
niere der Fürsten nicht immer entledigen. Diese Schuld 
ist die Wahrheit! Höret denn, rief er, was die Wahr- 
heit mich verpflichtet, euch zu sagen! Der Schwarze 
hat ein gutes Herz und eine freigebige Hand, das ist 
schön, das ist christlich; aber manchmal treibt er die 
Freigebigkeit so weit, dass er seine Seele in Gefahr 
bringt. — Niemals, werdet ihr sagen, haben wir so 
etwas gehört. Man wiederholt uns, dass der Christ 
seine Seele gefährdet, wenn er der Habsucht nachgibt, 
wenn er sich der Begehrlichkeit überlässt; aber wer 
hat jemals behauptet, dass ein Mensch sich durch über- 
grosse Freigebigkeit versündigt? — Meine Brüder, ich 
will euch sagen, worin diese unselige Freigebigkeit be- 



179 



steht; ihr übt sie in diesem Augenblick in der Kirche, 
während ihr meine Predigt anhört. — Wenn ich den 
Jähzorn oder die Gefallsucht, die Trunkenheit oder die 
Frechheit verdamme, würde dann wohl Jeder von 
euch diese Lehre für sich behalten? Würde er daraus 
für sich Nutzen ziehen? — Ganz recht, würde einer 
jener Männer sagen, die von Branntwein leben, ich er- 
kenne das Bild dieses Säufers; der Pfarrer spricht von 
meinem Vetter Samuel. Halt, Tunkenbold, das gehört 
Alles für dich. — Recht so, würde eine jener schönen 
Midianiterinnen sagen, die um eines neuen Kleides wil- 
len ihren Mann zur Lüge und zum Betrug verleiten. 
Der Pfarrer thut ganz recht, wenn er die Fehler mei- 
ner Nachbarinnen blos stellt. Halt, Deborah! halt, Ischa- 
both! das Alles gehört für euch, ihr Buhlerinnen, nichts 
für mich. — Auf diese Art, meine Brüder, behaltet 
ihr von meinen Worten nichts für euch selbst; das erste 
Drittel gebt ihr euren Verwandten, das zweite euren 
Freunden, das letzte eurem Mann oder eurer Frau. 
Auf diese Weise bleibt aber die Lehre des Herrn un- 
fruchtbar, auf diese Weise verderbt ihr eure Seele 
durch übergrosse Freigebigkeit. Christus selbst hat auch 
ein gutes Herz, aber in einer andern Weise; er ist ein 
Geiziger, der Alles für sich nimmt, unsere Sünden, un- 
ser Elend, unsere Schwachheit, unsere Leiden; darum 
sehen wir ihn auch am Kreuz mit gesenktem Haupte, 
mit keuchendem Athem wie einen Mann, den seine 
Last zermalmt. Wann, meine Brüder, wann werden 
wir ihm unsern Antheil an seiner Last abnehmen? 
Wann werden wir unserem Erlöser Erleichterung brin- 
gen, unserem Freund, Christo, der gestorben ist für 
den Sklaven und für den Sünder ? 

Bei dieser Stelle warf sich die ganze Versammlung 

12* 



180 



auf die Kniee; unter zahlreichen Thränen erhob sich 
ein furchtbares H allein j ah ! zum Himmel. Die Bewegung 
war höchst merkwürdig, sie verstimmte mich. Ich bin 
weder Aristokrat noch Pflanzer; ich halte den Neger 
nicht für einen Affen, weil er Hände hat und sprechen 
kann; aber nach dem, was ich eben gehört hatte, 
musste ich fast argwöhnen, dass der Schwarze ein 
Mensch sei, wie ich, und vielleicht ein besserer Christ; 
dieser Gedanke erweckte mir Furcht. Zambo, mein 
Bruder! Jesus Christus für diese Krausköpfe gestorben! 
Das war mehr als mein Stolz ertragen konnte. 

— Wenn das wahr ist, dachte ich im Hinausgehen, 
welches kolossale Verbrechen ist dann die Sklaverei! 
Wäre dann nicht dieser Bürgerkrieg, der jetzt den Sü- 
den zu Grunde richtet, die Züchtigung, die Gott über 
Kain verhängte? 



Achtzehntes Kapitel. 



Ein Chinese. 

Es war eilf ein halb Uhr, Truth sollte um zwölf 
Uhr predigen; ich musste meinen Schritt beschleunigen, 
um rechtzeitig zum Gottesdienst der Congregationalisten 
zu kommen. Doch konnte ich dem Verlangen nicht 
widerstehen, den chinesischen Tempel zu besuchen. Ich 
war neugierig zu sehen, wie die Söhne des Confuzius 
ihr Christenthum in einem Lande eingerichtet hatten, 
wo die religiöse Anarchie, die Mutter aller anderen, 
herrscht. Eine geheime Stimme sagte mir, dass dieses 
alte, blasirte Volk vielleicht mehr Sinn und Verstand 
besässe als der protestantische Haufe. 

Beim Eintritt stiess ich einen Schrei des Widerwil- 
lens aus. Ich befand mich in einer buddhistischen Pa- 
gode. Vor mir sass auf einer Erhöhung in einer Wand- 
nische ein scheusslicher Götze von buntem vergoldetem 
Holz , die Beine über einer Lotosblume gekreuzt. Es 
war Buddha mit seinem ungeheuren Bauch, seinem 
Kahlkopf, seinem Höcker auf der Stirn, seinen langen 
Ohren und grossen Augen. Gewiss, ich bin freisinnig 
und ich bin stolz darauf. Ich bin seit dreissig Jahren 



182 



Abonnent des Constitutionnel und bin mir ebenso gleich 
geblieben, wie meine Zeitung. Wie der Constitutionnel, 
und ohne zu wissen warum, hasse ich die Jesuiten, 
das ist ein Zeichen von Aufklärung; aber sich der Frei- 
heit bedienen, um den Götzendienst einzusetzen, das 
ist zu viel! Ich lasse mir die Lutheraner, die Calvi- 
nisten, die Juden und selbst die Muhamedaner gefal- 
len, vorausgesetzt, dass sie Algerien nicht ohne Er- 
laubniss der Regierung überschreiten; aber was darü- 
ber hinausgeht, ist nicht mehr Freisinnigkeit, sondern 
Heidenthum! Es wäre ebenso gut, zum Cultus des Son- 
nengottes zurückzukehren ! 

In der Pagode war Niemand, als zwei Kinder, 
zwei abscheuliche kleine Chinesen, von denen jeder 
auf einer Seite der Götzenbühne stand. Wie Leute, 
welche Kaffee brennen, drehte jeder von ihnen einen 
flachen Cy linder, der mit einer Masse kleiner Papier- 
streifen besetzt oder bespickt war. Dieser Cultus war 
mir vollständig neu. 

Das Geräusch meiner Schritte führte aus einer be- 
nachbarten Zelle eine Art von Mönch herbei. Seine 
braune geflickte Kutte, seine nackten Füsse, sein kahl 
geschorener Kopf, seine kleinen halbgeschlossenen Au- 
gen, seine gelbe faltige Haut gaben ihm das Aussehen 
einer alten Frau in Kapuzinertracht; es war ein Bonze. 
Er näherte sich mir und hielt mir, ohne ein Wort zu 
sprechen, eine hölzerne Schale vor; ich warf ein Al- 
mosen hinein, um mich dieses Bettlers zu entledigen. 

— Ich danke, mein Bruder, redete er mich in vor- 
trefflichem Englisch an. Möge der göttliche Fo deine 
Mildthätigkeit belohnen; mögest du in einem andern 
Leben niemals die Gestalt einer Frau oder eines Scha- 
kal annehmen. 



183 



Ich blieb sprachlos über diesen sonderbaren Segen. 
Der Bonze stieg zum Altar empor, zog aus einem 
Schrank einige Stücke versilbertes und vergoldetes Pa- 
pier und verbrannte sie vor dem Götzen. 

— Was machen Sie da? fragte ich. 

— Mein Bruder, antwortete er, ich habe soeben 
dein Zehncentstück in Gold- und Silberbarren verwan- 
delt, die ich dem Herrn der Wahrheit als Opfer ange- 
boten habe. 

— Eure Barren sind ja von Papier und keine zwei 
Heller werth. 

— Was liegt daran? versetzte der Mönch. Fo 
sieht auf die Absicht und nicht auf das Metall. 

— Ach, wenn doch unsere Finanzminister Chine- 
sen wären! wollte ich ausrufen; aber ich behielt diesen 
vermessenen Gedanken für mich, und fragte den Bon- 
zen, was eigentlich die Kinder machten, deren Arm 
unermüdlich schien. 

— Sie beten für das Weltall, antwortete er. Auf 
jedem dieser Papiere steht die heilige Silbe geschrie- 
ben. Indem er das sagte, warf er sich zu Boden und 
rief: OM! OM! OM! Jeder dieser Cylinder trägt diese 
Inschrift tausendmal und macht fünfzig Umdrehungen 
in der Minute, dreitausend in der Stunde, zweiundsie- 
benzigtausend von einem Sonnenuntergang zum andern. 
Das sind also einhundert und vierundvierzig Millionen 
Gebete, die jeden Sonntag aus diesem einzigen Tem- 
pel emporsteigen. In der Woche, wo ich meine Cy- 
linder durch Dampf drehen lasse, gibt es noch weit 
mehr; aber am Sonntag halten in diesem Lande des 
Unglaubens selbst die Dampfmaschinen den Sabbath 
und ich muss mich daher mit der Hand dieser Kinder 
begnügen. 



184 



Der einfältige Aberglaube dieses Götzendieners ent- 
setzte mich. 

— Wie kann man euch auf christlichem Ejden 
dulden? rief ich. Wenn noch Glauben in Israel zu fin- 
den wäre, so hätte man euch längst ausgetrieben, ihr 
Baalspfaffen. 

— Warum sollte man uns nicht dulden? antwor- 
tete der Bonze mit ruhigem Tone; die Freiheit gleicht 
der Sonne, sie scheint für Jedermann. Die Amerika- 
ner schicken Missionäre nach China, warum sollten die 
Chinesen nicht Missionäre nach Amerika schicken? Man 
sagt, dass Frankreich den Sohn des Himmels bekriegt, 
bloss um den Tod einiger Mönche zu rächen, die von 
unsern Mandarinen in gesetzlicher Weise ums Leben 
gebracht worden sind; man sagt, dass Frankreich die 
katholische Kirche in Peking wieder hergestellt hat, die 
lange Zeit geschlossen war. Ich verwünsche das Blut, 
das auf beiden Seiten vergossen ist, meine Religion 
verabscheut den Mord und kennt nur die Waffen der 
Geduld und Sanftmuth; aber ich segne die errungene 
Freiheit und verlange, dass sie den Chinesen ebenso 
zu gut komme, wie den Franzosen. 

— Also eine Pagode auf den elysäischen Feldern 
mit officiellem Götzendienst? Guter Mann, Sie sind 
verrückt; wir brauchen keine Chinesen in Paris. Wir 
haben schon genug .... von Porzellan. 

— Es scheint mir, fuhr der Mönch mit einer lä- 
cherlichen Ruhe fort, dass alle Rechte gegenseitig sein 
müssen. Wenn es schön und gut ist, in Peking eine 
Kapelle zu eröffnen, warum sollte es denn unrecht sein, 
in Paris eine Pagode zu errichten und darin die Wahr- 
heit zu predigen? 

— Unsinniger Bonze! rief ich, von einem heiligen 



185 



Eifer hingerissen, du wagst es, von Wahrheit zu reden? 
Siehst du nicht, dass deine Lehre Lüge und dein Cul- 
tus Götzendienst ist? Wenn du es weisst, so bist du 
ein strafwürdiger Charlatan; wenn du es nicht weisst, 
so ist es die erste Pflicht des Staates, dir den Mund 
zu schliessen, damit du ihm nicht in deiner Unwissen- 
heit seine Unterthanen verführst. Freiheit des Irrthums 
wäre die Freiheit des Giftes, der Brandfackel und des 
Dolches; die Wahrheit allein hat das Recht zu reden. 

— Ich glaubte, erwiderte der Chinese, dass es in 
Amerika, in Frankreich, in England verschiedene christ- 
liche Kirchen und selbst jüdische Synagogen gäbe. 

— Ohne Zweifel , und in Frankreich unterstützt 
sogar der Staat jede anerkannte Religionsgesellschaft; 
denn Frankreich, merke dir das, mein Guter, Frank- 
reich marschirt an der Spitze der Civilisation , nament- 
lich im Punkte der religiösen wie jeder anderen Freiheit. 

— Der Staat, fuhr der Bonze fort, erkennt dem- 
nach drei oder vier religiöse Wahrheiten zugleich an, 
die gegenseitig einen fortwährenden Vernichtungskrieg 
führen? Jesus ist zum Beispiel für die Christen ein 
Gott; was ist er für die Juden? 

— Mein Freund, erwiderte ich dem Barbaren, ich 
bemitleide deine Unwissenheit. Wenn du begreifen 
könntest, was officielle Wahrheit ist, so würdest du 
wissen, dass sie nur in Gegensätzen lebt. Der Traum 
Hegels ist hier verwirklicht. These und Antithese mi- 
schen und vereinigen sich hier zu einer wunderbaren 
Synthese. 

Der Bonze öffnete seine kleinen Augen und hob 
den Kopf zum Himmel. Es war deutlich, dass die 
grossen Ideeen des civilisirten Europa in diesem engen 
Gehirn keinen Raum fanden. Ich hätte geglaubt, dass 



186 



ein deutscher Philosoph einem Chinesen weniger fern 
steht. Ich nahm meine Beweisführung unter einer an- 
dern Form wieder auf, das heisst, ich änderte die 
Worte, ohne mich weiter um den Sinn zu kümmern; 
das ist das wahre Mittel, um eine Diskussion zu fördern. 

— Die Wahrheit, welche der Staat beschützt, er- 
widerte ich dem Ungläubigen, hat nichts gemein mit 
der gewöhnlichen Wahrheit Sie ist eine Wahrheit auf 
breiter, umfassender Grundlage, welche alle Bekennt- 
nisse in sich schliesst, die die Bibel, unsere heilige Schrift, 
zum Ausgangspunkte haben. Das Judenthum, das Chri- 
stenthum und selbst der Muhamedanismus sind Zweige 
dieser Urreligion, die so alt ist wie die Welt, und welche 
die Zahl ihrer Anhänger, die Moral und die Civilisation 
für sich hat. Ausserhalb dieser Kirchen, die sich in 
den Erdkreis theilen, gibt es nur Götzendienst und Bar- 
barei. Es ist unser Recht und unsere Pflicht, euch nö- 
tigenfalls mit Kanonen zu bekehren. Die Wahrheit 
keimt in den blutigen Furchen, welche der Krieg zieht ; 
der Gott der Christen ist der Gott der Heerschaaren: 
Dominus Zebaoth. 

— Du bist kein Yankee, rief der Fanatiker, des- 
sen Augen plötzlich seltsam glänzten. Ich merke es 
schon, seitdem du hier bist. Das Gesicht des Angel- 
sachsen gleicht dem Stier und dem Wolf, das deinige 
dem Affen und dem Hund. Du hast Furcht vor der 
Freiheit, du redest von Dingen, die du nicht verstehst, 
du machst Phrasen, du bist ein Franzose! 

Und als er mich stumm vor Ueberraschung sah, 
fuhr er fort: — Du wagst es, die Zahl als Probe der 
Wahrheit anzuführen? Die Zahl haben wir für uns. 
Wieviel seid ihr Katholiken? Hundert und dreissig 
Millionen. Wieviel Christen überhaupt? Höchstens drei- 



187 



hundert Millionen. Wir sind fünfhundert Millionen Bud- 
dhisten; unser Glaube erstreckt sich von Kamtschatka 
bis zum weissen Meer ; ihm folgen die wilden Stämme 
Asiens, ihn verehren die Chinesen und Japanesen, das 
heisst Völker, die schon civilisirt waren zu einer Zeit, 
wo Europa noch ein Urwald und Amerika eine Wüste 
war. — Du sprichst von Alter? Weisst du, dass zur Zeit 
Alexanders des Grossen der Buddhismus schon seine 
Concilien gehalten hatte und dass die Inschriften des Kö- 
nigs Azoka, auf den Felsen Indiens eingegraben, schon 
damals dem Erdkreis Opfer und Almosen predigten? 
Weisst du nicht, dass der Buddhismus die Reformation 
der alten von den Brahminen verfälschten Religion ist, 
und dass die Veda's, die heiligen Bücher unserer Vor- 
fahren, bis in die ersten Tage der Welt zurückgehen? 
Lassen wir Zahl und Alter bei Seite; das sind vielleicht 
nur glückliche Nebenumstände. Aber welche Religion 
hat zuerst die freiwillige Armuth, die Nächstenliebe und 
Mildthätigkeit gepredigt? Weisst du nicht, dass Fo 
fünfhundert und fünfzig Verwandlungen durchgemacht, 
und dass er sich in jeder seiner Verkörperungen ge- 
opfert hat? Er hat sich zum Lamm gemacht für den 
Tiger, zur Taube für den Falken, zum Hasen für den 
hungrigen Jäger. Hast du nicht die heilige Geschichte 
von Vesantara gelesen, der seine Frau und seine Kin- 
der aus Mildthätigkeit preisgab? Sind wir nicht die 
einzige Religion, die sich aus Abscheu vor dem Mord 
des Fleisches und Blutes der Thiere enthält? Habe 
ich hier nicht zum Wassertrinken einen Seiher, um 
auch das Leben einer unsichtbaren Milbe zu schonen? 
Dagegen ist eure, die christliche Religionsgeschichte 
nur eine ununterbrochene Kette von Zank, Krieg und 
Mord. Heute seid ihr die Opfer, morgen die Henker. 



188 



Bei uns Buddhisten gibt es nur Märtyrer, Seit zwei- 
tausend vierhundert Jahren hat man mehr als einmal 
unser Blut vergossen, man hat uns aus Indien verjagt; 
aber unsere Hände sind immer rein geblieben. Wir 
haben keinen Flecken aus unserer Geschichte auszu- 
löschen; welche Religion kann von sich dasselbe be- 
haupten? — Euer Evangelium verkündet eine wun- 
dervolle Lehre; ich kenne sie und urtheile nicht nach 
dem Betragen der Christen über ihren Glauben. Christi 
Worte und Leiden haben mich bis ins Innerste erschüt- 
tert. Aber ich bin in anderen Ideeen erzogen; ich 
habe mich seit zwanzig Jahren einem Leben voll Ar- 
muth geweiht, das mich aufrecht hält und tröstet; ich 
habe ebenso wie ihr Christen den Glauben meiner Vä- 
ter bewahrt; wie ihr, kann auch ich nicht meine Ah- 
nen der Lüge oder des Irrthums anklagen. Wer von 
uns irrt sich, wer von uns hat die Wahrheit für sich? 
Ich weiss es nicht, und ich wünsche nichts mehr, als 
mich darüber aufzuklären. Schaffen wir das Reich der 
Gewalt, der Unwissenheit und Verachtung ab; lassen 
wir jedem Glauben seine Bahn frei; lassen wir die 
Vernunft das Werk vollenden, das Gott ihr anvertraut 
hat ! Am vollen Licht verschwinden alle Schatten. 
Sich selbst überlassen wird die Religion, die von Men- 
schen stammt, zerfliessen wie Schnee; die aber vom 
Himmel stammt, wird emporsteigen wie eine Eiche 
und die Erde mit ihren Zweigen bedecken. Oeffnet 
die Welt für das Wort; ich vertraue der Freiheit, weil 
ich der Wahrheit vertraue. 

— Du bist eben nur ein Chinese, erwiderte ich 
ihm; ich entfernte mich majestätischen Schritts und 
liess den Elenden verwirrt durch meine Ueberlegenheit 
stehen. 



Neunzehntes Kapitel. 



Eine congregationalistische Predigt. 

Der Gottesdienst hatte bei meiner Ankunft noch 
nicht begonnen. Nichts trübseligeres als ein protestan- 
tisches ßethaus. Bänke von Eichenholz, grosse Holz- 
vertäfelungen , die die Wände verdüstern ; keine Ge- 
mälde, keine Blumen, keine Lichter; etwas mattes und 
düsteres, was erkältend auf die Sinne wirkt. Man 
möchte fast sagen: ein Cultus für Blinde. Ich irre 
mich, eine Verzierung war vorhanden, nämlich eine 
grosse Tafel, auf der in ungeheuren Ziffern die Zahl 
130 stand. 

Die Kirche war von einer grossen Masse gefüllt; 
aber diese Masse war stumm. Unbeweglich auf seinem 
Platz und in sein schwarzes Buch versunken betete je- 
der Gläubige , wie wenn er mit Gott allein auf der 
Welt wäre. Kein Geräusch, kein Stuhlrücken; nichts 
von jenem reizenden Geflüster und den Verbeugungen 
zwischen schönen Frauen, die gern ihre Frömmigkeit 
und ihr neues Kleid bewundern lassen; nichts von je- 
ner liebenswürdigen Unordnung, durch welchen unsere 



190 



Kirchen einem Salon der guten Gesellschaft gleichen; 
es war die Stille eines Waldes. 

Endlich trat der Prediger ein; sofort stieg von al- 
len Bänken eine Melodie empor, sanfter als das Seuf- 
zen des Windes auf der Woge. Männer, Frauen, Kin- 
der, Alles sang aus voller Seele mit einer Gluth und 
einem Schwung ohne Gleichen. Zum ersten Male fühlte 
ich, dass der Gesang die natürliche Form des Gebetes 
ist. Erstaunt über mein Stillschweigen zeigte mein Nach- 
bar mit dem Finger auf die geheimnissvolle Zahl und 
bot mir sein Gesangbuch, welches die Melodie zum 
Gesang enthielt. Man sang den hundert und dreissig- 
sten Psalm oder vielmehr eine Nachahmung dieses er- 
habenen Gebetes, das auch die katholische Kirche für 
die Todtenfeier angenommen hat. Mit einem Wort, 
man sang das De profundis, diesen Schrei der Hoffnung 
und Liebe, dessen wahre Schönheit uns die häufige 
Gewöhnung verbirgt. 

Aus tiefer Noth schrei ich zu dir, 
Herr Gott, erhör' mein Kufen; 
Dein gnädig Ohren kehr zu mir 
Und meiner Bitt' sie offen. 
Denn so du willt das sehen an, 
Was Sund' und Unrecht ist gethan , 
Wer kann, Herr, für dir bleiben? 

Auf Gott allein will hoffen ich; 
Auf mein Verdienst nicht bauen; 
Auf ihn mein Herz soll lassen sich 
Und seiner Güte trauen. 
Die zu mir sagt sein werthes Wort, 
Das ist mein Trost und treuer Hort; 
Des will will ich allzeit harren. 

Und ob es währt bis in die Nacht 
Und wieder an den Morgen, 



191 

Doch soll mein Herz an Gottes Macht 
Verzweifeln nicht, noch sorgen. 
Er ist allein der gute Hirt, 
Der Israel erlösen wird 
Aus seinen Sünden allen. 



Nach Beendigung des Gesanges ergriff Truth das 
Wort. De Maistre hat ganz Recht, wenn er den pro- 
testantischen Prediger definirt als einen in Schwarz ge- 
kleideten Herrn, der ganz ehrbare Dinge sagt; nie 
hatte wohl jemand einen weniger priesterlichen An- 
strich als mein armer Freund. Keine Tracht, die ihn 
von seiner Heerde unterschied, keine Kanzel, von der 
er sein Publikum beherrschen konnte-, er sprach ganz 
einfach vom Boden aus mit brüderlicher Vertraulich- 
keit, wie wenn er sich absichtlich alle Hilfsquellen der 
Beredtsamkeit verschliessen wollte. Jene Stimme, die 
dem Donner gleicht und allmählig sanfter wird, den 
Arm, der die Rache oder die Vergebung herabruft, die 
gefalteten Hände, die sich zum Himmel erheben, die 
Augen, die Gott suchen und sich bei seinem Anblick 
verklären, von allen diesen Schönheiten der christlichen 
Redekunst verstand Truth nichts. Kaum bewegte er 
die Hand, kaum hob er die Stimme, und doch lag in 
dieser einfachen Rede ein unbeschreiblicher Wohlklang, 
der bis ins Innerste des Herzens drang. Nie kann der 
Schleier, mit dem die Rede stets den Gedanken ver- 
hüllt, leichter und durchsichtiger sein. Man hörte kei- 
nen Redner, aber einen Mann und einen Christen. 
Truth sprach, wie man zu sagen pflegt, „wie Jeder- 
mann"; das heisst, er sprach, wie Jedermann sprechen 
möchte, und wie Niemand es thut. Nur grosse Seelen 
können grosse Gedanken in allgemein verständlicher 



192 



Fassung wiedergeben. Die Kunst, die nur Nachahmung 
ist, reicht nicht so weit. 

Das Folgende ist ungefähr der Inhalt seiner Pre- 
digt. Aber wer kann die zitternde Bewegung dieser 
erregten Stimme wiedergeben? Die Worte erstarren 
auf dem Papier; es sind welke Blumen, die Farbe und 
Duft verlieren. Doch will ich versuchen , ein Bild von 
dieser Unterweisung zu geben, die auf mich einen tie- 
fen Eindruck machte, so sehr auch in dieser freien 
Behandlungsweise des Evangeliums eine Kühnheit und 
Originalität lag, die mich überraschte und erschreckte. 

Joh. XV 111, 37. 38. 

Da sprach Pilatus zu ihm : So bist du dennoch ein König ? Je- 
sus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin 
dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahr- 
heit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine 
Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? Und 
da er das gesagt, ging er wieder hinaus. . . . 

Christliche Brüder! 

Unter den Namen , die Christus auf Erden ange- 
nommen hat, kehrt keiner häufiger wieder, als der 
der Wahrheit. Vor Pilatus, in dieser letzten Stunde, 
nannte sich Jesus König; aber sein Reich ist nicht von 
dieser Welt; es ist das Reich der Wahrheit. Den Tag 
vor seinem Tode, bei seinem letzten Mahle mit seinen 
Jüngern, lässt er ihnen zum Abschied das grosse Wort: 
Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, Niemand 
kommt zum Vater, denn durch mich. Mit andern Worten, 
wenn wir diese hebräische Redeweise in unsere mo- 
derne Sprache übersetzen: Ich bin die lebendige Wahr- 
heit, die zu Gott führt. * 



193 



Die lebendige Wahrheit, versteht ihr den Sinn und 
die Tragweite dieser Worte? Gibt es nicht unter euch 
viele, für welche die Wahrheit nichts ist, als ein ge- 
genseitiges Verhältniss der Dinge zu einander, eine 
Gleichung, eine Ziffer, eine Abstraction? Gibt es nicht 
auch solche, für die die Wahrheit ein leeres Wort ist 
ohne Sinn, ein Ausdruck für eine Meinung, die ohne 
Unterlass Veränderungen und Entstellungen erleidet? 
Wie viele Weise würden gern mit Pilatus sprechen: „Was 
ist Wahrheit? Was gestern Unsinn war, was morgen 
Irrthum sein wird? Nichts ist wahr als das Interesse 
des Augenblicks." Dem Cäsar gefallen, gemessen und 
sich nicht um den folgenden Tag kümmern, das ist 
die höchste Lebensweisheit der Leute, die ganz und 
gar zu sterben hoffen. 

Lasst uns diese Rückkehr zum heidnischen Skepti- 
cismus nicht dulden. Wir würden damit unseren Geist 
zur Knechtschaft und unser Herz zu allen Verderbnissen 
und Lastern verdammen. Lasst uns wie in den ersten 
Tagen des Evangeliums die Wahrheit suchen, die Wahr- 
heit wird uns frei machen. 

.Wenn die Lokomotive unsere Strassen durchfährt, 
einen langen Wagenzug hinter sich, warum geht ihr 
aus dem Weg bei dem Ton der Glocke, die ihre Vor- 
überfahrt anzeigt? Weil man euch gesagt hat, dass 
diese fortschreitende Masse euch mit der ganzen Ge- 
walt ihres durch die Geschwindigkeit verstärkten Ge- 
wichtes zermalmen würde. Das ist eine wissenschaft- 
liche Wahrheit, die für euch eine blosse Abstraction 
ist. Sie hat sich in eine entschiedene Ueberzeugung 
verwandelt, die euren Leib vor Beschädigung bewahrt. 
Diese Ueberzeugung ist jetzt ein Theil von euch selbst, 
sie ist lebendig wie ihr. 

13 



194 



In dieser Stadt, die sich ihrer Civilisation rühmt, 
gibt es Tausende von Menschen, die sich durch die 
Leidenschaft für den Branntwein zu Grunde richten. 
Warum, meine Brüder überlasst ihr euch nicht dieser 
Leidenschaft, die schrecklicher, aber nicht sündhafter 
ist, als so viele andere Laster, über die man nicht er- 
röthet? Weil ihr wisst, dass der Branntwein ein Gift 
ist, welches niemals verzeiht. Die Wissenschaft ver- 
tritt euch hier die Stelle der Tugend. Das ist wieder 
eine zugleich physische und moralische Wahrheit, die, 
nachdem sie erst in eure Seele gedrungen ist, sich mit 
euch identificirt 

Ist das Alles? Kennt ihr nicht edle Herzen, für 
welche die Schwelgerei, der Ehrgeiz, die Habsucht 
ebenso abschreckend sind als die Trunkenheit? Fragt 
nur den Vater, dem man die Ehre seiner Tochter ge- 
stohlen hat; fragt die Mutter, deren Sohn an einer fer- 
nen Küste umgekommen ist; fragt den Mann, der mit 
dem Wucher um das Leben seiner Frau und seiner 
Kinder kämpft! Diese armen Opfer hassen das Laster, 
durch das sie gelitten haben, aus Erfahrung; andere 
sind glücklicher, sie verdanken ihre ganze Kenntniss 
ihrer Erziehung. Die Frömmigkeit einer Mutter, die 
Hingebung eines Lehrers hat ihnen den Instinct einge- 
flösst, der sie bewahrt. Dies ist wieder eine lebendige 
Wahrheit, eine Wahrheit, die wir durch unsere Ge- 
wissensbisse bekennen, selbst wenn wir uns weigern, 
sie anzuhören. 

In unserem Staatswesen gibt es Patrioten, die der 
Laune der Menge Widerstand leisten. Ist es Stolz, ist 
es Berechnung? Nein; denn wen der Stolz beherrscht, 
der bequemt sich leicht zu jeder Niederträchtigkeit, und 
das Interesse geht mit dem Strom und findet seine 



195 



Rechnung dabei. Aber eine reine Seele, ein aufge- 
klärter Geist hat einen höheren Standpunkt und einen 
weiteren Gesichtskreis. Jeder Despotismus eines Ein- 
zelnen oder eines Volkes ist eine Gewalt, deren Lei- 
denschaften entfesselt werden; der Gebieter kann den 
niedrigen Gelüsten derer, die ihn umgeben und die ihn 
betrügen, nicht entgehen. Verbrecherische Kriege, 
tolle Verschwendung, Corruption nach oben, Elend 
und Unwissenheit nach unten, das sind die Früchte je- 
der schrankenlosen Macht, die Geissei jeder zügellosen 
Gewalt. Wer das weiss, wird sich niemals zum Hand- 
werk eines Schmeichlers erniedrigen. Die Wahrheit 
hält diejenigen, die sich nicht herabwürdigen können, 
bei Seite und tröstet sie in ihrer Einsamkeit. 

Das sind, werdet ihr sagen, alte, abgedroschene 
Sätze. Seit mehr als zwei Jahrtausenden werden sie 
in der Schule gelehrt-, und darum steht es doch nicht 
besser mit der Welt. — Warum? Weil man die Wahr- 
heit in den Büchern lässt, wo sie todt ist; öffnet ihr 
euer Herz, vermählt euch mit ihr; dann wird sie leben. 
Sie wird euer Gewissen, eure Ehre, euer Heil werden. 
Der Geist ist wie der Körper; er lässt sich nicht mit 
Worten nähren; er braucht die Substanz der Dinge. 
Einem sklavischen Volke die Freiheit geben, heisst Kin- 
dern eine Waffe anvertrauen, die in ihren Händen zer- 
platzen wird. Warum? Weil die Selbstachtung und 
die Achtung vor Andern, das Rechtsgefühl, die Ge- 
rechtigkeitsliebe, diese wesentlichen Bedingungen der 
Freiheit, keine Gesetzesparagraphen sind; sie lassen 
sich nicht anordnen. Es sind Tugenden , die der Bür- 
ger nur durch Geduld und durch Uebung erlangt. So 
lange die Freiheit nicht in den Herzen lebt, ist sie 
nichts als ein tönendes Erz und eine klingende Schelle ; 

13* 



196 



ist sie aber erst in unser innerstes Mark eingedrungen, 
dann kann alle Schlauheit und Wuth der Tyrannen 
sie uns nicht entreissen. 

Es gibt also lebendige Wahrheiten, die ihren Sitz 
zugleich ausser uns und in uns haben. Sie setzen uns 
mit der Natur und mit unseren Nebenmenschen in Ver- 
bindung. Sie enthüllen uns die Gesetze der Naturkräfte 
und unterwerfen sie uns; sie lassen uns in jedem Men- 
schen, der denkt wie wir, einen Freund und einen 
Bruder erkennen. Aber dieses Licht, welches genügt, 
um uns hienieden zu leiten, vermag unser Herz nicht 
zu erwärmen. Es bezaubert unsern Geist, zügelt unsere 
Leidenschaften, klärt und mildert unsern Eigennutz, 
macht uns aber nicht glücklich. Der Mensch hat einen 
Durst nach der Unendlichkeit, eine Sehnsucht nach der 
Ewigkeit, eine Liebesbedürftigkeit, die die Wissenschaft 
nicht stillen kann. Um uns das Gut zu verschaffen, 
nach dem unsere Seele seufzt, brauchen wir eine neue 
Wahrheit, die uns mit Gott in Gemeinschaft setzt, die 
in uns und in ihm ruht. Diese Wahrheit, die nur Gott 
selbst sein kann, müssen wir erkennen und lieben. 

Gott lieben und dafür von ihm geliebt sein, dieses 
Verhältniss hat die Weisheit der Alten niemals begrif- 
fen; und die moderne Philosophie geht an der gleichen 
Ohnmacht zu Grunde. Vergebens sucht das Gewissen 
Gott, vergebens ruft es ihn mit der Verzweiflung des 
sinkenden Schiffbrüchigen; der kalte Verstand wieder- 
holt uns, dass zwischen Gott und dem Menschen, zwi- 
schen der Ewigkeit und dem Geschöpf eines Tages ein 
Abgrund liegt, den nichts ausfüllen kann. Eine un- 
beugsame Natur, ein höchstes Wesen, das der Sklave 
seiner eignen Gesetze ist, das ist Alles, was uns die 
höchsten Anstrengungen der grössten Geister bieten 



197 



können; die Liebe Gottes ist eine Illusion, das Gebet, 
dieser Schrei der Seele, ein vergebliches Murmeln, 
das am stummen Himmel verhallt. Schweige, Sterb- 
licher; ersticke dein Herz, verschliesse dich in Er- 
gebung oder Verzweiflung; du bist nur ein Atom, das 
von dem Rad des unerbittlichen Geschickes zermalmt 
wird. 

Aber meine Brüder, vor neunzehn Jahrhunderten ist 
ein Mann auf der Erde erschienen, um die gute Botschaft 
zu bringen, um Gott und die Menschheit einander zu 
nähern. Dieser Prophet nennt sich Gottes Sohn und 
der Menschen Sohn oder er nennt sich, was vielleicht 
nur eine andere Bezeichnung desselben Geheimnisses 
ist, das Licht und die Wahrheit. Ick bin, spricht er, 
der Weg, die Wahrheit und das Leben, Niemand kommt 
zum Vater, denn durch mich. Die Welt hat diese Stimme 
gehört und geglaubt. Von dem Tag an, wo das Wort 
Fleisch geworden ist, wo die göttliche Wahrheit eine 
menschliche Gestalt angenommen hat, sind Glaube, 
Hoffnung und Liebe hienieden erschienen und in alle 
Herzen eingedrungen. Christus hat das Räthsel gelöst, 
das die Vernunft für unlösbar erklärt und worin sie 
nur Widersprüche erblickt. Eine lebendige Wahr- 
heit, eine verkörperte Wahrheit, die Gott lieben kann 
wie einen Sohn, und der Mensch wie einen Heiland, 
das ist das Band der Vereinigung, das Erde und Him- 
mel verbunden, das der Menschheit einen Vater und 
Gott Kinder gegeben hat! Darin ruht das Geheimniss 
der Offenbarung, das Zeugniss ihres göttlichen Ursprungs. 
Niemals würde der menschliche Geist aus sich selbst 
zu dieser Idee gelangt sein, die unsern Verstand ver- 
wirrt und ihn doch zugleich mit einem unendlichen 
Glänze erleuchtet. Ja, wenn Gott die Menschen liebt, 



198 



so geschieht es nur, indem er sich selbst liebt in der 
Anschauung seiner ewigen Wahrheit; ja, wenn der 
Mensch Gott eine Verehrung erweisen kann, die für 
ihn nicht eine Lästerung sein soll, so geschieht es nur, 
wenn er einen Strahl jenes höchsten Lichtes anbetet, 
das nicht verschmäht, bis zu ihm hernieder zu steigen. 

Christum lieben heisst die Wahrheit lieben; die 
Wahrheit lieben heisst Christum lieben. Das ist das 
grosse Geheimniss des Evangeliums! Wer es nicht be- 
greift, ist nur dem Namen nach ein Christ. 

Jetzt, meine Brüder, kehret in euch selbst ein und 
denket nach. Wenn ihr Christum liebt, was liebt ihr? 
Ist es nicht etwa blos der Märtyrer, der sein Leben 
für die Seinen hingegeben hat? Ist es nicht der Ge- 
kreuzigte, dessen Wunden noch bluten? Habet Acht, 
das ist eine menschliche Liebe; alle Bekenntnisse, alle 
Parteien haben ihre Märtyrer. Christus fordert mehr. 
Christus ist mehr, als ein angebeteter Leichnam, des- 
sen Wundmale man küsst; Christus ist die Wahrheit 
und darum erhebt er Anspruch auf eure Liebe. Liebt 
ihr ihn so? Ihr glaubt ohne Zweifel an das Evange- 
lium. Aber ist es für euch nicht blos ein ererbtes Vor- 
urtheil, ein leeres Symbol, dem ihr nicht ins Gesicht 
zu sehen wagt aus Furcht, euch selbst ungläubig zu 
finden? Gebt ihr euch Rechenschaft über euren Glau- 
ben? Entfernt ihr daraus jede jüdische oder heidnische 
Beimischung, die seine Reinheit verändert? Macht ihr 
euren Glauben zur Richtschnur eurer Handlungen? Habt 
ihr mit der Welt und mit euch selbst gebrochen? Spre- 
chet ihr mit dem Propheten und Apostel: Ich habe ge- 
glaubt, und darum habe ich geredet? Wenn es so ist, 
dann liebt ihr Christum, wie er es will; dann liebt ihr 
die Wahrheit. 



199 



Aber wenn die Religion für euch nur eine Förm- 
lichkeit ist; wenn ihr darin nur eine Zuflucht sucht 
gegen die Stimme der Wahrheit, die euch verfolgt; 
wenn euer Glaube auf euren Lippen erstirbt und nicht 
in eure Handlungen übergeht; wenn ihr euch ganz dem 
Glück und der Ruhe überlasst und weniger den Irr- 
thum, als das Aergerniss fürchtet; wenn ihr in eurer 
feigen Klugheit Gott die Sorge überlasst, sein Wort 
selbst zu vertheidigen ; wenn eure Mildthätigkeit sich 
nur mit der Erleichterung des leiblichen Elends abgibt, 
ohne die Unwissenheit und das Laster zu bekämpfen; 
wenn ihr nicht fühlt, dass eure erste Pflicht ist, un- 
sterbliche Seelen der Knechtschaft der Sünde zu ent- 
reissen; wenn ihr nicht jene fromme Thorheit besitzt, 
die der Weisheit des Jahrhunderts trotzt und sie mit 
Füssen tritt; wenn ihr endlich nicht selbst die Werke 
thut, die Christus hienieden gethan hat, dann, meine 
Brüder, täuschet euch nicht, dann seid ihr vielleicht 
geschickt, klug, weise, gefühlvoll; aber ihr seid keine 
Christen, ihr liebt die Wahrheit nicht. ' 

Ich habe Zweifel, werdet ihr sagen; wenn ich 
glaubte, würde ich Christum lieben. Und ich sage 
euch: liebet ihn, so werdet ihr glauben. Liebet ihn 
als die lebendige Wahrheit, die zu Gott führt. Die Ce- 
remonien missfallen euch, lasst sie weg; die Dogmen 
erschrecken euch, lasst sie bei Seite; vielleicht sind sie 
nur eine menschliche Erfindung; vielleicht werdet ihr 
sie auch später noch verstehen; Christus hat weder 
Dogmen , noch Ceremonien eingeführt. Vereinfacht 
euren Glauben, und, wie der gläubigste und kühnste 
unter den Aposteln spricht: Den Geist dämpfet nicht; 
prüfet aber Alles und das Gute behaltet. Es gibt im neuen 
Testament Stellen, die euch verwirren, lasst sie bei 



200 



Seite. Was liegt daran, dass die Evangelisten von 
einander abweichen, wenn nur das Evangelium immer 
mit sich tibereinstimmt, wenn in den Worten Christi 
stets die Flamme der ewigen Wahrheit brennt? 

Ist Christus für euch ein Gegenstand des Aerger- 
nisses? Habt ihr noch nicht verstanden, dass die Wahr- 
heit sich verkörpern musste, um zu leben und um ge- 
liebt werden zu können? Nun, Christus selbst Hat Mit- 
leid mit eurer Schwachheit und gibt euch volle Frei- 
heit: Wer da redet ein Wort wider des Menschen Sohn, 
dem soll es vergeben werden; wer aber lästert den heiligen 
Geist oder was dasselbe ist, den Geist der Wahrheit, dem 
soll es nicht vergeben werden. Suchet daher die Wahr- 
heit um ihrer selbst willen und mit gläubigem Herzen, 
so wird euch die Wahrheit, wenn auch auf einem lan- 
gen Umweg, stets zu Christus führen. 

Die Wahrheit, sagt ihr, suchen wir und finden sie 
nicht. Nein, meine Brüder, ihr sucht sie nicht. Der 
Hochmuth eures Geistes und die Leidenschaften des 
Fleisches halten euch ab; in der Wissenschaft könnt 
ihr fehl gehen, aber die sittliche Wahrheit, die religiöse 
Wahrheit müsst ihr finden, wenn ihr nur suchet. 

Ihr wisst, wo sie ist; sie steht bei euch an eurem 
Heerd, stumm, verschleiert wie Alceste nach der Flucht 
aus dem Todtenreich; sie erwartet euch. 

Wenn ihr heimkehrt, des Lebens und eurer selbst 
müde, so wisst ihr wohl, dass sie dasteht und euch 
unter ihrem Schleier betrachtet; und ihr Blick richtet 
euch. Wenn ihr Nachts in dunkler Einsamkeit an die 
Bestrebungen und vielleicht an die Verbrechen des fol- 
genden Tages denkt, steht sie bei euch. Ihr Auge 
folgt euch in die Finsterniss, ihr Schweigen lässt euch 
erstarren. Ihr verachtet die Menschen, ihr spielt mit 



201 



den Gesetzen, aber ihr zittert stets vor diesem Ge- 
spenst, das ihr weder bestechen noch umbringen könnt. 

Sie wacht über eure Seele; ihr könnt ihr nicht ent- 
fliehen. Es wird eine Stunde kommen, wo sich die 
Hand des Todes auf eure Stirne senkt, wo ihr Alles, 
was euch lieb ist, Geld, Ehre, Frau, Kinder nur noch 
in einer Wolke seht. Aber unter Verzweiflung und 
Thränen wird sie stets bei euch sein, diese verschleierte 
Gestalt, bereit euch zu empfangen und euch in eine 
unsichtbare Welt hinüberführen. Schuldig oder unschul- 
dig, ihr könnt ihr nicht entgehen; sie wird eure Qual 
oder eure Hoffnung sein. 

Folget ihr denn hienieden ; folget ihr in eurer Ver- 
wirrung und Unsicherheit; folget ihr trotz eures Un- 
glaubens. Haltet euch an die Wahrheit, sie wird euch 
retten. Dann, wenn ihr das Leben verlassen habt, 
wird diese Gestalt ihren Schleier abwerfen und Chri- 
stus, sichtbar in dem vollen Glänze seines göttlichen 
Lächelns, wird zu euch sprechen: „Mein Sohn, erkenne 
mich, ich bin die Wahrheit.' 1 

Ich verliess die Versammlung bei den letzten Wor- 
ten dieser Predigt und eilte in ein anstossendes Zim- 
mer, wo ich Truth keuchend und halb ohnmächtig in 
meinen Armen auffing. Ich ergriff seine brennende 
Hand und sagte zu ihm: 

— Unglücklicher, Sie richten sich zu Grunde. 

— Mein Freund, flüsterte er, indem er seinen Kopf 
auf meine Schulter legte, lassen Sie uns unsere Pflicht 
thun; alles andere ist eitel. 



Zwanzigstes Kapitel. 



Ein geistliches Frühstück. 

Ich führte Truth durch die Menge, welche den 
neuen Apostel beglückwünschte, nach seinem Hause. 
Er hatte im höchsten Grade Ruhe nöthig und ich for- 
derte ihn auf, sich einen Augenblick auf sein Bett zu 
werfen. Unglücklicher Weise musste er aufbleiben und 
wieder mit seiner Person herhalten. Madame Truth 
hatte für die Freunde ihres Mannes ein grosses Lun- 
cheon in Bereitschaft gesetzt und war so freundlich, auch 
mich einzuladen. 

Auch Jenny und Susanne waren da, entzückt von 
den Predigten, welche sie gehört und wahrscheinlich 
nicht verstanden hatten. Es ist kaum glaublich, welche 
Herrschaft die Rede auf die Frauen ausübt. Ich habe 
mich mehr als einmal, wenn ich allein und hinter dop- 
pelt verriegelten Thüren in meinem Zimmer sass, ganz 
leise gefragt, ob nicht die Frau ihren natürlichen An- 
lagen nach höher steht als der Mann. Sie hat weniger 
heftige Leidenschaften und eine leichtere Bildungsfähig- 
keit. Während Adam in seiner Unschuld einschlief, 
war Eva schon wissbegierig. Es scheint mir, dass, 



203 



wenn wir seitdem die Gutmüthigkeit unseres Urvaters 
geerbt haben, die Töchter Eva's nicht von der Art ihrer 
Ahnfrau gewichen sind. Ich glaube mit Moliere, dass 
es die Vorsicht erheischt, dieses boshafte und unruhige 
Geschlecht nicht zu sehr zu unterrichten. Wenn wir 
die Frauen in einer ehrbaren Unwissenheit erhalten, 
so geben wir ihnen alle Fehler, aber auch die ganze 
Ohnmacht eines Sklaven, und unsere Herrschaft ist ge- 
sichert. Aber wenn wir die naive Gluth dieser Seelen 
steigern, wenn wir sie mit der Liebe zur Wahrheit ent- 
flammen, wer weiss, ob sie nicht bald über die Dumm- 
heit und Brutalität ihrer Gebieter erröthen würden? 
Wir wollen das Wissen für uns allein behalten; auf 
ihm beruht unsere Ueberlegenheit. 

Man setzte sich zu Tische ; ich muss gestehen, dass 
ich von Herzen darüber froh war. Ich hatte in mei- 
nem religiösen Eifer vergessen, zu frühstücken, und 
die thierische Natur in mir begann, zu leiden. Die Haus- 
frau erwies mir die Ehre, mich an ihre linke Seite zu 
setzen und legte mir zum Thee zwei oder drei Stücke 
Schinken aus Cincinnati vor, die ich Mühe hatte, mit 
dem erforderlichen Anstand zu verschlingen. Susanne 
liess lebhafte Blicke auf mich fallen, um mir meine Ge- 
frässigkeit vorzuwerfen. Daran erkannte ich meine 
Tochter wieder. In den vereinigten Staaten wie in 
Frankreich sind es in jedem guten Hause die Kinder, 
die ihren Vätern guten Ton predigen. 

Als mein schrecklicher Hunger ein wenig gestillt 
war, knüpfte ich mit meiner Nachbarin, einer guten 
und liebenswürdigen Frau, die, wie es in Amerika ge- 
bräuchlich ist, ihren Mann anbetete, eine Unterhaltung 
an. Der Gesundheitszustand ihres Mannes erregte meine 
Besorgniss; es stand für mich fest, dass ihn die Kanzel 



204 



noch früher aufreiben würde als die Zeitung, und ich 
versuchte dies der Frau auf geschickte Art beizubringen. 
Um sie nicht zu beunruhigen, sagte ich ihr im Allge- 
meinen, dass das Reden ein anstrengendes Geschäft, 
und dass für gewisse nervöse und zarte Temperamente 
zuweilen eine absolute Ruhe nöthig sei. Verlorene 
Mühe! Madame Truth sprach mir nur von der Grösse 
ihres neuen Standes. Der Stolz berauschte sie. 

— Frau eines Geistlichen zu werden, sagte sie zu 
mir, das ist der Traum aller jungen Mädchen. Wenn 
Sie wüssten, welchen Verdruss ich empfunden habe, 
als mein lieber Joe! seine erste Predigerstelle aufgab, 
um Redacteur zu werden! Nur das Predigtamt erfüllt 
alle Wünsche einer Frau, nur da ist sie im wahren 
Sinne des Worts die Genossin ihres Mannes, seine 
wahre Hälfte. Dieselben Leiden, dieselben Freuden, 
dieselben Pflichten. 

— Predigen Sie etwa auch? fragte ich sie. 

— Nicht in der Kirche; der Apostel Paulus verbie- 
tet es uns. Aber wird denn nur im Tempel das Pre- 
digtamt geübt und Gottes Wort verkündigt? Junge 
Mädchen unterrichten, jungen Frauen beistehen, Wöch- 
nerinnen besuchen, mit den Wittwen weinen, bei Kran- 
ken wachen, ihnen das Evangelium vorlesen und, wenn 
es Noth thut, ihnen sterben helfen, das sind Werke, 
bei denen ich meinen Mann unterstützen und zuweilen 
selbst ersetzen kann. — Nicht wahr, Joel, setzte sie 
mit lauterer Stimme hinzu, ich bin dein Vicar und du 
setzest dein Vertrauen auf mich? 

Truth beantwortete diese sonderbare Frage, die 
seltamer Weise Niemanden zu überraschen schien als 
mich, mit einem Zeichen seiner Hand und mit einem 
sanften Lächeln. Die Frau des Predigers selbst Predi- 



205 



ger und Hilfsgeistlicher! Eine solche Albernheit war 
mir noch nie in den Sinn gekommen. Freilich habe 
ich stets ein vernünftiges Land bewohnt Der Ball und 
die Küche sind für eine Französin die zwei Pole ihrer 
Existenz. Sie überschreiten wäre eine Unordnung und, 
was noch schlimmer ist, eine Lächerlichkeit. 

— Indess, fuhr Madame Truth fort, gibt es doch 
noch etwas schöneres als das Predigtamt, nämlich die 
Mission. 

— Haben Sie denn weibliche Missionäre? rief ich 
erstaunt. 

— Nein, antwortete sie; die Katholiken allein ha- 
ben dieses Vorrecht, um das ich sie beneide. Wir ha- 
ben keine barmherzigen Schwestern; wir haben ein- 
fach Missionärsfrauen. Das ist eine Stellung, nach der 
ich mich sehne. Die Arbeit seines Mannes theilen ist 
etwas angenehmes; seine Gefahren theilen ist gross 
vor Gott. Wundern Sie sich nicht über meinen Ehr- 
geiz; ich bin die Tochter eines Predigers; meine bei- 
den Schwestern sind an Missionäre verheirathet; die 
eine ist am Kap, die andere in China; alle beide seg- 
nen den Herrn, der ihnen ein ruhmreiches Loos be- 
scheert hat. 

— Ihre verheiratheten Missionäre, versetzte ich, 
haben kein zu rauhes Loos. Seine Frau, seine Kinder, 
sein Hauswesen mit sich nehmen ist ja kaum ein Hei- 
mathswechsel. Dazu noch ein bequemes und ständiges 
Amt mit einer guten Besoldung; unter diesen Verhält- 
nissen bedarf es keiner zu grossen Tugend, um das 
Evangelium zu predigen. 

— Glauben Sie? versetzte meine Nachbarin er 
staunt über meinen Spott. Ich weiss nicht, ob es bes- 
ser ist, wenn man die Welt durchzieht, überall im 



206 



Vorbeigehen Christi Wort aussäet und diesen Keim der 
Gnade Gottes überlässt, oder ob es vorzuziehen ist, 
wenn man sich in ein begrenztes Feld einschliesst, um 
diese kostbare Frucht zu pflanzen, zu begiessen und 
bis zur Ernte zu pflegen; aber das weiss ich gewiss, 
das Glück, Alles was er liebt, um sich zu haben, 
nimmt der Aufopferung des Missionärs nichts von ihrem 
Werth und erhöht vielleicht nur das Verdienst seiner 
Hingebung. Petrus war auch verheirathet; ist er da- 
rum nicht doch der Fürst der Apostel geworden? Am 
Kap, wo meine Schwester eine Schule und eine Ar- 
beitsanstalt für die jungen Negerinnen eingerichtet hat, 
wo sie versucht, mit Hilfe der Civilisation die Herzen 
für die Aufnahme des Evangeliums vorzubereiten, ha- 
ben die Boers dreimal die Mission in Brand gesteckt; mein 
Schwager, der wie die Mehrzahl unserer Missionäre zu- 
gleich Arzt ist, hat einem armen Kaffern einen vergifteten 
Pfeil ausgezogen und bei dieser Operation die Hand 
verloren. In China haben die Ta'i-Pings meine Schwe- 
ster von Provinz zu Provinz gejagt. Sie lebt jetzt in 
der Nähe von Schanghai', zu Grunde gerichtet, krank, 
aber immer stark im Glauben; ihr Haus ist ein Spital 
für die Verwundeten, ein Zufluchtsort für Wittwen und 
Waisen. Mitten im Fieber und in einer ewigen Unruhe 
hilft sie ihrem Mann das Evangelium predigen. Gott 
hat sie schwerer geprüft als Abraham; er hat zweimal 
das Leben ihrer Kinder von ihr gefordert. Und doch 
ist sie glücklich, zu einem solchen Opfer auserkoren 
zu sein und dem Herrn selbst um den Preis ihres Herz- 
blutes zu dienen. 

Ich antwortete nichts. Es kommen in der Ge- 
schichte Abrahams Sachen vor, die mich mehr rühren 
als die Episode mit Isaak. Ob Tugend oder Fanatis- 



207 



mus, dieser Gehorsam geht über meine Kräfte; ich be- 
greife ihn nicht. 

Um dieser Gedanken , die mich in Verlegenheit 
setzten, los zu werden, wandte ich mich gegen meinen 
Nachbar zur Linken. Er war der ächte Typus eines 
Angelsachsen: breite Schultern, eine gewölbte Brust, 
ein viereckiger Kopf auf einem langen Halse, scharfe 
Züge, eine kahle Stirn, dazu ungeheure Augenbrauen, 
unter welchen feurige Augen glänzten; ein Bild der 
Kraft und des Willens. Noe Brown, so hiess mein 
neuer Bekannter, war der Geistliche, an dessen Stelle 
Truth trat. Ich ergriff die Gelegenheit, mich zu unter- 
richten und fragte ihn, was eigentlich diese congrega- 
tionalistische Kirche, deren Name mich in Verlegenheit 
setzte, zu bedeuten habe. 

— Wie! sagte Brown, überrascht durch meine Un- 
wissenheit; Sie wissen nicht, dass dies unsere alte pu- 
ritanische Kirche ist, welche die Pilger, unsere durch 
Unduldsamkeit vertriebenen Väter,' auf ihrem ersten 
Schiff, der „Maiblume" mit sich gebracht haben ? Durch 
den Bruch mit den Gräueln und der Götzendienerei 
des anglikanischen Babylon wollten unsere Ahnen die 
Irrlehren der Hierarchie mit der Wurzel ausrotten. 
Nach dem Beispiel der ersten Christen haben sie aus 
jeder Vereinigung von Gläubigen eine Kirche oder un- 
abhängige Congregation gemacht, ein vollständiges Ge- 
meinwesen, das von den Aeltesten verwaltet und vom 
Prediger geleitet wird. Von diesem Heerde der Unab- 
hängigkeit und Gleichheit ist unser Bekenntniss aus- 
gegangen. Darin liegt zugleich das Geheimniss unse- 
res Lebens und unserer politischen Grösse. Amerika 
ist nichts als ein Bund von Kirchen und selbststän- 
digen Gemeinden; das ist die Blüthe des Puritanismus. 



208 



Hier wie überall hat die Religion den Menschen und 
den Bürger nach ihrem Bilde geschaffen; einte freie 
Kirche hat eine freie Gesellschaft erzeugt. 

Diese Paradoxen, die mit aller puritanischen Ernst- 
haftigkeit vorgetragen wurden, ärgerten mich. Wenn man 
diesen Fanatikern glauben wollte, so regierte ihr Kate- 
chismus die ganze Welt. Mögen sie doch .Frankreich 
betrachten, diese Heimath der Aufklärung und Philoso- 
phie, und sie werden erfahren, wie sich der Einfluss der 
Religion auf Staat und Gesellschaft auf ein Minimum 
reducirt. Man ist in der Kirche gut katholisch und ist 
anderswo, was man will. Dies versuchte ich meinem 
Pfaffen zu beweisen, aber er war hartnäckig wie ein An- 
gelsachse und ein Yankee; j ein ehr ich Beweise anhäufte, 
die ihn schlagen mussten, um so heftiger stritt er. 

— Sehen Sie nur die Engländer, rief er; wer ihre 
Kirche kennt, kennt ihre Geschichte. Geistliche Lords, 
Versammlungen, welche das Bekenntniss beherrschen, 
ein. unwandelbares) Dogma in neununddreissig Artikeln, 
ein Gebetbuch, das durch Machtgebot der Bischöfe und 
des Regenten eingeführt ist, privilegirte Universitäten 
und Schulen, ungeheures Grundeigenthum, eine be- 
trächtliche Anzahl einträglicher Stellen ; was kann dar- 
aus anderes werden als eine aristokratische Gesellschaft? 
Ohne die Dissidenten, die noch das Salz des Landes 
sind, wäre England längst wie das alte Aegypten zur 
Mumie geworden. 

— Und die Franzosen ? fragte ich, um ihn in Ver- 
legenheit zu setzen. 

— Der Franzose, antwortete er, ist Katholik, Mo- 
narchist und Soldat, während der Amerikaner Prote- 
stant, Republikaner und Bürger ist; das Alles ist so 
deutlich wie die fünf Finger einer Hand; es würde 



209 



ebenso unmöglich sein, aus Frankreich eine Republik 
zu machen, als aus den vereinigten Staaten eine Mo- 
narchie. Die Verschiedenheit der Kirche begründet die 
Verschiedenheit der Gesellschaft. 

— Darf ich fragen, welcher Gesellschaft Sie dann 
den Vorrang einräumen? 

— Urtheilen Sie selbst*, antwortete er; die eine ist 
eine Gesellschaft von Kindern, die andere ist eine Ge- 
sellschaft von Männern. 

— Ich sehe mit Vergnügen, dass wir derselben An- 
sicht sind, 

— Das freut mich sehr, versetzte er und fuhr ruhig 
fort, seinen Thee zu trinken. 

— Es steht fest, setzte ich hinzu, indem ich mich 
zu ihm neigte, dass die Amerikaner eigentlich weniger 
ein Volk sind, als ein Schwärm von Auswanderern, 
der in der Wüste zerstreut ist. Für den Augenblick 
führt die Freiheit vielleicht wenig Inconvenienzen mit 
sich. Aber in dem Maass als Amerika älter wird, wird 
es die Notwendigkeit empfinden, eine wahre Gesell- 
schaft zu begründen, es wird sich unter das Banner 
der Autorität schaaren. 

— Mein Herr, erwiderte er, indem er seine Tasse 
geräuschvoll auf den Tisch setzte, Sie missverstehen 
mich; ich denke das gerade Gegen th-eil von dem, was 
Sie sagen. 

— Was! rief ich; sollten Sie etwa gar die Franzo- 
sen für ein Volk von Kindern halten? 

— In der Politik, sagte er, unterliegt das keinem 
Zweifel. Aus welcher Zeit datiren sie denn ihre Frei- 
heit? Und was für eine Freiheit? Aus dem Jahre 1789; 
die unsere datirt von 1620; wir sind um 170 Jahre 

14 



210 



älter als sie; wir haben die dreifache Erfahrung und 
die zwanzigfache Weisheit. 

— Also, versetzte ich mit bewegter Stimme, erken- 
nen Sie den Amerikanern die Palme der Civilisation zu? 

— Wir wollen unklare Ausdrücke vermeiden, ant- 
wortete er kalt. Civilisation ist ein weiter Begriff; 
sie enthält so viele verschiedene Elemente, dass je- 
des Volk in seiner Art Anspruch auf den ersten Rang 
erheben könnte. Was macht die Civilisation aus? Die 
Religion, die Politik, die Sitten, die Industrie, die Wis- 
senschaft, die Literatur, die Kunst? Oder eines von 
diesen Dingen? oder alle zusammen? Sehen Sie, wie 
verwickelt das Problem ist. Die Kunst zum Beispiel, 
die von feinen Köpfen die Blüthe der Civilisation ge- 
nannt wird, sprosst häufig nur aus einem verfaulten 
Stamm hervor; auch glaube ich, dass unter unsern 
modernen Völkern, die doch nur von der Nachahmung 
der Alten leben, am Ende das Volk, welches das äl- 
teste ist, zugleich in der Kunst am höchsten steht. In 
Frankreich hat man einen feineren Geschmack als in 
England, aber der Italiener hat wieder mehr natürli- 
ches Talent, als der Franzose; in der Industrie stehen 
alle freien Nationen gleich hoch, und die Wissenschaft 
hat kein Vaterland. Was die Literatur anlangt, so fin- 
det jedes Volk in der seinigen den Ausdruck seiner 
Ideeen; ich überlasse den Kritikern das kindliche Ver- 
gnügen, für Dante, Moliere oder Shakspeare eine Rang- 
folge aufzustellen. Aber die Religion, die Politik und 
die Sitten sind untrennbar verwachsen. Darin liegt der 
Saft eines Landes, darin ruht seine Zukunft; und in 
diesem Punkt gebe ich keck meiner Kirche und mei- 
nem Lande den ersten Rang; ich glaube an die Frei- 
heit, ich bin Amerikaner und Puritaner. 



211 



— Mohikaner, dachte ich; man kann es übrigens 
leicht merken; denn du verstehst nicht einmal, aus 
Höflichkeit zu lügen. 

Ich würde sicher den unerträglichen Prediger noch 
in Verwirrung gesetzt haben, aber man erhob sidh zu 
seinem Glück von der Tafel. Ich verliess diesen be- 
schränkten und wilden Menschen und näherte mich ei- 
nem jungen Prediger, dessen artige Miene mir gefiel. 
Schon vor dem Frühstück hatte mir Truth Herrn Naa- 
man Walford als eine Säule des neuen Zion vorge- 
stellt. Begierig den Phönix zu finden, der ein Theo- 
loge und dabei vernünftig wäre, wünschte ich von M. 
Naaman gut aufgenommen zu werden; ich beglück- 
wünschte ihn denn auch sofort über die ausgezeichnete 
Acquisition, die seine Kirche in der Person von Mr. 
Truth' mache. 

— Entschuldigen Sie, erwiderte er mir; ich bin 
Presbyterianer. 

— Presbyterianer! rief ich, und dabei machen Sie 
einem Rivalen Ihre Aufwartung? Das zeugt von einem 
schönen Gernüth; denn, unter uns, dieser Prediger, 
dessen Hand Sie drücken, ist doch ein Ketzer, den Sie 
verdammen müssen. 

— Ich? erwiderte er sehr überrascht; ich ver- 
damme Niemanden; das wäre unchristlich. 

— Ich drücke mich schlecht aus, lieber Herr Naa- 
man; ich wollte nur sagen, dass Sie nach dem Bei- 
spiel des göttlichen Hirten, welcher die verirrten Schaafe 
aus dem Hause Israel sucht, sich nicht scheuen, mit 
Leuten freundschaftlich zu verkehren, deren Irrthum Sie 
verabscheuen. 

— Mr. Truth hat mich heute Morgen wahrhaft er- 

14* 



212 



baut, antwortete er, und ich glaube nicht, dass er sich 
im Irrthum befindet. 

Jetzt war die Reihe, zu erstaunen, an mir; ich 
fürchtete, ihn unrecht verstanden zu haben. 

ß - Mein Herr, sagte ich zu dem jungen Prediger, 
glauben Sie, dass Ihre Kirche die Wahrheit lehrt? 

— Ohne Zweifel, sonst würde ich nicht in ihr 
bleiben. 

— Dann, versetzte ich, muss es also zwei Wahr- 
heiten geben, wie es zwei Kirchen gibt, eine presby- 
terianische Wahrheit und eine congregationalistische 
Wahrheit. Vielleicht gibt es auch noch eine baptisti- 
sche, methodistische, lutherische und selbst eine katho- 
lische Wahrheit. Entschuldigen Sie meine Unwissen- 
heit; ich vermuthete stets, die Wahrheit sei eins und 
es sei ein Kennzeichen des Irrthums, sich ins unend- 
liche zu theilen. 

— Doctor, sagte Naaman etwas aufgeregt durch 
meine französische Lebhaftigkeit, wenn Sie auf dem 
Meer sind und die Tageszeit wissen wollen, wie ma- 
chen Sie es? 

— Ich sehe nach der Sonne und die Sonne gibt 
mir Auskunft. Wollen Sie mir durch ein Gleichniss 
antworten? In meinem Alter, mein Lieber, hat man 
wenig Geschmack für Beispiele; man lässt nur Gründe 
gelten. 

— Ich bin noch jung, Doctor, ich darf wohl auf 
Ihre Nachsicht rechnen, antwortete Naaman mit lie- 
benswürdigem Lächeln. Die Sonne gibt Ihnen also 
Auskunft. Wenn es nun zwölf Uhr in Paris ist, kön- 
nen Sie mir dann sagen, wieviel Uhr es in Berlin ist? 

— Nein; ich weiss nur, dass ein in Berlin um eilf 
Uhr aufgegebenes Telegramm in Paris gegen zehn ein 



213 



halb Uhr ankommt, das heisst, scheinbar dreissig Minu- 
ten vor seinem Abgange. Uebrigens liegt daran nichts 
und ich gebe Ihnen zu, dass es zur Pariser Mittagszeit 
in Berlin ein Uhr, in Petersburg zwei Uhr und, wenn 
Sie wollen, auf den Azoren neun Uhr Abends und in 
Quebek sieben Uhr sein soll. Alles hängt vom Meri- 
dian ab. 

— Also, sagte Naaman, es ist überall die nämliche 
Sonne und doch nirgends die gleiche Stunde; wie ge- 
schieht das? 

— Sie sind gewiss Astrologe, versetzte ich, und 
wollen mich zu einem Adepten machen. Ich antworte 
Ihnen also, Herr Professor: es ist die nämliche Sonne, 
aber von verschiedenen Punkten aus gesehen. 

— Noch eine Frage, Doctor, und verzeihen Sie 
mir dann meine Unbescheidenheit. Welche unter allen 
diesen Stunden ist die richtige? 

— Sonderbare Frage! die Stunde ist für jeden Ort 
die richtige, weil die Sonne für jeden Ort an einem 
verschiedenen Punkt aufzugehen scheint. Ist der Herr 
Professor mit seinem graubärtigen Schüler zufrieden? 

— Ja, Doctor, ich sehe, dass wir in der Theolo- 
gie wie in der Astronomie übereinstimmen. 

— Herr Naaman, erwiderte ich, ich fange an, Sie 
zu verstehen. Die Wahrheit ist für Sie die Sonne, die 
jeder von uns verschieden sieht nach dem Horizont, 
der ihn einschliesst. Ohne Zweifel ist es demnach in 
der presbj^terianischen Kirche Mittag, während diese 
Stunde für die Baptisten schon vorüber und für die Me- 
thodisten noch nicht erschienen ist. Wer weiss, ob 
man nicht die Katholiken zu den Antipoden versetzt? 
Das ist eine sehr sinnreiche Manier, den Hochmuth 
mit der Frömmigkeit in Einklang zu setzen. 



214 



— Mein Herr, erwiderte Naaman erröthend, Sie 
thun mir Unrecht. Sie haben meine Gedanken getrof- 
fen, aber Sie fassen meine Gefühle falsch auf. Ja, für 
jede Kirche, und ich möchte fast sagen, für jeden Chri- 
sten gibt es, wie ich glaube , einen verschiedenen Ho- 
rizont. Geburt und Erziehung bestimmen unsern Aus- 
gangspunkt; an uns ist es dann, zu jener Wahrheit 
vorzuschreiten, die uns ruft; an uns ist es, durch Stu- 
dien und tugendhaften Wandel uns unaufhörlich ihr zu 
nähern. Mag es Kirchen geben, die durch das gött- 
liche Licht heller erleuchtet sind, ich glaube es; aber 
ich bin darum nicht minder gewiss, dass man auch in 
der geringsten Kirche die besten Christen finden kann. 
Es ist ein grosser Vortheil, nahe an der Sonne zu ste- 
hen, aber dies ist nicht immer ein Grund, sie besser 
zu sehen. Darum, mein Herr, liebe ich meine pres- 
byterianische Kirche und verdamme gleichwohl Nie- 
manden. 

Alles das trug Naaman mit einem reizenden Frei- 
muth vor. Wie schön ist doch die Tugend in einer 
jungen Seele; sie gleicht dem Lächeln des Morgenroths 
in den ersten Tagen des Frühlings! 

— Mein junger Freund, sagte ich zu Naaman, Ihre 
Illusionen haben etwas Verführerisches; das Gefühl, 
dem sie ihre Entstehung verdanken, ist höchst achtungs- 
werth, aber der erste Hauch der Vernunft wird sie zer- 
streuen. Wenn jeder Christ die Wahrheit nach seiner 
Manier sieht, gibt es keine-Wahrheit. Wir stehen dann 
wieder beim Skepticismus von Montaigne. Sie werden 
keinen Lehrsatz finden, der nicht angegriffen, keinen 
Glauben, der nicht erschüttert wird. Ihre Theorie, an- 
scheinend so christlich , verdammt uns zu unüberwind- 



21f> 



lichera Zweifel und führt schliesslich zu allgemeinem 
Unglauben. 

— Doctor, antwortete der junge Mann mit rühren- 
der Bescheidenheit des Ausdrucks, es scheint mir, dass 
Sie dem menschlichen Geiste, also dem Werke Gottes, 
den Prozess machen wollen. Man könnte ebenso gut 
aus der Verschiedenheit und aus der Schwäche unserer 
Augen den Schluss ziehen, dass wir nicht sehen. Das 
würde die nämliche Logik und die nämliche Sophistik 
sein. Die Naturwissenschaften sind Jedem von uns nur 
theilweise zugänglich, dem einen mehr, dem anderen 
weniger; hebt diese Verschiedenheit des Wissens die 
Wissenschaft selbst auf? Gibt es in der Physik einen 
einzigen unbestrittenen Lehrsatz? Wollen Sie darum 
läugnen, dass es eine physikalische Wahrheit gibt? 

— Der Vergleich trifft nicht zu, mein lieber Naa- 
man. Was ist von den Naturwissenschaften, wie sie 
vor dreissig Jahren waren, übrig geblieben? Was ge- 
stern Wahrheit war, ist heute lrrthum. 

— Nein, Doctor,, nur was gestern lrrthum war, ist 
gefallen, wie ein welkes Blatt, die Wahrheit hat sich 
nicht verändert; denn sie ist ja nichts als die Erkennt- 
niss der Natur und die Natur selbst verändert sich 
nicht. 

— Ich gebe Ihnen das zu, junger Mann, aber die 
religiöse Wahrheit gehört einer anderen Gattung an, 
als die natürliche Wahrheit. 

— Doctor, versetzte Naaman, wenn ich Ihnen auch 
diesen übrigens höchst zweifelhaften Satz zugeben wollte, 
so würden wir darum nicht weiter kommen. Wie gross 
auch die Zahl und Verschiedenheit der Körper ist, die 
die Welt erfüllen, wir haben nur unsere Augen, um 
sie zu sehen; was wir nicht sehen, existirt nicht für 



216 



uns. Von welcher Beschaffenheit eine Wahrheit auch 
sein mag, wir haben nur unseren Geist, um sie zu be- 
greifen. Sind unsere Geisteskräfte doppelter Art? Gott 
hat Jeden von uns zur Entdeckung der natürlichen 
Wahrheiten mit einer Kraft des Forschungstriebes und 
rastloser Arbeitsamkeit ausgestattet, die wir Vernunft 
nennen. Gäbe es vielleicht ausserdem noch eine an- 
dere Kraft in uns, die ohne selbstthätige Anstrengung 
die religiöse Wahrheit in derselben Weise auffängt, wie 
ein Spiegel den Gegenstand wiedergibt, den man ihm 
vorhält? Wenn es keine solche Kraft gibt, dann ist 
die Verschiedenheit der religiösen Meinungen notwen- 
dig gegeben; sie hängt ab vom Alter, von der Erzie- 
hung, von der Heimath, von der natürlichen Energie 
oder der Thätigkeit unseres Geistes. Wenn im Gegen- 
theil eine solche Kraft existirt, so müssen wir Alle 
gleich denken, wie wir nach einem Naturgesetze Alle 
gleich athmen. Aber, Gott sei Dank, so steht es nicht. 
Gott hat Jedem von uns die Freiheit gelassen, ihn un- 
richtig aufzufassen, damit Jeder von uns das Recht hat, 
ihn zu lieben. Diese Freiheit, die Sie erschreckt, ist 
unsere schönste Mitgift; denn sie macht die Religion 
zur Liebe und den Glauben zur* Tugend. 

— Naaman, rief ich, Sie sind ein Apostel der Anar- 
chie. Une foi, une lol , im roi, ein Glaube, ein Gesetz, 
ein König, war die Devise des Mittelalters, die auch 
jetzt noch jeder Mensch tief im Herzen trägt. Was bie- 
ten Sie uns dafür? Nichts als Verwirrung. Was soll 
aus einer Kirche werden, wo Jeder eine verschiedene 
Sprache redet und die seines Nachbarn nicht versteht? 

— Mein Herr, versetzte der junge Geistliche, ich 
liebe die Einheit nicht minder als Sie. Christus sagt 
uns, dass ein Tag kommen werde, wo es nur noch 



217 



eine Heer de und einen Hirten geben solle; ich glaube an 
das Wort Christi, aber Einheit ist nicht Einförmigkeit. 
Betrachten Sie die Natur; welche bewundernswerte 
Einheit! Und doch gibt es keinen Baum, keine Pflanze, 
keine Blume, ja kein Blatt, das dem anderen gleicht. 
Aus endloser Verschiedenheit erzielt Gott die lebendig- 
ste und vollkommenste Einheit. Warum sollte das Na- 
turgesetz nicht zugleich ein Gesetz für die Menschheit 
sein? Warum sollte nicht die Stimme jeder Creatur 
ihren Platz finden in dem Lobgesang, den die Erde 
dem Herrn singt? Was ist die dürftige Eintönigkeit 
einer einzigen Note gegenüber dieser reichen Harmo- 
nie? Für mich besteht die Einheit in der allgemeinen 
Kirche, in der Gemeinschaft aller Gläubigen. Wer 
Christum liebt, ist mein Bruder; ich sehe auf seine 
Liebe und nicht auf sein Symbol. Augustinus, Chry- 
sostomus, Gerson, Melanchthon, Jeremias Taylor, Bu- 
nyan, Fenelon, Law, Chaning sind die Soldaten dieses 
göttlichen Heeres. Ihr Regiment ist mir gleichgültig, 
aber ihr Banner ist das meinige, es ist das der Wahr- 
heit. 

— Bravo, Naaman! sagte Truth und legte seine 
Hand auf die Schulter des jungen Geistlichen; helfen 
Sie mir diesen Heiden bekehren. 

— Selbst Heiden! rief ich. Ich glaube, dass ich 
hier der einzige Christ, oder, wenn Sie es vorziehen, 
der einzige Katholik im wahren Sinn des Wortes bin. 
Während Sie die Religion zerstückeln und jeder Laune 
preisgeben, will ich, alten und soliden Grundsätzen 
treu, ein einziges Glaubensbekenntniss haben, das ein 
Gesetz für den Geist sein soll, und um dieses Gesetz 
der Wahrheit aufrecht zu erhalten , rufe ich den weltli- 
chen Arm zur Hilfe. 



218 



— - Wie ich Ihnen sagte, lieber Naaman, versetzte 
Truth lachend, das ist heidnischer Verfall; er ist einer 
der Anbeter der Gewalt, die sich einbilden, dass man 
die Wahrheit verordnen kann, wie man Gesetze zu- 
sammenschmiert. 

— Ich bin keineswegs so lächerlich, versetzte ich 
etwas aufgeregt. Auch ich liebe die Wahrheit, aber 
ich bin kein blinder Utopist. Für Phantasten ist die 
Freiheit ein Universalmittel, das alle Uebel und Irr- 
thünier heilt; die Erfahrung hat mein Vertrauen eini- 
germassen erschüttert. Die Welt ist keine Versamm- 
lung von Philosophen, die friedlich die verwegensten 
Thesen diskutiren; das Volk, diese vielköpfige Hydra, 
ist eine Anhäufung von schwachen, unwissenden, thö- 
richten, verkehrten, strafwürdigen Creaturen; um es 
zu zügeln und zu lenken braucht man einen Zaum. 
Dieser Zaum ist die Religion, wenn sie von einer äus- 
seren Autorität aufrecht erhalten und anbefohlen wird. 
Wenn die weltliche Macht die Sache der Kirche nicht 
in die Hand nimmt, ist es um das Christenthum ge- 
schehen; dann ist die Gesellschaft dem Atheismus, der 
Anarchie, der Revolution preisgegeben. Darum, meine 
Herren, glaube ich an die Notwendigkeit, oder ich 
will lieber sagen, an den heiligen Beruf der Gewalt 
für den Dienst der Wahrheit Bin ich denn ein Heide, 
wenn ich nach dem Beispiel des heiligen Augustinus 
oder Bossuet's und so vieler anderer vortrefflicher Chri- 
sten, ohne von eurem Calvin zu reden, verlange, dass 
die Gesellschaft der Kirche ihr Schwert leihe, oder 
mit anderen Worten, dass der Staat eine Religion 
habe? 

— Eine Staatsreligion , rief plötzlich Brown, indem 
er sein Bulldoggenhaupt emporstreckte; was ist das für 



219 



ein Ungethüm? Hat denn der Staat eine Seele, dass 
er eine Religion haben kann? 

— Mein Herr, antwortete ich trocken, Sie wollen 
natürlich lieber einen gottlosen Staat und atheistische 
Gesetze. 

— Mein Herr, versetzte der Querkopf, ich lasse 
mich nicht mit Phrasen abspeisen. Was heisst Staat? 
In einer Monarchie bedeutet es den Fürsten. Sollen 
denn etwa dreissig Millionen Christen die Religion Ahabs 
annehmen, wenn Ahab zufällig eine eigene Religion 
hat? Bei uns, wo die Gewalt wechselt, wird man also 
alle vier Jahre den Glauben ändern. Das nenne ich 
Atheismus vom ersten Rang ; auf Befehl glauben heisst 
nichts glauben. 

— Wenn ich vom Staate rede, unterbrach ich ihn, 
so verstehe ich darunter natürlich die staatliche Gesell- 
schaft 

— Gut, versetzte er, dann wird also die Majorität 
über das Glaubensbekenntniss verhandeln, Anträge da- 
zu stellen, und durch Abstimmung darüber entscheiden. 
Wir haben dann eine parlamentarische Religion. Man 
wird zum Beispiel die Menschwerdung oder die Drei- 
einigkeit zur Abstimmung bringen. Welche Comödie! 
Wie seltsam! Seitdem die Welt besteht, gibt es keine 
natürliche Wahrheit, die nicht ein Einzelner entdeckt 
hätte; langwierige Versuche, zuweilen selbst das Mär- 
tyrthum des Entdeckers sind nothwendig, um dieser 
Wahrheit einige Jünger zu verschaffen, ein Jahrhundert 
reicht oft nicht hin, ihr die Mehrheit zu gewinnen; in 
der Religion steht es also anders, hier täuscht sich die 
Majorität wohl niemals? Komische Unfehlbarkeit! Man 
mag uns doch lieber den Papst zurückgeben; ein Mira- 
kel lasse ich gelten, eine Absurdität weise ich zurück. 



220 



— Herr Brown, versetzte ich mit gehobener Stimme, 
Sie antworten nicht auf meinen Einwurf. Wenn der 
Staat keine Religion hat, werden die Gesetze atheistisch 
sein. 

— Immer Phrasen, mein Lieber, versetzte der stör- 
rige Pfaffe. Der Staat ist ein abstracter Begriff und nur 
eine Bezeichnungsweise für die Gesammtheit der öffentli- 
chen Gewalten. Aber die Gesellschaft ist etwas leben- 
diges, sie ist die Vereinigung aller Bürger, die das 
nämliche Vaterland bewohnen. Wenn diese Menschen 
Christen sind, wenn sie eine christliche Moral besitzen, 
wie soll dann die Zustimmung, welche diese Menschen 
der öffentlichen Moral geben, mit anderen Worten, wie 
soll dann das Gesetz atheistisch sein? Ein jeglicher gu- 
ter Baum bringet gute Früchte. 

— Unverständiger! rief ich; wie können Sie sich 
einbilden, dass, wenn der Staat jede Gattung von Glau- 
ben duldet, das Evangelium darunter nicht leiden wird? 

— Sie besitzen wenig Glauben, versetzte Brown 
und warf mir einen schrecklichen Blick zu. Sie' ver- 
gessen, dass Paulus sagt: Die Waffen unseres Heeres sind 
nicht irdisch. Das Christenthum war niemals schöner 
und stärker, als wenn es die Welt gegen sich hatte. 
Blicken Sie um sich und Sie werden sehen, dass nir- 
gends die Religion inniger mit dem Leben zusammen- 
hängt als in Amerika; und doch kennt hier der Staat 
keine Religion. Kerkern Sie den Geist nicht ein, hal- 
ten Sie ihn nicht in einer verderblichen Pinsterniss; 
lassen Sie ihn frei und er wird den Weg zu Gott 
finden. 

— Aber es ist doch unmöglich, lieber Herr Brown, 
dass der Staat alle Bekenntnisse unterhält und sich zum 



221 



Zahlmeister des ersten besten Fanatikers macht, dem 
es einfällt, eine Kirche zu begründen. 

— Ich will, dass er überhaupt Niemanden unter- 
terhalten soll, rief der wilde Puritaner. Auf welchem 
Recht beruht seine Einmischung? Ist sein Geld anders 
als das unsrige? Wie? Der Jude soll für die Christen 
bezahlen, die ihn Gottesmörder heissen? Ich soll für 
die Unitarier zahlen, die mir die Gottheit Christi ab- 
läugnen? Welche Ungerechtigkeit! Welche beleidigende 
Zumuthung an meinen Glauben! Ueberdies, sehen Sie 
doch nur, welche Rolle Sie dem Staate anweisen. 
Wenn der Gesetzgeber erklärt, dass die Religion nicht 
zu seiner Zuständigkeit gehört, so proklamirt er Ge- 
wissensfreiheit; er handelt gerade durch seine Enthalt- 
samkeit christlich. Denken Sie sich aber, dass er zehn 
feindselige Glaubensbekenntnisse in Schutz nimmt, was 
soll diese unverschämte Bevormundung anders bedeu- 
ten, als dass der Staat in der Religion ein politisches 
Werkzeug sieht und gegen alle Bekenntnisse nur die- 
selbe Gleichgültigkeit und dieselbe Verachtung hegt? 
Dieses schöne System haben Sie übrigens nicht selbst 
erfunden, mein Herr; es ist die Politik des Heiden- 
thums. 

— Sehr wohl, versetzte ich; überlassen Sie jedem 
Gläubigen die Unterhaltung seines Cultus , wir werden 
dann sehen, wie viele Kirchen Sie haben werden. Man 
wird aus Sparsamkeit Atheist werden. 

— Sie täuschen sich, lieber Doctor, sagte Truth in 
freundlichem Tone. Die Probe ist schon gemacht; sie 
spricht gegen Sie; wir haben achtundvierzigtausend 
Kirchen, die sämmtlich aus Privatmitteln gebaut sind 
und deren Werth man auf mehr als hundert Millionen 
Dollars anschlägt. Wir errichten jedes Jahr zwölfhun- 



222 



dert neue Kirchen. Der durchschnittliche Gehalt unse- 
rer Prediger beträgt ungefähr fünfhundert Dollars; das 
macht ein jährliches Cultusbudget von vierundzwanzig 
Millionen Dollars; suchen Sie unter den Ländern, wo 
der Staat den Cultus bezahlt und Sie werden sicher 
kein einziges finden, das halb so viel ausgibt wie wir. 
Der Grund hiefür ist sehr einfach; der Staat muss mit 
dem Gelde, das er der Gesamrntheit abnimmt, geizen, 
während der Einzelne sich ein Vergnügen daraus macht, 
seine Kirche zu bereichern und vor keinem Opfer zu- 
rückweicht. Nichts macht so freigebig wie Glaube und 
Freiheit. 

— Sehr wohl, erwiderte ich; aber die Geldfrage 
ist nicht Alles; es bleibt auch noch die politische Seite. 
Wenn man dem ersten besten das Recht gibt, eine 
Kirche zu gründen, so heisst dies alle Vereinigungen 
anerkennen, und dem religiösen Ehrgeiz und dem Fa- 
natismus, den heftigsten und gefährlichsten Elementen 
auf der Welt, freie Bahn geben. Bedenken Sie, wenn 
eine dieser Kirchen die Oberhand gewinnt und sich der 
Geister bemächtigt, so wird sie ein Staat im Staate. 
Sie werden alsdann, aber zu spät, den Fehler einse- 
hen, den Sie durch den Verzicht auf eine Schutzherr- 
schaft begangen haben, die der Regierung notwendi- 
ger ist als der Kirche und die im Grunde nur ein 
Schutz der weltlichen Souveränetät ist. 

— Auf diesem Punkte habe ich Sie erwartet! schrie 
der Puritaner, indem er sich wie ein Eber wieder in 
das Handgemenge stürzte. Ich kenne euch Herren Po- 
litiker; Spinoza, das Haupt der Atheisten, der Materia- 
list Hobbes und der Skeptiker Hume haben mir Ihr 
Geheimniss längst verrathen. Sie brauchen eine offi- 
cielle Kirche, um der Religion ganz los zu werden. 



223 



Nicht der politische Einfluss setzt Sie in Verlegenheit; 
er bedeutet nichts in einem freien Lande ; Sie fürchten 
nur den moralischen Einfluss. Das Christenthum ist 
seiner Natur nach lebhaft, angreifend, erobernd. Es 
braucht den ganzen Mann; es will Alles, Gesellschaft 
und Regierung nach sich ziehen und mit seinem Geiste 
durchdringen; das lieben wir und das erschreckt Sie. 
Bischöfe, die in ihrem Fürstenpurpur einschlafen, arme 
Vikare, deren Eifer man massigen und leiten kann, 
als Religion eine Art banaler und unfruchtbarer Moral, 
die dem Volke Gehorsam predigt und ihm immer nur 
von seinen Pflichten, niemals von seinen Rechten re- 
det, das ist das Ideal, welches Sie reizt und uns ent- 
setzt. Sie weisen die Freiheit aus eben dem Grunde 
zurück, der sie uns wünschenswerth macht. Wir glau- 
ben an das Evangelium, Sie fürchten sich vor ihm. 

— Ich fürchte mich nur *vor den religiösen Genos- 
senschaften, erwiderte ich, und nicht vor dem Evan- 
gelium. 

— Jawohl, weil die Genossenschaft die einzig mög- 
liche Form der Freiheit ist. Sie brauchen einen Staat, 
dessen Allmacht nichts beunruhigt, und der nur ver- 
einzelte Individuen und stumme Gewissen vor sich hat. 
Das ist der römische Despotismus in seiner ganzen 
Hässlichkeit. Wir Christen stellen zwischen den Staat 
und das Individuum, zwischen Gewalt und Egoismus 
die Genossenschaft; das heisst die Liebe, die Mildthä- 
tigkeit, als wahrhaftes Band des Herzens, als wahrhaf- 
ten Kitt der Gesellschaft. Wir brauchen Hunderte von 
Vereinen und Tausende von Versammlungen, um die 
Bibel zu verbreiten, um das göttliche Wort fortzupflan- 
zen, um Aufklärung zu schaffen, um Armen zu helfen, 
Leidende zu trösten und die Gefallenen wieder aufzu- 



224 



richten. Wir wollen, dass ein christliches Volk das 
Gute mittelst der freien Betheiligung aller seiner Glie- 
der thue und Niemanden einen Beruf überlasse, den 
es allein erfüllen kann. Aber alle diese Genossenschaf- 
ten können nur unter der Voraussetzung existiren, dass 
die Kirche selbst, die erste und ansehnlichste unter 
ihnen, unumschränkte Gebieterin in ihrer Sphäre bleibt. 
Die Kirche deckt und schützt mit ihrer Freiheit alle 
andern Genossenschaften, und auf diese Art ist die Re- 
ligion, weit entfernt eine Gefahr für den Staat zu sein, 
das eigentliche Lebenselement der Gesellschaft. Darum, 
mein Herr, brauchen wir die religiöse Freiheit; wir 
brauchen sie, weil Christus sie uns gegeben hat und 
weil sie die Mutter jeder andern Freiheit ist. Wer das 
nicht weiss, ist weder Christ noch Bürger. 

Ich würde diesen Fanatiker zur Antwort erdrosselt 
haben, hätte nicht eine kleine Hand zur Antwort die 
meinige ergriffen. Ich erkannte Susannen und lächelte. 

— Lieber Vater, sagte sie ganz leise, es ist bald 
zwei Uhr, wir müssen fortgehen. 

— Jawohl, es wird Zeit für das Bois de Boulogne. 
Ist der Wagen da? 

— Papa, heute ist Sonntag; heute fährt man nicht 
im Wagen. Ich will dich nur in die Sonntagsschule 
führen. 

— Du hast Recht, dachte ich. Ein Pariser, der 
sich in dieses schöne Land der Freiheit verirrt hat, hat 
es wirklich sehr nöthig, in die Schule zu gehen. Er 
muss Alles lernen und Alles vergessen. 

In der Strasse, fern von dieser theologischen At- 
mosphäre, athmete ich wieder auf. 

— Ach! rief ich gähnend, wie sind diese Leute 
schwerfällig! Man glaubt Stiere vor sich zu haben, die 



225 



sich im Kreise drehen und immer die nämliche Furche 
ziehen. Eine Stunde Religion und Politik ist für einen 
Franzosen zu viel; das kann ihm jeden Geschmack am 
Evangelium und an der Freiheit verleiden. Wer wird 
denn endlich irgend etwas Vernünftiges und Unterhal- 
tendes mit mir sprechen, über Malerei, über das Thea- 
ter, über Musik oder über Krieg? Paris, Paris! wie 
sehne ich mich nach dem lebendigen Duft deiner Am- 
brosia! 

Ich weiss nicht, welche Thorheit ich Susannen ge- 
sagt haben würde, hätte ich nicht den schönen Naa- 
man neben uns gehen sehen mit dem Schritte eines 
Hirten, der seinen Schaafen folgt. Ich vergass, dass 
ich in Amerika, und dass meine Tochter für den Au- 
genblick Presbyterianerin war. 



15 



Einundzwanzigstes Kapitel. 



Die Sonntagsschule. 

Wer kann mir sagen, woher die Schwäche eines 
Vaters für seine Tochter rührt? Von der Illusion, sich 
in ihr wiederzufinden, wie die Mutter sich im Sohne 
wiederzufinden glaubt? Ist es für uns Graubärte, de- 
nen das Leben seine Furchen durch das Gesicht gezo- 
gen hat, die Freude, uns unter einer anmuthigen und 
lächelnden Gestalt wieder erstehen zu sehen? Ist es 
der Reiz einer reinen Liebe, die nichts verlangt, als 
sich zu opfern? Ich weiss es nicht, aber der unver- 
meidliche Alfred war nicht da und ich schwelgte wie 
ein Eifersüchtiger in dem Glück , mit Susannen zu 
plaudern und zu lachen. Ich spiegelte mich in dem 
Glänze ihrer Augen, als mich plötzlich im Vorüberge- 
hen eine rothe Hand ergriff, die an einem langen Arm 
sass, während eine Grabesstimme mir zurief: In dieser 
Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Im nämli- 
chen Augenblick wurde ein Papier in meine Rocktasche 
gesteckt; ich drehte mich um, eine andere Hand er- 
griff mich, eine andere Stimme rief mir zu: Denke an 
dein Heil, und in meine andere Rocktasche wurde mir 



227 



gleichfalls ein Papier gesteckt Auf diesen Lärm liefen 
drei schwarze Männer herbei, erhoben den Arm wie 
die schwörenden Horatier und jeder von ihnen ver- 
senkte in meinen Busen unter dem schönsten Geheul 
zwar kein Schwert, aber ein kleines Buch. Dann ver- 
schwand diese Erscheinung. 

— Was ist denn das ? fragte ich Susannen , die 
über meinen Schrecken lachte. 

— Lieber Vater, erwiderte sie, das ist die Gesell- 
schaft für religiöse Traktate, die an deiner Bekehrung 
arbeitet. 

— Besten Dank! rief ich und steckte die Zeichen 
des Thieres, die Rosen von Saron und die Trompete von 
Jericho in meine Tasche ; man wird hier bereichert, wie 
man anderwärts bestohlen wird. Was soll ich denn 
mit diesen erbaulichen Schätzen machen? 

— Nur Geduld, lieber Vater, versetzte Susanne; 
wir werden sofort Gelegenheit haben, Andere damit 
glücklich zu machen. 

— Gestehen Sie, sagte ich zu Naaman, dass Sie 
den Druck missbrauchen. Die Bibel vertheilen mag 
allenfalls noch angehen, weil das einmal Ihr Stecken- 
pferd ist-, aber wozu sollen diese Erzeugnisse kindischer 
Theologie dienen, die Sie auf den Strassen aussäen? 

— Sie sind zu streng, antwortete der junge Geist- 
liche; bedenken Sie nur, dass unsere ganze Religion 
in der Bibel steckt. Aus der Schrift muss jeder von 
uns durch die freie Anstrengung der Vernunft die Richt- 
schnur seines Glaubens und Lebens ziehen. Ein Pro- 
testant, der nichts liest, ist kein werkthätiger Christ. 
Nichts ist also natürlicher, als ein Proselytismus , der 
uns ohne Unterlass zur Bibel zurückführt. Das Gewis- 
sen erwecken, jeden Menschen zum Nachdenken und 

15* 



228 



Lesen zwingen, ihm wiederholen, dass er allein mit 
der Sorge für sein Heil betraut ist, das ist der Zweck 
aller dieser Veröffentlichungen. — „Denke an deine 
Seele, du allein bist dafür verantwortlich", das ist die 
gleichförmigeNutzanwendung aller dieser kleinen Bücher. 
Wenn Sie das Theologie nennen, so ist unsere ganze 
Literatur theologisch; der geringste Roman ist von 
demselben Geiste durchdrungen. Die Bibel kehrt hier 
auf jeder Seite wieder wie der Thee. Was uns ent- 
zückt, ist nicht das Gemälde der Stürme, die das Herz 
verwüsten und den Willen zu Grunde richten-, es ist 
das Bild einer jungen Seele, die, zwischen Versuchung 
und Pflicht gestellt, den Satan zurückweist und Gott 
anruft. Selbst unsere Dichtungen sind didaktische Ab- 
handlungen. 

— Jawohl, erwiderte ich lächelnd, die Moral tritt 
darin auf. 

— Besser noch, versetzte er, die Religion tritt da- 
rin auf; sie stellen dar, wie der Glaube in die Seele 
dringen und das ganze Leben durchdringen soll. Die 
falsche Unterscheidung zwischen Moral und Religion 
ist uns unverständlich; es gibt nicht zweierlei Gewis- 
sen. Der natürliche Mensch ist mit dem letzten Hei- 
den gestorben; wir kennen nur noch den Christen. 
Wer Christ ist, ist es überall, in der Kirche, in der 
Familie , in der Gemeinde , im Staat. 

Ich glaube, der fromme Naaman ergriff mit Ver- 
gnügen diese Gelegenheit, um irgend eine alte Predigt 
aufs neue anzubringen; indess waren wir glücklicher 
Weise an der presbyterianischen Kirche angekommen. 
Das war nunmehr die sechste Kirche, die ich im Laufe 
des Tags besuchte als allzugerechte Sühne meiner frü- 
heren Lauheit. 



229 



Wir betraten den Lesesaal, einen grossen Raum, 
der mit der Kirche zusammenhing, Auf kreisförmigen 
Bänken sassen etwa tausend Kinder und junge Leute 
in Gruppen abgetheilt; darunter standen in regelmässi- 
gen Zwischenräumen die Hirten und Hirtinnen dieser 
anmuthigen Heerde oder, wie man sie nennt, die Er- 
m ahner (monitors). Beim Eintritt Naamans erhob sich 
die ganze Versammlung; die Orgel spielte einen krie- 
gerischen Marsch und dann sangen alle diese jugend- 
lichen Stimmen im Chor unter Instrumentalbegleitung 
ein kurzes Lied. 

Liegt ein geheimer Zauber in der kindlichen Stimme? 
Machen uns die Jahre, indem sie uns gleichgiltiger ge- 
gen uns selbst stimmen, zugleich zärtlicher gegen diese 
jungen Seelen, die in das Leben eintreten, ohne seine 
Gefahren zu kennen? Ich weiss es nicht, aber ich 
fühlte mich tief bewegt durch den Gesang dieser klei- 
nen Soldaten, die sich so tapfer unter das Banner 
Christi schaarten. 

— Wie viele von ihnen, dachte ich, werden in 
zwanzig Jahren noch dieser Fahne treu geblieben sein? 
Gleichviel; eine Jugend, die Muth und Glauben besitzt, 
ist immer ein schönes Schauspiel. Gott bewahre uns 
vor jenen achtzehnjährigen Greisen, die an nichts mehr 
glauben als an ihren Egoismus, vor jenen brandigen 
Seelen, die Alles anstecken, was sie berühren und die 
nur Verderben und Tod hinter sich lassen. 

Susanne stand in meiner Nähe; das Fräulein war 
monitor. 

Der Unterricht, welcher jetzt begann, bewegte sich 
in der Geschichte Israels zur Zeit der Könige. Ich 
muss zu meiner Schande gestehen, dass ich hier zum 
ersten Male genaue Bekanntschaft mit dem Propheten 



230 



Elisa machte. So lange er nicht in Zorn gerieth, war 
er ein ganz artiger Mann. Aber ungeachtet der schö- 
nen Moral verdenke ich es ihm doch ein wenig, dass 
er zweiundvierzig Knaben, die sich über seinen Kahl- 
kopf lustig machten, durch Bären auffressen Hess. Um 
diesen Preis möchte ich nicht Prophet sein, nicht ein- 
mal in meinem Vaterlande. 

Zwei Episoden erfreuten sich des grössten Erfolges 
bei den Kindern. Diese frischen Seelen haben ein so 
lebhaftes Gefühl für das Gute und das Böse. Erstlich 
war es die Geschichte Naemans , des Feldherrn des 
Königs von Syrien, der Elisa um Befreiung von dem 
Aussatz anflehte. Naeman kehrte geheilt und bekehrt 
zurück; aber seine Bekehrung erfolgte unter politischen 
Vorbehalten, die einen weiteren Beweis dafür liefern, 
dass es nichts neues unter der Sonne gibt. 

,,Da sprach Naeman zu Elisa: „„Dein Knecht will 
„„nicht mehr andern Göttern opfern und Brandopfer 
„„thun, sondern dem Herrn-, dass der Herr deinem 
„„Knechte darinnen wolle gnädig sein, wo ich anbete 
„„im Hause Rimmons, wenn mein Herr, der König, 
„„ins Haus Rimmons gehet, daselbst anzubeten, und 
„„er sich an meine Hand lehnet."" 

„Und Elisa sprach zu ihm: „„Ziehe hin mit Frie- 
den '"" 
„ „ueii. 

Ich muss anführen, dass die Toleranz des Prophe- 
ten ein Aergerniss für die Kinder war, und Naeman 
wurde mit einstimmigem Heulen begrüsst als ein Feig- 
ling, der sich zugleich mit seinem Gewissen und sei- 
nem Interesse abfinden wollte. Bravo, liebe Jugend! 
bewahre diesen heiligen Zorn. Es wird ein Tag kom- 
men, wo Rimmon, Mammon oder Baal dir eine Hand 
voll Geld oder Ehren hinstreut, wenn du ihn anbetest; 



231 



glücklich, wer sich dann nicht vor einem Götzenbilde 
neigt und das Opfer seines Herzens für Gott allein auf- 
spart. 

Dann kam die Geschichte von Gehasi, dem Diener 
des Propheten, einem geschickten Mann, der sich die 
Wunder seines Herrn bezahlen liess und mit fremdem 
Verdienste Handel trieb. Welche Wuth unter der jun- 
gen Zuhörerschaft! Und welche Freude, als Susanne 
mit möglichst tiefer Stimme, um den Propheten nach- 
zuahmen, den schrecklichen Fluch aussprach: 

„„War das die Zeit, Silber und Kleider zu nehmen, 
„„Oelgärten, Weinberge, Schaafe, Rinder, Knechte und 
„„Mägde? 

„„Aber der Aussatz Naemans wird dir anhängen 
„„und deinem Saamen ewiglich. ua 

„Da ging er von ihm hinaus, aussätzig wie Schnee." 

Sie existirt noch, diese ehrenwerthe Nachkommen- 
schaft von Gehasi, wenn sie auch im Lauf der Zeit 
sich etwas verändert hat. Aussen ist sie jetzt noch 
weiss wie Schnee, aber der Aussatz ist nach Innen 
getreten; er verzehrt nicht mehr den Leib, sondern die 
Seele. 

Diese Erziehung von Kindern durch die Jugend 
entzückte mich und ich drückte dem Geistlichen diese 
Befriedigung aus. 

— Indess, setzte ich hinzu, nehme ich an, dass 
Sie sich den Unterricht im Katechismus selbst vorbe- 
halten. Die Reinheit der Lehre w T ürde Gefahr laufen, 
durch den Mund dieser Novizen Veränderungen zu er- 
leiden. 

— Nein, erwiderte er, wir überlassen die Religions- 
lehre, wie alles andere, den Monitors, selbstverständ- 
lich unter unserer Ueberwachung. Mit achtzehn Jahren 



232 



ist man nicht so leicht Ketzer; wenn et\vas zu besor- 
gen ist, so ist es eher ein zu starres Festhalten am 
Buchstaben. 

— Ja, wenn aber diese jungen Köpfe anfangen zu 
arbeiten? 

— Nun gut, entgegnete der Pastor, dann sind wir 
da, um ihnen die Bahn zu eröffnen. Unser Wahlspruch 
ist der des heiligen Paulus: Wo der Geist des Herrn ist, 
da ist Freiheit. Wir haben keinen Geschmack für den 
Köhlerglauben, für jene gläubige Unwissenheit, der zu 
gleicher Zeit ein Christ, ein Muhamedaner und ein 
Buddhist als heilig gilt. Es gibt in der Jugend eine 
geistige Krise, wie es eine körperliche gibt. Es kommt 
die Stunde, wo man mit der Wahrheit kämpfen muss, 
wie Jakob mit dem Engel; nur der, dessen Zweifel be- 
siegt sind, gilt als gewonnen für das Evangelium. Wir 
wollen einen durch die Vernunft geläuterten Glauben. 

— Und einen vernünftelnden, setzte ich hinzu; denn 
jeder Monitor wird von hier den Geschmack am Predi- 
gen und die Manie für religiöse Thätigkeit mit fort- 
nehmen. 

— Um so besser, versetzte "Naaman; für uns ist 
jeder Mann Priester, jede Frau Priesterin. Warum 
sollte es in der religiösen Gesellschaft weniger Eifer 
und Glauben geben, als in der politischen? Ist der 
Titel eines Christen weniger schön und legt er weniger 
Pflichten auf, als «der eines Bürgers? 

Ich schwieg; diese Art, die Religion als das ge- 
meinsame Erbtheil aller Gläubigen zu betrachten, wi- 
derstrebte allen meinen Ideeen. Man hat mich gelehrt, 
dass die Kirche keine Republik, sondern eine Monar- 
chie sei. Als verständiger Mensch habe ich stets die 
Sorge für mein Gewissen und meinen Glauben der 



233 



Kirche überlassen, in der ich erzogen bin. Die Sorge 
für mein Heil geht nicht mich, sondern den an, der die 
Leitung über mich hat. Warum also sich eine unnütze 
Mühe machen und sich mit einer gefährlichen Verant- 
wortlichkeit belasten? 

Der Unterricht war zu Ende-, Susanne befreite mich 
zur grossen Freude der Kinder von allen meinen Trak- 
taten; man sang ein schönes Schlusslied, und das Fest 
endigte mit einer allgemeinen Austheilung von Geschen- 
ken und Händedrücken. Rang, Vermögen, Alter, An- 
zug, Alles war seit zwei Stunden vergessen; man 
glaubte sich zurückversetzt in die ersten Tage der Chri- 
stenheit, wo die Menge der Gläubigen ein Herz und 
eine Seele war. Und so besucht an jedem siebenten 
Tage, am Tage des Herrn, die ganze amerikanische 
Jugend diese brüderlichen Versammlungen, wo Liebe 
und Gleichheit Unterricht ertheilen und empfangen! 
Welche Unterweisung, und wäre sie die eines Bossuet, 
kommt an sittlicher Wirkung dieser gegenseitigen Er- 
ziehung gleich! 

Man ging weg und Alfred erschien , um Susannen 
aus meinem Arme zu nehmen. Ich beneidete ihn nicht 
um sein Glück; meine Gedanken nahmen einen andern 
Lauf; mehr als je fühlte ich eine Vaterschwäche im 
Herzen. Ich sagte mir, dass es für Susannen Zeit sei, 
ihre grosse Lehrgabe im eigenen Haushalt zu üben. 
Ich sah schon in der Zukunft ein ganzes Heer von En- 
keln, die frömmer, energischer und glücklicher als ihr 
Grossvater waren. Und indem ich die beiden Verlieb- 
ten betrachtete, die leichten Schrittes vor mir hergingen, 
kam ich in tiefen Träumen an meinem Hause an. 

Der Rest des Tags verging mit Plaudern über Al- 
les, was man im Lauf desselben gehört und gesehen 



234 



hatte und Gott weiss, wie viele Dinge man am Sonntag 
in Amerika sieht und hört! Was sind unsere Schau- 
spiele neben diesen Festen des Herzens und des Gei- 
stes? Niemals hatte ich den Tag ernsthafter zugebracht 
und niemals war mir die Zeit rascher und in besserer 
Anwendung verlaufen. 

Der Abend schloss wie gewöhnlich mit der Vorle- 
sung aus der Bibel. Martha brachte das grosse schwarze 
Buch herbei; schon war es für mich ein Freund ge- 
worden. Jeden Tag fand ich darin eine Antwort auf 
irgend eine geheime Frage meiner Seele; ein seltsamer 
Zufall, der meine Philosophie in Verlegenheit setzte. 

Wir waren beim siebenten Kapitel aus Daniel ste- 
hen geblieben. Die Erscheinung der vier apokalypti- 
schen Thiere, welche die vier Monarchieen der alten 
Welt vorstellen, machte mir wenig Eindruck; ich be- 
sitze zu wenig Einbildungskraft, um an diesen giganti- 
schen Träumereien Gefallen zu finden. Anders war es 
mit Martha, die bei jedem Wort seufzte. Das Hom, 
das Augen hatte wie Menschenaugen und ein Maul, das 
grosse Dinge redete, entriss ihr einen Schrei der Ver- 
wunderung, und ich sah sie ganz erregt, als der Pro- 
phet den Alten der Tage schilderte mit seinem schnee- 
weissen Kleid und mit Haaren wie reine Wolle, sitzend auf 
einem Stuhl von eitel Feuerflammen, dem tausendmal tau- 
send dienten, während zehntausendmal zehntausend vor ihm 
stände?!. Was für mich nur eine Allegorie war, war 
für sie Wahrheit, und vielleicht die einzige Manier, wie 
die Gottesidee in einem naiven Geist Eingang erlangen 
kann, der stets Bilder braucht, um die Unendlichkeit 
zu ahnen. 

Nach diesen grossen Bildern kamen die zwei Verse, 
wo der Prophet den Messias ankündigt: 



235 



„Ich sähe in diesem Gesicht des Nachts und siehe es 
„kam Einer in des Himmels Wolken, wie eines Menschen 
„Sohn bis zu dem Alten, und ward vor denselben ge- 
bracht." 

„Der gab ihm Gewalt, Ehre und Reich, dass ihm alle 
„Völker, Leute und Zungen dienen sollten. Seine Gewalt 
„ist ewig , die nicht vergehet und sein Königreich hat kein 
„Ende." 

Als ich diese Stelle hörte, erging es mir, wie dem 
Propheten selbst: „ich ward sehr betrübt in meinen Gedan- 
ken und meine Gestali verfiel, doch behielt ich die Rede in mei- 
nem Herzen" Hatte ich nicht selbst am heutigen Morgen 
der Erscheinung dieses Reiches beigewohnt, das seit 
neunzehnhundert Jahren unaufhaltsam vorwärts dringt? 
Ich fand das Christenthum, das man im alten Europa 
zu Grabe läutet, in Amerika jünger, kräftiger, siegrei- 
cher als je. Dreissig Millionen Menschen unter dem 
Evangelium lebend ! Welches Räthsel für einen Pariser, 
der eines Winterabends selbst gemeint hat, er könne 
Hegel verstehen! 

Ich zog mich in mein Zimmer zurück und ging 
lange auf und nieder, aufgeregt durch eine Masse von 
Gedanken, die sich gegenseitig bekämpften. Die Erin- 
nerungen meiner Kindheit, die Studien meiner Jugend, 
die Gedanken meines reiferen Alters und die neuen 
Ideeen durchwirbelten meinen Kopf und machten ihn 
zum Chaos. Es schien mir, wie wenn eine verborgene 
Stimme mich hämisch verspottete. 

— Bravo, Daniel, murmelte diese ironische Stimme, 
du wirst ganz pfäffisch. Jetzt bist du mystisch , fana- 
tisch und obendrein noch lächerlich. Bald wirst du ein 
Esel sein wie Mr. Brown und geläufiger als er die 
Sprache Canaans reden. Franzosen, ewige Chamä- 



236 



leone! Chinesen in Kanton, Beduinen in Algier, Puri- 
taner in Massachusetts, überall Schauspieler, wann wer- 
det ihr Menschen werden? Kehre nach Paris zurück, 
Daniel , und an der Barriere wirst du jenen faden Ge- 
sang und dieses dicke schwarze Buch zurücklassen, 
das Leute von gutem Geschmack achten, aber nicht 
anrühren. Ein Philosoph zieht vor dem Christenthum 
höflich seinen Hut ab, denn man darf sich mit keiner 
Macht in ein schlechtes Verhältniss setzen; aber wei- 
terzugehen ist die Schwäche eines kleinen Geistes. Der 
Gott des neunzehnten Jahrhunderts ist der alte Pan, 
den Christi schmerzensreiche Gestalt nur zu lange in 
den Schatten gestellt hat. Versenke dich in die Unend- 
lichkeit, Daniel, bete die Unermesslichkeit an; das ist 
der moderne Cultus, der einzige, den die heutige un- 
fehlbare Vernunft zulassen kann. 

— Nein, rief ich, meine Augen haben sich geöff- 
net; ich habe den lästigen Traum abgeschüttelt, in dem 
sich unsere Seele abschwächt. Diese Kinder haben 
mir heute Morgens gezeigt, welches heilige Band die 
Freiheit und das Evangelium in eins verschlingt. Wenn 
für uns Alles mit dem Leib zu Ende ist, so haben wir 
weder Rechte noch Pflichten; dann sind wir nichts als 
eine Heerde von Uebelthätern , die gemästet und ge- 
züchtigt werden muss, bis der Tod sie der Fäulniss in 
einem ewigen Grab übergibt. Nur der ist ein wirkli- 
cher Mensch , den die Unsterblichkeit in Verbindung 
mit Gott setzt. Nur der ist ein Mensch und ein Bür- 
ger, der sich an eine lebendige Gerechtigkeit, an eine 
unsterbliche Wahrheit anklammern kann. Der Arme, 
der Kranke, der Sklave, der Unglückliche, der Ver- 
brecher sind erst seit dem Tage geheiligt, wo Christus 
sie mit seinem Blute losgekauft und sie mit seiner Gott- 



237 



heit bedeckt hat Fort mit Hegel und Spinoza! Fort 
mit den leeren Phrasen! Fort mit der Vergötterung 
der Materie! Ich habe gesehen, wohin Völker und 
Menschen mit diesen Lehren kommen; ich will weder 
die gedankenlose Genusssucht der Menge, noch die 
stoische Resignation der Schöngeister, ich habe etwas 
Anderes nöthig, als Trunkenheit oder Verzweiflung-, 
ich will leben ! Leben heisst glauben und handeln. Ich 
bin zurückgekommen von den Träumen meiner Jugend 
und dem Ehrgeiz meines Mannesalters; meine Vernunft 
ruft dich an, Christus, die Erfahrung führt mich zu dei- 
nen Füssen. Gib mir die Hoffnung wieder nach so 
vielen Täuschungen, die Liebe nach so viel Verrath; 
und möge bald der glückliche Tag leuchten, wo das 
alte Europa das Beispiel des jungen Amerika nachahmt, 
und wo ein einziger Ruf von der Erde zum Himmel 
steigt, ein rettender Ruf: Gott und die Freiheit! 



Zweiundzwanzigstes Kapitel. 



Die Leiden eines amerikanischen Beamten. 

Nach einem wohlangewendeten Tag und einer ru- 
higen Nacht am frühen Morgen aufstehen, an Körper 
und Geist gestärkt sich in einen bequemen Schlafrock 
hüllen, sich in einem rocking - chair wiegen und beim 
Rauch einer Pfeife Maryland seinen Gedanken nach- 
hängen ist eine wahre Lust, wenn man älter als dreis- 
sig Jahre ist. 

Ich sass am Fenster und unterhielt mich damit, 
die Stadt aus dem Schlafe erwachen zu sehen. Milch- 
händler, Kohlenträger, Fleischer, Ladendiener durch- 
liefen die Strasse, stiegen durch eine äussere Treppe 
in das Souterrain hinab und bedienten so jedes Haus, 
ohne die Bewohner zu stören. Alles war wie darauf 
berechnet, dass nichts das Heiligthum störe, in dem 
der Hausherr ruht. Die Wohnung eines Franzosen 
gleicht einem Wirthszimmer; wer mag, tritt ein; das 
home eines Angelsachsen ist eine Burg, die er mit ei- 
fersüchtiger Sorgfalt gegen lästige Neugier verschliesst. 
Es ist ein Heerd in dem heiligen und geheimnissvollen 
Sinn dieses Wortes. 



239 



Während ich eben den Fahrweg bewunderte, der 
von meinen Aufsehern schon gekehrt und bespritzt war, 
näherte sich mir im raschesten Laufe und mit starkem 
Geräusch ein Pferd vor einem Cabriolet. Ich habe die 
Pferde stets geliebt und verfolgte daher aufmerksam 
die stolze Haltung des amerikanischen Trabers, als das 
Pferd plötzlich stürzte. Aus dem Innern des Cabriolets 
fuhr wie mit Dampfkraft ein ungeheurer Hut, flog wie 
ein Pfeil über den Kopf des Pferdes und hinter dem 
Hute her flog ein kleiner Mann in einem langen Ueber- 
rock. Es war Freund Seth, den offenbar die Manen 
des Hundes verfolgten, den er hatte ermorden lassen. 

— Martha, rief ich und steckte den Kopf durch 
das Fenster; Martha, rasch Wasser und Essig; ich 
komme gleich hinab. 

Als ich auf die Strasse kam, hatte sich Seth schon 
erhoben und abgeschüttelt; er liess seine Hände über 
seinen Körper gleiten, um sich zu vergewissern, dass 
er kein Glied gebrochen hatte, verschlang ein Glas 
Wasser und schickte sich an, das Pferd von Blut zu 
reinigen und wieder in Ordnung zu bringen, ohne ein 
Wort dabei zu sprechen- Martha stand neben ihm und 
zitterte an allen Gliedern. 

— Treten Sie bei mir ein, sagte ich zu Seth; ein 
wenig Ruhe wird Ihnen gut thun; wenn Sie irgend 
welche Hilfe brauchen, so bin ich bereit. 

— Doctor Daniel, antwortete er trocken, ich habe 
deine Dienste nicht nöthig. Auf Wiedersehen ! 

Er nahm das Pferd am Zügel und zog es hinkend 
bis zur Wohnung des Sollicitor Fox; Seth war ohne 
Zweifel wegen eines Prozesses in die Stadt gekommen 
und wäre kein Quaker gewesen, wenn er wegen eines 



240 



verstauchten Beines oder eines gequetschten Kopfes 
auf seine Interessen vergessen hätte. 

Ich begab mich auf meinen Beobachtungsposten 
zurück und stopfte mir eine zweite Pfeife. Ohne Lei- 
denschaft und ohne Sorge genoss ich meine Ruhe; ich 
fand ein kindliches Vergnügen daran, der Sonne mit 
den Augen zu folgen, die über den Giebel der Häuser 
ihre Strahlen langsam auf die Strasse senkte. Drei 
Schläge an meiner Thüre zogen mich aus meiner Träu- 
merei empor. Es war der Nachbar Fox mit einer 
Mappe unter dem Arm. Sein Besuch überraschte mich. 
Ich wusste, dass ihn seine Wahlniederlage heftig ver- 
drossen hatte, und er war nicht der Mann, seinen Groll 
und Neid in zwei Tagen zu vergessen. 

— Guten Morgen, Herr Inspector der Strassen und 
Wege, sagte er beim Eintritt in mein Zimmer. 

Die Manier, mit welcher er jedes dieser Worte be- 
tonte, war mir widerwärtig. Ich bin die Geduld selbst, 
aber ich kann es nicht leiden, wenn man sich über 
mich lustig macht. 

— Ich empfehle mich dem Herrn Sollicitor, ant- 
wortete ich mit schneidendem Tone. Kann ich erfah- 
ren, was mir die Ehre seines Besuchs verschafft? 

— Nun, lieber Doctor, versetzte er mit spöttischer 
Stimme, jetzt sind Sie eine wichtige Persönlichkeit! 
Jetzt sind Sie auf dem Wege zur Grösse! Selbst Ihre 
Gegner neigen sich vor Ihrem Talent und Glück. Was 
können jetzt Ihre Neider sagen? 

— Ich verstehe Sie nicht, Fox; was wollen Sie 
damit sagen? 

— Ich will nichts weiter sagen, antwortete er, in- 
dem er ein Auge zukniff, als dass der tarpejische Fels 
nahe am Kapitol ist. 



241 



Nach diesem Gemeinplatz warf er sich in einen 
Lehnstuhl, öffnete seine Tabaksdose, nahm langsam 
eine Prise und klopfte fünf oder sechsmal auf seine 
Weste, um sie von einigen Stäubehen Tabak zu reini- 
gen, die darauf gefallen waren. Dann kreuzte er die 
Beine, erhob seine spitze Schnauze zu mir und betrach- 
tete mich schweigend mit der Miene eines Marders, 
der auf ein Kaninchen lauert. 

Aergerlich über diese Umschweife erhob ich mich 
und sagte zu ihm: 

— Haben Sie jetzt die Güte, sich deutlich auszu- 
drücken. Was führt Sie zu mir? 

— Eine Bagatellsache, erwiderte er, streckte sich 
auf seinem Sitz und drehte seine Daumen um einan- 
der, eine wahre Bagatellsache, eine kleine Klage auf 
fünfhundert Dollars. 

— Ich bin Ihnen nichts schuldig, soviel ich weiss, 
erwiderte ich, sehr verwundert über diesen Anspruch. 

— Ohne Zweifel, lieber Doctor; mir schulden Sie 
nichts, aber meinem Clienten, das ist etwas anderes. 

Darauf öffnete er seine Mappe und zog daraus fol- 
gende Rechnung hervor: 

Yerzeichniss 

der Kosten und Schäden 

in Sachen 

des Seth Doolittle 

gegen 

den Doctor Daniel Smith, Strasseninspector, 

als civilrechtlich haftbar für die Unterhaltung der Strassen. 

Dollars. 
1° Für eine zerbrochene Deichsel und Ausbesserung ei- 
nes neuen Wagengestells 50 

2° Für eine Verwundung des Pferdes an der Schulter 

16 



242 

Dollars, 
und Werthsrainderung desselben im billigsten An- 
schlag 150 

3° Ferner dem genannten Seth Doolittle für ein aufge- 
schundenes Knie, einen eingedrückten Hut, ein zer- 
rissenes Beinkleid und zerkratztes Gesicht u. s. w. 
u. s. w. Entschädigung nach billigster Berechnung 
aus Kücksicht für den Doctor 200 

4° Für Gemüthsaufregung , Gehirnerschütterung, Zeit- 
verlust u. s. w 100 

5° Verschiedene Kurkosten in Folge des Sturzes und 
der Verwundung, ärztliche Hilfeleistung und Beistand 
eines Anwalts Liquidation vorbehalten. 

— Mein Herr, sagte ich zu Fox und warf ihm seine 
Apothekerrechnung ins Gesicht, ich liebe die Mystifi- 
cationen nicht und ich kann mich nur über die Rolle 
wundern, die Sie in dieser lächerlichen Posse spielen. 

— Sehr wohl, erwiderte Fox; Sie ziehen also ei- 
nen Process vor. Als Nachbar wollte ich Ihnen das 
ersparen, aber, wenn es nichts hilft, hier ist die Vor- 
ladung. 

— Ein Process! rief ich achselzuckend. Ein Pro- 
cess eines Privatmannes gegen einen Strasseninspector, 
gegen einen Beamten, gegen eine öffentliche Persön- 
lichkeit, gegen einen Repräsentanten der Regierung! 
Welcher Spass! Und wo bleibt der Artikel 75 der Ver- 
fassung vom Jahre VIII und der verfassungsmässige 
Schutz? 

Sonderbar, ich musste selbst darüber staunen: ich 
sprach diesen Satz französisch. Die Angelsachsen sind 
so roh und so unwissend in der Verwaltung, dass ihre 
Sprache nicht im Stande ist, diese erhabenen Worte 
zu liefern, die den Ruhm und die Grösse der romani- 
schen Stämme ausmachen. 



243 



— Die Vorladung lautet auf heute, sagte Fox mit 
einer Kaltblütigkeit, die mich ausser Fassung setzte. 
Ich hoffe, dass Sie ihr Folge leisten, um meinen dien- 
ten nicht unnöthiger Weise in der Stadt zurückzuhal- 
ten. Unser neuer Friedensrichter, Ihr Freund Hum- 
bug, wird diesen Handel, der eigentlich gar kein rech- 
ter Process ist, in einer Viertelstunde schlichten. 

— Wie! Sie bleiben auf der Behauptung stehen, 
dass ich für Strassenunfälle verantwortlich bin? 

— Wer denn sonst? versetzte der Advokat. Ha- 
ben Sie sich nicht um das Amt eines Inspectors be- 
worben und es angenommen? Sind Sie nicht der Ver- 
treter und Diener des Volkes, das Sie gewählt hat? 
Wenn eine Nachlässigkeit vorgeht, wer trägt die Schuld, 
wer soll darunter leiden? 

— So steht die Frage nicht, versetzte ich mit ge- 
rechtem Stolz. Ich bin kein Pflasterer, kejn Arbeiter, 
der von dem ersten besten abhängt, der ihn bezahlt; 
ich bin ein Beamter des Staats, ein Mitglied der Obrig- 
keit, ein Vertreter der Regierung. 

— Sie sind Aufseher über die Pflasterer, erwiderte 
Fox, und zwar ein von den Bürgern gewählter und 
Ihren Wählern verantwortlicher Aufseher. Kennen Sie 
vielleicht ein Land in der Welt, wo die Beamtenstellen 
zum Vortheil der Verwaltenden und nicht zum Vortheil 
der Verwalteten bestehen? Ich meinestheils kenne 
höchstens China mit seinen Mandarinen. 

— Unwissender, rief ich, lesen Sie das Gesetz! 

— Lesen Sie es selbst, antwortete Fox-, es steht 
an der Spitze Ihrer Ladung. 

Ich las den Artikel und liess den Kopf sinken. Fox 
hatte Recht. Ich hatte mich in der Schlinge meines 
thörichten Ehrgeizes selbst gefangen. Diese vermeint- 

16 * 



244 



liehe Ehrenstelle, die meiner Frau, meiner Tochter 
und mir selbst so sehr schmeichelte, war nur ein Amt 
voll Sorgen und Gefahren. Ich war der Sklave der 
Menge, die ich den Tag vorher als Sieger begrüsst 
hatte. In diesem abscheulichen Lande regiert das Volk 
und der Beamte gehorcht. Wenn ich das gewusst 
hätte ! 

Ein Gedanke gab mir den Muth wieder. — So 
weit diese Yankee's zurück sind, dachte ich, so sind 
sie doch nicht ganz und gar Barbaren. In Frankreich, 
dem Heerd der Civilisation, haben wir vierzigtausend 
Gesetze voller Widersprüche; die Obrigkeit mag thun, 
was sie will, sie findet immer ein Gesetz, das ihr Recht 
gibt; wer weiss, ob es nicht auch in den vereinigten 
Staaten eine Verordnungssammlung gibt? Ich werde 
einen Advokaten befragen. 

— Wir wollen gehen, sagte ich zu meinem Geg- 
ner. Das Gericht ist ohne Zweifel schon offen; Hum- 
bug soll uns richten. Wenn ich meinen Process ver- 
liere, so weiss ich dann wenigstens, was ich von der 
amerikanischen Freiheit zu halten habe, von der man 
mir immer den Kopf voll spricht. Eine niedliche Frei- 
heit, wenn bei einem Volk die Obrigkeit, die mensch- 
gewordene Nation sich vor der Klage eines Privatman- 
nes und vor der Entscheidung eines Friedensrichters 
beugen soll! 

Auf der Strasse traf ich den Quaker immer noch 
unnachgiebig. Auf ein Zeichen von Fox folgte er uns 
schweigend. Martha näherte sich mir und sagte seuf- 
zend : 

— Herr, es ist das nämliche Pflaster, auf dem 
deine Tochter und ich neulich gestürzt sind. 

Wie mächtig wirkt oft ein Wort! Dieser einfache 



245 



Satz kehrte alle meine Gedanken um. Der Gedanke 
an dich, meine theure Susanne, trübte mein Bewusst- 
sein! Gewiss, ich habe eine politische Ueberzeugung, 
die gegen die modernen Thorheiten Probe hält; mit 
dem Kopfe auf dem Schaffet würde ich noch laut und 
öffentlich behaupten, dass die Obrigkeit niemals Un- 
recht hat. Sobald sie mit sich streiten lässt, ist sie 
verloren. Mag ein Pferd und selbst ein Christenmensch 
auf einem unordentlich gehaltenen Pflaster den Hals 
brechen, so ist das ein Unglück; aber was liegt weiter 
daran? Pferde vergehen, Prinzipien bestehen! Das 
allgemeine Interesse steht höher, als diese elenden Pri- 
vatinteressen. In diesem conservativen Dogma bin ich 
erzogen; ich bekenne mich zu ihm und doch hatte ich 
vier Tage früher beim Anblick meiner verwundeten 
Tochter mein Glaubensbekenntniss vergessen. Auch 
ich hätte gern in meiner thörichten Wuth einen ver- 
antwortlichen Beamten vor mir gehabt; und wenn ich 
ihn gehabt hätte, so hätte ich gehandelt, wie dieser 
elende Quaker, abgesehen von einer Kostenrechnung 
von fünfhundert Dollars. Wie schwach ist unser Herz, 
wie sind wir doch alle von dem republikanischen Gift 
tiefer ergriffen als wir denken! 

Humbug war in seinem Amtszimmer; wir traten 
ein; Martha hatte ihren Geliebten nicht verlassen. War 
sie ein neuer Feind, der sich gegen mich verschwor? 

— Guten Morgen, Doctor, schrie Humbug, sobald 
er uns sah. Das ist schön von Ihnen, dass Sie mein 
bescheidenes Gericht mit Ihrer Gegenwart beehren. 
Man kann den Menschen gar nicht genug zeigen, dass 
man die Gerechtigkeit, die Schwester der Religion, ach- 
ten muss : 

Discite Justitium moniti et non temnere Divos. 



246 



— Herr Richter, erwiderte ich, ich erscheine nicht 
als Freund, sondern als Partei vor Ihnen. 

— Ein Process? sagte er, indem er seine grossen 
Augenbrauen runzelte. Haben Sie die weise Lehre un- 
serer Väter vergessen? Um einen Process durchzufüh- 
ren, braucht man sechserlei: Erstens eine gute Sache, 
zweitens einen guten Advokaten, drittens einen guten 
Rath, viertens gute Beweise, fünftens einen guten Rich- 
ter, sechstens gutes Glück. Die Vereinigung aller die- 
ser Voraussetzungen ist ein so seltener Zufall, dass ich 
Jedermann rathe, es mit dem Evangelium zu halten: 
So Jemand mit dir rechten will vnd deinen Rock nehmen, 
dem lass auch den Mantel Geistige Ruhe und Process- 
kosten werden Sie dabei noch obendrein behalten. 

Während Humbug einige Papiere unterzeichnete, 
gewahrte ich in einer Ecke Seth und Martha in lebhaf- 
ter Unterhandlung. Ich konnte ihrem Gespräch nicht 
folgen, von dem ich nur zufällig einige Worte erhaschte. 
Seth sprach von Beleidigung, von guter Gelegenheit, 
von Begründung eines Haushalts; Martha sprach seuf- 
zend und unter vielen Geberden von Ehrlichkeit, Liebe 
und Ehe. Es war deutlich, dass die beiden Turtel- 
täubchen sich um meinetwillen herumzankten. Brave 
Martha! Sie wenigstens nahm es ernst mit der Bibel, 
die sie alle Tage las. Ihre Dienstbotentreue trug den 
Sieg über ihre Liebe davon. Vielleicht war es ihr auch 
erwünscht, sich vor der Ehe Gewissheit zu verschaffen, 
wer das Commando im Hause führen werde. 

— Du kannst es thun oder lassen, sagte sie und 
entfernte sich mit ungeduldiger Miene von dem Quaker. 

— Schön, schön, antwortete Seth, man wird schon 
noch anderer Ansicht werden. Darauf ging er ruhigen 
Schrittes zu Fox, der ihm mit leichter Mühe nachwies, 



247 



dass es für einen verständigen Mann ein doppelter 
Profit ist, eine Frau zu verlieren und einen Process zu 
gewinnen. 

Inzwischen zeigte der Gerichtsschreiber an, dass 
die Gerichtsstunde geschlagen habe. 

— Treten Sie ein, sagte Humbug. Doctor, ich 
will Sie zuerst vornehmen. Die Processe sind wie 
schlechte Zähne, man rnuss sich ihrer so rasch als 
möglich entledigen; sind sie einmal herausgerissen, so 
denkt man nicht mehr daran. 

— Wie kommt es, fragte ich, dass so wenig Leute 
im Saal sind? Ich habe geglaubt, in einem freien 
Lande sei die Rechtspflege eine wichtige Angelegenheit 
für alle Bürger. 

— Lieber Doctor, versetzte der Friedensrichter, se- 
hen Sie diese drei Stenographen , die ihr Papier und 
ihre Federn herrichten? Ich kann sagen, wie einst 
Lord Mansfield: „Das Land ist hier. 14 Seien Sie ruhig, 
ehe zwei Stunden vergehen, wird sich ganz Paris mit 
Ihrem Processe beschäftigen. Die Oeffentlichkeit der 
Rechtspflege besteht in der Oeffentlichkeit für die Zei- 
tungen. Unterdrücken Sie die Zeitungsberichte, so kann 
man Sie im Geheimen aburtheilen und zwischen zwei 
Thüren erdrosseln, wenn gleich dreihundert Personen 
hinter diesen Schranken stehen. Für uns, ein Volk von 
dreissig Millionen Seelen, ist die Presse das Forum. 
Dank ihr hat die geringfügigste Sache und der niedrig- 
ste Verbrecher das ganze Land zu Richtern, Zeugen 
und Vertheidigern. Die Presse, lieber Freund, glauben 
Sie einem alten Redacteur, ist die einzige wirksame 
Garantie der Rechtspflege und der Freiheit. 

Hinter diesen Worten Humbugs sah ich nur eins, 
nämlich die verdammte Tafel, die man in der Strasse 



248 



aufziehen würde, um ganz Paris mit meinem unglück- 
lichen Abenteuer zu belustigen. Um dieser Fatalität 
zu entgehen, fasste ich einen kühnen Entschluss. — 
Ich verliere meinen Process, dachte ich, aber ich bringe 
die Lacher auf meine Seite. 

Ich wollte reden, aber schon hatte Fox seine An- 
träge verlesen und sein Plaidoyer begonnen. 

— Es gibt, sagte er und schwang seinen Arm nach 
meiner Seite, es gibt gewisse Menschen, die ohne Geist, 
ohne Talent, ohne Fähigkeit, aber von einem lächer- 
lichen Ehrgeiz oder vielmehr einem krankhaften Kitzel 
besessen um die Stimme des Volkes buhlen und sich 
einbilden, dass die öffentlichen Aemter zur Befriedigung 
ihrer kindischen Eitelkeit geschaffen sind. 

Dieser Eingang genügte mir; ich hatte wenig Lust, 
noch mehr drucken zu lassen. 

— Erlauben Sie, sagte ich . . . 

— Unterbrechen Sie mich nicht, rief er mit krei- 
schender Stimme und spreizte sich wie ein Hahn, des- 
sen Federn sich sträuben, unterbrechen Sie mich nicht... 

— Entschuldigen Sie, ehrenwerther Advokat, ver- 
setzte ich; ehe man plaidirt, muss ein Process vorlie- 
gen, und dies ist nicht der Fall. 

— Herr Richter, fuhr ich fort, erst seit vier Tagen 
zum Inspector ernannt, könnte ich mich mit der kurzen 
Dauer meines Amtes entschuldigen und eine Nachläs- 
sigkeit, an der ich keine Schuld trage, auf meinen 
Vorgänger wälzen. Aber Gott verhüte es, dass ein öf- 
fentlicher Beamter, ein Vertreter des Volkes sich solche 
Chikane erlaubt. Ein Amt gibt Pflichten; ich will der 
erste sein, der das Beispiel der Achtung vor dem Ge- 
setze gibt. Ich bekenne mich verantwortlich für einen 
mir bedauerlichen Unfall und es ist also unnöthig, einen 



249 



Mann anzugreifen, der nicht daran denkt, sich zu ver- 
theidigen. 

— Bravo, rief der Quaker, der sich nicht mehr 
halten konnte. Freund Daniel, du bist ein Beamter 
nach dem Herzen Gottes, ein Boas, ein Samuel; gib 
mir fünfhundert Dollars oder genügende Bürgschaft, 
dann erkläre ich mich für befriedigt. 

— Nur noch ein wenig Geduld, versetzte ich; ich 
bin bereit, auf der Stelle jede gesetzliche Entschädigung 
zu zahlen und ich will nicht einmal den Betrag dieser 
Entschädigung bestreiten. Ich schiebe meinem Gegner 
den Eid zu; dieser fromme Quaker soll selbst den Be- 
trag des Schadens bestimmen, den ich ihm verursacht 
habe. 

— Das nehme ich nicht an, rief Seth voll Verle- 
genheit und Wuth. Ich will lieber meinen Process 
durchführen; mein Advokat hat mir einen vollständigen 
Erfolg verheissen. Schwört denn ein Quaker? Daniel, 
liesest du denn nicht das Evangelium? Christus spricht: 
Ich aber sage euch, dass ihr allerdings nicht schwören 
sollte weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Stuhl, noch 
bei der Erde, denn sie ist seiner Füsse Schemel, noch bei 
Jerusalem, denn .... 

— Schon gut, sagte Humbug; lass dieses unnütze 
Geschrei. Man verlangt von dir nichts, als dass du in 
Gottes Gegenwart und wie Christus es befiehlt sagen 
sollst: Das ist so oder das ist nicht so. Frage dein Ge- 
wissen, bedenke dein Seelenheil. Antworte mir die 
Wahrheit, die volle Wahrheit und nichts als die Wahr- 
heit. Das helfe dir Gott! 

Der Quaker kratzte sich den Kopf und betrachtete 
seinen Advokaten mit kläglicher Miene. Fox blieb 
stumm. Als sich Seth umdrehte und Martha schweigend 



250 



hinter sich stehen sah, erblasste er und fing an zu 
stammeln. Sein Gewissen, sein Interesse und seine 
Liebe lieferten sich einen fürchterlichen Kampf; und 
ich muss es zur Ehre des Quakers sagen, dass sein 
Interesse nicht die Oberhand behielt. 

— Hier ist die Berechnung, sagte er, die Thatsa- 
chen sind genau richtig, aber an den Preisen kann 
man natürlich etwas nachlassen. Die Deichsel war 
nicht neu ; aber ich muss sie doch wieder in Stand 
setzen lassen. Fünf Dollars sind nicht zu viel, Martha? 

Das lange Frauenzimmer machte ein Zeichen mit 
dem Kopfe wie das Standbild des Commandeurs im 
Don Juan. 

— Setzen wir fünf Dollars, fing der Quaker mit 
jämmerlicher Miene wieder an. Das Pferd war schon 
geschunden, aber die Verletzung ist wieder aufgerissen. 
Das ist fünf Dollars werth, nicht wahr, Martha? 

— Für mich, fuhr er fort, verlange ich nichts, aber 
mein Rock ist zerrissen und ich habe den heutigen Tag 
verloren; setzen wir zehn Dollars, nicht wahr, Martha? 

— Und den Advokaten, schrie Fox, willst du wohl 
vergessen ? 

— Der Advokat, versetzte der Quaker, der glück- 
lich war, die Wuth über seine getäuschte Habsucht auf 
Jemanden abzuladen, der Advokat ist ein Dummkopf, 
der mir bloss einen schlechten Rath gegeben hat. Fünf 
Dollars für seine zehn unnützen Worte sind schon zu 
viel, nicht wahr, Martha? 

Seths Augen glänzten, als er seine Geliebte mit 
vollem Munde über den Streich lachen sah, der dem 
Advokaten gespielt war. 

— Hier sind die fünfundzwanzig Dollars, sagte ich, 
meines Theils froh, so billig losgekommen zu sein. 



2!)1 



— Ach, Martha, rief der Quaker, das Gewissen 
ist etwas sehr Schädliches. Ich bin überzeugt, dass 
die Leute, die viel Geld verdienen, kein Gewissen ha- 
ben oder keinen Gebrauch davon machen. 

— Schweig', Sohn Belials, rief Martha, und segne 
den Himmel, der mich neben dich gestellt hat. 

— Bravo, Doctor! sagte Fox und neigte sich ach- 
tungsvoll vor mir; Sie sind ein schlauer Patron, es ist 
gut für uns, dass sie nicht Jurist sind. 

— Darin täuschen Sie sich, Collega, antwortete 
ich lachend; ich gehöre zum Handwerk. 

— Wie so? fragte Humbug. 

— Ich habe vor einigen Jahren einen Aufsatz über 
gerichtliche Medicin geschrieben, über die Frauen, wel- 
che vermittelst einer vorsichtigen Anwendung von Opium 
das Temperament ihrer Männer erheblich sanfter zu 
machen verstehen. Das hat mir ein Diplom von der 
Universität Kharkoff eingetragen; ich bin Doctor der 
Rechte bei den Kosaken. 

— Collega, sprach Humbug mit feierlichem Tone, 
erweisen Sie mir die Ehre, sich neben mich zu setzen, 
und Sie, meine Herren Stenographen, vergessen Sie 
diese wunderbare Thatsache nicht. Einen Arzt, der 
Doctor der Rechte der Universität Kharkoff ist, so et- 
was sieht man nur in Amerika. Ich bin überzeugt, 
dass dieser Phönix, den wir zu Paris .... in Massa- 
chusetts besitzen, im ganzen alten Europa seines Glei- 
chen nicht findet. Kharkoff, meine Herren! Vergessen 
Sie ja nicht Kharkoff! 



Dreiundzwanzigstes Kapitel. 



IMe Verhandlung vor dem Friedensrichter. 

Ich nahm neben Humbug Platz und hatte darauf 
Acht, dass ich mich ehrerbietig im Hintergrund hielt; 
während er kleine Civilstreitigkeiten ohne weitere Be- 
deutung aufrief, betrachtete ich den Saal. 

Es war keine Estrade vorhanden, um den Richter 
über die Gerichtsbaren zu erhöhen; eine einfache höl- 
zerne Schranke trennte Gericht und Publikum. Hum- 
bug sass hinter einem grossen Schreibtisch, an dessen 
einer Seite der clerk oder Gerichtsschreiber schrieb. 
Dem Richter gegenüber befand sich eine Art Gitterloge, 
die für den Angeklagten bestimmt war; etwas vor dem 
Angeklagten stand ein Tisch für den Kläger und die 
Zeugen. Das war Alles. Die Einfachheit des Schau- 
spiels wurde noch dadurch erhöht, dass Niemand ein 
besonderes Costüm trug. Humbug hielt die Sitzung im 
schwarzen Frack, mit dem Hut auf dem Kopf; die Ad- 
vokaten hatten keinen besonderen Anzug. Keine Roben, 
keine Barette, keine Perrücken! Dieses ursprüngliche 
Volk hat ein so naives Zutrauen zur Rechtspflege, dass 
es ohne jede Förmlichkeit an sie glaubt. Man fühlt über- 



253 



all die puritanische Derbheit durch. Dazu noch ein 
Ehrenplatz für die Stenographen, die das Volk darstel- 
len, welches die Richter überwacht und die Rechts- 
pflege beurtheilt. Das ist acht demokratisch! Und 
doch gibt es kein Land, wo die Achtung vor dem Ge- 
setz und das Vertrauen zu den Richtern weiter geht. 
Das ist eine von den eigentümlichen Erscheinungen, 
die mit höchster Evidenz beweisen, dass der Angel- 
sachse für die Freiheit geschaffen ist, wie der Franzose 
für den Krieg und der Deutsche für das Sauerkraut und 
die Philosophie. Es war eine Thorheit von unseren 
Vätern, zu glauben, dass die Freiheit, diese schwere 
Kost, für jeden Magen passt. In ihrer Unwissenheit ha- 
ben diese guten Leute nie geahnt, dass es individuali- 
sirende und centralisirende Racen gibt (zwei schöne 
Worte!), von denen die einen bestimmt sind, einsam 
im leeren Räume zu schweifen wie der Aar, die an- 
dern, heerdenweise zu leben und sich scheeren zu las- 
sen wie die Schafe. Politik, Religion, Philosophie, 
Freiheit, das sind Alles naturgeschichtliche Fragen; es 
sind Varietäten , die den homo civilisatus von allen an- 
deren zweifüssigen und vierfüssigen Thieren unterschei- 
den. Wunderbare Entdeckung, die den erhabenen Gei- 
stern unserer Zeit zur unvergänglichen Ehre gereicht! 
Als die Liste der Civilstreitigkeiten erschöpft war, 
führte man einen Angeklagten in die Loge. Er war 
ein junger bleicher Mann mit langem Haare, von wei- 
bischem und unverschämtem Aussehen. Auf Humbugs 
Frage nannte er seinen Namen und Wohnort und setzte 
hinzu, dass er Schneider sei und sich für nichtschuldig 
erkläre. Dann setzte er sich, vergrub die Hand in 
seine Locken und betrachtete seine Ankläger mit ge- 
ringschätzigem Lächeln. 



254 



— Herr Richter, sagte ein Policeman, dies ist einer 
der geschicktesten Gauner der Stadt; in dem Gedränge, 
wo wir ihn festgenommen haben, waren in einer Vier- 
telstunde sechs Taschen abgeschnitten worden. Wir 
haben diesen Schelm gefangen, der uns sehr wohl be- 
kannt ist; in seinem Rocke hatte er diese grosse Scheere, 
ausserdem haben wir nichts bei ihm gefunden. 

— Ein weiterer Zeuge oder ein anderes Beweis- 
mittel ist nicht vorhanden? fragte der Richter. 

— Nein, Herr Richter. 

— Dann lasst diesen Gentleman fortgehen und ver- 
sucht ein ander Mal, geschickter zu sein. 

Der Dieb grüsste Humbug und zog sich ruhigen 
Schritts zurück, wie ein Mensch, der seine Freispre- 
chung keinen Augenblick bezweifelt hat. 

— Wie! sagte ich zu Humbug, diesen Gauner las- 
sen Sie frei? 

— Ohne Zweifel , es ist kein corpus delicti vor- 
handen. 

— Aber der schlechte Ruf dieses Elenden, die ab- 
geschnittenen Taschen, die Scheere, das sind doch Be- 
weise? 

— Nein, versetzte Humbug, das sind einfache Ver- 
muthungen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieser 
Mensch sich unter die Menge gedrängt hat, um zu 
stehlen; aber das Gesetz bestraft das Verbrechen und 
nicht die Absicht. Es lässt der Ueberlegung, der Furcht, 
den Gewissensbissen Raum. Wenn man die Leute auf 
die blosse Absicht hin verurtheilt, welcher Ehrenmann 
müsste dann nicht zehnmal in seinem Leben gehängt 
werden? Ueberdies, sobald Sie dem Richter das Recht 
geben, in der Seele des Angeklagten zu lesen, was 
wird dann die menschliche Gerechtigkeit anders als 



255 



heuchlerische Willkür? Dann macht nicht mehr die 
strafbare That das Verbrechen aus, sondern die Laune, 
oder das Vorurtheil eines Richters. 

— Glückliches Land, rief ich, wo das Gesetz den 
Spitzbuben beschützt ! 

— Noch besser schützt es den Unschuldigen, ant- 
wortete Humbug. Wer würde bei Ihrem Inquisitions- 
system der Privatrache oder dem politischen Hass ent- 
gehen? Welcher Richter würde nicht mit Ihrer Inter- 
pretationsbefugniss dem Irrthum und der Reue ausge- 
setzt sein? Themis ist blind, mein Freund; sie sieht 
nicht, sie fühlt nur. Wenn Sie sie zum Handeln brin- 
gen wollen, so müssen Sie in ihre Wage ein corpus de- 
licti werfen, etwas Materielles, etwas Gewichtiges, was 
die Wagschale zum Sinken bringt; aber Vermuthungen, 
Absichten, eine schlechte Vergangenheit, das Alles wiegt 
nichts : 

Siml verba et voces , praetereaque nihil. 
In diesem Augenblick trat eine als policeman ge- 
kleidete Herkulesgestalt in die Sitzung, die mit ausge- 
strecktem Arm einen kleinen Mann schleppte. Der 
Kleine führte sich auf, wie ein Teufel in einem Weih- 
wasserkessel, ohne dass ich für die Genauigkeit des 
Vergleichs einstehen will. Der Riese warf den Zwerg 
gewaltsam in die Loge; dann rückte er seinen Rock 
zurecht, dessen Kragen abgerissen, wischte sein Ge- 
sicht ab, das ganz zerkratzt war und sprach mit keu- 
chender Stimme: 

— Herr Richter, hier bringe ich Ihnen einen Re- 
bellen. 

— Entschuldigen Sie, sagte ich zu Humbug; Sie 
werden doch nicht auf der Stelle ein Vergehen abur- 
theilen wollen, das ausserhalb der Sitzung begangen ist? 



256 



— Warum nicht? erwiderte der Richter überrascht 
»von meiner Frage. 

— Aber die Formen? rief ich. Lassen Sie doch 
zuerst diesen Menschen ins Gefängniss setzen, lassen 
Sie durch die Polizei einige Erhebungen pflegen, las- 
sen Sie dann einen Strafantrag stellen, auf diesen Straf- 
antrag schreiten Sie erst zu einer ernstlichen und 
gründlichen Untersuchung und dann lassen Sie diese 
Untersuchung genau prüfen, um weder dem Irrthum, 
noch der Leidenschaft Raum zu lassen. Nehmen Sie 
sich vierzehn Tage, einen Monat, nöthigenfalls drei Mo- 
nate Zeit; auf die Zeit kommt es nicht an; aber beob- 
achten Sie die Formen; denn sie sind die Garantie der 
Freiheit. 

— Seien Sie ruhig, Doctor; wir werden die Unter- 
suchung in der Sitzung durchführen, vor dem Publi- 
kum, vor dem Lande als Zeugen. Dieses Licht durch- 
dringt jeden Irrthum und jede Leidenschaft: 

Solem quis dicere falsum 

Audeat ? 
Der Angeklagte soll alle Garantieen haben, die Sie 
verlangen, mit Ausnahme der vorläufigen Untersuchungs- 
haft, auf die er, wie ich glaube, nicht soviel Gewicht 
legen wird wie Sie. 

— Also, fuhr der policeman fort, ich bin gestern 
erst vom Lande angekommen und heute Morgen zum 
ersten Male auf meinem Posten gewesen ; da läuft die- 
ser Herr auf mich zu, ganz ausser sich, athemlos, roth 
wie eine Rübe. — „Poüceman, schreit er mir zu, end- 
lich finde ich Sie. Rasch, rasch, zu Hilfe, man braucht 
Sie." — Was geht denn vor? frage ich ihn. „Ach, 
antwortet er mir mit lautem Seufzen, ach, es geht ein 
abscheuliches Verbrechen vor, wenn Sie nicht Einhalt 



257 



thun! Sehen Sie dort unten die Menge Menschen; da 
ist ein Mann, der seine Frau mit einem grossen Prügel 
todt schlägt. Hören Sie nur; man schreit Mord und 
Todtschlag. Laufen Sie ja schnell, um ein Unglück zu 
verhüten I" 

— Und wer ist denn der Mann? frage ich ihn. — 
„Er ist nicht gross; antwortet er mir, aber es ist ein 
rechter Wilder." — Gut, sage ich, ich habe wohl 
schon schlimmere gesehen. 

— Weiter, weiter, sagte Humbug. 

— Es ist schon aus, Herr Richter;, ich laufe hin, 
ich schiebe die Menge zur Seite, die nicht von der 
Stelle weichen will, und da war auch wirklich der 
Mann, der seine Frau mit Stockschlägen furchtbar trak- 
tirte. 

— Sie haben ihn festgenommen? 

— Nein, Herr Richter, sagte der Herkules, indem 
er sich hinter dem Ohr kratzte und seine Stimme 
senkte; nein, denn es war bloss .... der Hauswurst 
im Polichinell ! 

— Weiter, sagte Humbug, indem er sich auf die 
Lippen biss, während das Publikum und der Angeklagte 
selbst herzlich lachten. 

— Nun, Herr Richter, ich gehe auf meinen Posten 
zurück, natürlich ein bischen ärgerlich. Und da kom- 
men dann alle Gassenjungen der Stadt mit diesem 
Herrn an der Spitze; und alle heulen: ,<policeman, man 
ruft Sie; Mörder! Todtschläger! Der Hanswurst er- 
schlägt seine Frau!" Ich sage zu mir: man hat dir 
einen Possen gespielt, was das Gesetz nicht verbietet; 
du bist geschraubt, und willst schweigen; man muss 
eben sein Lehrgeld bezahlen. Ich gehe meinen ge- 
wöhnlichen Schritt weiter, wie wenn nichts wäre; aber 

L7 



258 



dieser Herr, der, wie es scheint, dafür bezahlt ist, die 
Stadt zu belustigen, pflanzt sich mit gekreuzten Armen 
vor mich hin und sagt mit lauter Stimme: „Dich, dich 
kenne ich, du bist ein Dieb und ein Mörder !" — Ich? 
schreie ich. — ^Du, antwortet er mir. Bürger! ich 
rufe euch alle zu Zeugen und Richtern an. Sagt ein- 
mal, hat er nicht einen Orang-Utang erschlagen, um 
ihm sein Gesicht zu stehlen ? u — Bravo, mein Herr, 
sage ich, jetzt ist die Reihe an mir; das ist eine Be- 
leidigung, ich habe das Gesetz für mich. Folgen Sie 
mir vor das Gericht. — Er will davon laufen, ich 
fasse ihn beim Arm; er antwortet mir durch einen 
Faustschlag ins Gesicht; ich hebe ihn auf und trage 
ihn vorsichtig her. Und das ist er! 

Der Angeklagte erhob sich sehr verlegen, erklärte, 
dass er die Thatsachen nicht bestreite und entschuldigte 
seinen Widerstand damit, dass er sagte, er habe keine 
strafbare Handlung zu begehen geglaubt durch Scherze 
wie die Polichinells. 

— Sie täuschen sich, antwortete Humbug mit scherz- 
haftem Ton. Wenn Sie Ihr würdiges Vorbild besser 
kennen würden, so müssten Sie wissen, dass man ihn 
nach jedem seiner Streiche in eine sorgsam verschlos- 
sene Schachtel einsperrt. Ich werde nicht so streng 
mit Ihnen verfahren, es soll Sie bloss zehn Dollars 
Strafe und zehn Dollars Genugthuungssumme an die- 
sen braven policeman kosten. Danken Sie ihm für seine 
Güte; denn wenn er die Finger geschlossen hätte, wä- 
ren Sie todt. 

Der Kleine zog aus einer schmierigen Brieftasche 
einige Banknoten, die er mit saurem Gesicht dem Ge- 
richtsschreiber übergab; seufzend ging er hinaus, be- 



259 



gleitet von dem Geheul der Menge, die dem policeman 
Beifall klatschte. Goliath hatte diesmal David geschla- 
gen ; freilich hatte er die Rechtspflege mit ins Spiel 
gezogen. 

Nach dem Ritter der Madame Polichinell zogen an 
uns die gewohnten Gäste der Zuchtpolizei vorüber: 
Bettler , Landstreicher, Trunkenbolde, Müssiggänger, 
Raufbolde, Betrüger, Spieler und andere Gauner, jede 
Gattung von Elend und Laster. Als ich sah, in wel- 
cher raschen und sicheren Weise Humbug jeden Fall 
untersuchte und aburtheilte, als ich namentlich sah, 
wie der Verurtheilte ohne Murren eine verhängte Strafe 
annahm, begann ich mich mit der amerikanischen Pro- 
cedur auszusöhnen. Die Oeffentlichkeit der Untersu- 
chung in Strafsachen ist vielleicht unter die modernen 
Entdeckungen zu zählen, welche die Zeit auf ein Mini- 
mum reduziren. Der amerikanische Richter erfasst die 
Worte aller Parteien im ersten Moment, anstatt sie auf 
ein Papier zu flxiren, das weder den Ton, noch den 
"Sinn wiedergibt; er stellt Ankläger, Zeugen, Advoka- 
ten einander unmittelbar gegenüber und verdichtet ge- 
wissermassen in wenigen Augenblicken di6 Wahrheit, 
die sich bei uns in den tausend Kanälen, durch die 
wir sie abkühlen wollen , nur zu leicht verflüchtigt. 
Eine gute und rasche Rechtspflege ohne Eingriffe in 
die Freiheit, dieses Problem haben die Yankees gelöst. 
Uns hat die Wissenschaft irre geführt, sie hat der Zu- 
fall auf den rechten Weg gebracht. 

Ueber einen Punkt blieb mir jedoch noch ein Be- 
denken. Ich fragte Humbug, ob er nicht selbst über 
seine Gewalt erschrecke. Das Vermögen, die Ehre 
und die Freiheit so vieler Angeklagter in seinen Hän- 
den haben und allein darüber entscheiden, bringt eine 

17* 



260 



furchtbare Verantwortlichkeit mit sich; wäre es nicht 
besser, sie zu theilen? 

— Nein, erwiderte Humbug; dem widersetzt sieh 
das Interesse der Gerechtigkeit. Die Bildung eines Ge- 
richtshofes von drei oder vier Richtern ist keine Ver- 
vielfältigung, sondern eine Theilung der Verantwort- 
lichkeit; der Angeklagte verliert dabei seine wirksam- 
ste Garantie. Stehe ich allein vor den Blicken des 
Publikums, so ist es mir, wie wenn Gottes Auge mich 
betrachtet; ich fühle die volle Heiligkeit meiner Pflicht. 
Je mehr ich Collegen hätte, um so weniger würde ich 
mich persönlich für betheiligt halten. Was bedeutet 
ein Drittheil, ein Fünftheil, ein Zehntheil Verantwort- 
lichkeit? Und an wen soll sich die öffentliche Meinung 
halten, wenn das Urtheil unbillig oder grausam ist? 

— Indess, versetzte ich, sehen Sie nur die Jury. 

— Dieses Beispiel wollte ich Ihnen eben anführen, 
antwortete er. In unserem Lande ist die Majorität sou 
verän; die Mehrzahl gibt in allen Dingen die Entschei- 
dung. Die Rechtspflege allein macht eine Ausnahme. 
Die Uebereinstimmung von eilf Geschworenen kann ei- 
nem Angeklagten weder Leben noch Ehre absprechen; 
der Widerspruch eines einzigen Mannes genügt, ihren 
Wahrspruch aufzuhalten. Woher kommt das? daher, 
dass hier eine moralische Frage und keiri Rechenexem- 
pel vorliegt und dass die Stimme, die freispricht, viel- 
leicht mehr Gewicht hat, als die eilf Stimmen, welche 
verurtheilen. Darum verlangt auch der Gesetzgeber 
nicht Mehrheit, sondern Einmüthigkeit. Er will nicht 
eine in zwölf Theile getheilte Verantwortlichkeit, son- 
dern eine zwölffache Verantwortlichkeit. Sie sehen 
daraus, dass hier nicht einmal scheinbar eine Ausnahme 
vorliegt; es ist vielmehr derselbe nur noch verstärkte 



261 



Grundsatz: Einheit des Richteramts mit voller und un- 
geteilter Verantwortlichkeit. 

Diese Auseinandersetzung überraschte mich. Ich 
hatte immer geglaubt, dass die Einmüthigkeit der Jury 
ein alter Rest feudaler Barbarei sei, über die wir uns 
auf Kosten Englands lustig inachen, und die uns unsere 
eigene Ueberlegenheit nur noch stärker fühlen lässt. 
Humbugs Worte störten die Heiterkeit meiner Anschau- 
ung. Vergebens rief ich mir die weisen Worte von 
Montaigne ins Gedächtniss : „0, was für ein sanftes, 
weiches und frommes Ruhekissen sind Unwissenheit und 
Theilnahmlosigkeit für einen gut gebauten Kopf! cc 

Der Zweifel ist wie der Regen, kein Reisender ent- 
geht ihm. Franzosen! wollt ihr den gerechten Stolz, 
die wohlberechtigte Selbstzufriedenheit, die eure Kraft 
und eure Freude ausmachen, bewahren, so dürft ihr 
nie euren Kirchthurm aus den Augen verlieren! 

Eine Bewegung, die unter den Zuhörern entstand 
und die ein längeres Murmeln begleitete, kündigte uns 
die Ankunft einer wichtigen Persönlichkeit an. Ein 
dicker Mann schritt mit erhobenem Haupt und halbge- 
schlossenen Augen majestätisch vorwärts, indem er bei 
jedem Schritt schnaubte und Niemanden eines Blickes 
würdigte. An dem Platz für die Kläger angelangt, be- 
grüsste er Humbug mit einer vertraulichen Handbewe- 
gung und einem gnädigen Lächeln. Es war der Ban- 
quier Little, der auf seinen aufgeblasenen Backen den 
ganzen Hochmuth seiner zwanzig Millionen zur Schau 
trug. 

Hinter ihm führten zwei policemen einen langen, 
mageren Mann mit hohlem Gesicht und brennenden 
Augen; er hatte das Aussehen eines Spielers, der sein 
Leben auf eine Karte gesetzt und verloren hat. Er 



262 



warf sich auf die Bank der Angeklagten und verhüllte 
sein Gesicht mit beiden Händen, 

— Mein Herr, sagte der Banquier, heute Morgen 
wurde an meiner Kasse diese Tratte über zwei tausend 
Dollars präsentirt, die ich hier auf Ihren Tisch nieder- 
lege. Mein Kassier, ein intelligenter Bursche, Sie ken- 
nen ihn ja, Humbug, fand diesen Wechsel im Verfall- 
buch nicht vorgemerkt und kam daher ungeachtet der 
Geringfügigkeit der Summe auf die Idee, mir das Pa- 
pier vorzuzeigen. Der Name des Ausstellers, die In- 
dossamente, mein Accept, Alles ist falsch. Es sind seit 
heute früh schon dreimal ähnliche Wechsel bei mir vor- 
gezeigt worden, die man sich aber gehütet hat, mir in 
den Händen zu lassen. Das ist ein Streich, den eine 
ganze Anzahl von Gaunern mit einander ausgeheckt 
hat. Man hat darauf gerechnet, dass ich zum Bürger- 
meister gewählt werden, heute nicht zu Hause sein, und 
dass mein Kassier nicht wagen würde, Wechsel mit 
meiner Unterschrift zurückzuweisen. Ich habe diesen 
Herrn festgenommen und überlasse es der Gerechtig- 
keit, seine Mitschuldigen zu entdecken. 

— Angeklagter, sprach Humbug, haben Sie etwas 
zu entgegen? Denken Sie daran, dass man alle Ihre 
Aussagen aufzeichnen und davon gegen Sie Gebrauch 
machen wird; überlegen Sie daher, ehe Sie reden. 

— Ich habe vorläufig nichts zu sagen, murmelte 
der Beschuldigte. 

— Dann bin ich genöthigt, Sie unter der Anschul- 
digung der Fälschung vor den Assisenhofzu verweisen, 
setzte Humbug mit bewegter Stimme hinzu. Können 
Sie zwei Bürgschaften von je fünftausend Dollars be- 
stellen? Ausserdem müsste ich Sie in Haft behalten. 



263 



— ich werde versuchen, Bürgen zu finden, ant- 
wortete der Angeklagte. 

— Sehr wohl. Nehmen Sie einen Wagen und fah- 
ren Sie mit diesen zwei policemen zu Ihren Freunden. 
Nach Ihrer Rückkehr wollen wir Ihre Bücher unter- 
suchen und nötigenfalls andere Vorsichtsmassregeln 
treffen. 

— Was, Sie denken diesen Fälscher in Freiheit zu 
lassen? sagte ich zu Humbug; er hat Mitschuldige, er 
wird sie warnen und wird ausserdem selbst durch- 
brennen. 

— Das Gesetz, antwortete der Richter, setzt die 
Untersuchungshaft nur für Anschuldigungen fest, wel- 
che die Todesstrafe nach sich ziehen. In allen anderen 
Fällen tiberlässt es hierüber Alles dem Ermessen des 
Richters. Warum wollen Sie, dass ich diesem Men- 
schen die Mittel zu seiner Verteidigung entziehen soll? 
Damit er etwa vor dem Assisenhof wie ein Opfer der 
Ungerechtigkeit erscheint und damit der Dieb anstatt 
des Bestohlenen das allgemeine Interesse in Anspruch 
nimmt? Wir werden in dieser Sache zu Schriftver- 
gleichungen, zu Vernehmungen von Sachverständigen 
und Zeugen schreiten müssen; soll das Alles im Dun- 
keln und in Abwesenheit des Beschuldigten geschehen? 
Soll der Angeklagte nicht das Recht haben, sich über 
alle gegen ihn angehäuften Beweismittel zu äussern 
und sie zu bekämpfen? Das Untersuchungsverfahren 
ist keine Strafe, es ist die Erforschung der Wahrheit. 

— Mit Ihrer falschen Humanität, rief ich, machen 
Sie die Gesellschaft wehrlos; so fasse ich die Rechts- 
pflege nicht auf. 

— Wie denn? fragte Humbug. 

— Gestatten Sie mir eine Vergleichung, antwortete 



264 



ich. Es gibt in der Gesellschaft, wie in einem Walde, 
Stossvögel und Raubthiere; die Polizei und die Rechts- 
pflege unternehmen eine ständige Jagd auf diese Feinde. 
Die Polizei umstellt sie, die Rechtspflege wartet, bis sie 
schussgerecht kommen; der Staatsanwalt, ein geschick- 
ter Jäger, schiesst dann diese verdammte Brut nieder. 
Verlangen Sie nur von dem Wolfe eine Bürgschaft, ge- 
ben Sie dem Fuchs einen Geleitsbrief, Sie werden schon 
sehen, was aus den Schaafen und Hühnern wird. Es 
ist die erste Pflicht der Rechtspflege, die ehrlichen Leute 
zu schützen, die Schurken hat sie bloss zu züchtigen 
und auszurotten. 

— Lieber Freund, sagte Humbug, Ihre Scherze sind 
grausam : 

Quae nam isla jocandi 

Saeviüa ? 
Wenn es Wölfe unter der armen Menschheit gibt, was 
ich weit entfernt bin, in Abrede zu stellen, so tragen 
sie mindestens das nämliche Fell wie die Schaafe ; be- 
vor ich den Räuber tödte, muss ich ihn erkannt ha- 
ben. Diese Aufgabe verlangt eine zartere Hand als 
die des Jägers. Die Rechtspflege ist, mit einem ande- 
ren Namen, die Gesellschaft selbst, die Mutter aller 
Bürger; bis zur Verurtheilung glaubt sie an die Un- 
schuld aller ihrer Kinder. Dieses mütterliche Vertrauen 
ist nicht bloss ein leeres Wort; es ist eine thätig wir- 
kende Zärtlichkeit , die den Angeschuldigten beschützt 
und unterstützt, ohne ihn einen Augenblick aufzugeben. 
Sie glauben vielleicht, dass die Geschwornen das Ver- 
brechen bestrafen; geben Sie diese Täuschung auf. 
Die Untersuchung wird bei uns in einer so umfassen- 
den, freien und grossmüthigen Weise geführt, dass es 
in der Wirklichkeit der Beschuldigte selbst ist, der sich 



265 



verurtheilt und nur die Sühne seiner That annimmt. 
Verfolgen Sie unsere Schwurgerichtsverhandlungen und 
Sie werden sehen, dass es gerade die Milde unseres 
Verfahrens ist, die den Angeklagten entwaffnet. Ge- 
gen Angriffe setzt er sich zur Wehre; Beleidigungen 
erwidert er mit Frechheit; denn Stolz und Zorn be- 
herrschen den Verbrecher ebenso wie den ehrlichen 
Mann; aber sich rechtfertigen , wo die Thatsachen al- 
lein anklagen, einfach sein Verhalten erklären, Rechen- 
schaft über seine Handlungen geben , das ist ein Vor- 
recht der Unschuld. Nichts erschreckt den Verbrecher 
so sehr, als wenn er sich mit sich selbst allein sieht, 
wenn er den Präsidenten, der ihn schützt und die Ge- 
schwornen, die ihn hören, als Zeugen und Richter vor 
sich sieht. Meistentheils gesteht er auch schliesslich 
seinen Fehltritt oder verschliesst sich in ein Stillschwei- 
gen, das ein Bekenntniss ist. Was Sie die Schwäche 
unserer Gesetze nennen , macht gerade ihren Vorzug 
und ihre Schönheit aus. 

— Ich verstehe nichts von Ihren philanthropischen 
Chimären, antwortete ich ihm; ich weiss nur, dass 
dies nicht die Auffassung und Uebung der Rechtspflege 
ist , die man in ... . 

— In Kharkoff bei den Kosaken hat! unterbrach 
mich Humbug lachend; das glaube ich, diese Leute 
sind ja gar keine Christen. 

— Sie sind so gute Christen wie ich, erwiderte 
ich, aber .... 

— Guten Morgen, Herr Richter, rief ein Mann da- 
zwischen, den man eben in die Loge einschloss. Sein 
Gesicht war dunkelblau , die Augen hingen ihm wie 
einem Krebs aus dem Kopfe, und mit röchelnder und 



266 



heiserer Stimme schrie er: — Ich bin es, Paddy; Sie 
erkennen mich doch? 

— Zweimal in vier Tagen, das ist zuviel, sagte 
Humbug. 

— Entchuldigen Sie, Herr Richter, versetzte der 
Angeschuldigte und zeigte auf die policemen; daran sind 
diese Herren schuld. Sie haben gar kein Mitleid mit 
den armen Leuten. Gestern, am Sonntag, gehe ich 
friedlich spazieren, mit meiner Flasche Branntwein in 
der Hand, wie ein guter Christ, der nicht verschmach- 
ten will, weil er am Sonntag nirgends etwas zu trin- 
ken findet. Ich begegne dort dem grossen Kerl und 
frage ihn höflich um den Weg nach dem Spitale. — 
„Du hast ihn in der Hand, antwortet er min" — Das, 
sage ich, und ziehe meine Flasche, ist der Trost des 
Lebens. — „Das ist dein Feind", versetzte er. — Gut, 
sage ich, policeman, man muss seine Feinde lieben. 
Darauf trinke ich auf meine Gesundheit, und stosse auf 
einmal mit der Nase auf meinen Landsmann Patrick 
O'Shea, einen Sohn des grünen Erin, einen Feind der 
Angelsachsen. Am Sonntag kann man einem Freund 
nicht begegnen, ohne ein wenig mit ihm zu boxen; 
das ist doch zum Lachen, nicht wahr, Herr Richter? 
Wir waren noch nicht einmal blutig, als mir der polt- 
ceman die Hand auf die Schulter legte. — „Hast du 
drei Dollars?" sagte er. — Nein, meine Tasche hat 
ein Loch, und meine Frau hat es noch nicht geflickt. — 
„Warum raufst du, sagte er, wenn du die Strafe nicht 
bezahlen kannst?" 

— Policeman, antwortete ich ihm, Sie haben Recht; 
jeder soll sich seinen Mitteln entsprechend unterhal- 
ten. — Darauf gehe ich fort, Arm in Arm mit Pa- 
trick, ganz freundschaftlich. Aber da zieht mich Pa- 



267 



trick, weil er Demokrat -ist, mit den letzten Wahlen 
auf. — „Dein Richter, sagt er, und meint damit Euer 
Ehren, ist keine vier Hundsfüsse werth; und vom Doc- 
tor sagt man, dass er ein Hexenmeister ist." 

— Natürlich stopfe ich ihm mit einem Faustschlag 
das Maul; er antwortet auf dieselbe Weise, ich stelle 
ihm ein Bein und da liegt er auf dem Roden. — Ich 
erdrossele dich, rufe ich ihm zu, wenn du es nicht ge- 
stehst. Und ich habe ihn wirklich gezwungen, es zu 
gestehen. 

— Was denn? fragte Humbug. 

— Nun, Herr Richter, dass Sie vier Hundsfüsse 
werth sind, und dass der Doctor kein Hexenmeister ist. 

— Paddy, versetzte Humbug mit ernsthafter Miene, 
wir danken dir für deine gute Meinung über uns; aber 
dass du dich auf der Strasse betrunken und geprügelt 
hast, kostet zehn Dollars. 

— Zehn Dollars! rief der Trunkenbold, woher soll 
ich sie denn nehmen? 

— Wenn du sie nicht bis morgen findest, so wirst 
du dafür mit fünf Tagen Arrest abquittirt. 

— Aber meine Frau, meine Kinder? rief Paddy. 

— Daran hättest du gestern denken sollen, rief 
der Richter, heute ist es zu spät. 

— Pharisäer, rief ich, endlich fasse ich euch. Ihr 
habt zweierlei Gewicht und zweierlei Maass. Der Rei- 
che kann sich, Dank seinem Geld, jedes Laster erlau- 
ben; der Arme muss im Gefängniss das einzige Ver- 
brechen büssen, das ihr nicht verzeiht: das Elend. Ist 
das Billigkeit? Ich kann für ein und dasselbe Verge- 
hen nur ein und dieselbe Strafe zulassen; entweder 
sperrt Jeden ein oder sperrt Niemanden ein f Gerech- 
tigkeit bedeutet Gleichheit! 



268 



— Glückliche Logiker, sagte Humbug, bewunde- 
rungswürdige Lenker der Völker! Euch liegt wenig 
daran, ob ihr die Freiheit vernichtet, wenn ihr sie nur 
in gerader Linie dem Abgrund zuführen könnt. An 
dem Tage, wo in Polen Edelleute und Frauen unter 
der Knute russischer Henker ihr Leben aufgegeben ha- 
ben, hat gewiss Ihr Herz vor Freuden gezittert, er- 
lauchter Doctor von Kharkoff; gewiss haben Sie geru- 
fen: grosser Sieg der Gleichheit! 

— Nein, nein, erwiderte ich, ich verabscheue den 
Despotismus*, die Gleichheit, wie ich sie verstehe, soll 
emporheben, nicht erniedrigen; ich verlange, dass man 
die Sklaven wie Edelleute und nicht die Edelleute wie 
Sklaven behandelt. 

— Sehr wohl, lieber Freund, versetzte der Rich- 
ter; aber hier fängt die Schwierigkeit an. Es gibt im- 
mer einen Punkt, in dem Sie die Gleichheit nicht er- 
reichen werden, wenn Sie nicht Prokrustes nachahmen 
wollen , den vollkommensten aller Logiker. — Unsere 
alten angelsächsischen Gesetze, die Sie hart finden, 
und die ich gerecht und mild finde, bemühen sich stets, 
die Freiheit zu schonen. Abgesehen von den schwer- 
sten Verbrechen, halten sie sich an den Geldbeutel 
und nicht an die Person des Schuldigen. Wenn das 
wahre Mittel, einen Menschen, den die Leidenschaft fort- 
reisst, zur Besinnung zu bringen, darin besteht, dass 
man ihm die Verantwortlichkeit vor Augen hält, die 
ihn erwartet, dann kommt den Geldstrafen nichts an 
Werth gleich; glauben Sie meiner Erfahrung. Es gibt 
Länder, wo der Ehebruch für eine noble Beschäftigung 
gilt, wo der Treubruch ein erlaubtes Spiel ist, wo man 
in dem Duell ein Unternehmen sieht, das dem Thäter 
noch Ehre macht. Bei uns nimmt man sich in Acht, 



269 


die Frau oder Tochter seines Nachbars zu verfuhren, 
oder die Leute für eine Beleidigung, die man ihnen zu- 
gefügt hat, umzubringen. Warum? aus dem ganz pro- 
saischen Grunde, weil man jede dieser liebenswürdigen 
Thorheiten mit fünfzehn oder zwanzigtausend Dollars 
bezahlen müsste. Kein Mensch will sich gern ruini- 
ren, um das Stadtgespräch zu bilden und dabei noch 
die Lacher gegen sich zu haben. 

So ist das Gesetz, und eine Anwendung von zehn 
Jahrhunderten hat seine Kraft und Weisheit bestätigt. 
Aber was soll man thun, wenn der Verurtheilte nichts 
hat? Soll man den Armen ein Privileg auf Straflosig- 
keit geben? oder soll man der Gleichförmigkeit die 
Freiheit ganz zum Opfer bringen? Unsere Vorfahren 
haben die Frage entschieden und uns den Grundsatz 
hinterlassen: Wer nicht aus seiner Tasche bezahlen kann, 
soll mit seiner Haut bezahlen; lual cum corio. Bei uns 
ist die Geldstrafe Regel, die Freiheitsstrafe Ausnahme. 
Warum? weil uns die Freiheit Prinzip ist. In Wirklich-' 
keit ist das Gefängniss nur ein Vollstreckungsmittel ge- 
gen einen zahlungsunfähigen Schuldner. Was sehen 
Sie darin Ungerechtes? 

— Ich vermisse darin die Gleichheit, antwortete ich. 

— Nun, Doctor, dann sind Sie blind. Es gibt zwei 
Arten von Gleichheit; die eine, die nicht für die mensch- 
liche Gesellschaft passt, ist jene äusserliche und ge- 
waltsame Gleichheit, die weder dem Alter, noch dem 
Rang, noch dem Vermögen Rechnung trägt. Die näm- 
lichen Strafen in ungleichen Verhältnissen, das ist ab- 
solute Gleichheit, aber höchste Ungerechtigkeit. Die 
andere Gleichheit setzt die Strafe in Verhältniss nicht 
zum Begriff des Verbrechens, denn das ist nur eine 
Phrase, sondern zur Handlung und zur Person des 



270 



Thäters. Für den Reichen eine schwere Geldstrafe, 
für den Armen eine leichte Geldstrafe, und in Erman- 
gelung der Bezahlung wenige Tage Arrest, das ist ein 
Verfahren, bei dem die Gerechtigkeit und die ächte 
Gleichheit ihre Rechnung ebenso gut finden wie die 
Freiheit. 

— Paddy! rief ich und winkte den Trunkenbold 
herbei, der mich mit erstaunten Augen betrachtete; 
nimm diese zehn Dolla/s, bezahle deine Strafe, mein 
Guter, kehre friedlich in dein Haus zurück und sün- 
dige nicht mehr. — Das ist meine Antwort, setzte ich 
hinzu, indem ich mich gegen Humbug wandte-, das ist 
ein Protest gegen die Unbilligkeit eurer Gesetze. 

— Das ist gerade der beste Beweis für ihre Vor- 
trefflichkeit, antwortete er. Wenn wir aus Liebe zur 
Gleichheit auf Trunkenheit Gefängnissstrafe gesetzt hät- 
ten, welche Hilfe hätten Sie dann diesem interessanten 
Opfer der Justiz gewähren können? Die Geldstrafe 
hat im Gegentheil das grosse Verdienst, dass zarte See- 
len stets die Härte unserer Urtheile mildern können. 
Und, was auch die Juristen, diese herzlose Race, sa- 
gen mögen, wenn ein Kampf zwischen Mildthätigkeit 
und Gerechtigkeit besteht, so ist es immer gut, wenn 
die Mildthätigkeit das letzte Wort hat. 

— Danke, Doctor, schrie Paddy und zerdrückte 
mir die Finger mit seinen Händen; ich will auf Ihre 
Gesundheit trinken; und den ersten, der behauptet, Sie 
sind ein Hexenmeister, schlage ich meiner Treu gleich 
todt. 

— Der ist jetzt gebessert, sagte Humbug. Wenn 
jetzt nichts mehr auf der Tagesordnung steht, hebe ich 
die Sitzung auf. 

Ich begleitete ihn in sein Arbeitszimmer, wo wir 



271 



den Schwurgerichtspräsidenten in grosser Aufregung an- 
trafen. 

— Ich habe Sie erwartet, sagte er zu Humbug, 
Sie sehen mich in einer grässiichen Verlegenheit. Die 
Geschworenen sind beisammen, aber der Staatsanwalt 
hält mir nicht Wort; er schreibt mir, dass er im Bett 
liegt und durch ein nervöses Leiden verhindert ist, auf- 
zustehen. 

— Nervös .... ein Staatsanwalt ! das ist sehr un- 
wahrscheinlich, rief Humbug. 

— Mein Freund, lachen Sie nicht, helfen Sie mir 
lieber. Verschaffen Sie mir irgend einen Ersatzmann 
für unseren öffentlichen Ankläger. 

— Da nehmen Sie gleich diesen guten Daniel, sagte 
Humbug, immer zum Spass aufgelegt. Das ist der 
Mann, den Sie brauchen. Er ist Doctor der Rechte 
der Universität Kharkoff; er ist ein wahres Wunder 
von Ernst, Unbeugsamkeit, Rechtskenntniss und tiefer 
Empfindung. Da haben Sie Coke, Mansfield, Erskine 
und Alles mit einander in einer Person. 

— Kommen Sie rasch, mein Herr, sagte der Prä- 
sident und nahm mich beim Arm; Sie sind mein ret- 
tender Engel. 

— Erlauben Sie, sagte ich zu ihm .... 

— Nein, nein, unterbrach er mich, ich will nichts 
hören. Nur keine falsche Bescheidenheit; Sie sind Doc- 
tor, das genügt. 

Zu gleicher Zeit ergriff mich Humbug am andern 
Arm; ich wurde in den Saal geschleppt, den Geschwo- 
renen vorgestellt und auf meinen Platz gesetzt, ehe 
ich ein Wort hervorbringen konnte. Humbug setzte 
sich neben mich , lachte über mein Abenteuer und 



272 



zeigte mir auf der Bank der Vertheidiger Fox , der 
mich, starr vor Erstaunen, mit geschlossenen Augen be- 
trachtete. 

Es war nicht mehr möglich, zurückzutreten; das 
Schicksal, das meiner spottete, verurth eilte mich, ein 
neues Lustspiel aufzuführen: 

Der Staatsanwalt wider Willen. 



Vierundzwanzigstes Kapitel. 



Ein Staatsanwalt. 

Lieber Leser, wenn dich jemals eine verräterische 
Hand unversehens ins Wasser wirft, ohne dass du 
schwimmen kannst, so kannst du dir ungefähr eine 
Vorstellung von meiner traurigen Lage machen. Ich 
wusste mich ausser Stande, zwei zusammenhängende 
Worte zu sprechen , aber mich zurückzuziehen , wäre 
lächerlich gewesen; die ganze Stadt hätte mich ausge- 
pfiffen; ich entschloss mich also, gute Miene zum bösen 
Spiel zu machen und meine Rolle zu Ende zu führen. 

Ich zog meine Schreibtafel und riss einige Blätter 
heraus, auf welche ich aus dem Gedächtniss einige 
nichtssagende, aber schön klingende Phrasen aufschrieb, 
die niemals ihre Wirkung verfehlen, wenn man sie in 
eine sorgfältig vorbereitete Improvisation aufnimmt. So 
gerüstet erwartete ich den Kampf mit 'der Festigkeit 
eines Soldaten, der ins Feuer geht und sich sagt, dass 
er bleiben wird. , 

Der erste Angeklagte, den man herbeiführte, war 
ein abscheulicher Verbrecher, der seine Frau, nach- 
dem er ihr ein Testament diktirt, langsam vergiftet 

18 



274 



hatte; das Verbrechen lag offen zu Tage, die Beweise 
waren zermalmend, und der Elende versuchte auch 
nicht einmal, sich zu vertheidigen. 

— Ich bekenne mich schuldig, murmelte er mit 
zitternder Stimme, mit bleichem Gesichte, mit wirrem 
Auge. Ich verlange den Tod, den Tod. Ich will vom 
Leben befreit sein. 

In der ganzen Versammlung entstand eine tiefe 
Stille. 

Majestätisch erhob ich mich, setzte mein Lorgnon 
kühn auf die Nase, hustete dreimal, nahm meine Pa- 
piere in die linke Hand und begann , indem ich den 
rechten Arm im Rhythmus bewegte, mit tiefer und 
feierlicher Stimme: 

— Hoher Gerichtshof, meine Herren Geschworenen! 

Nemo auditur perire volens 9 man soll nicht auf den hören, 
der zu sterben verlangt ; das ist einer der grossen und heilsamen 
Grundsätze, die uns die tiefe Weisheit unserer ehrwürdigen Ahnen 
hinterlassen hat, eine Weisheit, die hoch erhaben ist über das 
thörichte Wissen und den geistigen Hochmuth der heutigen Ge- 
schlechter. Nemo auditur perire volens, das ist ein Grundsatz, 
der nicht nur bestimmt ist, den Schuldigen gegen seine eigene 
Verzweiflung zu schützen, sondern auch der Gesellschaft die ge- 
rechte Genugthuung einer legitimen Rache zu sichern. 

Ja, meine Herren, wenn ein abscheuliches Verbrechen be- 
gangen worden ist, wenn unsere bewunderungswürdige Stadt, 
neu verjüngt durch den Glanz der ruhmreichen Bauten, die dem 
erfinderischen Genie unserer geschickten und weisen Aedilen un- 
vergängliche Ehre machen, wenn, sage ich, unsere Stadt, das 
moderne Rom, aber tausendmal grösser und schöner als das 
Rom der Cäsaren, am Morgen aus dem Schlafe geschreckt wird 
durch die plötzliche Kunde eines jener scheusslichen Attentate, die 
von eine** Verderbtheit ohne Grenzen zeigen und die die giftige 
Frucht einer Civilisation sind, welche der Hauch der Revolutio- 



275 



nen und der Presse verpestet hat; wenn ein solcher Fall eintritt, 
dann,, meine Herren, muss die nie schlummernde Gerechtigkeit 
einen heiligen Beruf, eine ebenso schwierige als grossartige Auf- 
gabe erfüllen. Anstatt der glänzenden Rednergabe, anstatt jener 
forensischen Beredsamkeit, welche die Mitgift meiner erlauchten 
Collegen ist, die ich nicht nennen will, um ihrer allzu grossen Be- 
scheidenheit nicht zu nahe zu treten, statt dessen kann der Staats- 
anwalt, der die Ehre hat, heute vor Ihnen zu sprechen, seine Be- 
redsamkeit nur aus seinem Gewissen schöpfen, er kann in diese 
Schranken nur seine energische Ueberzeugung, nur die demüthige 
und feste Hingebung führen, die er stets gehegt hat für die hei- 
lige Sache der Ordnung, des Gesetzes und der Gesellschaft. 

Vor Ihren Augen, meine Herren Geschworenen, vollzieht sich 
ein grosses und schönes Schauspiel, vor Ihren Augen spielt sich 
aufs Neue in allen ihren Einzelnheiten eine Tragödie ab, die 
ohne Zweifel alle ehrenhaften Leute schmerzlich berührt, die aber 
nothwendig ist zur Sühne des Verbrechens und für die sittliche 
Hebung des ganzen Landes Zu diesem schauerlichen Drama bil- 
det die Ausschweifung die Einleitung, die Habsucht füllt den 
zweiten Akt aus, das Gift schürzt den Knoten, die Untersuchung 
beschleunigt durch ihre wunderbare Geschicklichkeit die schreck- 
liche Peripetie und wir stehen hier unmittelbar vor der verhäng- 
nissvollen Katastrophe. Die rächende Entwicklung, meine Herren 
Geschworenen, liegt in Ihren Händen und Ihr Wahrspruch kann 
nicht zweifelhaft sein. Zermalmt unter dem Gewicht seines Fehl- 
tritts, getroffen von der Gerechtigkeit, hat der Beschuldigte Alles 
gestanden; niedergeschlagen, zerschmettert durch Gewissensbisse 
steht er vor Ihnen. Sein Urtheil ist auf seiner verbrecherischen 
Stirn zu lesen, es steht bereits in Ihren edlen Herzen geschrieben. 

Aber er darf nicht glauben, dass er sich mit diesem unfrei- 
willigen Geständniss von der verdienten Schmach loskauft. Ver- 
geblich sucht er sein verbrecherisches Haupt abzuwenden, ver- 
geblich sucht er von seinen unreinen Lippen den bitteren Trank 
zu stossen, den ihm sein verdammenswerthes Verbrechen bereitet 
hat; das Gesetz, blind und stumm, in gefechter Unerbittiichkeit, 
in heiliger Unbeugsamkeit, verlangt, dass er seine Missethat bis 

18* 



276 



auf die Hefe leert. Seine Strafe ist eine Sühne für die Vergan- 
genheit und eine Lehre für die Zukunft. 

— Genug, um Gotteswillen genug, sagte Humbug 
zu mir, indem er mich am Rockschoss zupfte. Res 
sacra miser, lieber Freund. 

— Lassen Sie mich doch, antwortete ich ihm mit 
ungeduldiger Geberde. Die Anklage hat nichts mit der 
Humanität zu schaffen. 

— Mir, fuhr ich mit neuem Eifer fort, mir, dem 
Diener der öffentlichen Rache, mir, dem Repräsentan- 
ten der beleidigten Gesellschaft, mir liegt die traurige 
und zugleich heilige Pflicht ob, mein Herz jedem Zucken 
menschlicher Rührung zu verschliessen, meine Aufgabe 
ist es , mit Ueberwindung eines nahezu unbesiegbaren 
Abscheues in diesem Koth zu rühren, ich muss . . . 

Unvorsichtiger! mit einer prächtigen Bewegung er- 
hob ich die Arme und öffnete beide Hände; natürlich 
fielen alle meine Papiere und mit ihnen meine ganze 
Beredsamkeit zu Boden. Ich bückte mich, um Beides 
aufzulesen, aber der Angeklagte machte sich diesen 
unglücklichen Zufall zu Nutze, sprang auf und schrie: 

— Herr Präsident, wie lange werden Sie es noch 
dulden, dass der Staatsanwalt mit mir spielt, wie eine 
Katze mit der Maus? Das Gesetz sagt, dass Sie der 
Vertreter des Angeklagten sind; warum lassen Sie mein 
Elend schmähen? Ich erwarte das Urtheil, wozu ist 
es nöthig, meine Qual zu verlängern? 

— Er hat Recht, rief ein ungebildeter Geschwore- 
ner, wir sind hier, um Recht zu sprechen und nicht, 
um eine Predigt anzuhören. 

Ich wollte reden, allein der Präsident gebot mir 
mit einem Zeichen seiner Hand Schweigen, bedeckte 
sein Haupt und sprach einfach und ohne weiteres die 



277 



Todesstrafe gegen den Schuldigen aus. Kein Resum£, 
keine gefühlvollen Worte, keine Unterweisung an den 
Angeklagten oder an die Geschworenen oder an das 
Publikum, nichts, was die Feierlichkeit dieses interes- 
santen Augenblicks erhöht hätte. Im Gegentheil fing 
er an, mit der abgeschmacktesten Vertraulichkeit mit 
dem Schuldigen zu unterhandeln. 

— Verurtheilter, sagte er, von menschlichem Erbar- 
men haben Sie von diesem Augenblicke an nichts mehr 
zu erwarten; Sie haben nur noch auf die Gerechtigkeit 
Gottes zu zählen. Wie viele Tage brauchen Sie, um 
Ihre Angelegenheiten zu ordnen und Ihr Gewissen vor- 
zubereiten? 

— Drei Tage werden genügen, antwortete er; ich 
habe Eile, fertig zu werden. 

— Gut! versetzte der Präsident, in fünf Tagen von 
der gegenwärtigen Stunde an gerechnet werden Sie 
vor den einzigen Richter treten, der Ihnen verzeihen 
kann. 

Der Verurtheilte grüsste den Präsidenten achtungs- 
voll und warf mir im Hinausgehen einen Blick zu, der 
mich in Verwirrung setzte. Hatte ich nicht meine 
Pflicht gethan, oder ist man selbst Mördern Mitleid 
schuldig? 

Inzwischen wurde der zweite Angeklagte hereinge- 
führt, ein frecher Schurke, der, seit zwei Tagen aus 
dem Zuchthause entlassen, sich eines Einbruchs, Dieb- 
stahls und Mordversuchs schuldig gemacht hatte. Er 
hatte die Fenster eines Hauses in Montmorency erbro- 
chen, eine unglückliche Magd, die die Wohnung be- 
wachen sollte, mit dem Tode bedroht und dann Alles 
geraubt, selbst Wagen und Pferde. 

Das Gesicht dieses Schurken musste schon zu sei- 



278 



ner Verurtheilung hinreichen. Er war die personifizirte 
Ruchlosigkeit. Man sah einen Menschen vor sich, für 
den die Gesellschaft eine Feindin war und der ebenso- 
viel Verachtung gegen das Gesetz als Hass gegen die 
Obrigkeit hegte, mit einem Worte, eine von den wil- 
den Bestien, die man tödten muss, um nicht von ihnen 
verschlungen zu werden. 

— Beschuldigter, sagte der Präsident, erklären Sie 
sich für schuldig oder nicht schuldig? 

— Die Frage ist fein gestellt, antwortete der Räu- 
ber mit kecker Unbefangenheit. Schuldig oder nicht 
schuldig? Weder ich noch Sie wissen etwas darüber, 
bevor wir die Zeugen gehört haben. 

— Meine Herren Geschworenen, rief ich, was ha- 
ben wir noch weiter zu hören nöthig? Achten Sie auf 
dieses Geständniss. Würde jemals ein Unschuldiger ei- 
nen Augenblick zögern, seine Unschuld zu betheuern? 
Nur ein Verbrecher von Profession kann eine derartige 
Frechheit besitzen. Betrachten Sie nur, ob diesem Elen- 
den nicht sein Verbrechen auf seiner unverschämten 
Stirn geschrieben steht? 

— Ich protestire gegen diese Theorie, schrie der 
Vertheidiger des Angeklagten. 

Diese kläffende Stimme Hess mich erbeben; noch 
einmal hatte ein hämisches Geschick mich mit meinem 
ewigen Gegner Fox zusammengeführt. 

— Ja, fuhr er fort, ich protestire und werde stets 
protestiren gegen eine Theorie, die niemals vor den 
freien Gerichtshöfen Amerikas Aufnahme gefunden hat. 
Sie haben nicht das Recht, die Worte eines Angeklag- 
ten zu verdrehen und daraus eine Verurtheilung abzu- 
leiten, Sie haben nicht das Recht, seine Haltung, Miene 
und Ton zu deuten, und daraus Schlüsse auf seine 



279 



Schuld zu ziehen. Wenn es erlaubt wäre, diese trü- 
gerischen Anzeichen zu Hilfe zu rufen, welche die Lei- 
denschaft nach ihrem Belieben auslegt, wer könnte 
dann der Beredsamkeit der Herren Staatsanwälte ent- 
gehen? — Der Angeklagte schweigt? Dann schlagen 
ihn die Gewissensbisse zu Boden, sein Schweigen ist 
ein Geständniss. — Der Angeklagte protestirt mit Ruhe? 
dann ist er frech; die Frechheit ist ein Geständniss. — 
Er wird hitzig, er spottet? dann ist er ein Unverschäm- 
ter, der die Justiz beleidigt; die Schmähung ist ein Ge- 
ständniss. Schwäche, Energie, Demuth, Stolz, Thrä- 
nen, Zorn, für eine befangene Auffassung, die nur nach 
einer Richtung blickt, ist Alles Geständniss. Meine 
Herren, warum fangen Sie nicht lieber an, allgemeine 
physische Merkmale der Tugend und des Verbrechens 
aufzustellen? Wenn die Wissenschaft die Träume La- 
vaters verwirklicht hat , werden Sie die Leute auf ihr 
blosses Gesicht hin verurtheilen ; bis dahin aber über- 
lassen Sie diese unsichere und gefährliche Kunst den 
Wahrsagern. Die Gerechtigkeit kennt nur Thatsachen, 
verhandelt nur über Thatsachen und gründet ihr Urtheil 
nur auf Thatsachen. Darin liegt ihre Sicherheit und 
ihre Grösse. Der Herr Staatsanwalt mag sein Talent 
für eine bessere Zeit aufsparen; lassen Sie uns zum 
Zeugenverhör übergehen. 

— Herr Präsident, rief ich, nur aus Achtung für 
den Gerichtshof habe ich diese unverschämten Redens- 
arten bis zum Schlüsse ertragen; ein Staatsanwalt 
braucht sich von einem Advokaten nicht belehren zu 
lassen; ich beantrage .... 

— Massigen Sie sich, Herr Staatsanwalt, unter- 
brach mich der Präsident. Abgesehen von Beleidigun- 
gen ist der Verteidigung Alles erlaubt und der ehren- 



280 



werthe Vertheidiger hat durch seine Worte das Recht 
seines Berufes in keiner Weise überschritten. Die von 
ihm aufgestellte Anschauung ist bei uns durch zahllose 
Präcedenzfälle geheiligt. In allen unsern Sammlungen 
werden Sie jene Grundsätze finden , deren Bekenntniss 
ich mir selbst zur Ehre rechne. 

Wie ein vom Blitz getroffener Titane fiel ich auf 
nieinen Stuhl. Der Präsident war also zum Apostel 
von Theorieen geworden, welche die Anklage auf das 
gleiche Niveau mit der Verteidigung herabdrängen; 
der Präsident war aus unseren Reihen geflüchtet und 
machte sich zum Mitschuldigen eines Advokaten; das 
war der stärkste Schlag! Wenn das bei den Yankees 
Rechtspflege heisst, so verstehe ich nichts davon. Man 
darf das ganze civilisirte Europa durchsuchen, man 
wird nichts Aehnliches finden. 

— Bravo, flüsterte mir der treffliche Humbug zu, 
um mir wieder ein wenig Muth zu machen. Sie spre- 
chen wie ein Senator; nur noch zu viel Eifer. Massi- 
gen Sie sich, lieber Freund, Sie werden mehr Wirkung 
erzielen. 

Ich sollte mit meinen Ueberraschungen noch nicht 
zu Ende sein. Man rief die Zeugen ; ich erwartete, 
dass der Präsident sie im Benehmen mit mir allein 
verhören würde. Vergebliche Hoffnung ! Der Präsident 
verhielt sich wie eine theilnahmlose Statue, der Ange- 
klagte ihm gegenüber beobachtete das nämliche Still- 
schweigen. Als ich fragen wollte, belehrte mich ein 
allgemeiner Aufschrei, dass es nach dem Yankeegesetz 
nur für die Gauner Begünstigungen gibt. Wenn man 
den Vorsitzenden und den Beschuldigten sah, beide un- 
beweglich und stumm, so hätte man glauben können, 
dass sie, den Vorgängen in der Sitzung fremd, nur die 



281 



Kampfrichter seien. Die Kämpfer oder vielmehr die 
Schlachtopfer waren die Zeugen, die dem Belieben des 
Advokaten preisgegeben waren und sich von einem 
Menschen ohne öffentliche Stellung ausfragen, Lügen 
strafen, tadeln und verspotten lassen mussten, der dazu 
kein weiteres Anrecht besass, als dass er die zweifel- 
hafte Unschuld eines im Verbrechen ergrauten Schur- 
ken vertheidigte. Man konnte bei dieser direkten Um- 
kehrung aller sonst gangbaren Ideeen den Angeklag- 
ten für einen Zeugen , die Zeugen für Angeklagte 
halten. 

Eine der von Fox gestellten Fragen schien mir so 
ungehörig, dass ich gegen ihre Beantwortung durch 
die Zeugen Widerspruch erhob. 

— Mit welchem Rechte? rief Fox wüthend. 

— Sie vergessen, antwortete ich ihm, dass ich 
Ihnen keine Rechenschaft zu geben habe; ich bin der 
Repräsentant des Staates. 

— Was ist das für ein neues Hirngespinnst? ver- 
setzte er mit gewohnter Frechheit. Innerhalb dieser 
Schranken gibt es keinen Staat. Hier ist nur Raum 
für die Gerechtigkeit, die in der Unparteilichkeit der 
Richter und der Weisheit der Geschworenen eine aus- 
gezeichnete Vertretung findet. Sie sind Advokat wie 
ich, nichts weiter. Ich vertrete den Angeklagten, Sie 
vertreten den Beschädigten , dem Sie von der Gesell- 
schaft als Stütze beigegeben sind. Sie haben kein 
Recht, das ich nicht auch hätte; ich besitze kein Pri- 
vileg, das Sie nicht auch für sich in Anspruch nehmen 
könnten. Wäre es anders, so wäre die Waage der 
Gerechtigkeit verfälscht, die Anklage wäre stärker, als 
die Verteidigung; was sollte dann aus der Freiheit 
der Bürger werden? 



282 



— Herr Präsident, sagte ich, ist das auch eine 
durch Ihre Präcedenzfälle geheiligte Theorie? 

— Herr Staatsanwalt, antwortete er mir im Tone 
des Bedauerns, Ihre Frage setzt mich in Erstaunen. 
Kann die Gleichheit der Anklage und der Vertheidigung 
in einem freien Lande fraglich sein? 

Ich musste schweigen, ich liess die Zeugen von 
Fox nach Belieben martern. Eins tröstete mich. Es 
gibt keinen Missbrauch, der neben tausend Inconve- 
nienzen nicht doch einen kleinen Vortheil mit sich 
brächte. Von Kindheit auf an die rauhen Prüfungen 
des öffentlichen Lebens gewöhnt Hessen sich die Zeugen 
durch die scharfen Fragen, die man an sie richtete, in 
keiner Weise einschüchtern. Fox kam bei dem Ge- 
fecht nicht immer obenauf zu liegen. Freilich hatte er 
ein hartes Feld, und er erhob sich jedesmal wieder mit 
erneuter Wuth. Niemals wurde die Freiheit eines Men- 
schen mit verzweifelterer Energie vertheidigt. 

Unter den Zeugen figurirte der Quaker Seth, der 
in seiner Eigenschaft als Wirth eine wichtige Persön- 
lichkeit für Montmorency war. Seth war seit seinem 
Missgeschick vom heutigen Morgen in keiner wohlwol- 
lenden Stimmung gegen den Advokaten und beantwor- 
tete daher seine Fragen mit einer Bosheit, die mich 
ungeachtet meiner schlechten Laune zum Lachen brachte. 

— Kennst du den Angeklagten? fragte Fox. 

— Ja, sagte der Quaker, ich kenne ihn zu seinem 
und meinem Unglück. 

Könntest du eidlich bestätigen , dass er ein unehr- 
licher Mensch ist? 

— Ich habe bis jetzt noch nicht gehört, dass man 
ihn wegen seiner Ehrlichkeit angeklagt hätte, antwor- 
tete Freund Seth mit der grössten Freundlichkeit. 



283 



— Welches Interesse konnte er wohl haben, einen 
Wagen und Pferde zu stehlen? 

— Meines Wissens keines, sagte der Quaker. Denn 
er hätte viel besser gethan, wenn er sie nach dem Bei- 
spiel ehrenwerther Gentlemen gekauft und nicht be- 
zahlt hätte. Vielleicht hatte er aber nicht so viel 
Credit. 

Nach dem Wirth kam die Magd an die Reihe, eine 
dicke Blondine mit unschuldiger und heiterer Miene, 
die aber nichts desto weniger wie jedes Frauenzimmer 
vom Land Haare auf den Zähnen hatte. 

— Sie behaupten, sagte der Advokat, den Ange- 
klagten wiederzuerkennen; Sie behaupten, dass er Sie 
in einer mehr als unpassenden Sprachweise bedroht 
habe. 

— Ja, murmelte sie erröthend. 

— Sprechen Sie lauter, sagte Fox, die Herren Ge- 
schworenen verstehen Sie nicht. 

— Ich kann nicht , erwiderte sie ganz bewegt. 

— Sie können wohl; machen Sie es wie ich, 
schreien Sie. 

— Sie, das ist etwas Anderes, sagte sie; das ist 
Ihr Handwerk, Sie sind von klein auf dazu erzogen. 

— Sie behaupten, fuhr Fox fort, dass der Ange- 
klagte sich gegen Sie abscheulicher Worte bedient habe, 
so abscheulich, meine Herren Geschworenen, dass das 
Schamgefühl mich verhindert, sie hier öffentlich zu wie- 
derholen. 

— Ja, sagte das arme Mädchen hocherröthend. 

— Schön, wiederholen Sie einmal diese Worte vor 
dem Gerichtshof und den Geschworenen. 

— Herr Advokat, erwiderte sie, indem sie sich 
aufrichtete, wenn Ihr Schamgefühl Ihnen verbietet, diese 



284 



Worte zu wiederholen, so werden Sie wohl nicht glau- 
ben, dass das meinige es mir erlaubt. 

— Ganz wohl, antwortete Fox, ohne sich aus der 
Fassung bringen zu lassen; die Geschworenen werden 
das zu würdigen wissen. Sie haben gesagt, dass der 
Angeklagte wie ein schamloser Mensch gesprochen habe, 
wissen Sie wohl, was es bedeutet, wie ein schamloser 
Mensch sprechen? 

— Ich glaube wohl, antwortete sie und betrachtete 
dabei den Advokaten derart, dass die ganze Versamm- 
lung in ein Gelächter ausbrach und Fox ihre weitere 
Vernehmung aufgab. 

Nachdem die Zeugenliste erschöpft war, ergriff ich 
das Wort; der Zorn machte mich beredt, ich fühlte es; 
ich überliess mich daher auch mit vollem Behagen meiner 
Deklamation. In einer Rede, die stenographirt zu wer- 
den verdiente, gab ich die vollständige Geschichte die- 
ses Räubers. Ich ergriff ihn in der Wiege, um ihn erst 
vor dem Gerichtshof wieder los zu lassen, wo er end- 
lich seine gerechte Strafe erleiden sollte. Zuerst schil- 
derte ich ihn als dreijähriges Kind, als eines jener 
bösen Kinder, die niemals ihrer Mutter ein Lächeln 
entlocken. Dann begleitete ich ihn zur Schule; ich 
zeigte ihn faul, lügnerisch, streitsüchtig und betonte 
seine Diebstähle an den Nüssen und Pflaumen der 
Chausseebäume als eine Vorbereitung zum Galgen. 
Durch einen unerhört glücklichen Zufall hatte ich unter 
den Zeugen drei ehrliche Kameraden des Ange- 
schuldigten gefunden, die fünfundzwanzig Jahre vor- 
her diese Raubzüge mit dem künftigen Verbrecher 
unternommen hatten. Von der Schule ging ich zur 
Werkstätte über und da zeichnete ich von diesem 
Menschen ein Bild von erschreckender Aehnlichkeit. 






285 



Eine Tirade gegen die Trunksucht, dieses verbreche- 
rische Gift, riss die Zuhörer hin; ich war in meiner 
Beschreibung noch zehn Jahre von dem Gegenstand 
der Anschuldigung entfernt, als der Angeklagte bereits 
in der Meinung des Publikums verloren war. Wenn 
nach meiner Rede irgend etwas in Erstaunen setzen 
konnte, so war es, dass er nicht schon mit fünfzehn 
Jahren seinen Vater getödtet hatte. Dass freilich dieser 
Verbrecher den Trieb zum Vatermorde in sich trug, 
bezweifelte ich nicht, und ich sagte es auch den Ge- 
schworenen, aber der Himmel hatte dem Schurken das 
schrecklichste aller Verbrechen erspart; der Elende hatte 
das Glück, Waise zu sein. Während die Versammlung 
an meinen beredten Lippen hing, betrachtete ich den 
Beschuldigten, der sich unter der Geissei meiner rächen- 
den Worte wand. Niedergeschmettert durch meine 
Vorwürfe, ausser Stand, seinen aufs heftigste erregten 
Gewissensbissen länger zu widerstehen, erhob er sich 
und unterbrach mich, indem er mit heiserer Stimme schrie: 

— Herr Präsident, wenn das noch lange so fort- 
dauern soll, so habe ich genug; ich bekenne mich 
schuldig. Ich will lieber meine fünf Jahre aushalten, 
als diesen Herrn länger anhören. 

— Unglücklicher, rief Fox, woran denken Sie? 
Nehmen Sie diese unheilbringenden Worte zurück. 

— Nein, nein, schrie er, dieser Herr macht mich 
dumm; ich würde meinen Kopf darum geben, ihn zum 
Schweigen zu bringen. 

— Angeklagter, sprach der Präsident, überlegen 
Sie erst, ehe Sie eine Ihnen verderbliche Erklärung 
abgeben. Denken Sie daran, dass ich, wenn Sie die- 
ses Geständniss ruhigen Bluts wiederholen , nur Ihre 
Verurtheilung aussprechen kann. 



286 



— Herr Präsident, erwiderte er, ich danke Ihnen, 
Sie sind ein würdiger Richter ; Sie zertreten nicht einen 
armen Erdwurm, der im Elend ist. Was wollen Sie? 
ich habe eben kein Glück; wenn ich auf den Rücken 
fiele, würde ich mir die Nase einschlagen. Kurzum, 
ich habe gestohlen , also soll mir mein Recht werden. 
Aber, was ich zu meiner Mutter gesagt, oder was ich 
in der Schule gethan habe, wie ich ein Strassenjunge 
war, das geht meines Erachtens diesen Herrn nichts an. 

Mein Sieg war vollständig. Mehr noch durch mein 
Talent, als durch seine Gewissensbisse besiegt gestand 
der Schuldige sein Verbrechen. Um mein Glück voll- 
ständig zu machen, konnte Fox, dessen kecke Zunge 
ich fürchtete, mir nicht einmal antworten. Der Sieg 
blieb in den Händen der Gerechtigkeit und der Autorität. 

Nach dem Schluss der Sitzung kam einer der Ge- 
schworenen zu mir und drückte mir die Hand. Er war 
ein berühmter Redner, ein überaus feiner Kopf, der 
mehr als einmal in den Kammern seine Gegner ge- 
schlagen hatte, wenn sie im Recht waren. Ein solcher 
Beifall erhöhte meinen Triumph, ich empfing seinen 
ehrenvollen Glückwunsch mit schlecht verhehlter Freude. 

— Ich bin entzückt über Ihre sinnreiche Entdeckung, 
sprach mein neuer Freund. Bei der ersten Gelegenheit 
werde ich Ihrem Beispiele folgen und hoffe damit ebenso 
glücklich zu sein wie Sie. Einen Menschen bei seiner 
Geburt fassen, das Laster, den Irrthum, die schlimme 
Neigung bei der Wurzel anpacken, ihre ganze Ent- 
wickelung beschreiben und darlegen, das ist wunder- 
bar. Ich glaube nicht, dass Jemand unversehrt aus 
einer solchen historischen Kritik hervorgehen kann; 
mit Ihrem Verfahren mache ich mich anheischig zu 






287 



beweisen, dass Kato ein Schuft und Sokrates ein Athe- 
ist war. 

— Ich habe nichts neues entdeckt, erwiderte ich 
bescheiden; Sie schmeicheln mir. 

— Nein, sprach er, noch niemals hat man in un- 
serem Lande eine so feine Auseinandersetzung gehört. 
Das ist eine ganz neue Logik, die Ihnen die grösste 
Ehre macht. Die Yankees sind rohe Naturen, die nur 
das Verbrechen und nicht den Menschen verfolgen, 
während für Sie die objective Handlung nichts, der 
Mensch Alles ist. Es liegt für die Unthat, deren man 
diesen Elenden beschuldigt, kein genügender Beweis 
vor; was liegt daran, wenn er nur fähig war, sie zu 
begehen? Die Vermuthung spricht gegen ihn, und 
überdies ist es wahrscheinlich, dass er noch viele an- 
dere Verbrechen begangen hat. Das nenne ich eine 
gute Rechtspflege, eine Rechtspflege, die die Gesell- 
schaft beschützt und sich nur um das öffentliche Wohl 
kümmert. Sind Sie eigentlich ein geborner Amerika- 
ner? — Diese plötzliche Frage setzt Sie in Erstaunen, 
fuhr er fort, ohne den Grund meiner Ueberraschung 
zu ahnen Entschuldigen Sie meine Unbescheidenheit; 
aber meine Mutter war eine Französin , und ich ver- 
danke ihr gewisse Ideeen, die niemals in einen angel- 
sächsischen Kopf gedrungen sind. Diese Ideeen haben 
eine grosse Aehnlichkeit mit den Ihrigen und flössen 
mir die lebhafteste Theilnahme für die Originalität Ihres 
Talentes ein. — Für mich zum Beispiel ist der Staat 
Alles, und ungeachtet des dummen Geschwätzes un- 
wissender Moralisten behaupte ich, dass man gegen 
das Interesse eines ganzen Volkes das vorgebliche Recht 
eines armseligen Individuums nicht in die Waagschale 
werfen kann. Ich bin Socialist im guten Sinne des 



Worts: der Staat über dem Individuum! Dagegen ha- 
ben die Yankees, diese engen und beschränkten Köpfe, 
aus England ein egoistisches und wildes Vorurtheil ein- 
geschleppt. Wenn einmal ein Richter die Achtung ge- 
gen eine alte Zigeunerin verletzt, oder wenn ein Staats- 
anwalt bei der Anklage eines Gauners die Geduld ver- 
liert oder einen Mörder übel behandelt, steht gewiss 
sofort irgend ein Angelsachse auf, der auf allen Gassen 
und über alle Dächer das Geschrei erhebt, dass die 
Verfassung verletzt und die Humanität beleidigt sei. 
Und auf die Stimme dieses Schreiers erhebt sich dann 
eine schwachsinnige Menge, die hinter dem Beamten 
herheult, wie Hunde hinter einem galoppirenden Pferde. 
Man glaubt sich unter einem Volk von Dieben , von 
denen jeder in der Furcht, morgen selbst vor dem 
Schwurgericht zu stehen, die Freiheit Dritter im Inter- 
esse seiner eigenen Freiheit vertheidigt. Dank der Fe- 
stigkeit meiner Grundsätze, fasse ich die Rechtspflege 
anders auf, und ich sehe mit Vergnügen, dass in Ame- 
rika bereits wir zwei derselben Meinung sind. Wer 
einmal vor den Geschworenen erscheint, ist keinesfalls 
ein Heiliger, und ich will lieber drei Unschuldige hän- 
gen als zwanzig Schurken durchkommen lassen. Ich 
bin eine robuste Natur; sehen Sie mich nur an; wir 
zwei könnten wohl die Erziehung dieses langweiligen 
Volkes auf uns nehmen, das immer nur ein Wort im 
Munde führt, die Freiheit. 

Er nahm Abschied von mir, indem er mir wieder- 
holt auf die herzlichste Weise die Hand schüttelte ; ich 
Hess ihn gewähren. Sonderbar! seine Lobsprüche ge- 
fielen mir nicht; mein Erfolg machte mir Angst. 

— Wenn ich zu weit gegangen wäre? dachte ich. 
Wenn ich mich durch die Hitze der Verfolgung hätte 



289 

hinreissen lassen, wie ein Jäger, der nur aut seine Lei- 
denschaft hört? Ich habe mich nicht getäuscht, denn 
der Schuldige hat sein Verbrechen gestanden ; aber 
habe ich mit erlaubten Waffen gekämpft? Ist der Ge- 
rechtigkeit Alles erlaubt? Hat der Angeklagte kein 
Recht auf Achtung? 

Wider meinen Willen versezten mich diese Ge- 
danken in Aufregung. Die Idee der öffentlichen Rache 
genügte mir nicht mehr. In dunklen, unbestimmten Um- 
rissen erblickte ich eine reinere Theorie, eine Theorie, 
welche die irdische Gerechtigkeit unter die Vorschriften 
des Evangeliums stellt. Ich musste mir sagen , dass 
für Christen jede Schwachheit heilig, jedes Elend un- 
antastbar sein soll, und dass die Obrigkeit gegenüber 
einem Kind, einer Frau, einem Armen und selbst einem 
Schuldigen ihrer Gewalt misstrauen und sich fürchten 
soll, zu viel Recht zu behalten. 



10 



Fünfundzwanzigstes Kapitel. 



IM nah. — Das Krankenhaus. 

Als ich die Sitzung verliess , traf ich den Quaker, 
der mich wegen meiner Geschicklichkeit beglück- 
wünschte; allein das machte mir nur ein sehr geringes 
Vergnügen. Humbug dagegen sprach gar nichts, und 
doch hätte ich weit lieber Vorwürfe von ihm gehört; 
ich glaube , sein Zorn hätte mir in diesem Augenblicke 
wohl gethan. 

Fox erwartete mich auf der Strasse ; sein verzerr- 
tes Gesicht, sein unheimlicher Blick zeigte, dass er sich 
in einer masslosen Aufregung befand. 

— Sie können zufrieden sein, rief er mir schon 
von weitem zu. Dieser Sieg macht Ihnen alle Ehre. 
Hoffentlich bin ich nicht der einzige, der Ihnen Ge- 
rechtigkeit widerfahren lässt. Es wird sich wohl ein 
Journal finden, das die Beredsamkeit und Gelehrsam- 
keit des Herrn Staatsanwalts rühmt. Ein Jeffries in 
Amerika ist ein Ungeheuer, das man nie gesehen hat 
und nie wieder sieht; man muss sich beeilen, es an- 
zustaunen. 

— Uebrigens, sezte er, wüthend über mein Schwei- 
gen und zähneknirschend hinzu, darf mich das nicht 



1 

wundern; es gibt nichts Gefährlicheres, als Leute, die 
von häuslichen] Kummer erfüllt sind; sie kennen keine 
Schonung. 

— Häuslicher Kummer versezte ich achselzuckend. 
Sie haben den Kopf verloren, lieber Fox; Sie wissen 
nicht mehr, mit wem Sie sprechen. 

— Wirklich? antwortete er höhnisch; ich glaubte 
mit dem glücklichen Vater der allzu liebenswürdigen 
Susanne zu sprechen. 

Die Miene dieses Menschen erschreckte mich} sein 
teuflisches Lachen Hess mich bis ins Innerste erbeben. 

— Schweigen Sie, versetzte ich, ich verbiete Ih- 
nen, einen Namen auszusprechen , der allgemeine Ach- 
tung verdient. 

— Bah! erwiderte er mit verächtlichem Lächeln, 
diese Strenge ist übel angebracht. 

— Elender Kerl! rief ich, und packte ihn am Kra- 
gen, erkläre dich deutlich, oder ich schlage dich auf 
der Stelle nieder. 

— Meine Herren! rief der Advokat, indem er sich 
loszuwinden suchte, Sie sind meine Zeugen für diese 
Gewaltthat. Herr Humbug, Sie werden mir Recht 
sprechen. 

— Ohne Zweifel, erwiderte der Richter. Verlangen 
Sie von mir für diese etwas zu lebhafte Erwiderung 
eine Genugthuung, so werde ich Ihnen einen Dollar 
zusprechen. Wenn aber der Doctor seinerseits drei oder 
vier tausend Dollars fordert, so werde ich Ihnen kei- 
nen Heller schenken. Es soll mir eine Lust sein, die 
Verläumdung zu züchtigen. 

-— Die Verläumdung! schrie Fox wuthschäumend. 
Wohin geht denn dann jeden Tag dieses prächtige 
Frauenzimmer, deren Namen man nicht nennen darf? 



Ist es meine Schuld, wenn ich jeden Morgen bei mei- 
nem Wege zu Gericht wahrnehme, wie sie geheim- 
nissvoll in ein nichts weniger als respektables Haus 
schlüpft? Wen kann wohl die ehrenwerthe Tochter 
des ehrenwerthen Staatsanwalts in der berüchtigten 
Lorbeerstrasse besuchen? Ich habe sie vor einigen 
Stunden hineingehen sehen ; ich vermuthe, dass sie noch 
dort ist; denn in der Regel dauert ihr Aufenthalt ziem- 
lich lange. Verklagen Sie mich nur wegen Verläumdung, 
Doctor, das wird ein sehr unterhaltender Skandal werden. 
Ich sank in Humbugs Arme. Meine Tochter be- 
schimpft! Meine Susanne verläumdet! Der Schlag war 
für einen Vater zu schwer. Ich sah nichts mehr, ich 
zitterte am ganzen Körper, Schmerz und Zorn drohten 
mich zu ersticken. Endlich konnte ich weinen; Thrä- 
nen der Wuth und Verzweiflung, die, ohne meinen Kum- 
mer zu lindern , mir doch die Herrschaft über mich 
selbst ein wenig wiedergaben und es mir möglich mach- 
ten, zu sprechen. 

— Die Lorbeerstrasse ist zwei Schritte von hier, 
sagte ich zu Fox; Sie werden mir dahin folgen. Hum- 
bug, Sie gehen mit mir; Herr Seth, begleiten Sie uns. 
Vor Allem aber lasst mir diesen Menschen nicht ent- 
wischen, denn jetzt muss das Recht seinen vollen Lauf 
nehmen. 

— Sei ruhig, Bruder Daniel, antwortete der Qua- 
ker, wir werden dich alle drei begleiten. Er betonte 
die Worte alle drei, betrachtete den Advokaten von Kopf 
bis zu Fuss, stülpte seine Aermel auf und fing an, 
mit einer Ochsensehne, die er in der Hand hielt, die 
Luft zu durchhauen. 

— Meine Herreu! versezte Fox mit sardonischem 
Lächeln, ich stehe zu Ihrer Verfügung. Aber ich bitte 



Sie, wohl zu beachten, dass ich ganz unnüz bin bei 
diesem Gang, den vielleicht Jemand lebhaft zu bedauern 
Ursache haben wird. Noch ist es Zeit, Sie zurückzu- 
halten ; ich bin nicht boshaft, aber ich muss Ihnen mit- 
theilen, dass ich, einmal eingetreten in jenes Haus, troz 
aller Bitten und Thränen es nur mit dem festen Ent- 
schluss verlassen werde, Alles zu erzählen, was ich 
gesehen habe. 

— Vorwärts, mein Herr, erwiderte ich, Ihr Mit- 
leid kann nichts nüzen. Auf Humbugs Arm gestüzt 
ging ich wie ein Betrunkener weiter. Ich konnte dich 
nicht schuldig glauben, Susanne; denn ich glaube an 
deine Reinheit, wie an die eines Engels; aber dennoch 
sezte mich die Zuversicht dieses Menschen in Verwir- 
rung, ich fürchtete einen unvorhergesehenen Schlag, 
eine Schlinge, irgend einen Hinterhalt. Wenn man liebt, 
hat man eben nur für sich selbst Muth. 

— Hier ist das Haus, sagte Fox, und das ist der 
Eigenthümer. 

Ich blickte auf; das Haus hatte ein übles Aussehen. 
Ein düsterer und feuchter Eingang, schwarze Mauern, 
die Scheiben zerbrochen oder mit Papierfezen verstopft, 
zerlumpte Wäsche an den Fenstern; das war schlim- 
mer, als Armuth, hier herrschte die Unordnung und 
der Schmuz des Lasters. Susanne in dieser Höhle ! es 
war unmöglich. 

Unter der Thüre stand ein halbnackter Mensch; 
die Hände in der Hosentasche rauchte er seine Pfeife 
und betrachtete die Vorübergehenden mit der ganzen 
Frechheit eines müssigen Taugenichts. Bei unserm An- 
blick zog er seinen durchlöcherten Hut ab, stürzte auf 
mich zu und ergriff meine Hände mit einer Zärtlichkeit, 



die mir Schauder erregte. Es war Paddy, halb betrun- 
ken, nach Branntwein und Tabak stinkend. 

— Ach, mein Befreier, schrie er; das ist schön, 
dass Sie einen Freund aufsuchen; treten Sie ein, meine 
Herren; wenn Sie sich nicht vor einem Glas Wein fürch- 
ten , so kommen Sie ganz recht an. 

— Paddy, fragte ich, gehört das Haus dir? 

— Nein, mein Befreier, antwortete er lachend; 
wenn dieser Palast mir gehörte, so hätte ich ihn schon 
längst vertrunken. Das Haus ist Eigenthum meiner 
Frau; es ist recht hübsch, nicht wahr? 

— Ihr vermiethet meublirte Zimmer? fragte ich, 
auf einen Anschlag deutend. - 

— Ja wohl, Herr Doctor. 

— Wer sind denn eure Miether? fragte Humbug 
in strengem Ton. Wahrscheinlich regelmässige Kunden 
von mir? 

— Herr Richter, versezte der Trunkenbold stam- 
melnd, wir sind nicht reich genug, um streng zu sein; 
man nimmt aus dem grossen Haufen auf gut Glück, 
was man findet, und greift nach der Tugend, wenn man 
eben kann. 

— Wer bewohnt denn das Zimmer im ersten Stock? 
fragte der Advokat mit pfiffiger Miene. 

— Was geht das dich an, Schwäzer? antwortete 
der Säufer. Bezahlst du vielleicht die Miethe? 

— Antworte, sprach Humbug, vergiss nicht, dass 
du vor dem Richter stehst 

— 0, ich habe gar nichts zu fürchten, versezte 
der Irländer aufgebracht. Sie begreifen, Herr Richter, 
dass in einem Zimmer, das die Woche drei Dollars 
kostet und im voraus bezahlt wird, nur anständige Leute 
wohnen. Im ersten Stock wohnt eine Dame, und, fügte 



er halblaut hinzu, eine hübsche, sanfte, höfliche, an- 
spruchslose Dame, die Perle des Hauses. 

— Wer besucht sie? fuhr Humbug fort, der mich 
erbleichen sah. 

— Entschuldigen Sie, Herr Richter, wir sind nicht 
im Verhörszimmer. Amerika ist ein freies Land; jeder 
thut, wenn er bezahlt, was er will. Wenn hier Leute 
eintreten, so betrachtet man sie nicht; und wenn man 
sie betrachtet , so sieht man sie nicht. 

— Spielen Sie nicht den Unwissenden, erwiderte 
Fox. Denken Sie daran, dass ich Manchen habe ein- 
sperren lassen, der mehr werth war als Sie. Vor einer 
Stunde habe ich in dieses Haus eine junge blonde Dame 
in schwarzem Seidenkleid mit einem Strohhut eintreten 
sehen; wohin ging sie? 

Voll Angst näherte sich Paddy mir, um meinen 
Schuz anzurufen. 

— Mein Freund, sagte ich zu ihm, thu' mir den 
Gefallen und antworte; sei überzeugt, dass wir nichts 
Schlimmes beabsichtigen; ich werde dich für deine Ge- 
fälligkeit belohnen. 

— Mein Befreier, versezte er, für Sie habe ich 
kein Geheimniss; Sie haben mir in der Noth beige- 
standen, und ich bin ein Irländer; damit ist Alles ge- 
sagt; ich würde für Sie durch's Feuer gehen. 

— Um des Himmels willen, murmelte ich, indem 
ich ihm einige Dollars gab, sprich! 

— Nun, Herr Doctor, versezte er, dieses blonde 
Fräulein kommt jeden Tag um dieselbe Stunde zu der 
jungen Dame im ersten Stock. Sie ist eben droben. 

— Ich glaube, meine fernere Gegenwart ist unnö- 
thig, sprach Fox ironisch; der Herr Staatsanwalt be- 
darf meiner Dienste nicht mehr. 



— Mein Herr, versezte ich mit einer drohenden 
Handbewegung, ich will Ihren nichtswürdigen Verdacht 
zerstören. 

Leider sprach ich nur so, um mich selbst zu täu- 
schen; ich wusste nicht mehr, was ich denken sollte, 
ich war in Verzweiflung; Humbug nahm mich bei der 
Hand und ich trat in diese Höhle ein wie ein Mensch, 
der dem Tod entgegeneilt. 

Im ersten Stock fanden wir die Thüre offen, wir 
traten in eine Art Vorzimmer oder Küche ohne Vor- 
hänge und ohne Meubles. Ich hielt an, um Athem zu 
schöpfen; ich hörte die Schläge meines Herzens. Nach- 
dem sich Seth überzeugt hatte, dass der Advocat sich 
noch in unserem Gefolge befand, schloss er geräusch- 
los die Thüre, und steckte den Schlüssel in die Tasche. 
Wir hatten von lästiger Neugier nichts zu fürchten. 

Ich war ausser Stand, zu sprechen; ich machte da- 
her meinen Begleitern ein Zeichen, stehen zu bleiben 
und schlich leise bis an den Eingang des zweiten 
Zimmers. 

Vor mir, mit dem Rücken nach mir gewandt, sass 
eine Frau in einem alten Lehnstuhl und hörte aufmerk- 
sam den frommen Versen zu, die Susanne zu ihren 
Füssen, die Bibel in der Hand, vorlas. 

— Liebe Susanne, rief die Unbekannte, nächst 
Gott bist du es, die mir das Leben rettet. Wie wohl 
thun mir deine Worte! du allein hast mich nicht ver- 
lassen. 

Weinend umarmten sich die beiden Frauen. 

Haben die Thränen eine ansteckende Wirkung? 
oder war die Erregung zu stark für mich ? ich weiss 
es nicht; aber, war es nun Jammer oder Freude, ich 
fing an zu schluchzen. 



— Mein Vater, rief Susanne, wie kommst du hieb er? 

— Liebes Kind, erwiderte ich, indem ich sie an 
mein Herz drückte und mir mit dem Taschentuch hef- 
tig die Nase rieb, um meine feuchten Augen zu ver- 
bergen, Väter sind neugierig; es gibt Tage, wo es ih- 
nen lieb ist, zu wissen, wohin ihre Kinder gehen. 

— Neugier ist ein hässlicher Fehler, entgegnete 
Susanne ; und drohte mir mit dem Finger. Ein wohl- 
gezogener Vater hätte zu seiner Tochter gesagt: Er- 
lauben Sie mir, mein Fräulein, Sie zu begleiten? Und 
dann hätte das Fräulein sich nicht bitten lassen, son- 
dern, wie ich jetzt, ihren Vater beim Arm genommen; 
sie hätte ihn zu einer armen, jungen, hilfsbedürftigen 
Frau geführt, und hätte zu ihm mit einer zierlichen 
Verbeugung gesagt: Doctor Smith, ich bitte um Ihre 
freundliche Theilnahme für meine liebe Dinah. 

— Mein Herr, sprach die Fremde, indem sie mich 
bei den Händen ergriff, segnen Sie sie, sie ist mein 
rettender Engel. 

Indem sie sprach, hatte sie sich erhoben, und ein 
Lächeln überflog ihre blassen Züge, als sie plötzlich 
einen furchtbaren Schrei ausstiess und zitternd und mit 
gesenktem Haupte auf den Lehnstuhl zurück sank. 

Vor ihr stand der Quaker mit gekreuzten Armen 
und wüthender Miene. 

— Gnade, mein Bruder, murmelte die Unglück- 
liche, habe Erbarmen mit mir. 

— Also so hältst du Wort? riefSeth; deine Mutter 
glaubt dich auf dem Weg nach Californien; sie hat dir 
bei der Abreise ihren Segen gegeben, soll sie ihn zu- 
rücknehmen? 

— Seth, versezte die junge Frau unter Thränen, 
ich reiste ab, aber der Muth verliess mich; ich kann 



8 

meine Mutter und die, welche mich lieb haben, nicht 
verlassen. 

— Sage es lieber gerade heraus, dass du ihn zu 
deinem Verderben wiedersehen wolltest. 

— Nein, nein, rief sie, ich bin ein ehrbares Mäd- 
chen, er weiss nicht, dass ich hier bin und wird es 
niemals erfahren. Ich habe Niemanden als meine liebe 
Susanne gesehen. 

— Was willst du thun? versezte der Quaker mit 
einer Härte, die mich verlezte; du weisst, dass es zu 
Hause kein Brod mehr für dich gibt. 

— Seth, erwiderte sie, zermalme mich nicht, ich 
werde euch nicht zur Last fallen. Susanne hat für mich 
eine Stelle als Lehrerin in einem kleinen Städtchen ge- 
funden, wo mich Niemand suchen wird. Ich werde von 
meiner Arbeit leben, und ich verlange nichts, als dass 
ich einmal wöchentlich meine Mutter umarmen und 
meine Heimath wiedersehen darf. 

Inmitten solcher Familienscenen ist nichts peinlicher 
als die Anwesenheit eines Dritten. Ich zog mich daher 
mit Humbug zurück, als ich im Hintergrunde des Vor- 
zimmers .in einer dunklen Ecke unseren Fox in die Be- 
trachtung eines vergilbten Kupferstichs vertieft sah. Es 
war ein Bild des Renners Monarch, des Siegers im 
Derbyrennen von 1812. Einen Bösewicht überführen 
und sich an seiner Verwirrung weiden ist ein doppeltes 
Vergnügen ; ich machte mir daher auch gar kein Ge- 
wissen daraus, den Verläumder aufzuziehen. 

— Ich hätte Ihnen keine solche Leidenschaft für 
den Turf zugetraut, sagte ich zu ihm. Es ist seltsam, 
dass die Lorbeeren des Monarch auf ein halbes Jahr- 
hundert hinaus den berühmtesten Advokaten von Mas- 



sachusetts verstummen lassen. Das gehört in die 
Zeitung. 

— Um Gottes willen, Doctor, murmelte er, lassen 
Sie mich hinaus. 

Sein Gesicht war so entstellt, seine Stimme so 
schwach, dass er mir wirklich leid that; ich hätte ihn 
solcher Gewissensbisse nicht für fähig gehalten. So 
übel, dachte ich, urtheilt man von den Leuten. Man 
bildet sich ein , dass die Advokaten nur auf fremde 
Rechnung gefühlvoll sein können. Welch' einlrrthum! 

Ich wollte eben in das Zimmer zurückkehren, um 
von Seth den Schlüssel zu verlangen, den er aufbe- 
wahrt hatte, als der Quaker rasch heraustrat-, an ihm 
hing seine Schwester, die er mit Verachtung zurück- 
stiess. Susanne vergoss heisse Thränen, Humbug ver- 
suchte einige gute Redensarten an den Mann zu bringen, 
wir Alle waren erregt; Fox allein war wieder in seine 
vorige Bewunderung für den Monarch versunken; un- 
beweglich und stumm schien er mit seinen Blicken die 
Mauer durchbohren zu wollen. 

— Noch einmal, rief der Quaker, indem er ver- 
suchte, die Hände , die sich krampfhaft an seine Klei- 
der klammerten, mit Gewalt zu entfernen, wiederhole 
ich dir die Worte deiner Mutter: „„Nur am Arm eines 
Gatten sollst du unser Haus wieder betreten" u . Da die- 
ser schöne Unbekannte dir die Ehe versprochen hat, 
so lass' ihn doch seinen Schwur halten. 

— Das gibt ja einen Process, rief ich; wohlan, 
edler Rächer der Unschuld, wohlan, Meister Fox, das 
ist der Augenblick für Sie, sich zu zeigen. 

Wenn der Blitz zu meinen Füssen eingeschlagen 
hätte, so würde er mich weniger erschreckt haben als 



10 

die Explosion, welche meinem unzeitigen Scherze folgte. 
Kaum hatte Dinah die Augen zu dem Advokaten er- 
hoben, als sie wie toll, lachend und weinend zu glei- 
cher Zeit, sich aufrichtete und schrie : 

— Gabriel, komm, mein lieber Gabriel! Hier ist 
er, mein Bruder! 

Ich konnte diesen Sturm, den ich entfesselt hatte, 
nicht begreifen ; der Scharfblick des Quakers war grösser. 
Während Dinah ihrem Gabriel um den Hals fiel, schlang 
Seth den Riemen seiner Ochsensehne zwei oder drei- 
mal um seine Faust, trat zu Fox, der sichtlich er- 
bleichte, und sagte in einem nicht sehr beruhigenden 
Tone: 

— Bruder, besinne dich und erkläre dich; ich warte. 
Zwischen den Zärtlichkeiten der Schwester und den 

Drohungen des Bruders machte der Advokat eine so 
klägliche Miene, dass ich eine wahre Freude daran 
hatte. Der natürliche Mensch ist ein schlimmes Ge- 
schöpf; das Evangelium allein ist es, das uns unsere 
Feinde lieben lässt. 

Humbug war ein besserer Christ als ich. 

— Meine Herren, sprach er mit ernster und sanf- 
ter Stimme; ich glaube, dass die Reihe an mich ge- 
kommen ist. In einer so zarten Angelegenheit gebührt 
dem Richter das letzte Wort: 

Nee Deus intersit, nisi dignus vindice nodus 
lnciderit. 

Lieber Fox, ich bin über Ihre Anschauung nicht 
im Zweifel. Wenn man Sie in einem ähnlichen Falle 
um Rath fragen würde, so würden Sie ohne Bedenken 
antworten, dass ein Prozess wegen Bruchs eines Ehe- 
versprechens für einea Advokaten die unangenehmsten. 



11 

Folgen nach sich ziehen müsste, nicht nur den Verlust 
einer beträchtlichen Geldsumme, sondern den Ruin sei- 
ner Praxis, vielleicht sogar die Notwendigkeit, aus- 
zuwandern. Ist das nicht Ihre Ansicht? 

— Ja, murmelte Fox seufzend. 

— Brauche ich noch zu erwähnen, fuhr der treff- 
liche Humbug fort, der dem Ertrinkenden nunmehr die 
rettende Hand reichen wollte, brauche ich noch zu er- 
wähnen, dass für einen Mann wie Sie diese Erwäg- 
ungen, so ernst sie auch sein mögen, keinen Gegen- 
stand der Beunruhigung bilden können? Ein Mann wie 
Sie hält sein Wort, wenn er es einmal gegeben hat; 
nicht wahr? 

— Ja wohl, stöhnte der Advokat von neuem, ich 
habe Dinah immer geliebt; was mich abhielt, waren 
Schwierigkeiten . , . 

— Welche nicht mehr bestehen, unterbrach ihn 
Humbug; dann sind wir ja Alle einig. Dann ist der 
Ausgang derselbe, wie in einem guten Lustspiel; in 
den ersten Akten Liebe, Thränen und Widerwärtigkei- 
ten und zum Schluss die Heirath. 

Fox umarmte Dinah mit saurer Miene und reichte 
dem Quaker die Hand; Dinah, roth vor Freude, lief 
auf Susanne zu. 

— Theure Freundin , sagte sie, dir allein verdanke 
ich mein Glück. 

— Das ist Alles ganz schön, sprach Seth, den sein 
praktischer Verstand niemals verliess. Aber weil wir 
da Alle so hübsch beisammen sind und den Herrn Frie- 
densrichter bei uns haben, so steht gar nichts im Wege, 
den Ehevertrag auf der Stelle aufzunehmen. 



12 

— Recht gern, versetzte Humbug ; Fräulein Su- 
sanne, Sie werden meinen Actuar machen. Gesagt, ge- 
than; ich glaubte, dass solche Eheschliessungen nur 
auf dem Theater ausführbar wären, wo sie sich hinter 
der Coulisse gleich wieder auflösen; aber in Amerika 
hat man immer so grosse Eile, dass man sich diese 
Sitte angeeignet hat. Sind einmal die Liebenden einig, 
so braucht man weder Verwandte- noch einen Notar. 
Zwei „Ja a vor einem Friedensrichter und du bist auf 
ewig verheirathet. Der Wille bedeutet Alles, die Form 
nichts. Diese Leute haben keinen Geschmack an Ce- 
remonieen. 

Mit Freuden verliess ich das Haus, das ich mit sol- 
chem Kummer im Herzen betreten hatte! Paddy machte 
eine Ernte an Dollars, dass er gewiss auf eine ganze 
Woche nicht mehr nüchtern wurde. Niemals hatte die 
Lorbeerstrasse eine so anständige und fröhliche Gesell- 
schaft gesehen. Ich eröffnete den Zug mit meiner Su- 
sanne, Humbug und Seth bildeten den Schluss; zwi- 
schen uns ging das neue Paar, Dinah lächelnd wie die 
Morgenröthe, Fox mit gesenktem Haupte, verlegen wie 
ein Fuchs, den eine Henne überlistet hat. Aber wenn 
man glücklich ist, so schadet ein bischen Verlegenheit 
nichts. Hatte der Unkluge zu leichtfertig mit der Liebe 
gespielt, wie wurde er für seinen Fehler gestraft? Durch 
den Besiz einer reizenden Frau. Ich weiss brave Leute, 
die um diesen Preis gern Bösewichter würden. 

Man musste Dinah's Mutter auf die Rückkehr ihrer 
Tochter vorbereiten, auch Fox musste seine Heirath 
seinen Freunden anzeigen und sein Haus bestellen. In- 
zwischen, bis zum Freudentage, behielt Susanne ihre 
Freundin bei sich; mir war die Rolle des Brautvaters 



13 

zugedacht; durch die glückliche Thorheil;, die ich be- 
gangen hatte, besass ich darauf einiges Recht. 

Man bewilligte Fox noch eine kurze Freiheit, die 
er nicht mehr missbrauchen konnte, und der ganze Zug 
begab sich zu mir. Im Hause war grosse Freude; nie- 
mals war unser Mittagsmahl heiterer. Martha riss ih- 
ren Mund auf, wie einen Kamin und ächzte wie ein 
Vulkan, während sie ihre Schwägerin bewunderte und 
bediente. Susanne und Alfred hatten sich jeden Augen- 
blick etwas ins Ohr zu flüstern und Dinah allein durfte 
an dieser geheimnissvollen Unterhaltung, wobei fort- 
während gelacht wurde, Antheil nehmen. Seth ver- 
schlang Alles, was auf dem Tisch stand, mit der Be- 
friedigung eines Mannes, der ein grosses Geschäft be- 
endigt hat und bei fremden Leuten speist. Humbug, 
der ungeachtet seiner enormen Statur nur wenig ass 
und nur Wasser trank, entschädigte sich für seine 
Massigkeit durch die heitersten Citate aus Horaz, je- 
nem Zecher, der gleichfalls nüchtern die Freuden der 
Trunkenheit zu besingen wusste: 

Nunc est bibendum , nunc pede libero 
Puls an da tellus. 

Ich freute mich in stiller Sammlung über die Fröh- 
lichkeit und das Glück der jungen Leute. Nichts aber 
vermag die Freude und Lebendigkeit meiner Jenny zu 
schildern. Sie konnte nicht mehr an einem Platz stehen 
bleiben , sie lief hin und her und belud alle Teller mit 
Roastbeef, Kartoffeln, Schinken, Pastete, Käse, Obst, 
Kuchen; sie liess das Scotch-ale, den Madeira, den 
Rheinwein in Strömen fliessen ; sie hatte ein liebenswür- 
diges Wort für alle Männer, eine Liebkosung für alle 
Frauen. EineHeirath! das war für sie das grosse Loos 
in der Lotterie des Lebens. Wenn es in der Bibel einen 



290 

Vers gab , den Jenny als einen vorzugsweise auf gött- 
licher Inspiration beruhenden ansah , so war es das 
grosse Wort, das der Herr in der Genesis an das erste 
Menschenpaar richtet: Seid fruchtbar und mehret euch 
und füllet die Erde und machet sie euch unterthan. Die 
treffliche Frau war mit Leib und Seele Amerikanerin 
und Protestantin. Der Cölibat war in ihren Augen ein 
Verbrechen oder wenigstens eine Krankheit, die man 
nicht rasch genug heilen konnte. Wäre es nach ihrem 
Willen gegangen, so hätte es auf der ganzen Welt bald 
keinen Junggesellen mehr gegeben; ich glaube, sie 
hätte schliesslich den Papst mit Italien vermählt. 

Am folgenden Morgen dachte ich endlich an die 
Erfüllung meiner ärztlichen Pflichten im Kinderspital. 
Am Krankenhaus angelangt, fragte ich nach dem Direk- 
tor; dieser Direktor war eine Frau, die Lehrerin Su- 
sannens, die berühmte Madame Hope, Doctorin der 
Medizin und Professorin der Gesundheitslehre; auch ein 
Unsinn, wie man ihn nur in den vereinigten Staaten 
findet! Uebrigens war sie eine achtbare Matrone, die 
mich als Collegen begrüsste und sofort die Kranken- 
besuche mit mir begann. 

Das Spital war eine musterhafte Anstalt; ich habe 
nirgends eine so vollendete Einrichtung gesehen. Ge- 
räumige Säle mit einer kleinen Anzahl Betten in wei- 
ten Zwischenräumen, keine Bettvorhänge, viel Luft, ein 
mildes Licht, Ruhe, ausgesuchte Reinlichkeit, keine Spur 
jenes faden und ekelhaften Geruchs, der bei uns das 
Krankenhaus zu einem Gegenstand des Widerwillens 
und häufig selbst zu einem vergifteten Aufenthalt macht. 
Zum ersten Male fand ich hier alle Bedingungen ver- 
einigt, welche die Hygieine und die Humanität auf- 
stellen. 



291 



Auf den Ruf von Madame Hope flog ein ganzer 
Trupp junger Frauen herbei. Ein schwarzes Kleid, eine 
hohe Schürze, eine kleine weisse Mütze gaben ihnen 
fast das Aussehen von barmherzigen Schwestern. Es 
waren die Assistenten des Spitals, lauter künftige Doc- 
toren in Unterröcken für das freie Amerika. Sie folg- 
ten meiner klinischen Wanderung mit der grössten Auf- 
merksamkeit; ich war erstaunt über die Klarheit ihrer 
Angaben, wenn sie mir eine Krankengeschichte vor- 
trugen, und über die Sorgfalt, mit welcher sie alle 
meine Worte und Vorschriften notirten; aber ich hatte 
zu viel gesunden Verstand , um diesem chimärischen 
Versuche eine ernsthafte Bedeutung beizumessen; ich 
fragte daher auch Madame Hope, welche Erwartungen 
sie sich denn von dieser sonderbaren Ausbildung mache. 

— Ich glaube allerdings, erwiderte sie, dass wir 
einer grossen Reform entgegen gehen. Diese jungen 
Schülerinnen haben nun schon zwei Jahre das Entbin- 
dungshaus besucht; im nächsten Jahre werden wir sie 
in die Klinik für Frauenkrankheiten schicken und sie 
so zu wirklichen Aerzten ausbilden. 

— Bravo! rief ich, das wird reizend für uns Grau- 
bärte sein, wenn uns ein achtzehnjähriger Hippokrates 
in Crinoline und Spitzen behandelt. 

— Nein, nein, erwiderte sie, mit euch Herren wol- 
len wir nichts zu schaffen haben. Aber die Geburts- 
hilfe, die Pflege kleiner Kinder, die Frauenkrankheiten 
und der weibliche Irrsinn gehören uns; darauf verste- 
hen wir uns besser als Sie. Man wird Ihnen die Chi- 
rurgie und einzelne Ausnahmsfälle überlassen; aber 
Alles , was eine Mutter oder eine Frau Ihnen jetzt nur 
mit Widerstreben anvertraut, werden wir für uns neh- 
men; man wird Sie aus einer Domäne vertreiben, in 

19* 



292 



der Sie sich nur mit Unrecht festgesetzt haben. Wir 
wollen die Schamhaftigkeit wieder in die Medizin ein- 
führen. Wie gewöhnlich wird das Vorurtheil gegen uns 
schreien* aber wir haben Frauen, Väter und Gatten 
für uns, wir werden den Sieg behalten; ist das nicht 
Ihre Meinung? 

Was soll man einem Fanatiker antworten, nament- 
lich wenn dieser Fanatiker eine Frau, das heisst ein 
von Natur schwaches und mit einem organischen Ei- 
gensinn behaftetes Wesen ist? Ich brach die Unter- 
haltung ab und setzte meine Besuche fort. Die Krank- 
heiten waren nicht schwer, und die Pflege der kleinen 
Kranken war eine so zarte und zweckmässige, dass 
ich nur wenig mehr anzuordnen fand. Ich hatte nur 
eine einzige Operation von geringer Wichtigkeit zu ma- 
chen. Ich öffnete am Hals eines Kindes einen übel 
aussehenden und unbequem liegenden Abscess. Die 
Leichtigkeit der Hand , die Schönheit und Eleganz des 
Verbandes haben immer den Ruhm unserer Pariser 
Schule ausgemacht; ich hatte daher auch bei meinen 
jungen Schülerinnen einen grossen Erfolg. Mein gan- 
zer Verband mit seinen sinnreichen Windungen wurde 
sofort abgezeichnet und die Zeichnung als Muster im 
Operationssaal aufgehängt. Wahrhaftig, wenn ich so 
viel Verstand, guten Willen, Aufmerksamkeit sah, 
konnte ich wohl auf Augenblicke zugeben, dass die 
Frauen zu etwas anderem gut sind, als den Kindern 
Brei zu geben. Das ist alles ganz gut, hätte Montaigne 
gesagt, aber sie tragen ja keine Hosen! 

Zur rechten Zeit fiel mir diese verständige Erwä- 
gung ein, und, ich muss es zu meiner Ehre sagen, ich 
blieb der alten Lehre meiner Fakultät treu. In der 
Politik mögen die Neuerungen hingehen; da sind sie 



293 



unschädlich; aber in anderen Dingen lebe das Vorur- 
theil! Der Beweis seiner Heilsamkeit liegt darin, dass 
es die Mehrheit für sich hat und dass man die Neuerer 
steinigt. Ich fand diese jungen Ketzerinnen reizend, 
aber die Ketzerei selbst war abscheulich-, ich konnte 
sie unmöglich anerkennen. 

Nach Beendigung der Krankenbesuche begab ich 
mich zur Sitzung des Verwaltungsrathes; Madame Hope 
begleitete mich und nahm unter uns Platz, ohne dass 
ihre Gegenwart bei irgend Jemanden Befremden er- 
regt hätte. Unter den ■ irustees oder Verwaltern fand 
ich bekannte Gestalten, den Apotheker Rose, den 
wackern Oberst Saint-John, den liebenswürdigen Hum- 
bug und den unerträglichen Puritaner Noe Brown. Die 
Vorsteherin ergriff zuerst das Wort; sie setzte mit den 
Nachweisungen in der Hand und in guten Ausdrücken 
die Unzulänglichkeit des Gebäudes und die Notwen- 
digkeit auseinander, einen benachbarten Garten zur 
Anlage eines Spielplatzes für die Reconvalescenten zu 
kaufen. Als sie geendigt hatte, verlangte man mein 
Gutachten zu hören. 

— Diese vortreffliche Idee, sagte ich, findet meine 
vollste Zustimmung und ich bin überzeugt, wenn man 
der Verwaltungsbehörde eine eben so klare und gut 
ausgearbeitete schriftliche Darstellung vorlegt und ihr 
dieses Projekt empfiehlt, so wird man in acht bis zehn 
Jahren die Genehmigung zu dieser dringenden Verbes- 
serung erlangen. 

— Von welcher Verwaltungsbehörde sprechen Sie? 
fragte der Oberst, der als Alterspräsident den Vorsitz 
führte. 

— Ich spreche von der Centralverwaltung der Kran- 
kenhäuser. 



294 



— Was ist denn das für ein Ungeheuer? rief Hum- 
bug lachend. Brown, ist das vielleicht ein neuer Name 
für den Leviathan? 

— Nur keine Scherze, sagte ich zu Humbug; ich 
nehme an, dass dieses Krankenhaus wie alle anderen 
unter dem Schutze und der Aufsicht einer grossen Cen- 
tralverwaltung steht. Gleichviel, ob der Staat oder die 
Stadt oder eine Specialcommission die Verhältnisse un- 
seres Krankenhauses ordnet, überwacht und organisirt, 
so viel ist klar, dass es immer von irgend Jemanden 
abhängen muss. 

— Diese Klarheit, versetzte der grobe Brown, ist 
gerade das Gegentheil von der Wahrheit. Gott sei 
Dank! Wir hängen von Niemanden ab. Wir haben 
uns hier vereinigt, um das Elend zu erleichtern, wir 
wenden gemeinsam unseren guten Willen, unsere Zeit 
und unser Geld an, wir legen unsere Satzungen dem 
Staat vor, der uns Corporationsrechte ertheilt; wer 
sollte da noch das Recht haben, sich in unsere Ange- 
legenheiten zu mischen? Ist die Krankenpflege ein 
Verbrechen? Ist sie eine ausschliessliche Aufgabe des 
Staates oder der Gemeinde? Ich bin ein Christ, ich unter- 
stütze die Armen nach meiner Manier; wer kann mich 
in der Ausführung dieser ersten Pflicht hindern? Oder 
kann man etwa die Seligkeit durch Stellvertretung er- 
werben? 

— Erlauben Sie mir, erwiderte, ich ihm, Niemand 
verbietet Ihnen, Ihr Geld herzugeben; keine Tyran- 
nei hat jemals die Grausamkeit so weit getrieben. 
Aber das Recht der Gründung eines Krankenhauses ist 
etwas anderes; wenn man den ersten besten ein sol- 
ches Asyl eröffnen lässt, zu welcher Unordnung muss 



295 



man kommen? Sie werden dann bald homöopathische 
Krankenhäuser haben, und wer weiss, was sonst noch? 

— Homöopathische Krankenhäuser? sagte Rose; 
wir haben schon drei in der Stadt, und ein viertes soll 
errichtet werden; was ist daran schlimmes? 

— Rose, lieber Freund, rief ich; Sie, ein recht- 
gläubiger Apotheker, behaupten solche Ungeheuerlich- 
keiten? 

— Lieber Doctor, antwortete Rose, wir kennen 
eine 'offizielle Rechtgläubigkeit nicht einmal in der Re- 
ligion. Wir lassen Jedem das Recht, Gott nach dem 
Bedürfnisse seines Gewissens zu suchen. Wir dürfen 
hinsichtlich der Sorge für den Leib mit Fug und Recht 
nicht strenger sein, als hinsichtlich der Pflege der Seele. 
Uebrigens, lieber Freund, sind wir beide Auguren; wir 
wissen beide was wir von der offiziellen Medizin und 
von den rechtgläubigen Pillen zu halten haben. 

— Meinethalben! versetzte ich; proklamirt nur die 
Freiheit des Charlatanismus und der Vergiftung; nichts 
setzt mich mehr in Erstaunen in dieser Republik, die 
auf ihre Bundesfahne den Wahlspruch der Abtei The- 
leme setzen sollte: Fais ce que tu voudras. Aber ich will 
im Namen der Zweckmässigkeit und des gesunden Ver- 
standes mit Ihnen sprechen; wie viel haben Sie denn 
bei diesem System des laissez faire Krankenhäuser in 
der Stadt? 

— Höchstens ein Hundert, sagte Madame Hope. 
Diese Ziffer setzte mich in Erstaunen; ich hatte 

nicht an diese Fruchtbarkeit der anarchischen Kranken- 
pflege geglaubt; aber gleichwohl war ich mit meinen 
Gründen noch nicht in Verlegenheit. 

— Hundert Krankenhäuser! rief ich; meine Herren, 



296 



beachten Sie diese furchtbare Zahl; wenn sie auch den 
Christen von Paris in Massachusetts Ehre macht, so 
müssen Sie sich doch als praktische Leute über den 
notwendigen schlimmen Erfolg dieser Vervielfachung 
und dieser Concurrenz klar sein. Doppelter Verlust an 
Mühe und Geld, hier Ueberfluss, dort vollständiger Man- 
gel an Hilfe , Verschleuderung und Armuth. Nehmen 
Sie dagegen an, dass eine weit verzweigte Verwaltung 
alle diese zerstreuten Fäden vereinigt und diesen wir- 
ren Kräften eine Richtung gibt, stellen Sie auf die 
Spitze der Pyramide einen wachsamen, thätigen, spar- 
samen Mann-, sofort wird Ordnung herrschen, und mit 
der Ordnung alle Wohlthaten der Einheit! Aerztliche 
Hierarchie, regelmässige Klinik, geordneter Unterricht, 
Centralkasse, Centralapotheke, Centralbäckerei, Central- 
metzgerei, einheitliche Verwaltung der Betten und der 
Wäsche, Sie haben mit einem Worte ein wahres Reich, 
das Reich der Krankenpflege, mit seinem Haupte, sei- 
nen Ministern und seinen Unterthanen. Das ist kein 
Traum; dieses Ideal ist in den Ländern, die an der 
Spitze der Civilisation stehen, eine Wahrheit. Ich be- 
haupte, dass es mir, Dank der wunderbaren Macht der 
Centralisation, leicht sein würde, mit einer kleinen An- 
zahl grosser Spitäler und einer kräftigen Organisation 
die Zahl eurer Krankenbetten zu verdoppeln, ohne ei- 
nen Dollar mehr auszugeben. 

— Ich bin davon überzeugt , sagte Humbug. Mit 
seinem Talisman ist der Doctor im Stande, die Welt 
umzuschaffen und alle ungeordnete Freiheit daraus zu 
vertreiben. Ich verlange, dass man ihm auf demsel- 
ben Wege die Leitung der Spinnereien, Giessereien, 
Bauwerkstätten , Fabriken und alles andere übergibt. 
Ich zweifle nicht, dass er mit Central Werkstätten und 



297 



einer Hierarchie von Ingenieuren die Produktion ver- 
doppelt und die Kosten vermindert. 

— Sie sind unerträglich, erwiderte ich ihm; halten 
Sie mich für einen Communisten? Weiss ich vielleicht 
nicht, dass diese Einheit in der Industrie ein Hirnge- 
spinnst ist? 

— Warum denn? versetzte der ewige Spötter. 
Führt die Centralisation nicht auch iu der Industrie 
notwendiger Weise Ersparniss an Kraft, Regelmässig- 
keit in der Produktion, eine Hierarchie unter den Ar- 
beitern und Disciplin in der Arbeit herbei? 

— Ohne Zweifel, antwortete ich; aber das ist nur 
die nebensächliche Seite der Frage. Diese mechanische 
Einförmigkeit würde das sittliche Gesetz der Produk- 
tion zerstören. Was bedeutet diese gekünstelte Regel- 
mässigkeit, wenn sie das Auge des Herrn schwächt, 
wenn sie die individuelle Anstrengung, das Privatinter- 
esse, die freie Concurrenz vernichtet? Das ist ein Was- 
sertropfen in den Ozean. Was ich Ihnen vorschlage, 
ist im Gegentheil .... 

— Ist genau das Nämliche, unterbrach mich Hum- 
bug mit Lebhaftigkeit. Privatinteresse, individuelle An- 
strengung, freie Concurrenz, alle diese Triebfedern, die 
Sie so wohl zu würdigen wissen, sind zugleich auch 
die bewegende Kraft für die Krankenpflege; und dazu 
kommt hier noch die Opferwilligkeit, die nur in der 
Freiheit gedeiht. Wenn der Staat oder die Gemeinde 
die Aufgabe übernimmt, an meiner Stelle und für mich 
die Armen zu unterstützen, wenn dieser grosse Mecha- 
nismus mir die Uebung meiner vornehmsten Christen- 
pflicht abnimmt, so zahle ich mit saurer Miene eine 
dürftige Abgabe, und dabei bleibt es. Aber wenn Sie 
die Sorge für das Elend und die Freuden der Armen- 



298 



pflege mir überlassen, so opfere ich Ihnen meinen letz- 
ten Heller. Ich kümmere mich wenig um die anderen 
Krankenhäuser in der Stadt, ich kenne sie nicht; aber 
dieses gehört mir, diese Kinder sind die meinigen und 
ich liebe sie, wie wenn Gott sie mir selbst bescheert 
hätte. Wenn mein Tageslauf zu Ende ist, wenn ich 
traurig und müde bin, komme ich hieher; unter meinen 
kleinen Schützlingen vergesse ich meine Sorgen. Fra- 
gen Sie diese Herren, was sie die freiwillige Kranken- 
pflege kostet. Ich schätze niedrig, wenn ich sage, dass 
sie ihnen den zehnten Theil ihres Einkommens weg- 
nimmt; ich traue dem Staat nicht zu, dass er uns für 
seine offiziellen Krankenhäuser ein Zwanzigstel nehmen 
würde. Alles würde über Tyrannei schreien. Mag Geld 
verschleudert und Kraft vergeudet werden, ich gebe es 
zu; aber man muss das Resultat betrachten, und ich 
behaupte mit den Nachweisen vor meinen Augen, dass 
die individuelle Armenpflege die dreifache und vierfache 
Fruchtbarkeit der organisirten Armenpflege besitzt. Ihr 
System, lieber Doctor, wirft ohne Unterlass zwischen 
den Willen und die That ein Hinderniss, vor dem Al- 
les zu Eis wird. Wir sind keine Blödsinnigen, also 
lassen Sie uns handeln und sehen Sie, was ein Volk 
mit der Freiheit erreichen kann. Vom politischen Stand- 
punkt hat der Staat alles Interesse, uns die Ausübung 
einer so liebreichen und rein menschlichen Tugend zu 
überlassen; vom ökonomischen Gesichtspunkte macht 
er ein ausgezeichnetes Geschäft; er vervielfältigt die 
Hilfeleistung und die Unterrichtsgelegenheit, er dient 
zu gleicher Zeit der Wissenschaft und der Humanität. 

— Meine Herren, sagte der Oberst, es scheint mir, 
dass wir uns von unserer Frage zu weit entfernen. 
Man verlangt von uns zwanzigtausend Dollars für die 



299 



Vergrösserung und Verbesserung unseres Krankenhau- 
ses; wir können nur eins thun; wir wollen Beiträge 
zeichnen und an unsere übrigen Mitglieder eine Auffor- 
derung zur Betheiligung richten. Ich habe keine Kin- 
der und habe diese Kleinen an Kindesstatt angenom- 
men; ich will vorangehen, ich zeichne tausend Dollars. 
Die Liste ging von Hand zu Hand ; als sie an mich 
kam , that ich wie Rose und unterzeichnete fünfzig 
Dollars. 

— Gestatten Sie mir ein letztes Bedenken, sagte 
ich zu dem Ausschuss. Ich sehe, dass wir um zehn- 
tausend Dollars einen Garten von geringer Ausdehnung 
kaufen; ist das nicht zu theuer? 

— Es ist das Doppelte des wirklichen Werthes, 
antwortete Madame Hope, aber der Eigenthümer will 
ihn nicht billiger weggeben. 

— Das ist spasshaft! rief ich. Ein Privatmann will 
sein Belieben und seinen Eigennutz höher stellen, als 
das Interesse der Armen! Man muss ihn expropriiren, 
wenn er nicht anders will; ermuthigen Sie nicht durch 
Ihre Schwäche solche gehässige Speculationen. 

— Doctor Smith, sagte Brown mit zusammengezo- 
genen Augenbrauen , das ist wieder Communismus im 
höchsten Grade. 

— Nun, nun, versetzte ich achselzuckend, soll 
denn das Sonderinteresse dem allgemeinen Interesse 
nicht weichen? 

— Ohne Zweifel, antwortete der Puritaner; aber 
nichts ist so gefährlich wie banale Sätze. Die Freiheit 
wird immer mit grossen Worten todtgeschlagen. Das 
Eigenthum, mein Herr, ist kein Interesse, es ist ein 
Recht. Das allgemeine Interesse ist ein elastischer und 
vager Begriff, der dem ungerechtesten wie dem wohl- 



300 



begründetsten Anspruch zur Deckung dienen kann. 
Bevor wir diesen Begriff anwenden, definiren Sie mir 
ihn erst. 

— Unsere Gesetze haben die Frage schon entschie- 
den, sagte Humbug. Es gibt bei uns nur vier Fälle 
der Zwangsenteignung: ein Weg, eine Strasse, eine Ei- 
senbahn, ein Canal. Aber obgleich bei uns das Ge 
meindewesen eine eminente Entwickelung erlangt hat 
und die Stadt in Allem, was sie angeht, vollkommen 
souverän ist, so gilt nichts desto weniger das Eigen- 
thum als etwas so heiliges , dass die Gesetzgebungsge- 
walt des Staates interveniren muss, ehe man daran 
rütteln darf. Ein Gesetz bestimmt die Richtung und 
ermächtigt zum Grunderwerb nach vorgängiger Ent- 
schädigung. Für alles Andere, für Schule, Kranken- 
haus, Gemeindehaus,, Kirche stellt das Gesetz das Pri- 
vatrecht höher als ein Interesse, das schliesslich doch 
nur das einer Corporation oder eines Stadtviertels ist. 
Doctor, wohin käme man mit Ihrem System? Man 
würde mich der Erbschaft meines Vaters berauben, 
mir meine Erinnerungen entreissen, mein Theuerstes 
verspotten und mein heiligstes Eigenthum zerstören, 
und warum? — um ein Theater oder eine Schenke zu 
bauen. Das darf nicht sein. 

— Was? rief ich; in einer Republik, wo das Volk 
herrscht, wagt man diese veralteten feudalen Grundsätze 
zu vertheidigen? 

— Sie verstehen nichts von der Freiheit, sagte 
Brown. Je demokratischer ein Land ist, um so stär- 
ker muss das Individuum, um so heiliger muss das 
Eigenthum sein. Wir sind ein Volk von Königen; Al- 
les, was das Individuum schwächt, führt uns zur De- 
magogie, das heisst zur Unordnung und zum Umsturz ; 



301 



Alles, was das Individuum stärkt, führt uns zur Demo- 
kratie, dem Reiche der Vernunft und des Evangeliums. 
In einer freien Nation muss jeder Bürger unumschränk- 
ter Herr seines Gewissens , seiner Person und seines 
Vermögens sein; sobald man bei uns, anstatt von indi- 
viduellen Rechten zu sprechen, vom allgemeinen Inter- 
esse zu sprechen beginnt , wird es um das Werk Wa- 
shingtons geschehen sein; wir werden zu einer gewöhn- 
lichen Pöbelmasse und werden einen Gebieter erhalten. 

— Meine Herren, sagte der Oberst, der sich nur 
schwach für unsern Streit interessirte , es steht nichts 
mehr auf der Tagesordnung, die Sitzung ist geschlossen. 
Entschuldigen Sie mich, wenn ich Sie verlasse. Es 
sollen schlechte Nachrichten vom Kriegsschauplatz ein- 
gelaufen sein und ieh wünsche, bald die Wahrheit zu 
erfahren. 

Es war mir lieb, den Puritaner und seine rauhe 
Sprache los zu werden ; aber unglücklicher Weise hatte 
ich ihm gefallen oder vielmehr er hatte, wie ich ver- 
muthe, die rühmliche Absicht gefasst, mich zu seinem 
Fanatismus zu bekehren. 

— Doctor, sagte er zu mir, ich muss Sie um eine 
Gefälligkeit ersuchen. Wir haben vor kurzem in unse- 
rem District einen Arbeiterverein gegründet. Wir 
richten eine Bibliothek, eine Modellsammlung, zwei 
Zeichnensäle, öffentliche Vorträge und ein Lesezimmer, 
mit einem Worte Alles ein, was für einen Verein dieser 
Art zweckmässig ist Die Kosten des Unterhalts werden 
die Arbeiter selbst tragen ; uns liegt der Gedanke fern, 
uns ihnen als Wohlthäter aufzudrängen und ihr unab- 
hängiges Wirken irgendwie zu stören. Es muss der 
erste Grundsatz der Mildthätigkeit sein, niemals die 
Würde oder die Verantwortlichkeit der Unterstützten 



302 



zu schwächen. Allein für die sehr beträchtlichen Kosten 
der ersten Einrichtung würde die Börse unserer Arbei- 
ter nicht hinreichen; wir brauchen mindestens zehntau- 
send Dollars. Um diese Summe zu erhalten, veran- 
stalten wir öffentliche Vorlesungen gegen Eintrittsgeld. 
Der berühmte Everett hat uns seine Mitwirkung ver- 
sprochen, ebenso der beredte Sumner. Wir werden 
hoffentlich auch den Philosophen Emerson und den 
Dichter Longfellow dafür gewinnen. Ich meinerseits 
werde eine Vorlesung halten, worin ich zeigen will, 
dass das Evangelium durch die Begründung der freien 
Arbeit und durch die Hebung der Arbeiter zu gleicher 
Zeit den Reichthum und die Freiheit der modernen 
Völker geschaffen hat. Sie werden mir Ihre Theilnahme 
nicht abschlagen. Zwei Vorträge des gelehrten Arztes 
unseres Krankenhauses über die Gesundheitspflege bei 
Neugeborenen sichern uns die Theilnahme aller Mütter 
und tragen uns wenigstens vierhundert Dollars ein. 

— Haben Sie die Erlaubniss der Regierung? fragte 
ich ihn. 

— Wahrlich Doctor, ich sage Ihnen, Sie werden 
geraden Weges ins Paradies eingehen, antwortete der 
Querkopf. Durch die Behandlung kleiner Kinder sind 
Sie selbst wie ein Kind geworden; Sie können nicht 
mehr ohne Gängelband gehen. WelcheErlaubniss brauche 
ich, um die Leute aufzuklären und ihnen Gutes zu er- 
weisen? 

— Wie ! rief ich ; Sie dürfen öffentliche Vorlesun- 
gen halten und zu den Arbeitern von Politik sprechen, 
ohne dass sich die Regierung darein mengt? 

— Gewiss , ver^ezte er ; wenn wir unsere Pflicht 
vergessen , ist ja das Gesetz und die Rechtspflege da ; 
das genügt. 



303 



— Nein , das genügt nicht ; der Staat kann nicht 
dem ersten besten das Recht überlassen, öffentlich zu 
sprechen. Die oberflächliche Belehrung, das Halbwissen 
flösst dem Volk einen unheilvollen Ehrgeiz ein; Sie 
setzen das Land und selbst die Religion in Gefahr. 

— Das Zwielicht ist besser als die Nacht, es kann 
Neigungen und Leidenschaften regieren, versetzte 
Brown ; und wie kann man das Licht überhaupt finden, 
wenn man es nicht sucht? Wir müssen also zum Volke 
reden und uns ohne Unterlass in Verbindung mit ihm 
erhalten. Das ist für uns als Demokraten und Christen 
eine Lebensfrage. Die Republiken gehen durch Un- 
wissenheit zu Grunde und wenn Sie Unglauben fürch- 
ten, müssen Sie das Volk aufklären. In jedem Augen- 
blick und überall brauchen wir Licht. Wenn das 
Christenthum eine Fabel ist, mag es fallen, ist es 
Wahrheit, so soll es herrschen. Oder glauben Sie viel- 
leicht, dass wir Geistliche blosse^Marktschreier sind, 
die vom Irrthum und der Leichtgläubigkeit leben ? 

— Beruhigen Sie sich, antwortete ich, wir wollen 
die Frage nicht so hoch anpacken. Sie werden mir 
zugeben, dass Sie, wenn Sie den Arbeitern einen Ver- 
sammlungsort geben , einen Klub stiften , in dem die 
Arbeiter unbeschränkte Herren sind? 

— Ohne Zweifel, weil er ihnen gehört. 

— Sehen Sie denn nicht ein, dass dieser Klub bei 
dem ersten Streit mit den Arbeitgebern der Heerd 
einer Arbeitercoalition werden wird? 

Wer kann die Arbeiter daran verhindern, erwiderte 
der Fanatiker kaltblütig, wenn sie eine Coalition bilden 
wollen? Wer seine Arbeit verkauft, hat eben so viel 
Recht, wie derjenige, welcher sie kauft. Das ist ein 
vollkommen freier Handel. 



304 



— Aber Sie predigen ja die Anarchie, rief ich, 
entrüstet über solche Verblendung. > 

— Mein Herr, entgegnete er mit seiner gewöhnli- 
chen Grobheit , Ihre Sprache ist nicht die Amerikas. 
Unter Anarchie versteht man bei uns einen Angriff auf 
die Freiheit Anderer, nicht die Vertheidigung der eige- 
nen Freiheit. — Glauben Sie mir , fuhr er fort und 
blickte begeistert zum Himmel auf, in der Pflege des 
Geistes ruht das Heil der christlichen Demokratie; sie 
erhält sich nur durch Bildung. Lassen Sie die Arbeiter 
lesen, sich belehren , alle möglichen Fragen erörtern ; 
heben Sie sie, im schönsten Sinne des Worts, heben 
Sie sie bis zu Ihrem Standpunkt und heben Sie sich 
mit ihnen, dann werden Sie weder Coalitionen, noch 
Communismus, noch alle die Thorheiten fürchten, die 
den alten Continent in Schrecken setzen. Das sind 
Krankheiten, welche die Unwissenheit erzeugt; wir, 
Doctor, haben den Beruf, sie zu heilen. Sursum corda, 
das ist mein Wahlspruch! 

— Den ich mit ganzem Herzen annehme, zählen 
Sie auf mich, antwortete ich, wider meinen Willen 
durch das Feuer seiner Begeisterung hingerissen. Mit 
Humbug allein fragte ich diesen, ob er mich nicht noch 
begleiten wolle. 

— Sehr gern, Doctor Paradoxus, erwiderte er mit 
boshaftem Lächeln : Sie unterhalten mich zu vortrefflich 
mit Ihren prächtigen Theorieen. Je länger ich Sie höre, 
um so mehr weiss ich die Grösse unserer Institutionen 
zu schätzen. 

— Ich danke für Ihr Compliment, antwortete ich 
ihm; es scheint, mein Lob der Centralisation macht auf 
Sie den Eindruck eines Nachweises der Freiheit per 
absurdum ; Sie sollten milder sein, lieber Freund, und 



305 



daran denken, dass es auf Erden noch andere Länder 
gibt als Amerika. 

— Ich weiss , wo Sie hinauswollen , erwiderte er, 
Sie Fanatiker für die romanische Einheit, Sie frommer 
Anbeter Frankreichs. Auch ich liebe die Franzosen, 
Lafayette's Enkel sind für mich Brüder; aber dieses 
geistreiche Volk mag entschuldigen, wenn ich behaupte, 
dass es seit siebenzig Jahren eine völlig unlösbare 
Aufgabe verfolgt. In der Verfassung die Freiheit, in 
der Verwaltung den Despotismus aufpflanzen, heisst mit 
gebundenen Armen und Beinen gehen wollen; alle 
Geschicklichkeit der Welt würde das nicht zu Stande 
bringen. 

— Wirklich? versetzte ich, über seine Eitelkeit 
lächelnd. Sagen Sie mir doch als praktischer Mann, 
was den Franzosen fehlt, um sich bis zur Civilisation 
der Yankees emporzuschwingen? 

— Nur eins, erwiderte er mit grossem Ernst. Sie 
haben bei allen ihren politischen Systemen das Haupt- 
stück vergessen. Ihre Staatsmänner sind alle wie der 
zerstreute Sam. 

— Wer ist das? 

— Das war der Bote meines Heimathsdorfes, ver- 
setzte Humbug heiter, ein schlauer und witziger Bur- 
sche, kühn bis zur Verwegenheit, sparsam bis zum 
Geiz, pünktlich bis zur Kleinlichkeit, der Stolz und die 
Ehre Connectikuts. Er hatte nur einen Fehler; er war 
in hohem Grade zerstreut. Eines Tages, wo er mehr 
als fünfzig Paquete unterwegs auszutheilen hatte, sah 
man ihn jedesmal in unruhiger Aufregung, — Ich habe 
etwas vergessen, sagte er, aber ich weiss nicht was. 
Endlich kommt er nach Hause, seine Kinder springen 
ihm entgegen. „Guten Tag , Vater, wo ist denn die 

20 



306 



Mutter?" Lieber Gott, schrie Sam, indem er sich vor den 
Kopf schlug, das war's , was mir gefehlt hat; ich habe 
meine Frau vergessen! 

Ganz so steht es mit den Franzosen; nehmen Sie 
nach Belieben eine jener Verfassungen, die man ihnen 
dutzendweise verfertigt hat; Sie werden Alles darin fin- 
den, den Staat und seine Rechte, das Individuum und 
seine Rechte ; aber eins fehlt . . . 

— ■ Nun, was denn? rief ich. 

— Die Gesellschaft, antwortete Humbug. Niemals 
ist einem französischen Gesetzgeber noch der Gedanke 
gekommen, dass die Gesellschaft, das heisst, die As- 
sociation in allen ihren Formen, die freie Thätigkeit 
einer Vereinigung von Individuen, einen Platz in dem 
politischen Leben der Nation einnimmt. Wir Amerika- 
ner räumen ihr das weiteste Gebiet ein , in Gemeinde, 
Kirche, Schule, Krankenhaus, Universität, Wissenschaft, 
Literatur, Kunst. Jede Association gilt für uns nur als 
eine erweiterte Familie, und alle diese Vereinigungen, 
die sich von Stufe zu Stufe erheben, bilden eben so 
viele Mittelglieder zwischen dem Einzelnen und dem 
Staat. Amerika ist genau genommen nur ein Verein 
von Familien, die ihre Angelegenheiten selbst besor- 
gen. W^as gibt es in Frankreich Aehnliches? Dort 
sieht man nur eins, die Verwaltung, einen riesigen Po- 
lypen, der seine Saugarme überall hinstreckt, sich an 
Alles anklammert, Alles erfasst und Alles erstickt! 

Monstrum horrendum, iuimane, ingens, cui lumen ademptum. 

Das Land ist entzweigeschnitten; auf der einen 
Seite steht die Gewalt mit allen Hilfsquellen einer furcht- 
baren Centralisation , auf der anderen Seite die Masse, 
die mehr oder weniger gern gehorcht. Daher alle die 



307 



Revolutionen, die dieses schöne Land zerreissen, da- 
her ihr stetes Misslingen. Bald schwächt man die Auto- 
rität und beschränkt sie bis zur Ohnmacht; man glaubt 
die Freiheit zu vergrössern, gelangt aber nur zur Anar- 
chie; bald wirft man sich auf das entgegengesetzte Sy- 
stem, man spannt alle Bande straff an; man glaubt der 
Ordnung zu dienen und gelangt nur zur Willkür. Ein 
so beklagenswertes Schauspiel bietet ein edles Volk, 
das sich aus dem Abgrund nur erhebt, um auf der an- 
deren Seite wieder darin zn versinken ! 

— Und wie wäre zu helfen, lieber Freund? Wer 
weiss, ob nicht der Nationalcharakter die Ursache die- 
ses beständigen Misslingens ist? 

— Ich glaube nicht, versetzte Humbug, dass es 
Völker gibt, die zur Sklaverei geboren sind, ich nehme 
selbst die Neger nicht aus; ich sehe übrigens nicht, 
dass Frankreich jemals einen schlechten Gebrauch von 
der Association gemacht hat. Dank der Verwaltung, 
die bei jeder Revolution oben schwimmt und sich bei 
jedem Schiffbruche bereichert, hat man den Franzosen 
stets jene friedliche Freiheit, die alle andern mässigt 
und klärt, versagt. Man hat ihnen zehnmal ein Stimm- 
recht gegeben, dass ihnen nichts half; aber auf die Un- 
abhängigkeit in ihren eigenen Angelegenheiten müssen 
sie noch immer warten. Eine Stunde lang sind sie 
Könige und schon den folgenden Tag versagt man ih- 
nen die Freiheit zu handeln und zu reden. Unter sol- 
chen Bedingungen gewinnt man keine politische Erfah- 
rung; die Souveränetät ist noch nicht die Freiheit. Mit 
der ersteren erlangt ein Volk oft nur das Recht, sich 
zu Grunde zu richten; erst mit der letzteren lebt und 
gedeiht es und hat sein Glück und seine Ehre in eige- 
ner Hand. Erst wenn die Franzosen den Versuch ge- 

20* 



308 



macht haben, sich selbst zu regieren, wird man sie 
verurtheilen können; bis dahin hat Niemand das Recht, 
sie anzuklagen. Lafayette, dessen in Frankreich viel- 
leicht vernachlässigte Schriften man bei uns liest, hat 
schon vor fünfzig Jahren jene Freiheit des Lebens, jene 
Freiheit der Vereinigung gefordert, die unsere Grösse 
ausmacht. Wenn ich die Ehre hätte, sein Landsmann 
zu sein, so wäre das eine Erbschaft, die ich gern er- 
heben möchte. Wer den Franzosen begreiflich macht, 
dass die Centralisation sie knechtet und dass nur die 
Association sie befreien kann, der wird für alle Zeiten 
den Revolutionskeim aus dem Boden reissen und end- 
lich in ein grossherziges Land den Baum der Freiheit 
pflanzen, der nie verdorren wird. Er kann dann siche- 
rer als Archimedes ausrufen: Eureka; denn er hat zu 
gleicher Zeit zwei Schätze entdeckt, die kostbarer sind, 
als alle Reichthümer der Erde: die Freiheit und den 
Frieden. 

— Bravo, Humbug! rief ich, das nenne ich Bered- 
samkeit. Aber, lieber Freund, wenn Sie solche Ge- 
schichten in Paris in Frankreich erzählen wollten, würde 
man Sie als einen Träumer auspfeifen, selbst wenn 
man Sie nicht unter den Beifallrufen der modernen 
Athener als einen Aufwiegler einsperren würde, 

— Das sollte mich nicht wundern, versetzte er; die 
Athener von ehemals hatten einen Philosophen, den die 
Pythia für den weisesten unter den Menschen erklärte; 
darum haben sie sich auch beeilt, ihn ums Leben zu 
bringen. Die Schöngeister der Agora, die praktischen 
Leute, klagten Sokrates als Revolutionär und als Athe- 
isten an. Wie steht es denn heute mit dem Andenken 
dieser grossen Staatsmänner, die in jeder Tonart wie- 
derholten, dass sie das Vaterland gerettet hätten und 



309 



die sich natürlich ihre Dienste gehörig bezahlen Hessen? 
Ein guter Bürger lässt sich nicht durch solche elende 
Hindernisse aufhalten; er vertheidigt die Wahrheit mit 
einer unbesiegbaren Hartnäckigkeit, er warnt vor den 
Klippen, er kämpft, er ruft, bis ihn die Wogen ver- 
schlingen ; manchmal rettet er die Leute wider ihren 
Willen und von seiner Mitwelt erwartet er nichts. Der 
Dank ist die Tugend der Zukunft. 

— Sonderbares Volk! murmelte ich. Bei diesen 
Krämern werden die Ueberzeugungen zu Leidenschaf- 
ten, während bei uns, einem so heldenmüthigen und 
pathetischen Volk, die Leidenschaften und Interessen 
zu. . . . Ich behielt den Rest meiner Betrachtung für 
mich. 



Sechsundzwanzigstes Kapitel. 



Die Schule. 



Unter diesem Gespräch waren wir in die Burides- 
strasse gelangt. Vor uns erhob sich auf einem Hügel, 
der die Stadt und ihre Umgebung beherrschte, ein stol- 
zer Bau von gewaltigem Aussehen, ein viereckiger 
Thurrn mit zwei Seitenflügeln. Wäre ich in einem ci- 
vilisirten Land gewesen, so würde ich gesagt haben: 
„Das ist die Gendarmeriekaserne oder das Regierungs- 
gebäude"; bei diesem wilden Volk ohne Polizei und 
ohne Regierung war es nur der Abcpalast, es war die 
Schule! Man kann eine Nation nach ihren Bauwerken 
beurtheilen. 

— Nun, Doctor, fragte Humbug, wie gefällt Ihnen 
unser neuer Jugendpalast? 

— Von aussen sehr gut, antwortete ich; aber er 
scheint mir schlecht angelegt zu sein. Ich sehe dort 
oben an jener Thüre grosse fünfzehnjährige Jungen 
und junge Mädchen von demselben Alter zugleich ein- 
treten ; das ist nicht passend. In jeder wohlorganisir- 
ten Schule trennt man die Geschlechter; ihr scheint 
von dieser Vorsicht gar nicht einmal eine Idee zu haben. 



311 



— Zwei Eingänge für Kinder, die in dem nämli- 
chen Saale arbeiten sollen? sagte Humbug, wozu? 

— In dem nämlichen Saale? rief ich; woran den- 
ken Sie? das wäre ja der Gipfel der Unsittlichkeit. 

— Etwas Unsittliches kann ich bloss in Ihrer Idee 
finden, versetzte Humbug lachend. Unsere Kinder, lie- 
ber Doctor, sind ehrbare Kinder; man findet bei uns nur 

Virgines lectas puerosque castos. 
Die Schule ist eine grosse Familie, wo es nur Brüder 
und Schwestern gibt, die in der Arbeit wetteifern. Wie 
kommen Sie denn zu dieser entsetzlichen Aengstlich- 
keit? 

— Nun, lieber Freund, dann sind die Yankees En- 
gel, die Männlein und die Weiblein. 

— Die Yankees, versetzte der Richter, sind Men- 
schen, welche sich die Mühe geben, nachzudenken und 
zu überlegen. 

— Und Europa, erwiderte ich, mit seiner zweitau- 
sendjährigen Erfahrung ist wahrscheinlich nur eine När- 
rin, die nicht weiss, was sie sagt und thut? 

— Lieber Doctor, sagte Humbug, die Engländer 
haben uns zuerst ausgelacht; jetzt ahmen sie uns nach. 
In zehn Jahren wird es in England keine einzige Schule 
mehr geben, in der nicht die beiden Geschlechter ver- 
einigt sind. Was die anderen europäischen Völker be- 
trifft, so ist ihre Erziehung so lange Zeit in den Hän- 
den der Geistlichkeit gewesen , dass es mehr als eines 
Tages bedarf, um ihre Vorurtheile zu zerstören. Wir 
erziehen unsere Kinder weder zu Mönchen noch zu 
Soldaten; wir wollen Menschen für den Dienst der Ge- 
sellschaft vorbereiten. Warum soll man also nicht aus 
der Schule ein Bild der Familie und der Gesellschaft 
machen? 



312 



— Ihr seid unvorsichtig, rief ich, ihr spielt mit dem 
Feuer. 

— Wir sind Familienväter, versetzte Humbug ; wir 
wissen aus Erfahrung, dass es für die Veredelung des 
Herzens, für die Bildung des Characters und für die 
Erzeugung grossherziger Ideeen nichts besseres gibt, 
als diese erste Gemeinsamkeit der Arbeit und des Stu- 
diums: 

Emollit mores, nee sinit esse feros. 

Unvorsichtig und unsinnig ist nur die angebliche 
Weisheit des alten Continent. Knaben und Mädchen 
trennen, sie von frühester Jugend auf belehren, dass 
sie für einander eine geheimniss volle Gefahr sind, die 
jugendliche Einbildungskraft trüben und aufregen und 
dann plötzlich im gefährlichsten Augenblick die Männer 
glühend und verwegen, die Frauen unruhig, schüch- 
tern und schutzlos der Welt preisgeben , das ist mass- 
lose Thorheit; entschuldigen Sie, würdiger Doctor. Ihre 
klösterliche Erziehung ist nur ein Deich, der alle Lei- 
denschaften ansammelt und vergrössert; unsere gemein- 
same Erziehung gewöhnt die Kinder daran , sich wie 
Geschwister zu lieben und sich gegenseitig zu achten. 

— Ist es möglich , rief ich , dass die Gefahren Ih- 
res Systems Ihnen nicht in die Augen springen? 

— Fragen Sie unsere Lehrer, rief er; Sie werden 
nicht einen finden, der nicht auf unsere gemischten 
Schulen stolz wäre. Diese Erfindung und die Ehre 
derselben gehört Amerika an. Wie immer haben wir 
Vertrauen auf die menschliche Natur und auf die Frei- 
heit gehabt, und wie immer hat der Erfolg unser Ver- 
trauen gerechtfertigt. Nirgends ist der Unterricht bes- 
ser, nirgends die Sittlichkeit grösser, als bei dieser uns 



313 



so theueren Einrichtung. Der Wetteifer zwischen bei- 
den Geschlechtern ist ein Sporn ohne Gleichen. So 
jung er auch ist, schämt sich der Mann, sich den er- 
sten Rang abgewinnen zu lassen; die Frau aber ist 
geduldig und hat eine raschere Auffassung; bei diesen 
ersten Studien, die nichts abstraktes bieten, trägt sie 
fast immer den Sieg davon. Aber das ist nur die ne- 
bensächliche Seite der Frage. Die jungen Mädchen ge- 
winnen bei dieser Einrichtung ebensosehr an Character 
und Willensstärke als die Knaben an Herz. Die Mäd- 
chen lernen uns kennen und unter uns, mein lieber 
Daniel, wir sind nur so lange gefährlich, als man uns 
nicht kennt. Von den Knaben geachtet, lernen sich 
die jungen Mädchen selbst achten; sie wählen frei den 
Platz, der ihnen zusagt; und zum Beispiel in den Er- 
holungsstunden hält sie eine natürliche Klugheit von 
ihren Schulgenossen fern. Die jungen Leute ihrerseits 
erlangen in unseren Schulen jene Zartheit des Gefühls, 
jene ritterliche Höflichkeit, welche der Umgang mit 
Frauen allein verschaffen kann. Was gibt es wilderes 
und brutaleres als den englischen Schüler, der sich 
selbst und der Tyrannei seiner älteren Kameraden über- 
lassen ist? Haben Sie Tom Brown gelesen? Man muss 
dabei über die Civilisation erröthen. Ich möchte lieber 
unter den Rothhäuten als unter den Schülern von Eton 
oderRugb}^ aufwachsen. Bei uns dagegen werden die 
jungen Leute zusammen gross; mit sechzehn Jahren, 
mit zwanzig Jahren sind ihre Beziehungen ebenso ein- 
fach, ebenso geschwisterlich, wie wenn sie noch auf 
den nämlichen Schulbänken sässen. Es kommt mehr 
als eine Heirath zwischen alten Schulkameraden vor; 
Achtung und Freundschaft führen zur Liebe und über- 
dauern sie. Hat man in dem von Ihnen vergöttertem 



314 



Europa schon eine so christliche und vollkommene Idee 
gehabt? 

— Das ist nur ein Traum , erwiderte ich. 

— Treten Sie ein, Ungläubiger, versetzte Hum- 
bug; Sie werden sehen, dass dieser Traum eine Wahr- 
heit ist. 

— Bitte, noch ein Wort, erwiderte ich; angenom- 
men, dass alle diese Kinder Heilige sind, wo wollen 
Sie Leute finden, die fähig sind, diese himmlische Pha- 
lanx zu erziehen? Welcher Lehrer kann zugleich die 
Schüchternheit eurer jungen Mädchen ermuthigen und 
das stürmische Temperament eurer Knaben besänfti- 
gen? Wo soll man den Phönix suchen, der in jeder 
Gemeinde für die Ehre und die Tugend eurer Kinder 
eine sichere Bürgschaft bietet? 

— Treten Sie nur ein, antwortete Humbug; viel- 
leicht werden Sie gerade Ihre liebe Susanne bei der 
Arbeit finden. 

— Sie sind verrückt, rief ich, und stiess meinen 
Stock auf den Boden ; also einer zwanzigjährigen Frau 
wollen Sie Männer anvertrauen, die schon den Bart am 
Kinn haben? Ein schöner General für eine solche Ar- 
mee! Das wird ein hübscher Respekt sein! 

— Auch wieder ein Vorurtheil der alten Welt, lie- 
ber Doctor. Bei einem jungen Menschen, der seine 
Mutter und Schwester lieb hat, ist nichts natürlicher 
als die Achtung gegen eine Frau ; der Gehorsam gegen 
einen Lehrer, der ihn bedroht und züchtigt, ist weit 
weniger natürlich. Die Gewalt hat wenig Macht über 
das Herz eines Kindes; je grossherziger es ist, um so 
mehr wird es Widerstand leisten; aber gegen Sanft- 
muth und Liebe ist es wehrlos. Auch in diesem Punkt 
gibt die Erfahrung der alten Weisheit, die nichts ist 



315 



als ein veralteter Irrthum, ein schlagendes Dementi. 
Die Frauen Neu -Englands sind mit der Opferwilligkeit 
von Missionären in den verheerenden Süden, in die 
Einöden des Westens ausgezogen, um junge Seelen zu 
erziehen, um sie für Gott und die Wahrheit zu gewin- 
nen. Wir haben Lehrer, die Niemanden nachstehen, 
aber die Anstrengungen unserer begabtesten Pädago- 
gen scheitern oft da, wo ein Yankeemädchen Wunder 
wirkt. Die Kindheit gehört den Frauen; wir haben 
nur das Verdienst gehabt, dieses Naturgesetz zu erken- 
nen und anzuwenden. 

— Amen, antwortete ich achselzuckend. Nun, so 
lassen Sie uns diese schüchternen Lämmer und diese 
gelehrigen Schaafe bewundern, die von einer Hirtin 
geführt werden,, die eben so unschuldig ist, wie ihre 
Heerde. 

Uebel gelaunt betrat ich den grossen Saal; Unver- 
nunft ist mir zuwider. Aber ich muss zu meiner Schande 
gestehen, kaum hatte ich den Fuss in das Heiligthum 
gesetzt, so war ich schon verführt. 

Ich befand mich in einem weiten Räume, wo Luft 
und Licht durch grosse Fenster Zutritt hatten; die 
Wände waren vorzüglich rein gehalten und hie und 
da mit Tafeln oder mit naturgeschichtlichen Darstell- 
ungen oder mit physikalischen oder geometrischen Figu- 
ren bedeckt. Jedes Kind hatte sein eigenes Pult, das 
durch vier Gänge, zwischen denen es stand, vollkom- 
men isolirt war. An diesem polirten Tisch sitzend, der 
wie ein Spiegel glänzte, allein und ohne Nachbarn, ist 
der Schüler sein eigener Herr; wenn er zerstreut ist, 
wenn er nicht arbeitet, fällt die ganze Verantwortlich- 
keit auf ihn. Der Lehrer überwacht von einer Erhöh- 
ung aus mit einem Blick diese langen hintereinander 



316 



stehenden Pultreihen, obwohl diese Ueberwachung bei 
einem ehrgeizigen Volke, wo jeder sich unterrichten 
will, um zu Vermögen und Einfluss zu gelangen, nur 
wenig nöthig ist. Die Fehler der Amerikaner nützen 
ihnen in der That mehr als uns unsere Tugenden. 

Meine Susanne lehrte in dem grossen Saale. In 
diesem Augenblick trug das Fräulein sieben oder acht 
grossen Schlingeln Geometrie vor; die Schüler hörten 
übrigens, diese Gerechtigkeit muss ich ihnen widerfah- 
ren lassen, ihrer liebenswürdigen Lehrerin mit der 
grössten Aufmerksamkeit zu. 

— Komm, lieber Papa, sagte Susanne voll Freude, 
nimm diese Kreide und beweise uns den Lehrsatz vom 
Quadrat der Hypotenuse. 

Es wäre mir schwer geworden, irgend einen Lehr- 
satz zu beweisen ; ich bin auf der französischen Univer- 
sität viel zu gut erzogen worden, um etwas von Geo- 
metrie zu verstehen; Alles, was ich in dieser Beziehung 
behalten habe, beschränkt sich auf einen alten Vers, 
den man vielleicht jetzt noch in der Umgegend der 
polytechnischen Schule nach irgend einer Volksmelodie 
summt: 

Das Viereck der Hypotenuse, 

Ist, wenn ich's berechne mit Müsse, 

Gleich den Quadraten beiden 

Auf den zwei übrigen Seiten. 

Ich überliess es also Susannen, auf der Tafel das 
rechtwinklige Dreieck A B C zu zeichnen , auf jeder 
Seite ein Quadrat zu errichten u. s. w. u. s. w. und 
flüchtete mich, damit meine Tochter nicht über die 
Unwissenheit ihres Vaters erröthen musste. 

In einem der kleineren Säle (es waren ihrer nicht 
weniger als acht) fragte eine andere junge Lehrerin 



317 



neun bis zehnjährige Kinder über die Ströme und Flüsse 
Frankreichs aus. Ich war erstaunt über ihr Gedächt- 
niss und ihre Kenntnisse, und hätte als Franzose bei 
einer Prüfung über die amerikanische Geographie die- 
sen jungen Gelehrten dagegen nur den Mississippi, den 
Hudson und den Potomak nennen können, die einzigen 
Ströme, von denen ich jemals gehört habe. Freilich 
geht uns Amerika am Ende wenig an (es ist ja so 
weit entfernt) , während Frankreich , die Königin der 
Wissenschaften und Künste, die Amerikaner über alle 
Massen interessiren muss. Das ist einfach die Bewun- 
derung der Barbaren für die Civilisation. 

Nach der Geographie wurde laut vorgelesen und 
deklamirt. Ein kleiner neunjähriger Bursche erhob 
sich und trug ohne Schüchternheit und ohne Frechheit eine 
der schönsten Stellen aus dem Hiarvatha von Longfellow 
vor. Obgleich das junge Wunder durch die Nase sprach, 
was in Amerika ein fast allgemeiner Fehler ist, so trug 
er doch seine Aufgabe mit grosser Richtigkeit der Be- 
tonung und mit wahrem Gefühl vor; es gibt bei uns 
berühmte Schauspieler, die es niemals dahin gebracht 
haben. Nach der Poesie kam die Beredsamkeit an die 
Reihe. Ein blondhaariger Junge erhob sich, spreizte 
seine Füsse auseinander und stimmte mit lebendigem 
Ausdruck einen Hymnus auf den Ruhm Amerikas an: 

Freunde und Mitbürger! 
Unser Volk steht erst in seiner Kindheit und doch ist es das 
erste der Welt. Wer ist der Held des vorigen Jahrhunderts, der 
grösste Mann und beste Mensch, der Freund seines Landes und der 
Freiheit? Die Welt antwortet: Der Amerikaner George Washington. 
Wer war damals der grösste Physiker? Der Amerikaner Franklin. 
Der grösste Theologe ? der Amerikaner Jonathan Edwards Wer ist 
der grösste Rechtsgelehrte des neunzehnten Jahrhunderts? Ein 



318 



Amerikaner, der Richter Story. Wer sind die ersten Redner un- 
seres Zeitalters? Clav, Webster, Everett, Sumner, lauter Ameri 
kaner. Wer sind die ersten Geschichtsschreiber ? Die Amerikaner 
Prescgtt, Bancroft, Lothrop -Motley, Ticknor. Wer ist der erste 
Naturforscher? Der Amerikaner James Audubon. Wer sind die 
grössten Philosophen und die wahren Weltweisen unserer Zeit? 
Channing, Emerson, Parker, lauter Amerikaner. Wer ist die 
grösste Romanschriftstellerin? Mistress Beecher Stowe, eine Ame- 
rikanerin. Wer sind die grössten Erfinder? Withney , der die 
Maschine zur Reinigung der Baumwolle erfunden hat; Fulton, der 
Schöpfer der Dampfschifffahrt; Morse, der Erfinder des elektri- 
schen Telegraphen ; Maury , der unfehlbare Strassen über den 
Ocean gezogen hat, sammtlich Amerikaner. 

Muth also, ihr Söhne der Puritaner ! euch gehört die Zukunft. 
Bevor das Jahrhundert zu Ende geht, werdet ihr hundert Millio- 
nen Menschen zählen ; was ist euch gegenüber das getheilte und ge- 
knechtete Europa? Die Natur hat euch die grössten Seeen, die mäch- 
tigsten Ströme, die schönsten Häfen gegeben ; ihr habt fruchtbare 
Ländereien in unerschöpflicher Menge. Eure Kohlenminen sind so gross 
wie ganz Frankreich. Die Industrie hat euch mehr Eisenbahnen, 
mehr Dampfschiffe, mehr Fahrzeuge geschaffen, als alle eure Ri- 
valen zusammen besitzen. Eure Männer sind die tapfersten, kühn- 
sten und klügsten der Welt ; eure Frauen die schönsten der 
Schöpfung. Muth also, du Stamm, den der Himmel gesegnet! 
Die Welt ist dein, denn du bist das freieste und das christlichste 
Volk! 

— Lieber Freund, sagte ich zu Humbug, findet 
denn unter allen den Tugenden, die ihr euren kleinen 
Heiligen lehrt, auch die Bescheidenheit ein Plätzchen? 

— Sie müssen nachsichtig sein, Doctor, antwortete 
er verlegen. Wenn man Kinder erzieht, ist es gut, 
ihren Patriotismus etwas anzufeuern. Das ist das beste 
Mittel, um später nicht den Egoismus die Oberhand 
gewinnen zu lassen. Ich gestehe übrigens gern, dass 
die Eitelkeit unsere schwache Seite ist- unsere kolos- 



319 



sale Entwickelung verdreht uns den Kopf und verleitet 
uns zu mehr als einem Fehler. Wer ohne Sünde ist, 
der werfe den ersten Stein auf uns. John Bull hat die 
Ueberzeugung, dass er der geborne König der Meere 
ist; und ich bin sicher, dass man in Frankreich der 
Jugend in jeder Tonart wiederholt, dass die Franzosen 
das erste Volk der Erde sind und dass die ganze Welt 
nur Augen hat, um sie zu bewundern. 

— Aber welcher Unterschied! rief ich. Frankreich 
ist eben Frankreich! 

— Amerika ist Amerika, versetzte er lachend; je- 
der Christ ist von der nämlichen Thorheit erfüllt; es 
gibt keine Dummheit, zu der man nicht ein Volk hin- 
reissen könnte, wenn man ihm mit dem gehörigen 
Nachdruck zuruft: „Engländer, raubt diese Provinz, ihr 
seid Engländer! Franzosen, schlagt euch um nichts 
und wieder nichts herum , ihr seid Franzosen ! Ameri- 
kaner, seid unverschämt gegen Europa, ihr seid Ame- 
kaner !" Der Nationalstolz ist für die Massen der rothe 
Lappen, den man dem Stier vorhält, wenn er mit gesenk- 
tem Haupt ins Messer rennen soll. Lieber Freund, wir 
müssen mit vollen Händen die Bildung um uns streuen, 
wir müssen überallhin Licht verbreiten, wenn wir 
nicht wollen, dass das Volk beständig das betrogene 
Opfer von Marktschreiern bleiben soll, die mit seinen 
edelsten Leidenschaften und mit seinen besten Neigun- 
gen spielen. 

In diesem Augenblick schlug die Uhr zur Erho- 
lungsstunde. Ich eilte auf den Tummelplatz, wo ich 
den liebenswürdigen Naaman als Führer einer neuen 
Miliz wiederfand. Drei bis vierhundert Kinder waren 
in Reihen aufgestellt, die Mädchen auf einer Seite, die 
Knaben auf der anderen. Eine Glasthüre, die auf den 



320 



Hof ging, wurde geöffnet, und in der Thüre ein Piano 
aufgestellt, auf dem zwei junge Lehrerinnen vierhändig 
den Marsch aus Oberon spielten. Sofort setzten sich 
die Kolonnen in geordnete Bewegung; die Kinder hüpf- 
ten, liefen und hielten nach dem Tact an; die Kette 
löste sich und schloss sich mit wunderbarer Genauig- 
keit. Es war eine Mischung von Tanz und Turnen, 
die das Auge entzückte, etwas edles, kühnes und doch 
zugleich anmuthiges. Wurde so vielleicht die griechi- 
sche Jugend geübt? Zum ersten Male verstand ich, 
warum Plato den Tanz und die Musik unter die ersten 
Pflichten des Bürgers setzte. Ich war entzückt, und 
hätte mich nicht ein Rest von Scham und mein grauer 
Bart abgehalten, so hätte ich gern einen Platz in die- 
sem militärischen Ballet eingenommen. Warum sollte 
ich nicht mit Kindern tanzen? die Spartaner thaten es 
ja auch. 

— Mein junger Freund, sagte ich zu Naaman, die- 
ses Spiel ist reizend, mein Herz ist von diesem An- 
blick entzückt; aber lösen Sie mir doch einen Zweifel. 
Wo bin ich? wohin hat man mich geführt? dieses ele- 
gante Haus, diese prachtvoll ausgestatteten Tische, 
diese schönen Bücher mit prächtigem Lederband, das 
Alles gehört ohne Zweifel einem Privatinstitut, in dem 
man nur reiche Kinder aufnimmt. Wer ist der Vor- 
stand dieser schönen Anstalt? 

— Sie belieben immer zu scherzen, Doctor Smith, 
versetzte der hübsche Prediger; Sie befinden sich in 
der Volksschule des zwölften Arrondissements im drit- 
ten Bezirk. Wir haben in unserer guten Stadt Paris 
achtzig solche Häuser, und das ist noch nicht genug. 

— Sehr schön; aber wie kann der Sohn armer 



321 



Aeltern zu dem Aufwand dieses kostspieligen Unter- 
richts beitragen ? 

— Was denken Sie sich denn? rief Naaman. Wis- 
sen Sie nicht, dass die Erziehung unentgeltlich ist? 
Haben Sie niemals Ihre Steuerrechnung angesehen? 
Wir sind die Söhne jener Puritaner,* die, kaum gelan- 
det auf den dürren Felsen von Plymouth, sofort Schu- 
len eröffneten, um den Satan, das ist der wahre Name 
der Unwissenheit, zu bekämpfen. Das Teuflische in 
uns ist die Dummheit, das Göttliche der Geist. Die 
Pflege der Schulen ist unser Steckenpferd; der Schul- 
aufwand ist daher bei uns das stärkste Kapitel im Bud- 
get, wie das Heer oder die Marine bei den Völkern, 
die sich für civilisirt halten. Hier, in unserem Massa- 
chusetts, betragen die Ausgaben für den Unterricht bei- 
nahe den vierten Theil unseres gesammten Staatsauf- 
aufwandes, in dem kleinen Staate Maine ein volles 
Drittheil; das würde für Frankreich ein Budget von 
vier bis fünfhundert Millionen ausmachen. 

— Grosser Gott, dachte ich, wenn diese Leute 
nicht verrückt sind, was sind dann wir? — Sagen Sie 
mir, Herr Naaman, wer bewilligt denn diese Mittel und 
wie ist die Verwaltung Ihrer Schulen eingerichtet? 

— Die Bewilligung erfolgt durch die Gemeinden, 
antwortete er; die Gesammtheit der Einwohner be- 
stimmt den Betrag der Steuer; es ist das vielleicht die 
einzige Auflage, die unter dem steten Beifall der Pflich- 
tigen fortwährend wächst. In diesem Punkt gibt es in 
Amerika keine Partei; alle Bekenntnisse, alle Ansichten 
wetteifern, um aus unseren Schulen die reichsten und 
am besten dotirten Anstalten des ganzen Landes zu 
machen. 

21 



322 



— Und natürlich, sagte ich, will dann jede Con- 
fession in der Schule dominiren. 

— Nein, entgegnete er; Sie werden vielleicht da- 
rüber erstaunen, aber ein kirchlicher Einfluss dringt nie- 
mals in diese Mauern. Der Unterricht beginnt täglich 
mit dem Gebet des Herrn und mit einer Vorlesung aus 
der Bibel, die aber von keinerlei Betrachtung begleitet 
ist. Der Unterricht ist nach dem ganzen geistigen Bil- 
dungsgang unserer Lehrer ein wesentlich christlicher; 
aber er ist weder protestantisch noch katholisch. Hier 
geben wir unseren Kindern die Mittel, die Wahrheit zu 
suchen, wir waffnen sie gegen die Unwissenheit, wir 
bereiten sie vor, den guten Kampf zu kämpfen; aber 
der dogmatische Unterricht bleibt der Kirche und den 
Sonntagsschulen vorbehalten. Auf diese Weise vermei- 
den wir es, diese jugendlichen Gewissen zu trüben und 
gewöhnen unsere Kinder daran, sich alle als Brüder 
in Jesu Christo zu betrachten. 

— Schön; aber wer garantirt Ihnen für die Lehrer? 

— Der Erziehungsausschuss, erwiderte Naaman, 
ein Ausschuss, der von allen Bürgern derselben Ge- 
meinde frei gewählt wird und der unmittelbar unter 
der Regierung des Staates steht. Diese Ausschüsse 
schliessen die hervorragendsten Kräfte des Landes in 
sich. Es gilt für einen Ruhm, zur Aufsicht über die 
Erziehung berufen zu werden; unsere besten Bürger, 
wie Horace Mann und Bernard haben schon eine Stelle 
im Bundessenat ausgeschlagen, um Schulvorsteher in 
Massachusetts oder Connecticut zu bleiben. 

— Ist das möglich? rief ich. 

— Was ist dabei Wunderbares? versetzte der junge 
Geistliche. Glauben Sie, dass man in einem Lande, 
wie das unsrige, sich nicht darüber klar ist, was das 



323 



Gedeihen und die Grösse einer Nation ausmacht? In 
einer Republik, in einein Staat, wo das Volk souverän 
ist, muss man die Unwissenheit besiegen, oder man 
wird von ihr vernichtet; es gibt keinen Mittelweg. Un- 
sere Staatsmänner haben für die Erziehung eines Volks, 
das an die Wahrheit glaubt und sie liebt, nur ein Mit- 
tel gefunden, die Aufklärung; dadurch macht man aus 
dem geringsten Bürger einen Menschen, der unterrich- 
tet genug ist, um nicht betrogen zu werden und klug 
genug, um sich selbst zu regieren. 

— Und haben Sie diese Aufgabe gelöst? 

— Ja, erwiderte er, diese Aufgabe ist gelöst, seit- 
dem wir Schulen haben, die so ausgezeichnet einge- 
richtet und so vollständig unentgeltlich sind, dass kein 
Hausvater mehr uns seine Kinder vorzuenthalten wagt. 
Wenn die Gemeinde Alles liefert, selbst Bücher, Papier 
und Federn, wer sollte dann dumm oder leichtsinnig 
genug sein, die nationale Freigebigkeit nicht zu be- 
nützen und seine Kinder zur Unwissenheit und zum 
Elend zu verdammen ? 

— Hoffentlich, erwiderte ich, ist bei Ihnen die Ver- 
pflichtung zum Schulbesuch gesetzlich ausgesprochen. 
Nach solchen Opfern hat der Staat das Recht, die Leute 
zum Unterricht zu zwingen. Er darf keine unvernünf- 
tigen Thiere mehr in der Gesellschaft dulden. 

— Wir haben jeden Zwang verschmäht, antwor- 
tete der junge Prediger. Wir haben keineswegs an 
unserem Recht dazu gezweifelt; aber wir scheuten uns, 
eine so wohlthätige Einrichtung mit einer gehässigen 
Massregel zu verbinden. Geldstrafen und Gefängniss- 
strafen würden unsere Schulen nur verhasst machen; 
wir überlassen diese Härten solchen Regierungen, die 
mehr auf den Gehorsam als auf die Liebe ihrer Unter- 

21* 



324 



thanen sehen. In der allgemeinen Verbreitung des 
Schulunterrichts besteht die ganze Frage; wir haben 
dieses vortreffliche Ziel erreicht, ohne an der Freiheit 
zu rütteln. Unsere Schulen, die allen Kindern bis zum 
sechzehnten Jahre geöffnet sind, locken auch die Wi- 
derspenstigsten herbei. Sie werden in Neu -England 
keinen eingeborenen Bürger treffen, der nicht unseren 
Schulunterricht genossen hätte. 

— Bravo! rief ich, dieses Werk macht den Chri- 
sten Amerikas die grösste Ehre. 

— Auch die Politik findet dabei ihre Rechnung, so 
gut wie die Religion, versetzte er; wir sind zu einem 
für unsere Zeitgenossen überraschenden Resultat gelangt. 
Durch die Vollkommenheit unserer Schulen haben wir 
unmerklich die Gemeinsamkeit der Erziehung wieder 
hergestellt, die dem Alterthum so theuer war. Unser 
Unterricht steht auf einer hinreichend hohen Stufe, um 
den Sohn reicher Aeltern für den Eintritt in eine Ge- 
lehrtenschule vorzubereiten; er ist einfach genug, um 
den Sohn armer Aeltern nicht abzuschrecken und aus- 
giebig genug, um ihn für seine Stellung in der Gesell- 
schaft so vorzubereiten, dass er niemals über seine Un- 
wissenheit zu erröthen braucht. Unsere ganze Jugend, 
verstehen Sie wohl, was ich sage, unsere ganze Ju- 
gend kommt hieher, um Lesen, Schreiben, Rechnen, 
Geometrie und Zeichnen zu lernen. Wir verbinden da- 
mit etwas Unterricht in der Geographie, der Geschichte, 
der Physik, der Chemie, und wir nehmen auch keinen 
Anstand, zu den Kindern von Moral und Politik zu 
sprechen; wir erklären ihnen die Verfassung ihres Lan- 
des, denn sie sind Bürger. Dank der Reichhaltigkeit 
und der Tüchtigkeit unseres Unterrichts empfängt der 
Sohn des Millionärs seine Bildung an der Seite des ir- 



325 



ländischen Taglöhnersohnes. Ich bemerke dort unten 
eine Tochter von Green, die mit dem Kinde einer ar- 
men Obsthändlerin aus der Nussbaumstrasse spielt. Hier 
herrscht die ächte Gleichheit, die Gleichheit nach oben, 
die Gleichheit, die emporhebt; hier wird der Patriotis- 
mus und die Liebe zur Freiheit unterhalten. Die Bil- 
dung einer Generation ist die Bildung eines Volkes; 
das ist unser Wahlspruch und das macht aus unseren 
Schulen einen von Allen geliebten und für Alle gehei- 
ligten Ort 

— Das ist schön, das ist gross; aber verzeihen Sie 
mir ein letztes Bedenken. Wenn Sie die Kinder aus 
dem Volke unterrichten, fürchten Sie nicht, ihnen da- 
durch zugleich einen verderblichen Ehrgeiz eingeflösst 
zu haben? Setzen Sie nicht dadurch Menschen in die 
Gesellschaft, die mit ihrem Loose unzufrieden sind? 
Geben Sie ihnen nicht Wünsche und Bedürfnisse, wel- 
che über ihre Stellung hinausragen? 

— Das ist ein veralteter Einwurf, entgegnete Naa- 
man , der seit langer Zeit in Amerika keine Geltung 
mehr hat. Wenn wir unsere jungen Leute beim Aus- 
tritt aus diesen Mauern im Stich lassen würden, so 
wären Ihre Befürchtungen gegründet; aber bedenken 
Sie, dass unsere Gesellschaft und unser Staatsleben 
zwei Schulen sind, die sich niemals verschliessen. Zu- 
nächst machen sich bei uns sämmtliche gebildete Män- 
ner eine Ehre und ein Vergnügen daraus , zur Ausbil- 
dung ihrer Mitbürger beizutragen. Sehen Sie, wie un- 
sere Mauern von Anschlägen bedeckt sind; es gibt kei- 
nen Abend, wo nicht irgend eine politische, literarische 
oder wissenschaftliche Vorlesung gehalten wird. Das 
Licht strömt massenhaft auf uns ein; man muss zwei- 
fach blind sein, um unwissend zu bleiben. Denken Sie 



326 



sich neben diesem allgemein zugänglichen Unterricht 
die rastlose Thätigkeit der Kirche und jene tausend 
Vereine, wo Arme und Reiche unaufhörlich zu Wer- 
ken der Bekehrung oder der Mildthätigkeit verbunden 
sind. Dazu das politische Leben, das alle Ideeen in 
Bewegung setzt und alle Seelen befruchtet. Endlich 
und vor allem Anderen bedenken Sie die Wirksamkeit 
der Presse, des öffentlichen Wortes, das niemals ver- 
siegt. Es gibt keine Kirche, keinen Verein, keine 
Corporation, keinen Einzelnen, der nicht sein Journal 
hielte-, selbst die Kinder haben ein besonderes, das 
child's paper, das vor vier Jahren gegründet ist und 
schon über dreihundert tausend Leser hat, von denen 
der älteste noch keine fünfzehn' Jahre ist. Wer könnte 
dieser Fluth widerstehen, die stets im Steigen begriffen 
ist? Wer würde da nicht fortgerissen durch die Wo- 
gen der Civilisation , die die Menschheit einer besseren 
Zukunft entgegentragen? 

— Ihr seid also ein Volk von Gelehrten? 

— Nein, erwiderte er lächelnd. Die Gelehrsamkeit 
bildet, wie die Künste, den Luxus alter Nationen* wir 
besitzen ihn noch nicht. Wir sind Emporkömmlinge; 
wir brauchen vielleicht ein Jahrhundert, ehe wir die 
Müsse haben, für uns an eine uneigennützige Kultur den- 
ken zu können; aber ich darf sagen, dass die Sonne 
ein weniger unwissendes Volk noch nie beschienen hat. 
Blicken Sie um sich; bei uns gibt es keine Bauern, 
sondern Gutsbesitzer, keine Handwerker, sondern Tech- 
niker. Wenn er seine Werkstätte verlässt, zieht der 
Arbeiter seinen schwarzen Rock an und besucht eine 
Vorlesung über Washington oder über die neuesten 
Entdeckungen Livingstone's in Afrika. Sein Nachbar, 
ein Goldarbeiter, arbeitet noch in einer Zeichenschule 



327 



oder hört einen Vortrag über Chemie an. Alle beide 
sind genllemen ungeachtet ihrer rassigen Hände; sie ha- 
ben beide für geistige Genüsse dieselbe Vorliebe wie 
Sie. Gehen Sie in den Westen und treten Sie in irgend 
ein in der Tiefe des Waldes verborgenes loghouse; die 
Frau des Pioniers wird Sie empfangen; Sie werden se- 
hen, wie sie das Brod knetet, oder die Butter rührt. 
Warten Sie bis zum Abend, und die nämliche Frau 
wird sich ans Ciavier setzen und wird mit Ihnen von 
Politik, von Moral, vielleicht von Metaphysik sprechen. 
Die Leetüre eines Kochbuchs verschliesst ihr nicht das 
Verständniss für Emerson und den Geschmack für Cha- 
ning. Wir können nicht Allen materiellen Reichthum 
verleihen, obgleich Wohlstand in Amerika leichter zu 
erlangen ist wie in jedem anderen Lande; aber wir 
bieten jedem einen Reichthum, der nicht Rost noch 
Diebe zu fürchten hat; wir machen auch dem Aerm- 
sten jene geistigen Genüsse zugänglich, die für jedes 
Alter und in jeder Lage eine Stärkung und ein Trost 
sind. Dadurch glauben wir das Wort unseres göttli- 
chen Meisters zu erfüllen und die Menschen zu Gott 
zu führen , indem wir ihren Geist und ihr Herz aus- 
bilden. 

Ich betrachtete den jungen Mann mit einer Bewe- 
gung, deren ich nicht Herr werden konnte; solchen 
Enthusiasmus , solchen Glauben sah ich nie auf einem 
menschlichen Antlitz strahlen. Für Naaman war Wis- 
senschaft und Religion nur ein zweifacher Name der 
Wahrheit; beide durchdrangen sein Herz mit gleicher 
Stärke; zu beiden hegte er die gleiche Liebe. 

— Freund, rief ich, Sie haben mich besiegt! Hier 
stehe ich, wie der heilige Paulus auf dem Wege nach 
Damaskus, vom Blitzstrahl der Wahrheit getroffen, und 



328 



höre die Stimme, die mir zuruft: „Es wird dir schwer 
werden, wider den Stachel zu locken. " Ich ergebe 
mich, meine Augen öffnen sich; ich erkenne und be- 
wundere die Grösse dieses Landes. Welches intensive 
Leben! Herz und Geist, Alles ist in Thätigkeit. Kein 
Zwang, keine Schranken! Der Mensch ist der Herr 
seines Schicksals; sein Glück und sein Verdienst liegt 
in seiner eigenen Hand. Hier herrscht die Wahrheit, 
nicht die offizielle Lüge , hier gibt es keine Vorurtheile, 
keine Fesseln; überall ertönt der Ruf eines von Hoff- 
nung trunkenen Volks: Vorwärts! vorwärts nach einer 
Welt, wo das Elend geheilt, die Gewalt gebrochen, der 
Geist zur Herrschaft erhoben wird! Ich bin stolz, ein 
Bürger dieses schönen Landes zu sein. Es lebe die 
Freiheit! Es leben die vereinigten Staaten! Es lebe 
die grosse Republik! 

Meine Stimme wurde durch einen Trommelwirbel 
erstickt, dem lautes Trompetenschmettern folgte. Zwei 
Zuaven stürzten in den Saal; der eine lief zu Susannen 
und fasste sie zärtlich bei der Hand, es war Alfred; 
der andere fiel mir um den Hals, es war mein Sohn 
Henri. 

— Vater, sagte er, die Südbündler haben den Po- 
tomak überschritten, Washington ist bedroht, unsere 
Milizen werden aufgeboten, Freiwillige aufgerufen; wir 
ziehen noch diesen Abend ab. Komm' rasch, die Mut- 
ter erwartet dich. 



Siebenundzwanzigstes Kapitel. 



Wer Aasmarsch der Freiwilligen. 

Am Arme meiner Kinder verliess ich diesen fried- 
lichen Ort, wo ich endlich das Geheimniss der ameri- 
kanischen Grösse gefunden hatte. Die Stadt bot einen 
ganz veränderten Anblick; alle Häuser waren beflaggt. 
An jedem Fenster breitete das Banner der Union, vom 
Wind bewegt, seine roth und blauen Streifen und seine 
vierunddreissig Sterne aus, wie einen stummen Protest 
für den Bund. Ap allen Ecken verkündete ein unge- 
heurer Anschlag das Missgeschick der Bundesarmee 
und rief die Bürger auf, dem Vaterland in seiner Ge- 
fahr zu Hilfe zu eilen. Bewaffnete Bataillons zogen 
unter dem Tone der Pfeifen und Trommeln durch die 
Strassen. Die Kirchen waren mit Freiwilligen ange- 
füllt, die den Gott ihrer Väter anrufen wollten, bevor 
sie in die Schlacht zogen. Ueberall wurden die krie- 
gerischen Gesänge von religiösen Liedern übertönt; 
Väter, Mütter, Schwestern gaben den jungen Freiwil- 
ligen das Geleite und sprachen ihnen Muth zu. Man 
drückte sich die Hände, man weinte, man umarmte sich, 



330 



man hob die Hände zum Himmel. Es war die Gluth 
eines Kreuzzuges! 

Sehr aufgeregt kam ich nach Hause. Als Pariser 
habe ich mitten unter Aufständen gelebt und bin im 
Bürgerkrieg aufgewachsen; das sind Erinnerungen, die 
mich traurig stimmen; aber hier in diesem Ausmarsch 
an die Grenzen, in diesem Enthusiasmus, der ein gan- 
zes Volk zum Heer trieb, lag etwas so edles und gross- 
artiges, dass ich mich begeistert fühlte. Selbst die Ge- 
fahr, der Alfred und Henri entgegengingen, erschreckte 
mich nicht; eine geheime Stimme trieb mich an, mit 
ihnen zu ziehen. Hatte nicht auch ich ein Haus und 
eine Familie zu vertheidigen? War nicht Amerika, 
wo ich diese theuren Güter besass, mein Vaterland? 

Vor meinem Hause fand ich ein ganzes Zuaven- 
regiment, das aus Freiwilligen des Stadtviertels gebil- 
det war. Man hatie den alten Oberst Saint-John auf 
ein weisses Pferd gehoben; der tapfere Veteran ver- 
gass seine Gicht und seine Wunden, um die jungen 
Leute ins Gefecht zu führen. Neben dem Oberst mar- 
schirte Rose in Hauptmannsuniform, begleitet von sei- 
nen acht Söhnen und vier hübschen jungen Leuten, 
Söhnen von Green. Fox, der Lieutenant geworden 
war, stand perorirend und gestikulirend inmitten einer 
Gruppe; er athmete Blut und Mord. Sein hoher Hemd- 
kragen und seine Tabaksdose passten wohl nicht recht 
zu seiner Uniform und würden mich bei einer anderen 
Gelegenheit zum Lachen gereizt haben. Aber er sprach 
mit so viel Feuer, dass ich ihn wirklich kriegerisch 
aussehend fand. Das war etwas anderes, als hand- 
werksmässige Soldaten. Das waren Bürger, die ent- 
schlossen waren, für ihr Vaterland zu sterben. 

— Nachbar, sagte Rose zu mir, wir zählen auf 



331 



Sie; wir Alten müssen mit dem Beispiel vorangehen. 
Wir brauchen einen Arzt für unser Zuavenregiment, 
Sie sind einstimmig gewählt worden, es fehlt uns nur 
noch Ihre Zustimmung. 

— Ich gebe sie, rief ich; ja, ihr lieben Freunde, 
ich ziehe mit euch ; wir wollen über unsere Kinder 
wachen und im Nothfall mit ihnen kämpfen. Es lebe 
die Union! Es lebe das Vaterland! 

Dieser Ausruf wurde in allen Reihen wiederholt, 
vermischt mit dem Rufe: Es lebe Daniel! Es lebe 
der Major! Ich fühlte mich bis ins Innerste meines 
Herzens gerührt durch den Zuruf dieser tapferen Ju- 
gend ; erhobenen Hauptes und mit glänzendem Blicke 
betrat ich mein Haus. Ein neues Leben eröffnete sich 
vor mir, ich war glücklich. 

Jenny fiel mir weinend um den Hals, aber sie 
machte nicht den leisesten Versuch, meinen Muth zu 
erschüttern. Es schien ihr natürlich, dass der Vater 
den Sohn begleitete und dass die Frauen allein zu 
Hause blieben. Ebenso entschlossen war Susanne, nur 
an ihrer Blässe konnte man sehen, wie tief sie erregt 
war; ihre Lippen beteten, ihre Augen blickten zum 
Himmel, aber sie sprach kein Wort, das Alfred hätte 
aus der Fassung bringen können und schien nur mit 
den Vorbereitungen zu unserer Abreise beschäftigt. 
Theure Frauen ! Auch sie begriffen ihre Pflicht und 
liebten ihr Vaterland! 

Einige Stunden genügten , mir eine passende Uni- 
form zu schaffen. Rose machte mir ein vortreffliches 
Besteck zum Geschenk, ich kaufte Revolver, einen Sä- 
bel, ein Pferd, um drei Uhr war ich fertig; wir zogen 
noch am Abend ab. 

Bis jetzt hatte ich kaum nachgedacht, die franzö- 



332 



sische Leidenschaftlichkeit hatte mich fortgerissen. Aber 
im Augenblick, wo ich das Haus verlassen sollte, in 
dem ich so glückliche und so wohlangewendete Tage 
zugebracht hatte, empfand ich eine mir unerklärliche 
Traurigkeit- ich ahnte, dass ich von meinem Zuge 
nicht wiederkehren würde. Und wenn ich wiederkehrte, 
würde ich dann wohl meinen Henri mit mir führen 
und Alfred, den ich wie meinen Sohn zu lieben be- 
gann ? 

Ich suchte eben diese trüben Gedanken abzuschüt- 
teln, die, so oft ich sie verjagte, stets aufs neue auf 
mich einstürmten , da trat der alte Oberst bei mir ein. 
Sein Anblick that mir wohl; er war einer jener tapfe- 
ren Soldaten, die ihr eigenes Blut opfern, um das An- 
derer zu schonen; wir konnten keinen ehrenwertheren 
und zuverlässigeren Führer bekommen. 

— Oberst, sagte ich zu ihm, nachdem ich seine 
Glückwünsche entgegengenommen hatte, wir sind jetzt 
beide allein, lassen Sie mich offen mit Ihnen sprechen. 
Was ist eigentlich, unter uns, Ihre Ansicht über den 
Werth dieses neuen Aufgebots? Es ist etwas Schönes 
um den Enthusiasmus, aber was bedeutet das gegen 
Uebung und Disciplin? Ungeachtet des Muthes dieser 
braven jungen Leute sind es doch nur Bataillons, die 
sich beim ersten Feuer auflösen werden. 

— Geduld, Major, antwortete der Veteran. Ich 
bin weniger streng als Sie und habe doch mein ganzes 
Leben lang Krieg geführt. Ein Aufenthalt von zwei 
Monaten hinter den Wällen von Washington wird diese 
Freiwilligen in Soldaten verwandeln. Die Disciplin ist 
ohne Zweifel viel werth, aber sie ist am Ende etwas, 
was auch für den Dümmsten erreichbar ist. Das Herz 
dagegen, die Ueberzeugung, die Vaterlandsliebe, kann 



333 



man Niemanden beibringen. Und doch ruht gerade 
darin der Schwerpunkt, was auch die Säbelhelden be- 
haupten mögen. Zur Führung des Bajonnets gehört 
ein geschickter und kräftiger Arm; aber die Seele gibt 
diesem Arm Kraft. Einige Jahre Krieg und Leiden 
reichen hin, um ein Volk militärisch auszubilden und 
mit jedem Feinde auf gleiche Stufe zu stellen. Dann 
handelt es sich nur noch um die sittliche Energie, sie 
gibt den Ausschlag, und darum sind Bürgerheere die 
besten. 

— Entschuldigen Sie, Oberst; ich glaubte stets, 
dass gegen alte Soldaten nichts aufkommen könne. 

— Irrthum , entgegnete Saint-John. Bei einer Re- 
vue oder einer Parade ist es möglich, im Krieg ver- 
hält es sich anders. Einen guten Stamm von Unter- 
offizieren, junge Soldaten und alte Generäle, weiter 
braucht man nichts. Nur die Jugend vermag es, ohne 
Klagen zu marschiren, ohne Murren zu gehorchen, er- 
hobenen Hauptes der Gefahr zu trotzen, lächelnd in 
den Tod zu gehen. Je verständiger, frömmer und pa- 
triotischer diese Jugend ist, um so mehr darf man auf 
sie zählen. Im alten Europa hat man andere Anschau- 
ungen; dort drüben regieren noch das Vorurtheil und 
die brutale Verehrung der rohen Gewalt. Uns hier 
hat die Civilisation aufgeklärt. Ohne Zweifel wird der 
Sieg stets dem Feldherrn zufallen, der im entscheiden- 
den Moment auf einen bestimmten Punkt die stärkere 
Truppenmacht wirft. Aber unter gleichen Bedingungen 
ist ein junger und patriotischer Soldat mehr werth als 
ein im Handwerk ergrauter Söldner. Betrachten Sie 
nur den Krimkrieg; sicherlich haben sich die russischen 
und englischen Veteranen vortrefflich geschlagen, aber 
wem anders gebührt die Krone, als den französischen 



334 



Rekruten, diesen heldenmüthigen Kindern, die für ei- 
nen Tag vom Pfluge weggenommen werden, die ge- 
stern noch Bauern waren, und morgen wieder Bürger 
sind? Das ist unser Vorbild, und das wollen wir auch 
mit unseren jungen Amerikanern leisten. 

— Aber ihr habt keine Generäle, erwiderte ich; 
euer Land ist ein friedliches Land, das bis jetzt mehr 
Farmer und Kaufleute als Cäsare erzeugt hat. 

— Seien Sie ruhig, antwortete der Oberst, Sie sol- 
len Generäle haben, mehr als Sie wollen. Der Krieg 
ist wie die Jagd ein sehr einfaches Handwerk, in dem 
sich mancher vom ersten Tage an auszeichnet. So 
mancher ist heute noch Schmied, Mechaniker, Advo- 
kat oder Arzt, der morgen im Felde als General er- 
wacht. Blicken Sie in die Geschichte; es gibt unfrucht- 
bare Zeiten, wo Wissenschaft, Kunst, Industrie wie 
ausgestorben sind; aber zu keiner Zeit hat es an Sol- 
daten gefehlt. Der angeborene Sinn für Jagd und 
Kampf liegt tief im Menschen; der Friede unterdrückt 
ihn, zerstört ihn aber nicht. Mag der Krieg kommen, er 
wird uns Helden schaffen; gebe nur der Himmel, dass 
das Volk sie alsdann nach ihrem wahren Werth beur- 
theilt und ihnen nicht die Freiheit opfert! 

— Wahrhaftig, Oberst, erwiderte ich, Sie sprechen 
mit geringer Achtung vom Krieg. 

— Weil ich ihn aus Erfahrung kenne, versetzte er 
traurig; ich weiss, was dieses blutige Spielwerk ist. 
Wenn Schönredner, die ruhig hinter ihrem Ofen sitzen, 
sich ein Vergnügen daraus machen, die Gefechte und 
den Ruhm zu feiern, so kann ich über solche Verkehrt- 
heit nur die Achsel zucken. Der Krieg ist die schreck- 
lichste Geissei, der Feind der Arbeit und der Freiheit, 
der Ruin der Civilisation. Wehe denen, deren Ehrgeiz 



335 



diese furchtbare Pest über die Erde bringt, aber drei- 
facher Flach denen, die die verruchte Hand an das 
eigene Vaterland legen! Mit Gottes Hilfe werden wir 
sie ihr Verbrechen schwer büssen lassen; der Krieg ist 
zugleich die Züchtigung des Hochrnuths und der Thor- 
heit, eine grausame Lehre, die man erst versteht, wenn 
es zu spät ist. 

Die Töne der Musik kündigten uns die Stunde des 
Aufbruchs an. Henri und Alfred an der Hand ging ich 
hinab. Jenny umarmte uns alle drei mit dem Müthe 
einer christlichen Gattin und Mutter. Susanne gab in 
wortloser Aufregung jedem von uus eine Bibel, die wir 
stets bei uns tragen sollten. Martha hatte sich auf eine 
prophetische Rede vorbereitet; aber beim ersten Worte 
gerieth das arme Mädchen in ein furchtbares Schluch- 
zen, nahm Henri wie ein Kind in ihre Arme und be- 
deckte ihn mit Thränen und Küssen. Ich drückte ihr 
die Hand, sie fiel mir um den Hals; halb erwürgt stieg 
ich zu Pferde. 

Im nämlichen Augenblick lief Zambo in einem lä- 
cherlichen Aufputz herbei, mit einem roth und blauen 
Gürtel, einem Federhut und einem Schleppsäbel. 

— Massa, schrie er, nehmen Sie mich mit, ich bin 
ein Tapferer. Meine Haut ist schwarz, aber mein Blut 
ist roth. Wenn sie mich* nicht vor dem Sieg tödten, 
werde ich sie alle erschlagen. 

Nicht ohne Mühe konnte ich des armen Burschen 
los werden. Ich trug ihm die verständigsten Gründe 
vor, um ihm die Lächerlichkeit seines Muthes zu be- 
weisen. Wenn man krause Haare hat, ist man nicht 
zum Schlagen , sondern zum Geschlagenwerden gebo- 
ren. Unnütze Mühe! Zambo hatte einen zu spitzen 
Gesichtswinkel, um für die grossen Entdeckungen un- 



336 



serer grossen Geister zugänglich zu sein. Der arme 
Teufel hielt sich für einen Menschen, Christen, Bürger, 
und trug dabei eine schwarze Haut! Das war Wahn- 
sinn! Ich war genöthigt, Drohungen anzuwenden, um 
ihn zur Rückkehr ins Haus zu bewegen, wohin er end- 
lich heulend flüchtete. Es war eben Zeit, diese trau- 
rige Komödie zu beendigen ; die Truppen waren auf- 
gestellt, die Trommeln wirbelten, der Aufbruch er- 
folgte. 

So lange ich mich in der Nähe meines Hauses 
wusste, wagte ich nicht umzublicken, ich wollte keine 
Thränen vergiessen, aber am Ende der Strasse wandte 
ich mich zurück; die drei Frauen schwangen ihre Ta- 
schentücher und sahen uns nach. Mein Herz schlug 
gewaltig. 

— Mein Gott! rief ich, deinem Schutze vertraue 
ich meine Lieben. — Zum ersten Male weinte und be- 
tete ich , und ich fühlte mich getröstet. 

Um vier Uhr wurden wir in Schlachtordnung auf 
dem Rathhausplatze aufgestellt. Green besichtigte uns 
und hielt eine patriotische Ansprache mit einer Wärme, 
die an Beredsamkeit streifte. Seine Stimme wurde 
durch unsere Zurufe übertäubt. Dann trat allgemeine 
Stille ein; Jeder sammelte sich. Ich allein vom gan- 
zen Regiment war vielleicht in lebhafter Aufregung. 
Sonderbar! ich sehnte mich darnach, ins Feuer zu 
kommen. In einem Augenblick der Ruhe ging ich la- 
chend, plaudernd, gestikulirend durch die Reihen mei- 
ner Kameraden; ich fand ein Wort für jeden Soldaten, 
ich scherzte mit denen, die erregt waren, ich ermu- 
thigte die, welche zu lächeln versuchten, ich versprach 
allen meine Hilfe für den Augenblick der Gefahr, ich 
hatte schon das Kanonenfieber. 



337 



Humbug, der sich auf dem Platz zu mir gesellte, 
betrachtete mich mit erstaunter Miene. 

— Doctor, was sind Sie für ein Mensch! sagte er 
seufzend zu mir. Ich bewundere Ihre gute Laune und 
Ihre Fröhlichkeit. Sie waren ein furchtsamer Bürger, 
jetzt sind Sie ein kühner Soldat. Sind Sie ein Irlän- 
der? Haben Sie in Ihren Adern das Blut 

Non paventis funera Galliae? 
Wir Angelsachsen bringen auf das Schlachtfeld auch 

Devota morti pectora liberae, 
aber wir besitzen weder dieses Feuer noch diese rit- 
terliche Anmuth. Fürwahr, wenn man Sie sieht, muss 
man den Kampf für ein Fest, die Gefahr für eine Lust 
halten. Sie könnten einem bei der grössten Abneigung 
Lust zum Sterben machen. 

Trommelwirbel verhinderte mich zu antworten; 
Humbug umarmte mich zärtlich und warf mir noch in 
lateinischen Versen sein ganzes Herz zu; einen Au- 
genblick später hatte ich meinen alten Freund für im- 
mer verloren. 

Der Abend war schön , der Mond war frühzeitig 
aufgegangen und beleuchtete in der Ferne eine weite 
Prairie, die von Pappeln begrenzt und mit Weiden be- 
setzt war; am Horizonte sah man die Silberwellen ei- 
nes Stroms. Es lag ein gewisser Reiz darin, sich von 
seinem Pferde ruhig forttragen zu lassen, und sich in- 
mitten dieser schönen Landschaft seinen Träumen hin- 
zugeben. Längere Zeit hatte ich mich diesem Vergnü- 
gen mit offenen Augen überlassen, als zwei Reiter ne- 
ben mir hielten. Ich erhob das Haupt und erkannte 
zu meiner grossen Ueberraschung den düsteren Brown 
und den liebenswürdigen Truth. 

— Was wollen Sie hier? rief ich. Was soll dieser 

22 



338 



grosse Hut, dieser gestreifte Ueberzieher, dieser Säbel 
an Ihrer Seite? Das ist weder ein kriegerisches, noch 
ein geistliches Costüm. 

— Doctor, erwiderte der Puritaner, der Krieg ist 
eine entsetzliche Krankheit, die Seele ist in nicht ge- 
ringerer Gefahr als der Leib. Sie pflegen den Leib, 
wir die Seele; wir sind Aerzte wie Sie. 

— Ich freue mich, Sie als Collegen zu begrüssen, 
antwortete ich; aber das Geschäft ist rauh. Für einen 
Chirurgen geht es noch an; das Mitleid ist ihm eine 
unbekannte Schwäche, das Herz muss schweigen, da- 
mit die Hand nicht zittert; aber Sie, Truth, wie wer- 
den Sie das Geschrei der Verwundeten, die Verzweif- 
lung der Sterbenden ertragen? 

— Es ist meine Pflicht, versetzte er; Gott wird 
mir Kraft verleihen, solange er meinen Dienst für nütz- 
lich oder nothwendig hält. Ich gehöre dem Herrn an. 

Der Marsch war nicht lang; um acht Uhr wurde 
Halt gemacht. Der Oberst hatte uns das Marschiren 
lehren wollen, und die Lehre war nicht unnütz; das 
Regiment sah aus wie eine Heerde versprengter Schaafe. 
Indess beglückwünschte der wackere Saint -John die 
Neulinge und gewöhnte sie allmählich daran, ihn wie 
einen Vater zu betrachten und auf ihn ihr volles Ver- 
trauen zu setzen. 

— Major, sagte er zu mir, lachen Sie nicht. Ehe 
ein Monat vergeht, werden wir den Preussen gleich- 
kommen. Wenn ein Mensch sich für einen Soldaten 
hält, so ist er es schon halb; Sie werden sehen, was 
ein Bürgerheer heisst. 

Mitten im Felde schlug man ein Bivouak auf. 
Feuer wurden angezündet, die Pferde an Pfähle ge- 
bunden und Jeder ass fröhlich von den Vorräthen, die 



339 



er mitgebracht hatte. Für die Rekruten war diese 
erste Mahlzeit unter freiem Himmel ein Fest; der Krieg 
hatte sie noch nicht mit der Sehnsucht nach Bequem- 
lichkeit und mit Heimweh erfüllt. 

Das Abendessen war rasch beendigt. Jetzt setzten 
sich die Soldaten , anstatt zu lachen und zu schreien, 
schweigend auf ihre Mäntel, um dem Geistlichen zu- 
zuhören. Unser Generalstab bildete einen Kreis, Truth 
trat vor uns, öffnete die Bibel und las, mit begeisterter 
Stimme das Loblied, das David sang, da ihn Gott aus 
der Hand seiner Feinde errettet hatte: 

„Der Herr ist mein Fels, meine Burg und mein Erretter. 

„Gott ist mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und 
„mein Heil. 

„Ich will den Herrn loben und anrufen, so werde ich von 
„meinen Feinden erlöset. 

„Denn wo ist ein Gott ohne den Herrn? Und wo ist ein 
„Hort ohne unsern Gott? 

„Er lehret meine Hände streiten und meinen Arm den eher- 
„nen Bogen spannen. 

„Ich will meinen Feinden nachjagen und sie vertilgen, und 
„will nicht umkehren , bis ich sie umgebracht habe. Ich will sie 
„umbringen und zerschmeissen , und sie sollen mir nicht wider- 
stehen, sie müssen unter meine Füsse fallen. 

„Sie rufen, aber da ist kein Helfer; sie rufen zum Herrn, 
„aber er antwortet ihnen nicht, 

„Ich will sie zerstossen wie Staub auf der Erde, wie Koth 
„auf der Gasse will ich sie verstäuben und zerstreuen. 

„Der Herr lebet und gelobet sei mein Hort, und Gott, der 
„Hort meines Heils, müsse erhoben werden." 

Während Truth diese schöne Dichtung vortrug, 
blickte ich um mich. Alle Offiziere hörten ihm betend 
zu, ihre Augen strahlten von gläubigem Enthusiasmus. 
Die letzten Flammen unserer Feuer, die dem Erlöschen - 

22* 



340 



nahe waren, erleuchteten diese edlen Gestalten und 
warfen einen geheimnissvollen Glanz auf sie. Ich glaubte 
mich ins siebzehnte Jahrhundert und in ein Lager von 
Rundköpfen versetzt. — Das ist also, dachte ich, das 
Volk, dem unsere Pariser Zeitungen jeden Patriotismus 
und jede Religion absprechen! Nein, der Militärdespo- 
tismus wird sich niemals in diesem hochherzigen Lande 
festsetzen; dieser Boden, den die Puritaner urbar ge- 
macht und bestellt haben, kann nur die Frucht der 
Freiheit tragen. 

Nach Beendigung der Vorlesung drückte ich Truth 
die Hand und benützte das Vorrecht meiner Stellung, 
um alle Abtheilungen zu besichtigen und meinen Sohn 
und Alfred aufzusuchen. Ich fand sie alle beide an 
der Erde liegend, in ihre Mäntel gewickelt und sich 
mit leiser Stimme unterhaltend. Von wem sprachen 
sie? Ich wusste es. 

— Kinder, sagte ich, wenn man Soldat ist, muss 
man seine Kräfte schonen, und Schlaf ist hiezu die 
erste Bedingung. Macht mir Platz zwischen euch und 
träumt mit geschlossenen Augen. 

Hierauf umarmte ich meine beiden Söhne zärtlich, 
schloss sorgfältig meinen Mantel, zog die Kapuze über 
das Gesicht und schlief so ruhig und leichten Herzens 
ein, wie wenn ich zu Hause gewesen wäre. Wer sich 
seinem Vaterlande hingibt, wem es vergönnt ist, sich 
für das zu opfern, was er liebt, dem wird die Anstreng- 
ung süss, für ihn hat selbst die Gefahr ihren Reiz. 



Achtundzwanzigstes Kapitel. 



Eine Lustreise. 

Mein friedlicher Schlaf wurde durch ein Traumge- 
sicht unterbrochen. Ein Mensch oder vielmehr ein Ge- 
spenst mit spöttischem Auge, mit gerunzelter Stirn 
hatte sich auf mich geworfen und drohte mich zu er- 
sticken. Ich erkannte Jonathan Dream; er allein besass 
diesen furchtbaren Blick. 

— Nun, Doctor, sagte er mit schneidender Stimme, 
die Probe ist gemacht, Sie bezweifeln jetzt den Magne- 
tismus und seine Wunder nicht mehr; Sie sind in acht 
Tagen ganz Yankee geworden. 

— Ja, ja, murmelte ich , und ich bin stolz darauf. 
Ich habe eine Frau und Kinder nach meinem Herzen; 
ich darf mein Vaterland lieben , der Freiheit dienen 
und sie schützen, ich bin mein eigener Herr, ich glaube 
an das Evangelium, ich bin glücklich; wenn es ein 
Traum ist, wecken Sie mich um Gottes willen nicht auf. 

— Bravo, rief die Stimme, ich bin gerächt. Jetzt 
auf den Weg nach Frankreich, nach Paris! 

Ich fühlte wie eine Hand meinen Mantel entfernte 
und unter meine Kapuze glitt. Ich sprang in die Höhe, 



342 



ich wollte rufen; vergebliche Anstrengung! ich war 
magnetisirt. Ein unsichtbarer Arm ergriff mich bei der 
einzigen Haarlocke } die auf meiner kahlen Stirn übrig 
geblieben war und führte mich mit rasender Geschwin- 
digkeit durch die Luft. 

Ich hatte mich von meiner leicht begreiflichen Auf- 
regung noch nicht erholt, als ich mich in der Luft 
schweben und wie ein Vogel übe^ meinem Hause krei- 
sen sah. Der Verräther hatte mir die Sprache genom- 
men und liess mich jetzt, indem er mich immer fest- 
hielt, bis an das Fenster meines Parlour hinabgleiten. 
In diesem theuern Orte sah ich meine Jenny, Susanne 
und Martha um einen Arbeitstisch versammelt, der 
armeZambo sass in einer Ecke am Boden und schluchzte. 
Susanne las mit unsicherer Stimme aus dem Evange- 
lium vor. Meine Frau und Martha zerschnitten Lein- 
wand und machten Charpie. 

Mein Herz rief und segnete sie. Sofort erhob Jenny 
ihren Kopf. 

— Susanne, sprach sie zitternd, mir ist es, wie 
wenn ich deinen Vater hörte; ich bin überzeugt, dass 
er in diesem Augenblick an uns denkt 

— Das ist eigentümlich, Mama, versetzte Susanne; 
ich habe das nämliche Gefühl. 

— Wirkung des Magnetismus, murmelte Jonathan 
mit unheimlichem Lachen. Was sagen Sie zu dieser 
Erfahrung, gelehrter Doctor? 

— Mein Gott, sagte Jenny, indem sie sich erhob, 
der du mir meinen Mann gegeben und mir befohlen 
hast, ihn zu lieben, beschütze ihn, ich flehe dich da- 
rum. Entferne die Gefahr und den Tod von seinem 
Haupte und dem meiner Kinder. Aber vor Allem, 
Herr, geschehe dein Wille, dein Name sei gelobt! 



343 



— Amen, sprach Susanne; Amen, wiederholte Mar- 
tha, und die drei Frauen brachen in Thränen aus, wäh- 
rend sich Zambo ein Taschentuch in den Mund stopfte, 
um sein Geheul zu ersticken. 

meine Lieben ! Ich öffnete meine Arme gegen 
euch, da fühlte ich mich zum zweiten Male in den lee- 
ren Raum geschleudert und von einer unwiderstehli- 
chen Gewalt davongetragen. In einem Augenblick war 
die grosse Stadt mit ihren schwankenden Lichtern ver- 
schwunden; nach der Stadt verschwanden die Wiesen, 
die Wälder, das Land, ich hörte nur das Pfeifen des 
Windes und das Seufzen der Wogen. Wie in der Tiefe 
eines Abgrundes sah ich die Wellen in den blassen 
Strahlen des Mondes zittern ; ich war zehntausend Fuss 
über dem Ozean. 

— Jetzt wollen wir uns unterhalten, sagte der 
grässliche Zauberer, der über mir schwebte wie ein 
Adler, der eine Taube in den Klauen hält. Doctor Le- 
febure, Sie haben das Wort; es wird mir Vergnügen 
machen, Ihre angenehme Unterhaltung geniessen zu 
können. 

— Ungeheuer, rief ich, wie lange soll ich noch 
dein Opfer sein? 

— Lieber Freund, antwortete er kichernd, Sie sind 
nicht sehr höflich. Es ist eine Grobheit, wenn man 
einen Menschen dutzen will, den man erst zweimal 
gesehen hat; in Ihrer Lage ist es überdiess eine Unge- 
schicklichkeit; denn ich brauchte nur die Finger zu 
öffnen, um Sie in die Wogen zu stürzen und ich glaube 
nicht, dass die französische Gendarmerie ungeachtet 
aller ihrer Wachsamkeit Ihnen hier viel helfen könnte. 
Seien Sie also artig und unterhalten Sie mich. Ich 
bin müde, ich habe viel Fluidum verloren, ich kann 



344 



nicht gut mehr als hundert Meilen in der Stunde ma- 
chen ; wir werden nicht vor morgen früh in Paris sein. 
Wir müssen also eine ganze Nacht zusammen leben ; 
das Wetter ist schön, der Weg angenehm, wir wollen 
uns freundschaftlich unterhalten. 

Was kann man in den Wolken plaudern als von 
Metaphysik? 

— Herr Jonathan, sagte ich und nahm meinen 
achtungsvollsten Ton an, glauben Sie an Gott? 

— Gott, antwortete er in lebhaftem Ton und wie 
wenn er einen eingelernten Spruch wiederholte, Gott 
ist ein altes Wort für die Personification der Idee. 

— Sprechen Sie französisch , wenn ich bitten darf, 
rief ich. 

— Meinethalben, sagte er, Gott ist die Idealisirung 
der Persönlichkeit. 

— Wenn das Ihr Französisch ist, Herr Zauberer, 
dann sprechen Sie lieber griechisch mit mir. 

— Gut, antwortete er artig, Gott ist die Kategorie 
des Ideals, nichts weiter. 

— Ich verstehe Sie nicht, erwiderte ich. 

— Weil Sie nicht Deutsch verstehen, antwortete 
er. Die Philosophie ist eine mystische Sprache, die 
nach Frankreich von jenseits des Rheins kommt. Ich 
habe berühmte Gelehrte gesehen, die diese Sprache 
zwanzig Jahre lang gesprochen haben, ohne etwas da- 
von zu verstehen, und die desshalb doch den grössten 
Beifall fanden. 

— Setzen Sie mir Ihr System auseinander, ver- 
setzte ich mit erzwungener Sanftmuth. Sie sind ein 
grosser Mann, ein Genie, und ich würde erfreut sein, 
mich in Ihrer Schule zu bilden. Haben Sie auch die 
Gefälligkeit, mich etwas weniger fest an den Haaren 



345 



zu ziehen , ich habe einen empfindlichen Kopf und ich 
bin überzeugt, dass Absalon, als er an einem Baum 
hing, wenig Lust hatte, zu philosophiren. 

— Ich bin ein Schüler von Spinoza, sagte Jona- 
than, aber ich bin weiter gegangen als mein Lehrer. 
Es gibt weder Materie, noch Geist in der Welt, es 
gibt nur eine Gesammtheit von organischen Kräften, 
die sich ins Unendliche scheiden; die Pflanze, das 
Thier, der Mensch sind eben so viele Formen dieser 
Lebenskraft, eben so viele Wasserblasen, die an der 
Oberfläche des Ozeans der Dinge aufsteigen und wie- 
der in die Tiefe sinken, um von neuem daraus hervor- 
zugehen. Das Leben und der Tod sind einfache Er- 
scheinungen ohne Wichtigkeit; das Individuum ver- 
schwindet, die Gattung dauert fort, und das ist die 
Hauptsache. Es liegt wenig daran, was das Rad zer- 
malmt, wenn es sich nur unaufhörlich dreht. Das ist 
mein System. Es lässt sich mit Allem vereinigen. 

— Und erklärt gar nichts, rief ich. Wer hat denn 
jene Kräfte geschaffen? 

— Woran denken Sie, Doctor? antwortete der Ma- 
gier. Schaffen, das wäre eine Störung jener allgemei- 
nen und vorherbestimmten Ordnung der Dinge; es 
hat niemals eine Schöpfung gegeben. An einen An- 
fang glauben, hiesse an einen Willen glauben; das 
würde das ganze System über den Haufen werfen. 

— Ich glaubte immer, entgegnete ich, man müsse 
die Systeme den beobachteten Thatsachen accomodiren? 

— Das ist ganz gut für die Physiker, wir dagegen 
accomodiren die Thatsachen den Systemen, wir sind 
Philosophen. 

— Das ist sehr sinnreich , erwiderte ich , aber lö- 



346 



sen Sie mir doch einen Zweifel; ich habe immer ge- 
glaubt, der Mensch sei nicht sehr alt auf der Erde. 

— Das ist auch meine Meinung, versetzte er; es 
ist höchstens zwölf bis fünfzehntausend Jahre, dass der 
Mensch aufgetreten ist, aber er ist kein Produkt einer 
Schöpfung. Die Natur .... 

— Was ist Natur, Herr Dream? 

— Ein anderer Name für die Universalkraft. 

— Was ist Universalkraft? 

— Ein anderer Name für die Natur. 

— Ich danke Ihnen für diese philosophische Er- 
klärung. 

— Die Natur, fuhr er fort, zeigt in bestimmten 
Epochen eine verdoppelte Energie, eine Art Fieber, in 
welchem sie einzelne Gattungen verbessert und nöti- 
genfalls umarbeitet. Auf diese Art ist allem Anschein 
nach der Mensch auf die Erde gekommen, als eine 
Abart vom Affen oder Hund. 

— Und die Sprache, und das Gewissen? rief ich. 

— Das bedeutet wenig, erwiderte er. Das hängt 
von einer einfachen physiologischen Veränderung ab. 
Durch etwas mehr Feinheit im Bau des Larynx ist aus 
einem thierischen Geschrei eine artikulirte Sprache ge- 
worden. Ein Gewissen ist nicht möglich ohne einen 
bestimmten Nervenapparat; folglich ist das Gewissen 
eine Sache des Nervenbaues. Eine Anhäufung der 
grauen Substanz, ein einfaches Naturspiel war hinrei- 
chend , den Herrn der Schöpfung zu erzeugen. 

— Ein armseliger Herr, wenn er nur das erste 
und boshafteste unter den Thieren ist. 

— Keineswegs, versetzte Jonathan; denn Dank 
seinem Nervenapparat hat er allgemeine Ideeen und 
das macht aus dem Menschen eine Gattung für sich. 



347 



Er ist das einzige Thier, das man mit Worten unter- 
halten und betrügen kann. Der Mensch sieht gewisse 
Thatsachen, die sich in regelmässiger Reihenfolge wie- 
derholen und die er Wahrheiten nennt; er ersinnt eine 
universelle Wahrheit, die alle besonderen Wahrheiten 
umfasst und unterstützt; er bemerkt einzelne schöne 
Gegenstände, und er denkt sich eine Schönheit aus, 
die das Muster und der Typus aller anderen ist. Das 
Ideal führt ihn irre und tröstet ihn; das heissen dann 
die guten Leute Gott. 

— Bravo, erwiderte ich, ich begreife jetzt allmäh- 
lich, was die Kategorie des Ideals ist. Die Seele ist 
ein Spiegel, der Bilder wiedergibt, die nicht existiren; 
oder wenn Sie wollen, der Mensch sieht sich selbst in 
diesem Vergrösserungsspiegel und wirft sich, ein neuer 
Narziss, vor diesem vergrösserten Bilde auf die Kniee. 

— Nicht übel für einen Neuling, sagte der Zau- 
berer. 

— Also gibt es auf dem Weltall kein höheres We- 
sen als den Menschen ? 

— Ganz richtiger Schluss, sagte Jonathan. 

— Wenn es also niemals Menschen auf der Erde 
gegeben hätte, so würde es keine Gottesidee gegeben 
haben und folglich würde Gott nicht existiren. 

— Bravissimo, erwiderte er, Sie werden ein Phi- 
losoph. 

— Nein, gewiss nicht, rief ich; ich weiss nicht, 
ob meine Anschauungsweise mit meiner sonderbaren 
Lage zusammenhängt; aber diese ganze Metaphysik 
scheint mir in der Luft an einem Haar zu hängen wie 
ich. Was ist jene Natur, die eine verdoppelte Energie 
zeigt? Nichts als ein Wort für das höchste Wesen, 
das in seiner Güte den Menschen und die Welt ge- 



348 



schaffen hat. Was sind jene Gewebeveränderungen, 
jene physiologischen Metamorphosen anderes als eine 
wohltönende Phrase, die das Unbekannte durch das 
Unmögliche zu erklären sucht? Was ist jene gewissen- 
lose und sittenlose Gewalt, die ein mit Gewissen und 
Sittlichkeit begabtes Geschöpf hervorbringt? Eine Chi- 
märe. Von meinem hohen Standpunkt aus beurtheilt 
man die Dinge auf eine ganz andere Weise, man fin- 
det sich nicht mit leeren Worten ab; die Naturgesetze, 
das heisst eine verständige Ordnung, eine beständige 
und fortwährende Schöpfung, offenbaren mir und rufen 
mir zu, dass ein allmächtiger und allgegenwärtiger 
Wille die Welt erhält und ihre Auflösung verhindert. 
Die Natur sehe ich nirgends, Gott fühle ich überall. 

— Bravo, dreifaches Bravo! sagte der Magier. 

— Also haben Sie mir vorhin nicht Ihr System 
dargelegt? versetzte ich hocherstaunt. 

— Dieses System ist das meinige, sagte er, denn 
ich habe es gestohlen; aber ich glaube nichts davon. 
Gestern auf der Fahrt durch Tübingen, wo ich einen 
guten Freund von mir, einen ehrlichen Theologen, der 
stets träumt, aufsuchen wollte, habe ich einen grossen 
Metaphysiker bemerkt, der vor lauter Studium über 
seinem Hegel eingeschlafen war. Ich habe ihm mit 
einem Schlage seine Pfeife, seine Brille und sein Sy- 
stem weggerafft; wenn er aufgewacht ist, wird er zum 
Sehen nur noch seine Augen und zum Nachdenken 
nur noch seinen Geist gefunden haben. 

— Der arme Mann! rief ich; was wird er denn 
mit diesen Werkzeugen, deren er sich niemals bedient 
hat, anfangen? 

— Bah! erwiderte der Zauberer, Sie kennen die 
deutschen Philosophen nicht. Das sind Seidenwürmer, 



349 



die in den Büchern leben; sie ziehen aus der ersten 
besten Scharteke einen Faden, mit dem sie sich in ein 
gutes System einspinnen , das für Licht und Lärm un- 
durchdringlich ist. Der gute Mann braucht blos einen 
neuen Cocon zu spinnen Die Wahrheit bedeutet nichts, 
die Logik Alles. Hegel ist todt, es lebe Schopenhauer! 
Es gibt immer einen König in diesem Reiche der 
Träumer. 

— Ihre Scherze sind grausam, rief ich. Man hält 
doch einen Menschen nicht zehntausend Fuss hoch in 
der Luft, um sich über ihn lustig zu machen. 

— Ihre Fragen sind impertinent, erwiderte er 
trocken. Wie können Sie einen Geisterseher fragen, 
ob er an Gott glaubt? Wir allein wissen, was die 
Seele ist, wir allein haben den Beweis ihrer Unsterb- 
lichkeit in den Händen. 

— Was ist denn die Seele? fragte ich ungeduldig. 

— Sie ist eine magnetische Kraft, antwortete Jo- 
nathan. Diese Nomade, die Gott geschaffen und mit 
Bewusstsein ausgestattet hat, bildet sich selbst eine 
Hülle, wie das Getreidekorn, das man in die Erde 
streut, Wurzeln, Halme und Aehren ansetzt. Wenn 
der Körper alt ist, wirft die Seele in unvergänglicher 
Jugend und Thätigkeit nur eine abgenutzte Hülle ab 
und entfliegt in eine bessere Welt, um eine neue Form 
für ihre unsterbliche Kraft zu suchen. Sehen Sie die 
Körper, die im Welträume strahlen, Jupiter, Saturn, 
Sirius! Es sind eben so viele Sphären, die von Gei- 
stern bewohnt werden, die sich zu ihnen emporge- 
schwungen haben. Die unendliche Leiter der Schöpfung 
hinaufsteigen, uns Gott stets nähern, ohne ihn je zu 
erreichen, das ist unsere ruhmreiche Bestimmung. Der 
Tod ist nur ein Uebergang zu einem intensiveren Le- 



350 



ben. Nichts, kein Sonnenstäubchen geht hienieden ver- 
loren; warum sollte also das Bewusstsein erlöschen? 
Ist Gott etwa ein launischer Künstler, der das Meister- 
werk seiner Grösse und Güte selbst zerstört? 

— Mein Herr, rief ich, diese Worte sind schön und 
gehen mir zu Herzen; aber geben Sie mir doch den 
Beweis, den Beweis, den die Menschheit seit sechstau- 
send Jahren verlangt. 

— Nichts leichter, versetzte Jonathan, wir wollen 
zum Sirius fliegen, der dort oben über unseren Häup- 
tern glänzt; dort werden Sie eine der Stationen sehen, 
die Sie eines Tags bewohnen werden. Vor noch nicht 
langer Zeit habe ich Washington dort besucht. 

Das Anerbieten war wohl geeignet, meine Neugier 
zu reizen; aber der verdammte Zauberer hatte schon 
sein Spiel mit mir getrieben und ich traute seiner Zau- 
berei nicht mehr. Aus Furcht vor den Anstrengungen 
einer neuen Reise lehnte ich ab. Ich hatte Unrecht, 
ich werde vielleicht keine solche Gelegenheit wieder- 
finden. 

— Werden wir bald angelangt sein? fragte ich Jo- 
nathan. 

— Diese Frage ist nicht sehr liebenswürdig, erwi- 
derte er. Blicken Sie hinab; stehen Sie nicht ein klei- 
nes Licht auf der See? das ist die Signallaterne der 
Arabia , die Boston an dem Tage verliess, wo ich Sie 
nach Amerika gebracht habe; sie ist jetzt halbwegs 
von Europa; wir haben also noch sechshundert Meilen 
oder sechs Stunden Wegs zu machen. 

Ich seufzte und schwieg. 

— Lieber Freund, sagte der verhasste Magier, Sie 
sind sehr widerwärtig. Wenn Sie das Streiten nicht 
lieben, wenn die Metaphysik Ihre Nerven angreift, so 



351 



wählen Sie irgend einen gewöhnlichen Gegenstand, 
über den wir uns leichter verständigen können. Spre- 
chen wir von Politik! 

— Was denken Sie von der Sklaverei? rief ich; 
was denken Sie von dem Bruderkrieg, der die verei- 
nigten Staaten zerreisst? Ueber diesen Punkt sind alle 
ehrlichen Leute einer Meinung; ich nehme an, dass 
Sie den Despotismus verabscheuen und die Sklaverei 
hassen, da Sie als Geisterseher ohne Zweifel eine un- 
sterbliche Seele achten ohne Rücksicht auf die Farbe 
der Haut, die sie bedeckt. 

— Schön, das ist eine ganz friedliche Frage, er- 
widerte er, aber sie ist delikater als Sie glauben. Nicht 
die Gesetze entscheiden darüber, ob ein Mensch herr- 
schen oder gehorchen soll. 

— Was denn? 

— Das magnetische Fluidum , antwortete er mit 
unerträglicher Ruhe. Was die Philosophen Willens- 
kraft, Energie, Macht nennen, ist nichts anderes als 
das Fluidum, aus dem unsere Seele besteht. Das Quan- 
tum ist für jeden verschieden und ungleich. Die Frau 
ist zum Beispiel ein magnetischeres Wesen als der 
Mann; darum sehen Sie, dass in den meisten Haushal- 
tungen , was auch die Gesetze darüber verordnen mö- 
gen, der Mann gehorcht. Die Kinder, die das Gesetz 
gleichfalls ihren Eltern unterwirft, sind Haustyrannen, 
die ihre Launen zum Gesetz für das ganze Haus und 
ihre Mutter zur Sklavin machen. Warum? Weil sie 
sehr viel Fluidum besitzen. Greise dagegen haben bei 
ihrem kühlen Temperament keinen Einfluss mehr auf 
ihre Umgebung. Verliebte . . . 

— Um Gottes Willen, versetzte ich gähnend; wir 



352 



wollen von Politik sprechen, nicht von Naturwissen- 
schaften. 

— Geduld, erwiderte Jonathan in scherzendem Ton. 
Wenn es erwiesen ist, dass die Neger weniger Flui- 
dum besitzen, als die Weissen, so ist die Frage ent- 
schieden, die Sklaverei ist erlaubt. 

— Mein Herr, entgegnete ich, Ihre Paradoxen lang- 
weilen mich. 

— Paradoxen! rief er. Sie sind kein Kind Ihrer 
Zeit, Doctor Rococo; lesen Sie die Schriften Ihrer gros- 
sen Historiker und Politiker und studiren Sie die Racen- 
frage, so werden Sie finden, dass heutzutage die Mo- 
ral nichts als Physiologie ist. 

Ich besitze von Natur eine grosse Sanftmuth , alle 
Welt weiss es, nur meine genauesten Freunde nicht, 
die wie gewöhnlich nur meine Fehler an mir sehen. 
Aber wer sich im Geist an meine Stelle versetzt, wird 
begreifen, dass mir die Geduld ausgehen konnte. Seit 
sechs Stunden an den Haaren hängen und sich durch 
einen Unbekannten wer weiss wohin schleppen lassen, 
war an und für sich schon so ärgerlich , dass er nicht 
noch obendrein in der Politik anderer Ansicht als ich 
zu sein brauchte. 

— Mein Herr, sagte ich trocken zu meinem Geg- 
ner, lassen Sie das Licht Ihres Geistes anderswo leuch- 
ten. Ich kann Sie leider nicht ersuchen, mich zu ver- 
lassen, aber ich erkläre Ihnen, dass ich Sie von jetzt 
an nicht mehr anhöre. 

— Wie wollen Sie das anfangen? versetzte er mit 
spöttischem Tone. 

— Jedes weitere Wort, rief ich, ist eine Belei- 
digung, für die Sie mir Rechenschaft geben müssen. 

— Ein Duell in diesen reinen Höhen, sagte der 



353 



Zauberer, das wäre originell; ich werde es überlegen, 
vorläufig werden Sie mich aber gern oder ungern an- 
hören müssen, ich glaube nicht, dass Sie meiner Ge- 
sellschaft los werden. 

— Sie wissen nicht, erwiderte ich zähneknirschend, 
wessen ein Franzose fähig ist. 

— Ich halte ihn jeder Thorheit für fähig, antwor- 
tete Jonathan, ausgenommen einer unmöglichen. 

— Unmöglich! rief ich, dieses Wort ist nicht fran- 
zösisch. 

Mit Blitzesschnelle zog ich eine Scheere aus mei- 
nem Besteck und durchschnitt die Haarlocke, die mich 
in der Hand dieses Elenden hielt. 

Augenblicklich begann ich zu fallen und drehte 
mich im Wirbel rechts und links, wie ein sinkender 
Papierdrache. Im ersten Augenblick überliess ich mich 
ganz der Freude über die wiedererlangte Freiheit und 
beunruhigte mich nicht weiter über meinen raschen 
Fall; aber meine Besinnung kehrte zurück, als ich das 
Rauschen der Wogen und das Pfeifen der Windstösse 
hörte. Es war zu spät; das Meer öffnete seinen Ab- 
grund, um mich aufzunehmen und spie mich weniger 
glücklich als den Propheten Jonas keuchend und er- 
starrt wieder auf die Oberfläche. Ich verlor den Muth 
nicht, ich begann mit verzweifeltem Eifer zu schwim- 
men. Eine Seereise von fünfhundert Meilen auf diese 
primitive Manier zurückzulegen war viel, aber konnte 
ich nicht vielleicht auf dieser Weltstrasse des Ozeans 
irgend einem Dampfschiffe begegnen? Jch blickte in 
die Ferne nach einem Lichte, aber ich sah nur Nacht. 
Plötzlich sah ich das grässliche Gespenst, um mich 
aufs neue fortzuschleppen, zu mir niedersteigen wie 

23 



354 



eine Schwalbe, die eine Mücke an der Oberfläche des 
Wassers fängt. 

— Doctor, rief er mir hohnlachend zu, ich hoffe, 
dass das Bad Ihr Blut abgekühlt hat; wir wollen un- 
sere Unterhaltung da wieder aufnehmen, wo wir stehen 
geblieben sind. 

— Eher sterben, als deine abscheulichen Sophis- 
men anhören, rief ich, schloss meine Faust und ver- 
setzte meinem Feind einen so furchtbaren Schlag, dass 
alle Knochen meiner Hand krachten. Vor Schmerz 
stiess ich einen lauten Schrei aus und .... 



Neunundzwaiizigstes Kapitel. 



Das kürzeste im Burh und das interessanteste für 
den Leser. 

. . . erwachte in meinem Bett. 



Dreissigstes Kapitel, 



Missliche Folgen einer Reise nach Amerika. 

Nachdem ich mich von dieser Gefahr oder von 
diesem Alp befreit hatte, brauchte ich einige Zeit, um 
mein volles Bewusstsein zu erlangen. Wo war ich? 
In welches Land hatte mich mein Henker geschleudert? 
Die Bettvorhänge waren geschlossen, ich zog sie zu- 
rück-, das Zimmer war düster und still, es herrschte 
die Ruhe und das Halbdunkel , mit dem man einen 
Kranken umgibt. Als sich meine Augen an die Dun- 
kelheit gewöhnt hatten, konnte ich um mich blicken. 
Ein Tisch, der mit unordentlich aufgehäuften Papieren, 
Büchern und Broschüren bedeckt war, ein Bücherge- 
stell, auf dem eine Masse gebundener und ungebunde- 
ner Bücher stand und lag, ein Haufe von Scharteken, 
der in Form einer schwankenden Pyramide von der 
Erde aufstieg und jeden Augenblick einzustürzen drohte, 
Alles war an seinem Platz; ich war in meinem alten 
Arbeitszimmer! Ich war in Paris in Frankreich und 
endlich von meinen Irrfahrten zurückgekehrt. Soll ich 
es gestehen? Diese Rückkehr zum Mittelpunkt der 

Civilisation machte mir nur ein sehr mittelmässiges 

90 * 



356 



Vergnügen; ich hatte Geschmack an der Freiheit ge- 
wonnen. 

Ich läutete, Jenny trat auf den Fussspitzen ein 
und fragte mit leiser Stimme, ob ich gerufen hätte. 

— Gewiss, liebes Kind, erwiderte ich; lasst mir 
vor Allem Licht ein, dieses Zimmer ist wie ein Grab. 

Jenny öffnete die Vorhänge ein wenig und rief 
Susannen herbei, die ganz leise den Kopf zur Thüre 
hereinstreckte und anhielt, um mich mit unruhiger 
Miene zu betrachten. 

— Nun, mein Fräulein, sagte ich heiter, umarmt 
man heute seinen Vater nicht? 

Anstatt sich in meine Arme zu werfen, näherte 
sie sich mir mit furchtsamem Schritt und ergriff wei- 
nend meine Hand. 

— Wie geht es dir, Papa? murmelte sie. 

— Sehr gut, mein Kind, abgesehen von der Er- 
müdung und Aufregung der Reise. 

— Ah! rief Susanne. — Ah! rief Jenny. 

In diesem Ausrufe lag ein so seltsamer Ausdruck, 
dass ich meine Tochter und meine Frau der Reihe 
nach betrachtete. Sie schienen mir in hohem Grade be- 
stürzt. 

— Was habt ihr denn? fragte ich. Was habe ich 
denn gesagt, das euch erschrecken könnte? 

— Mein Freund , erwiderte Jenny , ich bitte dich, 
dich vollständig ruhig zu verhalten, wie es der Doctor 
Olybrius angeordnet hat. 

— Wer ist denn der Doctor Olybrius ? Doch nicht 
etwa der Dummkopf, der ein dickes Buch geschrieben 
hat über das Fasten aus dem Gesichtspunkte der Gesimd- 
heitslehre und Schiff fahrtskunde? Was habe ich mit die- 
sem pfäffischen Pedanten zu schaffen? 



357 



— Daniel, versetzte meine Frau trocken, der Doc- 
tor Olybrius ist der Arzt, den Jedermann zu Rathe 
zieht. Er hat dir seit acht Tagen die Sorgfalt eines 
Collegen und eines Freundes erwiesen. 

— Seit acht Tagen! schrie ich, indem ich mich 
aufrecht setzte. Du träumst, liebes Kind. Wie hat mich 
dein Doctor in Paris behandeln können , während wir 
in Amerika waren? 

— Höre mich an, Daniel, sprach meine Frau mit 
erregter Stimme, höre mich ohne Unterbrechung an; 
es handelt sich dabei um deine Gesundheit und viel- 
leicht um dein Leben. Gestern, am Dienstag, waren 
es acht Tage, dass du in einem höchst beklagenswer- 
then Zustande nach Hause gekommen bist. Du hattest 
irgend einen Charlatan aufgesucht, und wenn ich dem 
Doctor glauben darf, so muss dir dieser Mensch einen 
Opium- oder Haschischtrank beigebracht haben, der 
dich unfehlbar hätte tödten müssen, wenn nicht deine 
kräftige Natur und vielleicht unsere Pflege dich geret- 
tet hätten. Die ganze Woche hast du in einer voll- 
ständigen Lethargie oder in einem grässlichen Delirium 
zugebracht. Du hast furchtbare Träume gehabt, die 
uns mehr als einmal für deinen Verstand fürchten Hes- 
sen. Heute hast du die Besinnung wieder erlangt, wie 
es der Doctor Olybrius voraussagte; dabei hat er aber 
zugleich bemerkt, dass diese Rückkehr zur Gesundheit 
die grösste Schonung erforderlich mache, d^ss du vor- 
aussichtlich einige Zeit brauchen würdest, um deine 
Träumereien abzuschütteln und dich wieder an das 
wirkliche Leben zu gewöhnen, und dass bei einer sol- 
chen Krisis Ruhe und Stillschweigen absolut notwen- 
dig seien. 

Jetzt war die Reihe an mir, meine Frau mit 



358 



Schrecken zu betrachten. Was war an dieser Fabel, 
die sie mit solcher Sicherheit vortrug? Ich war fest 
überzeugt, in Amerika gewesen zu sein; ein französi- 
sches Gehirn wäre nie im Stande gewesen, auch nur 
zu träumen, was ich gesehen hatte; ausserdem sind 
blosse Delirien zusammenhangslos und hinterlassen keine 
Erinnerung, Aber wenn Jenny in Frankreich geblie- 
ben war, während ich in Massachusetts lebte, wer war 
denn dann diese amerikanische Jenny, die ich so zärt- 
lich an mein Herz drückte? Hätte ich, ohne es zu 
wissen, zwei Frauen gehabt? Gab es zwei Susannen 
und zwei Henri, den einen in Paris in Frankreich, den 
anderen in Paris in Amerika? Hatte ich eine doppelte 
Existenz? Hatte ich eine Seele in einem doppelten 
Leib? Welcher Wirrwarr! Welches Chaos! 

— Verdammter Jonathan! murmelte ich, der Teu- 
fel soll dich holen und deine Geisterseherei dazu! Jetzt 
bin ich in einer schönen Verlegenheit! 

Plötzlich ging mir ein Licht auf; ich ärgerte mich, 
meine Frau auch nur einen Augenblick lang angehört 
zu haben. Hatte mir nicht Jonathan vorausgesagt, 
dass ich allein mein Gedächtniss behalten sollte, und 
dass meine Familie aus geborenen Yankees bestehen 
würde? Alles erklärte sich ,auf die natürlichste Weise; 
Jenny war der Spielball einer Einbildung. Wenn in 
meinem Hause Jemand träumte, so war es nicht ich, 
sondern meine Frau. 

Dieser einfache Gedankengang gab mir meinen 
Muth und zugleich meine Würde zurück. 

— Meine Liebe, sagte ich zu Jenny, traue dem 
Scheine nicht. Dein Olybrius ist ein Esel; ich bin nie- 
mals krank gewesen. Der Beweis dafür ist, dass ich 
nur fünfundsiebzig Pulsschläge in der Minute habe, 



359 



dass ich vor Hunger fast sterbe und dass ich mit dei- 
ner Erlaubniss jetzt aufstehen und frühstücken will. 

Statt jeder Antwort brach meine Frau in Thränen 
aus. Das ist eine Art der Argumentation, die Aristo- 
teles mit Unrecht vergessen hat; sie spielt in der Rhe- 
torik der Haushaltungen eine bedeutende Rolle; ein so 
behandelter Mann ist schon halb verloren. 

Als gut erzogene Tochter suchte Susanne natürlich 
ihre Mutter noch zu übertreffen; sie hing sich an mei- 
nen Hals und rief schluchzend: 

— Papa, guter Papa, mache uns keinen Kummer! 
erwarte wenigstens den Doctor. 

— Ich werde ihn ausser Bett und nicht nüchtern 
erwarten, antwortete ich; übrigens, meine Kinder, will 
ich euch nicht betrüben. Ich bin Arzt und gebe euch 
mein Ehrenwort, dass ich mich sehr wohl befinde; 
wenn meine Versicherung euch nicht genügt, so lasst 
den Nachbar Rose heraufkommen , er ist auch Doctor 
und wird euch bald beruhigt haben. 

Der Vergleichsvorschlag wurde angenommen und 
Rose sofort herbeigerufen. Er trat mit einer so linki- 
schen und feierlichen Miene ein, dass ich ihm ins Ge- 
sicht lachen musste. 

— Guten Morgen, alter Freund, rief ich und reichte 
ihm meine Hand. 

— Sie erweisen mir zu viel Ehre, Herr Doctor, 
antwortete er und setzte sich in meinen grossen Lehn- 
stuhl. 

— Haben Sie die Gefälligkeit, meinen Puls zu füh- 
len und diesen Damen zu sagen, ob ich mich nicht 
vollkommen wohl befinde. 

Er ergriff meinen Arm, zählte ernsthaft die Schläge 



360 



der Pulsader und wandte sich dann mit erstaunter 
Miene zu Jenny, indem er sprach: 

— Wenn ich eine Meinung haben dürfte, so würde 
ich mir erlauben, zu bemerken, dass dieser Puls durch- 
aus nichts ungewöhnliches zeigt. Er ist regelmässig, 
sogar ein wenig schwach, wie bei einem Menschen, 
der nichts gegessen hat. Die Gefahr ist vorüber, so 
weit überhaupt eine Gefahr bestanden hat, was ich 
nicht zu behaupten wage. Ich glaube, setzte er hinzu, 
indem sich sein Gesicht aufheiterte, dass ein kaltes 
Huhn und eine Flasche alter Bordeaux angezeigt wäre; 
das ist eine Verordnung, die sich der Herr Doctor, ob 
krank oder nicht, wohl gefallen lassen kann. 

Die beiden Frauen verliessen das Zimmer, um für 
mein Frühstück zu sorgen; Rose erhob sich, näherte 
sich mir und legte den Finger geheimnissvoll auf den 
Mund. 

— Nicht wahr, Doctor, sagte er ganz leise, Sie 
werden von jetzt an nicht mehr mit Opiaten spielen? 

— Tu quoque? rief ich. Mein Lieber, das Opium 
hat mit dieser Angelegenheit gar nichts zu schaffen ; 
ich bin einfach magnetisirt worden. 

— Schön, erwiderte er, Sie, Doctor, ein Mensch 
von gesundem Verstand, ein vorurtheilsfreier Kopf, 
glauben an den Magnetismus, dem doch die Akademie 
der Medicin die Existenz abspricht? 

— Er ist mir zu augenscheinlich bewiesen worden, 
als dass ich ihn noch in Abrede stellen könnte, ant- 
wortete ich seufzend. Sie sehen in mir ein Opfer die- 
ser beklagenswerthen Entdeckung. Ich bin nach 
Amerika versetzt worden. 

Bleich und sprachlos vor Entsetzen wich Rose von 
mir zurück. 



361 



— Ja, versetzte ich, ich bin nach Amerika versetzt 
worden, ich, mein Haus und unsere ganze Strasse. Ich 
habe Sie dprt auch gesehen, lieber Rose; Sie waren 
ein Patriot, ein tapferer Mann und ein Zuavenhaupt- 
mann. 

— Schweigen Sie, sagte er, ums Himmels Willen 
schweigen Sie! Wenn Sie Jemand anders hörte, als ich! 

— Zweifeln Sie an meinen Worten? erwiderte ich-, 
wollen Sie Beweise? 

— Gott behüte mich davor, Ihnen zu widerspre- 
chen! rief der Apotheker; wir haben zusammen in den 
Reihen der Nationalgarde gedient, ich halte Sie für 
einen Ehrenmann, und es würde mir unlieb sein, wenn 
Ihnen etwas Schlimmes zustossen sollte. Hören Sie 
also den Rath, den mir meine Hochachtung für Sie 
eingibt. Seien Sie klug, seien Sie vorsichtig! Sie sind 
in Amerika gewesen, meinethalben; Sie sagen es, ich 
glaube es; aber in Ihrem Hause glaubt Alles das Ge- 
gentheil Sie stehen mit Ihrer Meinung ganz allein. 
Nun, Sie kennen das Sprichwort: 

Quand tont le monde a tort , tont le monde a raison. 
Wenn Sie darauf beharren, von dieser magnetischen 
Reise zu sprechen, so fürchte ich, die Ungläubigen 
werden sich in ihrer Weise an Ihnen rächen und 
Sie für einen Mann ausgeben, der . . . 

Er hielt inne, legte einen Finger auf seine Stirn, 
schüttelte den Kopf und sah mich mit einem Ausdruck 
des Bedauerns an. 

— Was? rief ich, glauben Sie etwa, dass ich ver- 
rückt bin? 

— Nein, gewiss nicht; ich weiss schon, woran ich 
mich zu halten habe, aber wer kann dem allzu raschen 
Urtheil Anderer Halt gebieten? Ihr Abenteuer ist so 



362 

ausserordentlich, dass es klug sein würde, wenn Sie 
das Geheimniss für sich behielten. 

— Herr Rose, antwortete ich, setzen Sie sich; wir 
wollen uns unterhalten, und Sie werden sehen, dass 
ich niemals bei gesünderem Verstände war. Wie be- 
finden sich Ihre neun Söhne? 

— Recht wohl, sagte er, ich danke Ihnen, sie sind 
jetzt alle untergebracht bis auf meinen Benjamin. 

— Alfred heisst er, nicht wahr? 

— Ja, erwiderte er lächelnd, ein hübscher junger 
Mann von vierundzwanzig Jahren. Es ist eine grosse 
Freude für einen Vater , wenn er endlich seine ganze 
Familie versorgt und gut versorgt sieht. 

— Was sind denn Ihre Söhne ? Erzählen Sie mir, 
lieber Nachbar, sprechen Sie, Ungläubiger, überzeugen 
Sie sich, dass ich an Geist und Herz jünger bin als 
mit zwanzig Jahren. 

— Der älteste, sprach er, ist der einzige, der mir 
Kummer gemacht hat, er war immer das Bild seiner 
verstorbenen Mutter. Eigensinnig, ehrgeizig, hatte er 
immer seine eigenen Ideeen, er wollte Niemanden nach- 
stehen, ich konnte nichts mit ihm anfangen. Ich habe 
mich daher auch darauf beschränken müssen, ihn in 
die polytechnische Schule zu stecken, die er mit Aus- 
zeichnung absolvirt hat. Er hätte einen hübschen Platz 
bei der Tabaksregie haben können, aber er ist wie ein 
durchgegangenes Pferd, das sich nicht zügeln lässt. Der 
Junge ist mit einigen Erfindungen im Sack in die Welt 
hinausgelaufen; er ist jetzt Director einer Fabrik und 
behauptet, dass er dabei reich wird. Gott gebe es! 
aber die Industrie ist ein unzuverlässiges Geschäft; erst 
wenn man todt ist, kann man wissen, ob man Glück 
gehabt hat. Ich habe immer Angst um dieses Kind 



363 



ausgestanden. Meine anderen Söhne dagegen, die ich 
nach meinem Wunsch erzogen habe , haben mir nur 
Freude gemacht. Sie haben eine gelehrte Erziehung 
erhalten, und Dank der geschickten Anwendung von 
Connexionen habe ich sie alle in der Verwaltung vor- 
wärts gebracht. Zwei habe ich beim Zollwesen, zwei 
andere bei der Centralsteuerverwaltung ; zwei sind 
schon Steuereinnehmer, der achte ist bei der Forstver- 
waltung; mein Alfred endlich ist Privatsekretär bei 
einem Präfekten und steht am Beginn einer grossen 
Laufbahn. Wenn ich einige Empfehlungen für ihn er- 
halte, so ist er, ehe zwei Jahre vergehen, Rath bei der 
Präfektur mit einem Gehalte von achtzehnhundert 
Franken. 

— Was? rief ich, Sie, Rose, ein Patriot, haben 
Ihre Kinder zu Bedienten gemacht, während Sie ihnen 
eine unabhängige Laufbahn eröffnen und sie zu Bür- 
gern erziehen konnten? 

— Doctor, antwortete der Apotheker, ich habe den 
Rath und das Beispiel von sehr gescheuten Leuten be- 
folgt. Wenn der Staatsdienst auch nicht glänzend ist, 
so ist er doch etwas sicheres. Man hat keine Sorgen, 
man braucht sich nicht zu plagen; wenn man ein klei- 
nes Vermögen hat, so spielt man ein wenig an der 
Börse, um sein Einkommen zu erhöhen; man versucht, 
eine Frau mit einer hübschen Mitgift zu bekommen, 
deren Eltern nicht gar zu jung sind; man lebt friedlich 
und beschliesst sein Leben in Müsse mit einem kleinen 
Ruhegehalt in irgend einer Provinzialstadt. 

— Das ist das Leben einer Auster. 

— Die Austern verhalten sich ruhig, versetzte er, 
und das ist die Hauptsache. Was haben Sie denn, 
wenn Sie Fabrikant oder Kaufmann oder Rheder sind? 



364 



Heute werden Sie von der Revolution zu Grunde ge- 
richtet und morgen vielleicht von einer starken Re- 
gierung, die Krieg anfängt, ohne Obacht zu rufen oder 
Jemanden darüber zu fragen» Und dabei mehren sich 
Steuern, die Handelskrisen und die Concurrenz mit 
jedem Jahr; Alles ist verschworen gegen die Geschäfts- 
leute. Unsere Gesellschaft ist dazu nicht geschaffen. 
Ein grosser Narr, wer ein solches Risiko auf sich 
nimmt, während er so leicht im Dienste seines Landes 
ein friedliches und ehrenvolles Leben führen könnte. 
Die Verwaltung ist Frankreich! Die Demokraten und 
die Missvergnügten mögen lärmen, so viel sie wollen; 
ich will meine Söhne lieber unter denen haben, die 
verzehren, als unter denen, die verzehrt werden. 

— Und um das zu erreichen, müssen Sie betteln 
und die Hand ausstrecken. 

— Ja, sagte er lachend, ich habe mir schon einige 
Demüthigungen gefallen lassen müssen. Königinnen 
zur rechten Hand, Königinnen zur linken Hand, Mini- 
ster und Kammerdiener, Alle habe ich angefleht, Allen 
geschmeichelt; aber ich habe mein Ziel erreicht, und 
das ist die Hauptsache. Machen Sie keine so grossen 
Augen, Doctor; ich habe es gemacht, wie Jedermann, 
und Sie werden es machen wie ich. Ich bin darum 
nicht weniger patriotisch und stets bei der Opposition; 
ich gehöre wie ganz Frankreich zum linken Centrum, 
und, unter uns, ich bin stolz darauf. Aber wenn die 
Zukunft meiner Kinder auf dem Spiele steht, so stecke 
ich meine Ansichten , die mir nichts helfen ? in die 
Tasche. 

— Um sie am Tag der Revolution wieder hervor- 
zuholen, nicht wahr? sagte ich ironisch. 

— - Ohne Zweifel, versetzte er freundlich. Man 



365 



dient einer Regierung, aber man gibt sich nicht für sie 
auf. Einer der grossen Vorzüge bei der Verwaltung 
ist es, dass ihr die Revolutionen immer nützen. Die 
Spitze fällt ab, die jungen Leute rücken nach; alle fünf- 
zehn Jahre gibt es eine Krisis; glücklich, wer die Ge- 
legenheit ergreifen und eine gute Nummer erwischen 
kann. 

— Sie sind ein Weiser, Herr Rose. 

— Ganz einfach ein verständiger Mensch, erwiderte 
er mit stolzer Bescheidenheit. Sehen Sie zum Beispiel 
meinen Alfred ; er hat ausgezeichnete Studien gemacht, 
er hat beim grossen Examen den Preis im französischen 
Vortrag bekommen. Wenn ich auf ihn gehört hätte, 
wäre er Advokat geworden, eine hübsche Laufbahn, 
aber langwierig, schwierig, mühsam, die für den Au- 
genblick zu nichts führt. Dagegen braucht der Junge 
bei seinem Geist, seinem feinen und artigen Benehmen 
nur zwei odet drei glückliche Chancen , um in zehn 
Jahren Unterpräfekt , in fünfzehn Jahren Präfekt und 
vielleicht Senator zu sein. 

— Ach, mein Gott, rief ich, hören Sie den Lärm 
in der Strasse? 

Rose lief an's Fenster. 

— Es ist nichts, sagte er, es ist nur ein Pferd ge- 
stürzt und ein Mann über den Kopf des Pferdes auf die 
Strasse gefallen. 

— Ich bin verloren; das kostet mich wieder fünf- 
hundert Dollars. 

— Was haben Sie denn , lieber Doctor ? sprach 
der Apotheker, der sich meinen Schrecken nicht zu 
erklären vermochte. Dass ein Unbekannter in der 
Strasse den Hals bricht, kann man alle Tage sehen; 



366 



was kann das Ihnen schaden? Das sind Strassenunfälle, 
für die man Niemanden verantwortlich machen kann. 

— Zum mindesten geht das eure Verwaltung an, 
sagte ich zu ihm, da ich inzwischen wieder zu mir 
kam und bedachte, dass ich nicht mehr in Amerika war, 

— Die Verwaltung ist niemals verantwortlich, ver- 
setzte Rose in heiterem Tone. Sie sorgt für uns auf 
unsere Rechnung und Gefahr. 

— Es muss doch ein Inspector da sein. 

— Ohne Zweifel, erwiderte er; aber der Inspector 
hängt vom Präfekten und der Präfekt von der Regie- 
rung ab, die ihrerseits wieder nur von Gott und von 
sich selber abhängt. Wie mein seliger Vater sagte, es 
gibt drei Arten von zufälliger Beschädigung , für die 
man keinen Ersatz erhält, Schiffbruch, Feuersbrunst, 
Handlung des Fürsten. Gegen den Schiffbruch und die 
Feuersbrunst hat man heutzutage die Versicherungen; 
aber gegen Handlungen des Fürsten bleibt uns immer 
nur, was unsre Ahnen schon hatten, die Resignation. 

— Auf diese Art, rief ich, verfährt man nicht in 

Rose sah mich an, ich biss mir auf die Lippen und 

schwieg. 

— Uebrigens, fuhr der Apotheker fort, werden Sie 
von diesem abscheulichen Pflaster, das seit zehn Jahren 
die Verzweiflung aller Kutscher ausmacht, bald befreit 
sein; im nächsten Monat werden Sie expropriirt. 

— Wie, ich expropriirt? 

— Sie wissen es noch nicht? versetzte er; das Ver- 
fahren ist seit acht Tagen im Gange. 

— Ich widersetze mich, ich ergreife Beschwerde. 

— Beschwerde, wozu? sagte er in väterlichem 
Tone. Mein lieber Nachbar, Sie kennen die Fabel vom 
eisernen Topf und vom irdenen Topf. Machen Sie kein 



367 



böses Gesicht, das ist nutzlos und manchmal schädlich; 
verständigen Sie sich mit der Verwaltung, sie wird 
Ihnen einen anständigen Preis für Ihr Haus zahlen, 
was wollen Sie mehr? 

— Ich will mich nicht aus meinem Vaterhause 
vertreiben lassen; die Zeitungen sind da, ich werde 
Lärm schlagen. 

— Die Zeitungen, sprach der Apotheker. Ich 
wollte, sie würden alle unterdrückt. Wozu nützen sie 
denn seit zehn Jahren? Früher, unter der vorigen Re- 
gierung, sagten sie wenigstens den Ministern die Mei- 
nung, das war unterhaltend; jetzt weiss ich nicht, was 
man ihnen für eine Krankheit eingeimpft hat, sie sind 
stumm wie Fische. Sie enthalten nur noch Anzeigen. 
Soll ich jährlich fünfzig Franken dafür zahlen, dass 
man mir ein Verzeichniss aller faulen Geschäfte ins 
Haus schickt, deren Vorzüge um fünf Franken per 
Zeile gerühmt werden? Wenn ich die Regierung wäre, 
würde ich alle Zeitungen verpflichten, die Wahrheit zu 
sagen: ausserdem genügt mir der Moniteur und selbst 
der ist überflüssig. 

— Sind Sie ein Liberaler? 

— Liberaler und Freimaurer bis in den Tod, er- 
widerte er und erhob die Hand mit groteskem Ernst. 
Seit vierzig Jahren hat sich mein politisches Glaubens- 
bekenntniss nicht um ein Jota geändert. Es lebe un- 
sere unsterbliche Revolution und das Kaiserreich, das 
die ruhmreichen Prinzipien von neunundachtzig bis nach 
Moskau getragen hat! Nieder mit den Aristokraten und 
den Emigranten! Nieder mit den Jesuiten, die die Ur- 
sache unseres ganzen Unglücks sind! Ich bin kein 
Feind der Religion, denn das Volk inuss sie haben; 
aber ich will eine patriotische und w^ohldenkende Geist- 



368 



lichkeit. Ich hasse das treulose Albion, ich verfluche 
den russischen Despotismus; ich will, dass Frankreich 
alle Unterdrückten befreit, die Polen, Ungarn, Wal- 
lachen, Serben, Griechen, Maroniten, Italiener und Ne- 
ger. Im Uebrigen liebe ich den Frieden und die Künste, 
und man wird mir niemals genug thun können für 
unsere grosse Nationalbühne, die Gomedie francaise, wo 
ich noch Talma im Sylla beklatscht habe: 

J'ai gouverne sans peur et fabdique sans crainte. 
Ich will eine starke und patriotische Regierung haben, 
die auf die ehrlichen Leute hört, und die Advokaten 
und Schwätzer zum Schweigen bringt. Ich verlange 
eine Armee, die Europa die Spitze, eine Marine, die 
England Trotz bieten kann, überall Kanäle, überall 
Eisenbahnen; ich verlange, d-ass die Regierung jedem 
Taglöhner Arbeit und Brod gibt. Dabei verlange ich 
ein kleines Budget und wenig Steuern. Ich will nicht, 
dass der Staat sich mit dem Schweiss des Volkes 
mäste. Das ist mein Glaubensbekenntniss; es ist das 
aller guten Franzosen. 

— Und die Freiheit? fragte ich; ich sehe nichts 
von ihr in Ihrem Programm. 

— Sie täuschen sich, versetzte er. Habe ich Ihnen 
nicht gesagt, dass ich eine energische Regierung ver- 
lange, eine Verwaltung, die jeden individuellen Wider- 
stand überwindet? Sobald die Staatsgewalt, über ihre 
wahren Interessen aufgeklärt, uns zwingen will, frei zu 
sein, werden wir auch die Freiheit haben und werden 
sie dem ganzen Erdball mittheilen. 

— Was verstehen Sie denn unter Freiheit? fragte 
ich ihn. 

— Nachbar, erwiderte er, das ist eine Frage, die 
recht beweist, wie sehr Sie bei gesundem Verstand 






369 



sind. Eine Masse von Einfaltspinseln schreien: Frei- 
heit! Freiheit! ohne die Schlinge zu sehen, die ihnen 
der Fanatismus und die Aristokratie stellen. Ich will 
keine falsche Freiheit, die nur dem Reichthum und 
dem Aberglauben ein Privileg gibt. Als Patriot, als 
Freund der Aufklärung will ich keine religiöse Freiheit, 
die nur den Pfaffen nützen würde. Wenn das Volk 
frei sein soll, muss man den Pfaffen einen Maulkorb 
anlegen. Ich will keine Freiheit der Vereine, die nur 
den Kapuzinern helfen würde ; ich will auch nicht, dass 
man unter dem Titel der christlichen Mildthätigkeit den 
Armen mit öffentlichen Almosen besticht und ihm ein 
vergiftetes Brod reicht. Ich will nichts wissen von der 
Freiheit des Unterrichts, die unsere Kinder nur den 
Jesuiten in die Hände liefern würde. Ich will nichts 
wissen von einer Freiheit der Departements, die uns 
wieder zur föderativen Selbstständigkeit der Provinzen 
führen würde; ich will keine Freiheit der Gemeinden, 
die nur den Despotismus des Gutsherrn und des Pfar- 
rers wieder ins Leben ruft und uns zu gesinnungs- 
losen Sclaven macht. Die Hand des Staates ist mehr 
werth als diese anarchischen Rechte, mit denen nur 
unruhige Köpfe, Aristokraten, Fanatiker und Heuchler 
Missbrauch treiben würden. Ich bin ein Freund des 
Volkes, es lebe die Gleichheit! 

Mit Entsetzen betrachtete ich diesen ehrlichen 
Böotier. Es war schauderhaft, wenn ich im Stillen 
daran dachte, dass ich mich vor meiner Reise nach 
Amerika auf der gleichen Stufe des Schwachsinns be- 
funden hatte! Auch mein Patriotismus kannte nur eine 
Gleichheit der Knechtschaft, auch für mich bestand die 
öffentliche Freiheit in der Zerstörung aller besonderen 
Freiheiten, wie wenn nach diesem Vernichtungsprocess 

24 



370 



etwas anderes übrig bliebe als der rohe Mechanismus 
der Verwaltung. Jonathan! Jonathan! verfluchter Zau- 
berer! Warum hast du mich zu einem Fremdling in 
meinem eigenen Lande gemacht, oder warum versetzest 
du nicht alle Franzosen auf acht Tage nach Amerika? 

— Nun, Nachbar, sagte der Apotheker, überrascht 
von meinem Schweigen, was halten Sie von meinen 
Grundsätzen? Bin ich ein Mann des Jahrhunderts, bin 
ich ein Patriot und Franzose vom alten Schlag? Sind 
das nicht die Lehren, die auch Sie stets vertreten 
haben? 

— Sie haben Recht, antwortete ich; aber ich ver- 
misse bei der Aufzählung jener Freiheiten, vor denen 
wir Angst haben, jene, die uns noch übrig bleiben. 

— Bah! erwiderte er, Sie scherzen; ist denn die 
Aufhebung der Gewerbebeschränkungen nichts? Und 
ist nicht das allgemeine Stimmrecht Alles? In der 
Stunde einer Wahl erkennt man die Menschen, die 
sich der Gewalt nicht verkaufen. Seit vierzig Jahren, 
ich kann mir diese Anerkennung nicht versagen, habe 
ich stets mit der Opposition gestimmt. Man kann mich 
brechen, aber ich lasse mich nicht beugen. 

— Vorläufig aber lassen Sie sich ohne Widerrede 
expropriiren ? 

— Unter uns, es ist mir unangenehm genug, ver- 
setzte der Apotheker. Aber was wollen Sie? ich bin 
ja doch blos ein einzelner. Als Bürger trotze ich je- 
dem Tyrannen, aber als einfacher Inhaber einer Ge- 
werbsconcession kann ich mich nicht mit der Verwal- 
tung, die ich jeden Tag brauche, auf schlechten Fuss 
setzen. Ueberdiess kommt auch das Prinzip in Betracht; 
das Privatinteresse muss dem allgemeinen Interesse 
nachstehen. Bedenken Sie nur, dass Ihr Haus, wenn 



371 



es erhalten bleiben sollte, die allgemeine Baulinie um 
zwei volle Centimeter überragen würde. Wer könnte 
einen solchen Verstoss gegen die Symmetrie aushalten? 
Wir Pariser werden alle mit einem feinen Augenmaass 
geboren. Jeder Vorübergehende würde durch eine sol- 
che Ungeheuerlichkeit beleidigt sein und sich gehörig 
über unseren Magistrat lustig machen. 

— Ja, erwiderte ich, das Recht bedeutet nichts, 
der rechte Winkel und die gerade Linie Alles. 

— Mein Herr, versetzte der Apotheker, sprechen 
Sie mir nicht übel von der geraden Linie; ich würde 
sonst eine schlechte Idee von Ihrer Aufklärung und 
Ihrem Geschmack erhalten. 

— Sie lieben also diesen kürzesten Weg von ei- 
nem Punkte zum anderen so sehr, dass Sie ihm ohne 
Bedauern Ihr Geschäft zum Opfer bringen würden? 

— Und ob ich ihn liebe? versetzte er; horchen Sie, 
Nachbar, ich werde Ihnen im Vertrauen eine Idee mit- 
theilen, von der Sie, wie alle meine Freunde, entzückt 
sein werden. 

— Ich lausche Ihren Worten, wie ein Mann, der 
nichts wünscht, als sich bekehren zu lassen. 

— Sie sehen, sprach er, was man aus Paris macht. 
Alte Häuser, alte Erinnerungen, alle diese Reste einer 
rohen Vergangenheit fallen täglich unter dem Hammer 
der Arbeiter und werden durch gerade Strassen und 
neu geschaffene Paläste ersetzt. Das ist prächtig; selbst 
ein Pariser findet sich hier nicht mehr zurecht. Ehe 
zehn Jahre vergehen, wird Paris eine ganz neue Stadt, 
das Theater, das Gasthaus, das Kaffeehaus der ganzen 
Welt sein. Nun gut! ich gehe von den nämlichen 
Ideeen aus und habe einen noch kühneren und schö- 
neren Plan ersonnen. Ich verlege ganz Frankreich nach 

24* 



372 



Paris; die Provinz verschwindet, es gibt keine Auver- 
gnaten, keine Gascogner, keine Savoyarden, es gibt 
selbst keine Franzosen mehr, wir werden Alle Pari- 
ser. — Die Aufgabe ist grossartig, fuhr er fort; es 
handelt sich um die Stärkung und Concentration der 
nationalen Einheit, die noch immer viel zu wünschen 
übrig lässt, aber das Mittel ist äusserst einfach. Ich 
verlängere den Boulevard Sebastopol auf der einen 
Seite bis Bayonne, auf der anderen bis Dünkirchen; 
ich führe die Rivolistrasse mit dem einen Ende bis 
Brest, mit dem anderen bis Nizza. Auf der ganzen 
Länge des Weges reisse ich Alles nieder, damit nichts 
die gerade Linie stört. Welche Perspective! Welche 
Aussicht! Und bedenken Sie, dass der Aufwand ganz 
unbedeutend ist. Die Expropriationen werden nicht 
viel kosten und der Mehrwerth der Bauplätze wird un- 
geheuer, weil man sich immer in Paris befindet. Alle 
Städte werden nur noch Vorstädte von Paris sein. Mit- 
ten auf der Strasse lege ich eine Eisenbahn an; auf 
beide Seiten kommen Häuser mit Arkaden, damit der 
Fussgänger weder vom Regen, noch vom Schmutz zu 
leiden hat; in entsprechenden Entfernungen lege ich 
Theater und allenthalben Kaffeehäuser an. Paris wird 
auf diese Art der Spazierweg der ganzen Menschheit. 
Das ist noch nicht Alles; ich rufe die Künste zu Hilfe, 
um meinen Bauten noch mehr Styl zu verleihen. An 
dem einen Ende jenes Boulevards von zweihundert Mei- 
len Länge, gegen Bayonne hin, errichte ich eine hun- 
dert und zwanzig Fuss hohe Bildsäule der Ruhmesgöt- 
tin, an dem anderen Ende, gegen Dünkirchen hin, 
eine Statue der Siegesgöttin; auf der Höhe der Rivoli- 
strasse bei Brest eine Gruppe von Kriegern, in der 
Tiefe bei Nizza Nymphen, welche Lorbeerkränze ver- 



373 



theilen. Im Mittelpunkte endlich, also in der Gegend 
von Bourges, baue ich eine Walhalla, ein riesenhaftes 
Pantheon. Eine Säule, oder vielmehr ein kolossaler 
Pfeiler aus übereinandergelegten Kanonen wird das 
Standbild einer Minerva mit Speer, Helm und Panzer 
bis in die Wolken erheben; das soll Frankreich dar- 
stellen als Königin der Civilisation, der Künste und des 
Friedens. Rund um die Säule lege ich eine weite Halle 
an, auf welcher Granaten und Haubitzen stehen; in 
das Innere stelle ich die Standbilder aller unserer na- 
tionalen Berühmtheiten: Duguesclin, Dunois, Conde, Tu- 
renne, Hoche, K16ber, Massena, Murat u. s. w.; oben 
darauf errichte ich allegorische Bildsäulen , jede fünf- 
undzwanzig Fuss hoch, auf der einen Seite den Krieg, 
der die Industrie und die Künste beschützt, auf der 
anderen die Eroberung, die die Freiheit ins Ausland 
trägt, in der Mitte das Glück und die Schönheit, wel- 
che die Tapferkeit krönen. Das wird edel, das wird 
grossartig, das wird eines jener patriotischen Denk- 
male, die ein ganzes Jahrhundert unsterblich machen 
und zwanzig Generationen begeistern. Die Unendlich- 
keit in der Einförmigkeit, welches Ideal! 

— Bei den Griechen, antwortete ich, bestand, wie 
ich glaube, das Wesen der Schönheit in der Verhält- 
nissmässigkeit und in der Verschiedenheit. 

— Die Franzosen sind keine Griechen, rief er; 
wir sind Romanen, uns gefällt nichts als das Enorme 
und Symmetrische, für uns ist nur das Riesige schön. 

Ich seufzte, senkte den Kopf und schwieg. 

— Nun, Doctor, jetzt sind Sie wieder in Ihr Still- 
schweigen versunken; was sagen Sie zu meinem Pro- 
ject*? 

— Ich sage, erwiderte ich achselzuckend, dass ich 



374 



aus einem Lande komme, wo man es sich zur Auf- 
gabe macht, Menschen zu erziehen, anstatt Steinhaufen 
umzuwerfen und Denkmäler zu erbauen. Hallen, Säu- 
len, Triumphbogen, Standbilder bilden am Horizont eine 
schöne Perspective; aber es gibt noch etwas schöneres, 
grösseres, etwas lebendiges, das auch in der engsten 
Strasse einen herrlichen Glanz verbreitet und aus der 
düstersten Hütte einen Palast macht, das ist die Frei- 
heit 

— Gut, versetzte er mit dem Tone eines beleidig- 
ten Erfinders, Sie fallen wieder ganz in Ihre vorigen 
Grillen; ich sehe, dass mein Bleiben unbescheiden wäre. 

Er erhob sich ; ich liess ihn gehen. Was ging 
mich dieser alte Narr an? Ich hörte, wie er im Salon 
mit meiner Frau sprach, und ich konnte den Namen 
01j 7 brius und die Worte unterscheiden: Beeilen Sie sich, 
es ist Zeit. — Was bedeuteten diese Worte? Ich be- 
kümmerte mich nicht darum, was sehr unrecht war; 
denn den Dummköpfen muss man immer misstrauen. 



Einunddreissigstes Kapitel. 



Eine Pariser Familie. 

Endlich erhob ich mich und machte Toilette, aber 
nicht, ohne mich wiederholt nach meinem kleinen Hause 
in Amerika zu sehnen. Kein Bad, wo ich meine mü- 
den Glieder erfrischen konnte, kein Feuer in meinem 
Zimmer, kein heisses Wasser; die Franzosen haben 
noch nicht begriffen, dass es die erste unter allen häus- 
lichen Freiheiten ist, wenn man Alles unter seinen 
Händen und keine fremde Hilfe nöthig hat. Ich rnusste 
ohne Unterlass läuten und bei jedem Glockenton trat 
ein Lakai von feierlichem und vornehmem Aussehen 
ein, der mich über seine weisse Halsbinde hinweg hoch- 
müthig betrachtete und mit mitleidiger Herablassung 
bediente. Wo warst du, armer Zambo? du warst 
linkisch und komisch, aber du liebtest mich doch. 

Beim Rasiren betrachtete ich mich im Spiegel und 
fand zu meinem lebhaften Vergnügen mein ehemaliges 
Gesicht wieder. Nicht als ob ich schön gewesen wäre, 
aber ich war einmal daran gewöhnt; nichts ist so stö- 
rend, als wenn man sich unter einer fremden Maske 
suchen muss. Im Speisesaal traf ich meine Frau und 



376 



meine Tochter, die mich mit schlecht verhehlter Un- 
ruhe erwarteten. Jenny gab sich den Anschein, als 
arbeite sie an einer Stickerei ; Susanne arbeitete gleich- 
falls und Hess von Zeit zu Zeit einen traurigen und 
furchtsamen Blick auf mich gleiten. Ich setzte mich 
zu Tische und frühstückte gleichwohl mit dem besten 
Appetit. Die Aufregung und das Wassertrinken der 
letzten acht Tage Messen mich ein französisches Früh- 
stück und meinen alten Bordeaux mit Entzücken ge- 
messen. Ich fand mein Vaterland wieder, mein Herz 
wurde warm, ich hatte dichterische Ideeen, was mir 
in Massachusetts niemals begegnet war. — Mein Va- 
terland! Ich liebe dich, wie ein Verliebter seine Ge- 
liebte, indem ich unaufhörlich mit dir zanke und dir 
doch jede Schönheit und jede Tugend wünsche. Mein 
theueres Frankreich! du bist mangelhaft erzogen, aber 
die Natur hat dich überreich ausgestattet. Nichts kommt 
der Milde deines Himmels, dem Reichthum deiner Ern- 
ten, der Schönheit deiner Früchte, dem Feuer deiner 
Weine gleich. Deine Söhne sind, wenn das Fieber 
der Revolution sie nicht bethört, höflich, liebenswür- 
dig, geistreich, und deine Töchter sind noch weit 
feiner als ihre Männer. Was fehlt dir also, um die 
glücklichste und edelste Nation der Welt zu sein? 
Nichts als jene Freiheit, über die du dich lustig machst 
und die du nicht kennst! 

— Woran denkst du, Susanne? sprach ich zu mei- 
ner Tochter, deren Schweigen mich befremdete; denn 
gewöhnlich zwitscherte sie wie ein Vogel. 

— An nichts , lieber Vater. 

— Wirklich? Mein kleiner Finger verräth mir, 
dass das Fräulein sich um ihren ältesten Freund beun- 
ruhigt. 



377 



— Ich will es nicht läugnen, Vater. 

— Mein Kind, diese Gedanken musst du verjagen. 
Ich befinde mich so wohl, dass ich mich nur mit dei- 
nem Glück beschäftigt habe. Sage mir, Töchterchen, 
wann wirst du heirathen ? 

Jenny erhob sich, wie von einer Feder aufgeschnellt ; 
Susanne erröthete bis über die Ohren. 

— Keine Kinderei! rief ich. Susannchen, du wirst 
bald zwanzig Jahre, und du bist keine von den klei- 
nen Närrinnen, die beim Worte Heirath anfangen zu 
schielen und ihre Nasenspitze zu betrachten. Wenn dein 
Herz gesprochen hat, sage es mir; ich habe volles Ver- 
trauen auf dich, mein Kind; ich nehme im voraus den 
Schwiegersohn an, den du mir bestimmt hast. 

— Susanne, sagte meine Frau mit erregter Stimme, 
geh' in mein Zimmer und hole mir Wolle für meine 
Stickerei. 

Mit diesen Worten gab sie meiner Tochter ein Zei- 
chen des Einverständnisses, das auf gut französisch 
heissen sollte: „Lass uns allein. u 

Sobald Susanne vor der Thüre war, brach Jenny los. 

— Daniel, sagte sie, du bist grausam; was hat 
dir denn das Kind gethan? 

— Was? ich darf meine Tochter nicht fragen, ob 
sie liebt? 

— Meine Tochter, versetzte Jenny, liebt Niemand. 
Sie ist ein ehrbares Mädchen, die es machen wird, wie 
ihre Mutter; sie wird den Tag ihrer Hochzeit erwarten, 
um dann den Gatten zu lieben, den ihre Eltern un- 
bestimmt haben. , 

— Den Tag ihrer Hochzeit? rief ich; das ist et- 
was spät. Wenn sich dann die Liebe nicht am ersten 
Tage einschleicht, wird sie Tags darauf die Thüre ver- 



378 



schlössen finden. Sein Glück der Wahl seiner Eltern 
überlassen ist gefährlich. Man heirathet für sich, nicht 
für seine Mutter. Das Pflichtgefühl ist etwas schönes, 
aber es kann nicht jene erste heilige Zärtlichkeit eines 
sich frei hingebenden Herzens ersetzen. 

— Ich weiss nicht, wie du zu diesen Grundsätzen 
kommst, sagte Jenny trocken; du solltest dein Haus 
zu hoch achten, um es mit diesen traurigen Paradoxen 
zu erfüllen. 

— Aber, mein Kind, auf der ganzen Welt wählen 
die jungen Mädchen ihre Männer selbst. Sieh nur nach 
Amerika! 

— Sind wir denn Irokesen? unterbrach mich meine 
Frau. 

— Sieh nach England, Deutschland, selbst nach 
Spanien; dort heirathet man den, den man liebt, und 
ich weiss nichts davon, dass die Ehen dort weniger 
glücklich wären als in Paris. 

— Du bist nicht bei Verstände, Daniel. 

— Das heisst, Madame, eins von uns ist vomVor- 
urtheil geblendet und hat verkehrte Anschauungen. 

— Ja wohl, erwiderte sie, nur mit dem Unterschied, 
dass du allein deiner Meinung bist und dass in Frank- 
reich Jedermann denkt, wie ich. 

— Ach! murmelte ich, Jedermann, das ist mein al- 
ter Haustyrann, den ich wieder vorfinde. Meine Frau 
war doch in Amerika besser! 

Streiten war unnütz, Zanken ist mir verhasst; ich 
griff also zu einem Mittel, das Sokrates noch nicht 
kannte, ich zündete meine Pfeife an und überliess mich 
meinen Gedanken. 

Der Friede war nur von kurzer Dauer. Henri trat 
in das Zimmer und umarmte mich schüchtern. Ich 



379 



betrachtete meinen Sohn und erkannte ihn kaum wie- 
der. Das war nicht mehr mein kühner Freiwilliger, 
der jeden Augenblick bereit war, nach Indien oder in 
den Krieg zu ziehen, das war ein hübscher kleiner 
junger Mensch, der wie eine Puppe aussah. Er trug 
den Scheitel mitten auf dem Kopfe wie eine Frau, 
dazu ein gesticktes Hemd, einen kleinen Stehkragen, 
ein schottisches Band, das ihm als Halsbinde diente; 
man hätte glauben können, ein junges Mädchen im 
Ueberzieher vor sich zu sehen; in seiner ganzen Er- 
scheinung lag etwas Anmuthiges, Zartes und Indo- 
lentes. 

— Woher kommst du, mein Lieber? fragte ihn 
seine Mutter. 

— Von meinem Friseur, Mama. 

Von seinem Friseur! Mein Sohn brauchte also ei- 
nen Perrückenmacher! Ich betrachtete ihn wie eine 
Merkwürdigkeit. 

— Du bist heute Morgen auf der Reitschule gewe- 
sen? fuhr Jenny fort. 

— Ja wohl, Mama, und im Fechtsaal. 

— Bravo, sagte ich, ich liebe diese männlichen 
Uebungen. Ein junger Mensch muss reiten, schwim- 
men, boxen, fechten und schiessen können, ein civili- 
sirter Mensch muss ohne Unterlass gegen die Verweich- 
lichung einer entnervenden Lebensweise ankämpfen; 
aber, lieber Henri, damit ist nicht Alles gethan, man 
muss auch einen Stand ergreifen. Du bist sechzehn 
Jahre, du bist ein Mann. Was willst du werden? 

— Armer Kleiner! rief Jenny, lass ihn doch seine 
besten Jahre geniessen; er ist ja noch nicht einmal 
Baccalaureus. 

— Gut, so soll er es werden, 



— Ich habe ja Zeit, Papa, versetzte Henri gäh- 
nend. Im nächsten Jahr gibt du mir einen Einpauker, 

— Wozu? muss man dich abrichten wie einen Pa- 
pagei? 

— Jedermann nimmt einen Repetitor an, versetzte 
Jenny achselzuckend. Sieh nur den Sohn des Ban- 
quier Petit. Er wusste gar nichts, er war ein Schwach- 
kopf, und in drei Monaten ist ihm eine ganze Ency- 
klopädie eingetrichtert worden, selbst seine Examina- 
toren haben sich über ihn gewundert. 

— Und drei Monate später war er unwissender als 
vorher? 

— Was liegt daran? sagte Jenny, er war doch 
Baccalaureus und das ist ein Titel, der zu Allem führt. 

— So werde es also, mein Sohn, und warte nicht 
bis zum nächsten Jahr; ich wünsche, dass du mit sieb- 
zehn Jahren einen Stand hast. 

— Vorher muss er doch noch sein Rechtsstudium 
durchmachen, entgegnete meine Frau. 

— Jawohl, drei Jahre lang im Bois de Boulogne 
und anderswo spazieren laufen und endlich eine chroni- 
sche Krankheit überstehen, die man Examen nennt. 
Drei Jahre, die schönsten seines Lebens, in Müssiggang 
oder in traurigen Vergnügungen verlieren ! davon will 
ich nichts wissen. Henri soll zuerst einen Stand wäh- 
len, später kann er dann sein Rechtsstudium in ernst- 
hafter Weise durchmachen. Sprich, mein Sohn, wel- 
chen Beruf wählst du? 

— Welchen du willst, antwortete er und umarmte 
seine Mutter. Jenny lächelte ihm zu und schien ihm 
zu sagen: „Geduld, mein Sohn, dein Vater hat seinen 
Verstand nicht beisammen. " 



381 



— Du fühlst keine besondere Neigung, keinen 
speciellen Beruf in dir? fragte ich Henri. 

— Nein, Papa, das ist deine Sache. Vorausge- 
setzt, dass ich in Paris bleiben, reiten und mich mit 
meinen Freunden amüsiren kann, ist mir Alles gleich- 
giltig. 

— Theurer Junge, wie er uns lieb hat! sagte 
Jenny und strich seine Locken zurecht. 

— Dich amüsiren, rief ich, woher hast du denn 
solche Grundsätze? Lieber Freund, der Mensch ist 
nicht zu seinem Amüsement auf der Erde. Die Arbeit 
ist Gottes Gebot, der Zügel unserer Leidenschaft, die 
Ehre und das Glück unseres Lebens. In Amerika gibt 
es keinen jungen Menschen deines Alters, der nicht 
völlig^ selbstständig wäre und das volle Gefühl seiner 
Pflicht und Würde besässe. 

— Daniel, sprach Jenny mit sichtbarer Ungeduld, 
warum quälst du dieses Kind, das nichts wünscht, als 
dir zu gefallen? Warte doch ein wenig, er wird das- 
selbe thun , wie Jedermann. 

— Das heisst, er wird nichts thun. 

— Er wird eine Stelle bekommen. 

— Das ist's ja, was ich sagte, versetzte ich, em- 
pört über diese widerliche Schwäche^ Eine Stelle, das 
ist das grosse Wort, mein Sohn bekommt eine An- 
stellung! 

— Wie Jedermann heutzutage, erwiderte meine 
Frau. Zeige mir einen einzigen Sohn aus einem guten 
Hause,, der etwas Anderes thut! Warum willst du den 
Sonderling spielen? 

— Was? sagte ich zu Henri, du willst nicht lieber 
deines Glückes Schmied sein und deine Stellung nur 
deiner Arbeit und deinem Talent verdanken? Hat denn 



382 



die Unabhängigkeit keinen Werth? Willst du nicht 
Advokat, Arzt, Fabrikant, Kaufmann werden? 

— Warum schlägst du ihm nicht lieber vor, Krä- 
mer zu werden? sagte Jenny mit einer Geringschätz- 
ung , die mich aufbrachte. 

— Schön, Madame! also für eigene Rechnung 
Zucker abwiegen ist etwas schimpfliches; aber für Rech- 
nung der Regierung Briefe siegeln und Quittungen 
aneinanderfädeln ist etwas edles, etwas rühmliches! 
Und um dahin zu gelangen, muss man bitten , betteln, 
seine Ansichten verläugnen, Leuten schmeicheln, deren 
Hand man nicht berühren möchte. 

— Jedermann thut dasselbe, erwiderte Jenny. Hältst 
du dich für verständiger oder für tugendhafter als An- 
dere ? 

— Vorurtheil, Vorurtheil! rief ich. Alter Paul- 
Louis, du hast Recht; wir sind ein Volk von Bedienten! 

Ich war wüthend. Mit grossen Schritten lief ich 
durch das Zimmer und schlug mit der Faust aut den 
Tisch. Henri hing den Kopf und schwieg. Jenny, 
bleich und mit zusammengepressten Lippen, folgte mei- 
nen Bewegungen mit ihren Blicken. 

— Daniel, sprach sie endlich, ich bitte dich, diese 
lächerliche Scene zu beendigen ; du vergissest, dass ich 
nicht im Stande bin, solche Aufregungen zu ertragen. 
Wenn du bei kaltem Blut bist, wirst du hoffentlich Ver- 
nunft annehmen. Aber in diesem Augenblicke weisst 
du nicht mehr, was du sagst, 

— Madame, entgegnete ich, es scheint mir, dass 
diese Worte in Gegenwart meines Sohnes sehr unge- 
eignet sind; man lässt es an der mir schuldigen Ach- 
tung fehlen. 

— Mein Freund, erwiderte sie, du bist krank. 



383 



— Genug! rief ich, dieses Bedauern ist im höch- 
sten Grade unpassend. Ich werde euch zeigen, wer 
das Haupt der Familie ist. Ungeachtet eurer Vorur- 
theile und eurer Verzweiflung werde ich meine Toch- 
ter zwingen, nach ihrer Neigung zu heirathen, werde 
ich meinen Sohn zwingen, einen Beruf nach seinem 
Geschmack, einen unabhängigen Beruf zu wählen. 

— Daniel, du bist verrückt, rief Jenny mit gefal- 
teten Händen. 

— Ich bin völlig bei Verstände, Madame, und ich 
werde beweisen , dass ich Herr im Hause bin. 

— Er ist verrückt, rief meine Frau und brach in 
Thränen aus; sie warf sich in die Arme Henri's, der 
gleichfalls anfing zu weinen. 

In diesem Augenblick wurde die Flügelthüre weit 
geöffnet und der Doctor Olybrius angemeldet. 



Zweiunddreissigstes Kapitel. 



Der Doct-or Olybrius. 

Ich sehe ihn heute noch vor mir, wie er herein- 
trat Eine kahle Stirn mit einigen rothen Haarlocken, 
die rechts und links herabhingen, eine goldene Brille, 
ein frömmelndes Lächeln, ein dreifaches Kinn, das in 
der Tiefe einer weiten Halsbinde verschwand, ein grü- 
ner Frack , der mit Bändern von allen Farben des Re- 
genbogens besetzt war, Alles verkündete einen Dumm- 
kopf, der Glück gehabt hat. Hinter ihm zogen wie zwei 
Gerichtsdiener der Advokat Reynard, der mit seinen 
Marderaugen überall ein Loch zu suchen schien, um 
sich zu verkriechen, und der dicke Oberst Saint -Jean, 
der an seiner Krücke seinen Bauch und seine Gicht 
nachschleppte. Was sollte dieser wunderliche Aufzug 
bedeuten ? Leider sollte ich es zu spät auf meine Ko- 
sten erfahren. 

— Guten Morgen, schöne Frau, sprach Olybrius 
und küsste meiner Frau die Hand; haben Sie sich ein 
wenig von Ihrer Aufregung und Ermüdung erholt? 
Schonen Sie sich nur, das Herz ist die schwache Seite 



385 



der Frauen; lassen Sie sich nicht durch Ihre Empfind- 
samkeit tödten. 

— Guten Morgen, Doctor, fuhr er in herablassen- 
dem Ton fort, indem er mir seine Hand reichte, die 
ich nicht zurückzuweisen wagte; ich bin erfreut, Sie 
ausser Bett zu finden. Ich komme auch eigentlich nur 
als Freund und nicht als Arzt. Ich habe es soeben 
diesen Herren erklärt, die sich gerade als Nachbarn 
nach Ihnen erkundigen wollten und nicht mit mir ein- 
zutreten wagten. 

— Guten Morgen, Herr Lefebure, sagte der Oberst. 
Sacrebleu! wir sind also krank gewesen? Aber die 
Haltung ist gut, ich bin erfreut, Sie zu sehen, sacre- 
bleu! 

Reynard fluchte nicht, aber er machte mir in ho- 
nigsüssein Tone ein so zweideutiges Compliment, dass 
ich dadurch verletzt wurde, ohne zu wissen warum. 

— Wie geht es Ihnen? fragte Olybrius. 

— Sehr gut, antwortete ich. 

— Um so schlimmer, erwiderte er, das ist unna- 
türlich; das ist ein Beweis, dass die Macht des Giftes 
noch nicht gebrochen ist. Nach einer achttägigen Ver- 
heerung, die das Opium angerichtet hat, sollten Sie 
heute halb todt sein , ohne Puls und ohne Sprache. 

— Er ist von Eisen, sagte der Oberst. Sacrebleu! 
das hätte einen Karabinier gegeben. 

— Lieber Collega, sagte ich zu Olybrius, Ihre Dia- 
gnose war falsch. Aber mein Fall ist so ausserordent- 
licher Art, dass auch jeder andere Gelehrte an Ihrer 
Stelle mit seinem Latein zu Ende gewesen wäre. Ich 
war nicht durch Opium vergiftet; ich war magnetisirt 
und nach Amerika versetzt, woher ich in dieser Nacht 
zurückgekehrt bin. 

25 



386 



— Bigre! schrie der Oberst, das ist stark; ich habe 
ein ganzes Regiment von Gaskognern komuiandirt, die 
im Aufschneiden und im Schlagen nicht ihres Gleichen 
hatten, aber Ihnen gebührt die Palme! 

— Lieber Collega, entgegnete Olybrius in bitter- 
süssem Ton, ich weiss immer, was ich sage. Die 
Thatsachen liegen vor; nichts ist so störrisch wie eine 
Thatsache. Dass Sie sich einbilden, in Amerika gewe- 
sen zu sein, wundert mich nicht, das ist die Wirkung 
des Opiums; aber ich, der Sie acht Tage lang Tag 
und Nacht behandelt hat, versichere Ihnen, dass Sie 
mit Fleisch und Bein in Ihrem Bette geblieben sind und 
Paris nicht verlassen haben, 

— Mein Herr, antwortete ich, ich komme aus ei- 
nem Lande, wo die Wahrheit unbeschränkt regiert und 
wo mir alle offiziösen und offiziellen Lügen ein Greuel 
geworden sind. Glauben Sie, was Sie wollen; ich kann 
Ihnen nur eines sagen: Mein Leib oder meine Seele, 
was von beiden weiss ich nicht, hat acht Tage in 
Amerika zugebracht. 

— Wirkung des Opiums, sprach OJybrius, zog 
seine Dose und n^hm eine Prise. Das Gehirn ist noch 
nicht frei, der Wahn dauert fort. Mein Lieber, Sie 
müssen dagegen mit Ihrer Vernunft reagiren, sonst 
würde Ihr Gehirn der Schauplatz schwerer und dauern- 
der Störungen werden. In einem solchen Falle ist, wie 
Sie wissen, das erste Mittel, dass man seine fixe Idee 
aufgibt und seinem Arzte aufs Wort glaubt. Sie sind 
nicht in A — me— ri — ka ge— we— sen, fuhr er fort und 
sprach jede Sylbe mit herrischem Tone aus. 

— Mein Herr, erwiderte ich ihm, Sie werden mir 
doch erlauben, meine Ansicht zu behalten. 

— Daniel, rief meine Frau ganz in Thränen, um's 



387 



Himmels Willen, sei nicht halsstarrig, es ist dein Ver- 
derben! 

— Guter Gott, liebe Freundin, versetzte ich lachend, 
mit welcher Stimme du mir das sagst! Ich glaube 
fast, die arme Rachel in der Rolle der Roxane zu 
hören : 

Ecoutez, Bajazet! je sens que je vous ahne, 
Vous vous perdez; gardez de me laisser sortir. 
Statt aller Antwort hob Jenny ihre Arme gen Him- 
mel, nahm Henri bei der Hand und flüchtete aus dem 
Zimmer, indem sie den Kopf in ihrem Taschentuch 
verbarg. 

— Sacrebleu! sagte der Oberst, Sie kränken Ihre 
Frau. Beim Teufel ! um einer Frau angenehm zu sein, 
darf man sogar lügen. Sie sind ja gar kein Franzose! 
Sacrebleu! 

— Lieber Nachbar, sprach der Advokat mit halb- 
lauter Stimme, wie wenn er anfangen wollte, zu plai- 
diren; lassen Sie uns die Sache vernünftig anfassen. 
Wenn Sie wirklich in Amerika gewesen sind, so ha- 
ben Sie dieses Land genau gesehen, Sie müssen es 
durch und durch kennen; wenn Sie nur geträumt ha- 
ben, so besitzen Sie über diesen Punkt nur unvollstän- 
dige, verwirrte und, um es gerade herauszusagen, chi- 
märische Vorstellungen. Erlauben Sie mir, Ihnen einige 
Fragen vorzulegen, die Sie in das wirkliche Leben zu- 
rückführen und Ihnen gestatten werden, sich selbst 
von der Unrichtigkeit oder Wahrheit Ihrer Eindrücke 
zu überzeugen. 

— Sprechen Sie, mein Herr; ich höre. 

— Haben Sie während ihres Aufenthalts in Ame- 
rika die Leute auf der Strasse mit Pistolen aufeinander 
schiessen sehen? Hat man täglich zwei oder drei Per- 

25* 



388 



sonen kraft jener Volksjustiz aufgehängt, die die Ame- 
rikaner Lynch -law nennen, und die sie dem Namen 
nach und vielleicht der Idee nach von uns entlehnt 
haben? 

— Mein Herr, antwortete ich, überlassen Sie diese 
Faseleien den Zeitungen. Die Amerikaner sind hun- 
dertmal friedlicher und civilisirter als wir Selbst das 
Duell ist dort unbekannt, 

— Sacrebleu! rief der Oberst, das ist zu stark. 
Wie kann ein Land existiren , wo man sich nicht 
schlägt? Es gibt also wohl nur barmherzige Schwe- 
stern in diesem Kloster? 

— Wirkung des Opiums! sprach Olybrius; man 
sieht Alles im schönsten Lichte. 

— Oder vielmehr im hässlichsten, versetzte der 
Oberst. Sacrebleu! wenn ich in diesem Loch wäre, ich 
würde sie alle beohrfeigen, um zu sehen, ob sie Herz 
im Leibe haben. 

— Gibt es eine Regierung in Amerika , fragte der 
Advokat, oder haben Sie wenigstens zufällige Spuren 
einer solchen entdeckt? 

Mein Herr, erwiderte ich, es gibt dort die beste 
Regierung, die, welche am wenigsten regiert und den 
Bürgern die meiste Freiheit lässt, sich selbst zu re- 
gieren. 

— Wirkung des Opiums, versetzte Olybrius. Je- 
dermann weiss, dass Amerika eine reine Anarchie ist. 

— Mein Herr, entgegnete ich ungeduldig, wenn 
Sie sich die Mühe nehmen, die vereinigten Staaten zu 
besuchen, so werden Sie dort eine Bundesregierung 
und vierunddreissig Einzelnstaaten, fünfunddreissig Se- 
nate und fünfunddreissig Volksvertretungen finden. Ich 



389 



glaube nicht, dass blosse Wilde eine so geordnete Ver- 
fassung ersonnen haben. 

— Sacrebleu ! sagte der Oberst, fünfunddreissig Ne- 
ster voll Advokaten und Schwätzer! Wenn solche Thor- 
heiten überhaupt möglich wären , würde ich die Reise 
nur zu dem Zweck unternehmen, um diese Brut aus- 
einander zu jagen! Den Degen in die Hand, ausge- 
legt, und alle Vögel fliegen davon; und dann hat man 
eine Regierung, die gut daran ist, sacrebleu! 

— Gibt es Ministerien? fuhr der Advokat in sanf- 
testem Tone fort. 

— Ohne Zweifel. 

— Zum Beispiel ein Cultusministerium? 

— Nein, die Kirchen sind völlig unabhängige Ver- 
eine. Jeder kann ein Bethaus eröffnen, ohne dass er 
etwas anderes als das Gesetz zu fürchten braucht. 

— Das ist unmöglich, erwiderte der Advokat, das 
würde die Gesellschaft den Intriguen der Pfaffen, dem 
religiösen Fanatismus preisgeben. Jeder Tag würde 
eine Bartholomäusnacht bringen. 

— Mein Herr , antwortete ich , dieser Zustand ist 
vielleicht unmöglich, aber er existirt; und ich muss 
hinzufügen, dass in keinem Lande mehr Toleranz und 
christliche Liebe geübt wird. 

— Wirkung des Opiums! sprach Olybrius. 

— Und nicht nur die Kirche ist frei, fuhr ich in 
lebhafterem Tone fort, der Unterricht und die Armen- 
pflege sind es ebenfalls. Jeder kann unterrichten, je- 
der kann das Elend erleichtern, ohne dass er es nö- 
thig hat, die Hand nach der Regierung auszustrecken 
und sich an die Polizei zu wenden, wie wenn es sich 
um die Eröffnung eines unsittlichen Instituts handelte. 



390 



— Das sind Träume, sagte der Advokat, das ist 
thatsächlich unmöglich. 

— Wirkung des Opiums! sprach Olybrius. 

— Doctor Olybrius, rief ich, wenn unter uns Je- 
mand eine fixe Meinung hat, so bin ich's nicht, wie 
mir scheint. 

— Ich habe überhaupt keine Meinung, Doctor Da- 
niel, versetzte er, ich rufe diese ehrenwerthen Herren 
zu Zeugen an ; es genügt mir, zu konstatiren, dass Sie 
bis jetzt noch kein Wort gesagt haben, das mit dem 
gewöhnlichen Menschenverstände übereinstimmt. 

— Gibt es in Amerika einen Staatsrath? fuhr der 
Advokat fort, der die ganze Zähigkeit eines Unter- 
suchungsrichters angenommen hatte. 

— Nein; die Justiz genügt für Alles, die Verwal- 
tung ist ihr unterworfen. 

— Welche Chimäre! erwiderte Reynard; ein Volk 
kann nicht sechs Monate leben ohne jene wvi.iderbc ?e 
Trennung der Gewalten, die den Ruhm unsci lr ml- 
sterblichen Constituante ausmacht. Nehmen wir an, das 
Wohl des Staates erfordere, dass Sie ohne weiteren 
Prozess verhaftet werden, was würde man in einem 
solchen Falle im Lande der Huronen machen? 

— Was man machen würde? antwortete ich. Das 
Verfahren dafür ist vollständig vorhanden ■ man würde 
den Verwegenen, der sich über die Gesetze zu stellen 
wagt, vor Gericht laden und ihn zu einigen hundert- 
tausend Franken Schadenersatz veurtheilen. 

— Woran denken Sie? Was würde dann aus den 
Präfekten werden? Das wäre ein verlorenes Hand- 
werk. 

— Präfekten, versetzte ich, gibt es nicht. 

— Keine Präfekten, rief er lachend, keine Präfek- 



391 



ten? Was soll aus den Bürgern werden, wenn man 
nicht für sie handelt? 

— Lieber Gott, versetzte ich, sie besorgen ihre 
eigenen Angelegenheiten selbst. Daran haben Sie wohl 
noch nicht gedacht, Sie Staatsmann. 

— Nein, erwiderte er trocken, ich denke nur an 
mögliche Zustände. Wer leitet denn da drüben die 
öffentliche Meinung und lehrt die Bürger denken? 

— Niemand. 

— Was? es gibt keine Leitung der Presse? 

— Nein, .mein Herr. In diesem Lande der Huro- 
nen, wie Sie es nennen, sagt und druckt Jeder, was 
er will, die Justiz und die Gesetze bieten die einzige 
Garantie gegen Missbrauch. Dort werden die Zeitun- 
gen als eine Wohlthat betrachtet. Man begünstigt, man 
hebt sie in jeder Weise. Keine Kaution, kein Stempel, 
nichts, was die Verbreitung des Lichtes hindert, nichts, 
was die Freiheit stört. 

— Bigre, sagte der Oberst, das ist ein Land, wo 
die Gendarmerie beschäftigt sein muss. 

— Es gibt keine Gendarmerie, Herr Oberst. 

— Keine Gendarmerie! rief er. Sacrebleu! Ich 
habe genug, ich will nichts weiter hören. Wenn Sie 
nicht für die Zwangsjacke reif sind, lieber Nachbar, so 
verlange ich, dass man alle Irrenhäuser zerstört. Et- 
was von Ihrem Kaliber habe ich noch nicht gesehen. 
Keine Gendarmerie! Warum sagen Sie nicht gleich: 
keine Armee, keine Infanterie, keine Cavallerie, keine 
Artillerie, keine Generäle, keine Obersten, keine Haupt- 
leute, eine Gesellschaft von Hottentotten oder Irokesen, 
wie sie in der Welt noch nicht dagewesen ist? 

— Herr Oberst, erwiderte ich, Amerika hat sieb- 
zig Jahre lang keine Armee gehabt; sobald der Friede 



392 



wiederkehrt und die Union wiederhergestellt ist, wird 
die Armee neuerdings abgeschafft. Wie Sie sagen, es 
ist eine Gesellschaft von Hottentotten. 

— Genug, junger Mann, entgegnete er stirnrun- 
zelnd; respektiren Sie meinen grauen Schnurrbart. Ich 
bin ein guter Kerl, sacrebleu! Aber ich habe schon 
Leute aufgespiesst , die sich nicht halb so lustig über 
mich gemacht haben, wie Sie seit einer Viertelstunde. 

— Wirkung des Opiums! sprach Olybrius. Wie 
sollte man ohne Gendarmerie und ohne Armee leben? 
Man könnte sich ja ,zu jeder beliebigen Stunde auf der 
Strasse oder anderswo versammeln, von Politik spre- 
chen, die Regierung kritisiren, bewaffnet ausgehen und 
wer weiss was sonst noch thun? 

— In der That, mein Herr, versetzte ich, das Al- 
les kommt vor und gleichwohl wird der Friede dadurch 
nicht gestört. Freie Bürger, die an die Freiheit gewöhnt 
sind, wissen sich selbst zu regieren. Für den Nothfall 
ist das Gesetz da; ein Polizeibeamter und ein Richter 
genügen, um die Ordnung aufrecht zu erhalten oder 
ihren Bruch zu rächen. 

— Es ist genüge sagte Reynard, indem er dem 
Doctor mit den Augen zuwinkte. Olybrius, ich bin 
überzeugt. 

— Wie wird denn in Ihrem Schlaraffenlande die 
Heilkunde ausgeübt? fragte der Schwachkopf, indem 
er gravitätisch seine Dose zwischen den Fingern drehte. 

— Das ist, antwortete ich, eine der Erscheinun- 
gen, die mich am meisten überrascht haben; dort prak- 
tiziren die Frauen und zwar mit Erfolg. 

— Bigre, sagte der Oberst, warum habe ich nicht 
einen Regimentsarzt im Unterrock gehabt, als ich in 



393 



Constantine drei Monate auf dem Rücken lag mit einer 
Kugel im Schenkel? 

— Und, fuhr ich fort, das ist nicht der einzige Be- 
ruf, den die Frauen ausüben; sie haben sich auch des 
Unterrichts bemächtigt, sie erziehen das junge Amerika. 

— Das muss eine hübsche Zucht geben, sagte der 
Oberst, In einer Schule muss man vor Allem lernen, 
sich gehörig zu prügeln, als erste Vorbildung für den 
Krieg und die Civilisation! Was geht dagegen aus je- 
nen Buden hervor? Federfuchser und .... 

— Aus ihnen gehen siebenmal hunderttausend Frei- 
willige hervor, die sich heldenmüthig schlagen. 

— Sacrebleu! erwiderte der Oberst, jetzt kommen 
Sie der Presse ins Handwerk. Seit zwei Jahren er- 
zählt mir meine Zeitung jeden Morgen von diesen 
prächtigen Rekruten, die hinter einander herlaufen, 
ohne sich zu erwischen. Ach, wenn ich da wäre, blos 
mit meinem vierzehnten leichten Regiment, wie würde 
ich auf der oder jener Seite zuklopfen, je nach Befehl 
der Regierung. Amerika wächst mir zum Hals heraus; 
ich verlange zur Abwechselung und zur Unterhaltung, 
dass man die Revolution in ein anderes Land verlegt. 

— Herr Oberst, ich kann nicht annehmen, dass 
Sie die Sklaverei vertheidigen würden? 

— Ich kümmere mich nichts um eure Schwarzen. 
Aber ich verfluche eure Amerikaner! Sie sind ein 
Haufe von Hottentotten und von Demokraten, die den 
Europäern das schlechteste Beispiel geben und einen 
Schandfleck für die Civilisation bilden. Mir wäre es das 
liebste, wenn der Norden den Süden verschlingen und 
daran ersticken würde. Das ist meine Politik, und ich 
stehe nicht allein mit meiner Meinung, sacrebleu! 

— Herr Doctor, sprach Olybrius, indem er sich 



394 



mit Würde erhob, erlauben Sie mir, unsere Unter- 
haltung mit einigen Worten zusammenzufassen. Die 
Entgegnungen dieser Herren, Ihrer Freunde, Ihrer 
Nachbarn, diese Entgegnungen, die voll Geist und 
Verstand waren, haben Ihnen die Ueberzeugung ge- 
ben müssen . dass Ihr Gehirn sich nicht in einem nor- 
malen Zustande befindet. Eine Gesellschaft ohne 
Verwaltung, ohne Heer, ohne Gendarmerie, in völli- 
ger Wildheit, mit der Freiheit für jeden, nach seiner 
Manier zu beten, zu denken, zu reden, zu handeln, 
das ist, wie Sie selbst gestehen werden, eine jener 
abscheulichen Ausgeburten krankhafter Phantasie, wie 
sie nur das Opium erzeugen kann. Ihr System hätte 
keine Viertelstunde Lebensdauer; denn es ist die Ne- 
gation aller Grundsätze und Voraussetzungen jener 
Civilisation, die die Einheit unserer grossen Nation 
geschaffen hat. Die Weisheit unserer Väter hat 
durch die Herstellung der Hierarchie und Centralisa- 
tion in der Verwaltung seit langer Zeit Frankreich zum 
ersten Rang erhoben und den Franzosen gezeigt, dass 
die Freiheit im Gehorsam besteht. Darin beruht unser 
Ruhm und unsere Macht; vergessen Sie das nicht, lie- 
ber Collega, und kommen Sie zur Besinnung. Diese 
anarchischen Ideeen, die Ihren Geist trüben und die 
niemals einem Franzosen in den Sinn kommen können, 
müssen Ihnen zur Genüge sagen, dass Sie krank sind, 
und um so kränker, je weniger Sie es fühlen. Aerzt- 
liche Pflege ist für Sie dringend nothwendig, und ich 
darf hinzusetzen, dass nur eine energische Behandlung 
Ihnen den Besitz Ihrer Geisteskräfte und die verlorene 
Ruhe wiedergeben kann. 

— Warum sagen Sie nicht gleich, dass ich ein 
Narr bin und dass man mich einsperren muss ? 



395 / 

Olybrius seufzte, nahm eine Prise zwischen den 
Zeigefinger und Daumen ; sog sie langsam ein und be- 
trachtete mich mit betrübter Miene. 

— Armer Freund, sagte er, Sie sind wirklich hef- 
tig angegriffen; aber ich werde Sie heilen, ich werde 
Sie wider Ihren Willen retten. 

Ich fühlte den Zorji in mir aufsteigen, ich hatte 
Mühe, meine Fassung zu bewahren. 

— Mein Herr, erwiderte ich, wir wollen diese Ko- 
mödie beenden; sie dauert schon allzulange, ich bin 
ihrer müde. 

Olybrius wurde roth bis über die Ohren. 

— Mein Herr, entgegnete er mit grober Stimme, 
Sie schlagen einen sonderbaren Ton an. 

— Aergern Sie sich nicht, lieber Doctor, Sie könn- 
ten sich einen Schlaganfall zuziehen. 

— Doctor Daniel, erwiderte er zähnefletschend, ich 
dulde keine Unverschämtheiten. Wissen Sie, junger 
Mann, mit wem Sie sprechen? 

— Ja, mit einem alten Esel. 

— Mein Herr, vergessen Sie nicht, dass Sie einen 
Mann vor sich haben, den alle Souveräne Europas mit 
Auszeichnungen geschmückt haben. 

— Gut, lassen Sie uns davon reden. Man lässt 
einen Band voll Dummheiten in rothes Leder binden 
und trägt ihn auf die Gesandtschaft, worauf man zum 
Comthur oder zum Ritter des Ordens vom Flusspferd 
oder vom Condor ernannt wird. Orden sind das Al- 
mosen, das die Fürsten den literarischen Bettlern zu- 
werfen. 

— Wissen Sie, mein Herr, versetzte Olybrius wut- 
schäumend, wissen Sie, dass ich mit zweiunddreissig 



v 396^ 

Jahren mit Einstimmigkeit zum Mitglied der medizini- 
schen Akademie ernannt wurde? 

— Bei Gott, versetzte ich, ich habe weit mehr 
Recht als ich dachte. Hätten Sie wirklich Talent be- 
sessen, so würden Sie Feinde gehabt haben; man hätte 
Sie bis zu Ihrem fünfzigsten Jahre vor der Thüre ste- 
hen lassen und Sie würden nur mit schwacher Stim- 
menmehrheit gewählt worden sein. Aber ein Esel thüt 
Niemanden wehe; also lässt man ihn in die Akademie 
laufen wie in eine Mühle. 

Ich fühlte es, dass ich ein wenig zu weit gegan- 
gen war. Der Oberst lachte aus vollem Halse, aber 
Reynard betrachtete mich auf seltsame Weise und Oly- 
brius erstickte fast. Ich sah schon den Augenblick 
kommen, wo die Rollen wechselten und der Kranke 
dem Arzt zur Ader lassen musste. Der Advokat musste 
übrigens Gold in der Kehle führen; denn zwei Worte, 
die er Olybrius ins Ohr flüsterte, gaben dem Schwach- 
kopf seine ganze Heiterkeit wieder. Ein teuflisches 
Lächeln erhellte sein runzliches Gesicht. Er näherte 
sich dem Oberst, klopfte ihn auf die Schulter und 
führte ihn in eine Ecke, wohin ihm Reynard, sein treuer 
Rathgeber , auf dem Fusse folgte. 

Dieses Verfahren ; dieser Kriegsrath, den man in 
meiner Gegenwart und ohne meine Zuziehung hielt, 
schien mir seltsam. Heftig ging ich auf und nieder 
und wollte eben losbrechen, als Olybrius fortging, ohne 
mich zu grüssen. Reynard dagegen machte mir eine 
tiefe Verbeugung, und der Oberst näherte sich mir mit 
strahlender Miene, seine Augen glänzten. 

— Wissen Sie, sagte er händereibend, dass Sie 
diesen Stümper hübsch bedient haben? 

— Es war unrecht von mir, antwortete ich. 



397 



— Das will ich nicht sagen, versetzte Saint-Jean; 
Sie haben mir ein fabelhaftes Vergnügen gemacht, 
sacrebleu, ich verabscheue diese Lumpe, die sich mit 
Kreuzen und Bändern bedecken lassen und dabei nur 
die Haut Anderer zu Markte tragen; aber, unter uns, 
der gute Mann ist damit nicht zufrieden. Es ist be- 
greiflich, nicht wahr? Er behauptet, dass Sie ihn be- 
leidigt haben, er verlangt, dass Sie sich bei ihm ent- 
schuldigen. 

— Ich? rief ich. 

— Seien Sie ruhig, sagte der Oberst, ich habe ihm 
schon die Meinung gesagt; er ist vernünftig, ich habe 
die Sache in Ordnung gebracht. 

— Sehr schön. 

— Sie schlagen sich mit ihm. 

— Wir schlagen uns? rief ich erstaunt. Wann 
denn? 

— Auf der Stelle. Brühwarm,, wie man in meinem 
Regiment sagte. Nichts ist so gefährlich bei diesen 
Sachen als die Abkühlung. Durch eine Frist von vier- 
undzwanzig Stunden bin ich wenigstens um zehn Duelle 
gekommen. Mein Wagen steht unten, wir können weg- 
fahren; ich habe ausgezeichnete Pistolen, Sie werden 
Ihre Freude daran haben. Auf dreissig Schritte habe 
ich einem jungen Mann das Ohr weggeschossen, weil 
er mich von der Seite ansah unter dem Vorwande, 
dass er schiele. Kommen Sie, mein wackerer Doctor, 
die Augenblicke sind gezählt. Auf den Weg, sacrebleu ! 

— In einem Augenblick bin ich bereit, antwor- 
tete ich. 

— Sie wollen Ihre Frau und Ihre Kinder umar- 
men? Unpraktisches Verfahren! Mau regt sich auf 
und die Hand zittert. Nur keinen tragischen Abschied; 



398 



trinken Sie lieber ein Glas Madeira und rauchen Sie 
zwei Cigarren , das hebt den Muth und stärkt den Vor- 
derarm. 

Ich hatte keine Hebung meines Muthes nöthig, der 
Zorn riss mich fort. Ich trat in das Wohnzimmer; 
Jenny, bleich und stumm, sass da und drückte ihre 
Kinder an sich; sie hatten Alles gehört. 

— Du gehst mit dem Doctor? fragte Jenny mit 
sterbender Stimme. 

— Ja, liebes Kind, es ist wahrscheinlich, dass ich 
auf einige Tage verreise. 

— Du wirst bald wiederkommen, versetzte sie und 
hielt wie erschreckt inne. 

— Ja, antwortete ich, wenn Gott will, werde ich 
bald wiederkommen. Lasst mich aber euch Alle um- 
armen vor meiner Abreise. 

— Lebe wohl, lieber Henri, und sei meiner Er- 
mahnungen eingedenk. Es ist nichts geschehen, um 
dir Willensstärke einzuflössen, das ist ein grosses Un- 
glück; denn den Platz, den der Wille in unserer Seele 
nicht ausfüllt, nehmen die Leidenschaften ein. Bilde 
dir vernünftige Ansichten und einen energischen Cha- 
rakter; dadurch wird man ein Mann. Ergreife einen 
unabhängigen Stand, erwarte dein Glück nur von dir. 
Beuge dein Haupt vor Niemand, sieh zu, dass du nie 
vor Gott erröthen musst und beunruhige dich nicht 
über die Zukunft. Das Glück liegt nicht in den Din- 
gen dieser Erde, sondern in der Freudigkeit eines gu- 
ten Gewisssens; die wahre Grösse ist die eines ehrli- 
chen Mannes, der sich durch Arbeit und Tugend em- 
porgehoben hat. Lebe wohl, sei ein guter Christ und 
Bürger; erinnere dich daran, dass es zwei unfehlbare 
Mittel gibt, um den Eigennutz, der uns beherrscht, zu 



399 



überwinden: die Liebe zu Gott und die Liebe zur Frei- 
heit. 

— Lebe wohl, Susanne, und wähle dir selbst dei- 
nen Gatten. Sieh weder auf Stand, noch auf Geld, 
blicke auf das Herz, das ist der einzige Reichthurn, 
den weder die Zeit noch das Unglück zerstören kann. 
Nimm vor Allem einen Mann, den du achtest und der 
dir gleichgesinnt ist; sei stolz auf den Vater deiner 
Kinder. Die Liebe verfliegt, aber Vertrauen und Ach- 
tung bleiben am häuslichen Heerde zurück und wer- 
den im Alter etwas süsseres und wohlthuenderes als 
die Liebe. Wenn du Kinder bekommst, so lasse ihrer 
Seele die vollste Entwickelung; lehre sie nicht die grau- 
same Klugheit unserer Zeit, die Alles auf das Interesse 
zurückführt; lasse sie träumen, wie ihr Grossvater, 
müssten sie auch leideia, wie er. Die Unglücklichsten 
hienieden sind nicht die Weinenden. 

— Lebe wohl, meine theure Jenny, verzeihe mir, 
wenn ich dich verletzt habe, und gestatte mir einen 
letzten Rath. Ihr Französinnen besitzt zu viel Geist 
und Feinheit; man muss einfacher sein, um glücklich zu 
sein. Warum geht ihr fortwährend aus? Die Welt 
kann euch nur Aufregung und Langeweile bieten. 
Erinnert euch an das, was der heilige Paulus sagt: 
„Der Mann ist nicht geschaffen um des Weibes willen, son- 
dern das Weib um des Mannes willen. 1 ' Vermählt euch 
mit eurem Hause, sucht eure Lust darin, den Willen 
eures Gatten zu erfüllen und seid die Königin des Bie- 
nenstockes, in den Gott euch gesetzt hat; hier liegt 
das Glück, das ihr in der Ferne sucht, und das euch 
vergeblich in einem verödeten Hause erwartet. Oh, 
meine Jenny, warum sind wir nicht in Amerika? Dort 
war Liebe und Glück zu finden. 



400 



Meine Frau war sehr aufgeregt und weinte; aber 
bei meinen letzten Worten entzog sie sich meinen Ar- 
men und zitterte, als ich sie an mich drückte. Henri 
empfing meine Liebkosungen mit kühler und verlege- 
ner Miene; Susanne allein fiel mir um den Hals und 
benetzte mich mit ihren Thränen. 

Noch einmal drückte ich sie Alle an mein Herz 
und verliess dann meine Wohnung, um nicht mehr 
wiederzukehren. Die Treppe hinabsteigen und in den 
Wagen springen, wo der Oberst mich mit seinen Pi- 
stolen erwartete, war das Werk eines Augenblicks. 
Ich fragte Saint-Jean, wohin wir führen. 

— Ich weiss es nicht, erwiderte er, wir folgen 
dem Wagen vonOlybrius; ich glaube, dass er uns nach 
Saint-Mande in einen Privatgarten bringt. Seitdem man 
Vincennes und das Bois de Boulogne verunstaltet hat, 
um englische Parks daraus zu machen, gibt es gar 
kein Vergnügen mehr. Man kann sich doch unmög- 
lich in einer gewundenen Allee schlagen; man ist nicht 
im Stande, die Leute fern zu halten, die einem auf 
dem Fusse nachfolgen und die abgezählten Schritte 
wieder verwischen. Es fehlt uns in Paris an einem 
abgeschlossenen Kampfplatz, das ist eine Schande für 
die alte französische Ehre, sacrebleu! 

Der Oberst wurde langweilig und verfiel in häu- 
fige Wiederholungen; ich beeilte mich daher, ihm durch 
eine Cigarre den Mund zu schliessen, legte mich in 
die Wagenecke und folgte der französischen Mode, die 
uns immer erst zum Nachdenken kommen lässt, wenn 
es zu spät ist. In meinem Alter und wegen einer sol- 
chen Veranlassung war dieses Duell eine Thorheit, zu 
der ich mich durch einen Raufbold und einen Dumm- 
kopf hatte hinreissen lassen. Ich war entschlossen, 



401 



nicht auf Olybrius zu feuern; aber das konnte mich 
nicht rechtfertigen. Was? ich hatte nicht die Kraft be- 
sessen, einem thörichten Vorurtheile zu widerstehen? 
Meine Gedanken und meine Gewissensbisse führten mir 
wieder Amerika vor die Seele, ich sah die sanften und 
edlen Gestalten, die guten und aufrichtigen Freunde 
wieder, die mich zur Höhe ihrer Anschauung empor- 
gehoben hatten. Truth, Humbug, Naaman, Green und 
selbst Brown lächelten mir zu, und mit ihnen jene 
ganze amerikanische Familie, die mein Herz erfreute, 
mit Einschluss von Martha und Zambo. Welcher Un- 
terschied zwischen beiden Ländern ! Das Paris, in dem 
ich lebte, schien mir eine fremde Stadt, die Strassen 
meiner Kindheit waren verschwunden und meine Erin- 
nerungen mit ihnen; meine Nachbarn erschienen mir 
unwissend, aufgeblasen, egoistisch; ihre Handlungen, 
ihre Sprache, Alles war blosse Form, nirgends Wahr- 
heit, nirgends Einfachheit. In Massachusetts hatte ich 
in acht Tagen im frischen Luftstrom der Freiheit mehr 
erlebt als in Paris in fünfzig Jahren. Meine Augen 
hatten sich geöffnet, ich hatte den alten Menscheil aus- 
gezogen, meine Heimath war dort drüben, wo man 
mich liebte, wo ich lebte; meine Seele entflog über 
den Ocean. 

In diese Träumereien vertieft kam ich erst wie- 
der zu mir, als ich aus dem Wagen stieg. Wir befan- 
den uns in dem Hofe eines grossen Gebäudes mit ver- 
gitterten Fenstern, das ungefähr aussah wie eine Erzieh- 
ungsanstalt, ein Kloster oder ein Gefängniss. Im Hin- 
tergrund lag ein Garten, den mir Reynard als den Ort 
des Kampfes bezeichnete; er ersuchte mich, mich da- 
hin zu begeben, während er mit dem Oberst und zwei 
Freunden die Kampfbedingungen feststellen wollte. 

26 



402 



Ahnungslos schritt ich vorwärts; plötzlich fiel hin- 
ter mir ein Gitter zu, ich drehte mich um, vier starke 
Männer ergriffen mich an Armen und Beinen; ich 
wehrte mich wie ein Rasender, ich schrie, man er- 
stickte meine Stimme. In einem Augenblick war ich 
in ein niedriges Zimmer getragen, hingeworfen, festge- 
halten, auf einen Stuhl gebunden. Dann fing plötzlich 
Alles an, sich vor mir mit unglaublicher Geschwindig- 
keit zu drehen, ein Strom eiskalten Wassers stürzte 
auf meinen Kopf herab, ich ward ohnmächtig. 



Dreiunddreissigstes Kapitel 



Ein Narr. 

Saint -Mande im Hause des Doctor Olybrius. 

Den 20. April 1862. 

— Es gibt drei Klassen von Personen, welche das 
Gesetz missachtet und der Polizei preisgibt, die Frauen- 
zimmer, die Narren und die Journalisten. Aber, wie 
gross auch ihre Schlechtigkeit (ich spreche von den 
Journalisten) oder ihr Fehler sein mag, ich glaube 
doch, dass diese Armen der Gerechtigkeit und des Er- 
barmens nicht unwerth sind. Wenn sie schuldig sind, 
warum soll sie nicht ein Richter verurtheilen? Wenn 
sie nur unglücklich sind, warum will man sie wie 
Schuldige behandeln? Das ist eine Frage, die ich allen 
Menschenfreunden, die übrige Zeit haben, dringend 
empfehle. Es ist schön, kleine Chinesen loszukaufen; 
es ist schön, die Witt wen von Malabar, die ihren Gat- 
ten bis in den Tod folgen wollen, vor dem Feuer zu 
retten (das Beispiel könnte ansteckend wirken) , aber 
es wäre vielleicht auch nicht übel, die Humanität in 

26* 



404 



Prankreich selbst zu vertheidigen und armen Geschö- 
pfen, die Opfer ihrer Erziehung, ihrer Geburt oder der 
Gesellschaft sind, die Garantieen des Rechtsschutzes zu 
verleihen. Auch ein Traum, den ich für mich behal- 
ten muss bei Strafe von Sturzbad und Aderlass. 

— Mein Loos steht fest; ich habe gegen das Vor- 
urtheil ein gefährliches Spiel gespielt und habe es ver- 
loren. Ein Esel, der sich Arzt nennt, hat mich für 
verrückt erklärt, meine guten Freunde haben mit Ver- 
gnügen das Urtheil der Dummheit bestätigt, jetzt bin 
ich hier eingeschlossen, für immer eingeschlossen. Kann 
ich in meinem Gehirn die Flamme erlöschen, die es 
erleuchtet? Kann ich die Wahrheit läugnen? Nein! 
ich habe die Freiheit gesehen, ich habe mit dem Rand 
meiner Lippen von diesem berauschenden Honig ge- 
kostet, ich habe das unvergängliche Ideal in der Ferne 
erblickt, ich bin ein Narr! Ich will nicht genesen! 

— Die Franzosen besitzen noch mehr Geist, als 
sie sich selbst zuschreiben. Leute einsperren, die den- 
ken, urtheilen, und reden, das ist ein Majoritätsstreich, 
dessen Erfolg unfehlbar ist. Wo die Gewalt ist, ist 
das Recht. Geht nur, ihr glücklichen Schaafe! zieht 
still auf die Weide oder wiederholt euch blökend, dass 
ihr die Könige der Welt seid ; eure Hirten werden euch 
dieses unschuldige Vergnügen sicher nicht versagen. 
Unterhaltet euch, geniesst das Leben, ihr habt nichts 
zu fürchten; die Wahnsinnigen, die eure Ruhe stören 
könnten, sitzen hinter Schloss und Riegel; je weiser 
man ist, um so mehr lacht man. 

— Meine Frau besucht mich nicht; sie ist so ge- 
fühlvoll, der Jammer würde sie tödten! Meine Kinder 
will ich nicht sehen. Armer Henri, wie könnte er sein 
Glück machen, wenn er meine Krankheit erbte? Und 



405 



dich, meine Susanne, liebe ich zu sehr, um dich wei- 
nen zu sehen. Die Thränen einer Tochter sind viel- 
leicht die einzige Prüfung, die einen Märtyrer erschüt- 
tern könnte. 

— Meine Nachbarn haben mich nicht vergessen. 
Rose schreibt mir, dass mein Missgeschick ihn nicht 
überrascht hat. Er glaubt darin die Hand der Jesuiten 
zu erkennen; meine Frau ging zu oft in die Messe! 
Er ist einem weitläufigen Complot auf der Spur, das 
die ehrwürdigen Väter geschmiedet haben; sie sind es, 
wie er sagt, die den Norden auf den Süden hetzen, 
die Europa in Aufruhr bringen und den Sturz des Sul- 
tans vorbereiten. Alle Revolutionen sind ihr Werk, sie 
sind die Ursache alles Unglücks ; seine Zeitung hat ihm 
dieses furchtbare und scheussliche Geheimniss enthüllt. 
Rose ist ein vernünftiger Mann, er läuft frei auf der 
Strasse herum; ich bin ein Narr, mich sperrt man ein! 

— Hier ist ein Brief vom Saint-Jean. Der wackere 
Oberst entschuldigt sich, ohne sein Wissen zu meiner 
Festnehmung geholfen zu haben. 

— Er wollte, wie er schreibt, dem Doctor Olybrius 
die Ohren abschneiden; aber der Feigling hat sich die- 
ser Operation nicht unterwerfen wollen. Der Oberst 
setzt hinzu, dass er gegen mich im Unrecht sei und 
dass er bereit ist, es gut zu machen. Um mir jedes 
Recht zu einer Klage über ihn zu nehmen, macht er 
mir den Vorschlag, dass wir uns gegenseitig eine Kugel 
durch den Kopf schiessen sollen. Allein das Spiel ist 
nicht gleich, ich kann dieses liebenswürdige Anerbieten 
nicht annehmen. Saint-Jean schreibt von Politik, er 
sieht für das nächste Frühjahr auf allen Seiten den 
Krieg losbrechen, seine Freude ist ungeheuer. Er ist 
Soldat und überzeugt, dass die Menschen bloss auf der 



406 



Erde sind, um sich gegenseitig todt zu schlagen. Wenn 
die Mütter unter unsäglichen Aengsten ihre Söhne bis 
zum zwanzigsten Jahre erzogen haben , so ist das nur 
geschehen, um sie auf die Schlachtbank zu schicken. 
Den Oberst lässt man frei herumlaufen, er ist ein ver- 
nünftiger Mann, ich bin ein Narr! 

— Lesen wir die Zeitung ; ich bin nur noch ein Zu- 
schauer, der aus seiner vergitterten Loge die Komödie 
und die Komödianten seiner Zeit betrachtet. Ich will 
von dem einzigen Recht Gebrauch machen, das mir 
übrig bleibt, ich will zischen! 

„Soeben ist ein neues Werk von M. Reynard, unserem gros- 
,,sen Redner, unserem berühmten Publizisten erschienen. Dieses 
„Buch, welches unfehlbar seinem Verfasser die Pforten der Aka- 
demie für Staatswissenschaften eröffnen wird, führt den Titel 
„die Einheit. M. Reynard führt den unwiderleglichen Beweis, dass 
„alles Unglück und alle Revolutionen Frankreichs von einer ein- 
zigen Ursache herrühren, von der Schwäche unserer Centralisation. 
„Heutzutage, wo die Eisenbahnen und Telegraphen jede Entfer 
„nung beseitigt haben, kann Frankreich, das Musterland, endlich 
„eine Verfassung finden, die ihm gestattet, seine grosse Bestim- 
mung zu erfüllen. Der Verfasser vereinigt in derselben Hand 
„die geistliche und die weltliche Macht, ein wunderbares Mittel, 
„um endlich jenen Zwiespalt auszugleichen, der die Welt seit dem 
„fünfzehnten Jahrhundert zerreisst; er unterdrückt die Provinzial- 
„vertretungen, die Kammern, die Presse und alle jene Werkzeuge 
„der Opposition, die vielleicht entschuldbar waren in einem kriti- 
schen Zeitalter, in einer Periode des Kampfes und des Ueber- 
„ganges, die aber kein,e Existenzberechtigung mehr haben in ei- 
„nem geordneten Jahrhundert, wie das unsrige und bei der ersten 
„centralistischen Nation des Erdballs. Ein einziger Mann, ein 
„Papst der Civilisation steht im Mittelpunkt des Staates, in sei- 
„nem Kabinet befindet sich der Knoten unseres Telegraphennetzes, 
„er wird ganz Frankreich durch seinen unfehlbaren und unwider- 
stehlichen Willen beherrschen. Als Organ der Volkssouveränetät 



407 



,wird er die personifizirte Demokratie, die menschgewordene Na- 

,tion darstellen. Dann kann nichts mehr den Fortschritt hem- 
men, jede Meinungsverschiedenheit hat aufgehört, alle Häupter 
,der Anarchie fallen auf einen einzigen Streich. 

„Sobald man in das Detail des Werkes eingeht, wird man 
, durch die Einfachheit dieses Systems unwiderstehlich hingerissen. 
,Das ist das Kennzeichen aller grossen Entdeckungen. Fortan 
,wird es in Frankreich nur noch eine Seele und einen Gedan- 
ken geben. Das ganze Land wird eine grosse sinnreiche Ma- 
schine sein, die eine einzige Triebkraft leitet und regelt. Was 
,könnte diese grossartige Harmonie, die aus einer einzigen Note 
, besteht, noch stören? Eine einzige Depesche nach allen vierzig- 
,tausend Gemeinden wird vom Morgen bis zum Abend die Stirn - 
,mung von vierzig Millionen Bürgern ändern. — „Arbeitet", 
, spricht der Telegraph, und sofort wird es Arbeit vollauf für 
,alle Welt geben. — „Lernet", und die Unwissenheit wird auf- 
hören. — „Seid tugendhaft", und man wird die Börse schlies- 
,sen. — „Seid glücklich", und wir werden glücklich sein. 

„Es ist unglaublich, dass die Menschheit so alt geworden ist, 
,ohne diese wunderbare Entdeckung ins Werk zu setzen, die den 
,Namen des Herrn Reynard unsterblich machen wird Aber freilich! 
,der Dampf datirt erst von gestern, der elektrische Telegraph erst 
,von heute. Uebrigens haben unsere Könige schon eine Ahnung 
jener Wahrheit gehabt, die jetzt ein genialer Mann in helles 
,Licht setzt. Ohne sich jemals um Eecht oder Gerechtigkeit zu 
,kümmern, haben unsere grossen Fürsten stets jeden störenden 
,Widerstand beseitigt; sie wollten Einheit um jeden Preis. Da- 
,rum bewundert auch die Geschichte einen Franz I., einen Riche- 
lieu, einen Ludwig XIV. und einen Napoleon. Schon Saint- 
, Simon hat diese wunderbare Reform im Dämmerschein erblickt, 
,aber der Ruhm, ihr Prophet zu sein, gebührt unstreitig unserem 
, erhabenen und tiefen Denker Reynard. Jeder Franzose muss 
,ihn um seine Entdeckung und seinen Erfolg beneiden." 

— Mein Gott, dachte ich, Reynard geht spazieren, 
er kann gehen, wohin er will, er wird bewundert und 



408 



beneidet, er ist ein Philosoph, er ist mehr, er ist ein 
grosser Mann, und ich bin ein Narr! 

— Was sehe ich? den Namen meines Henkers? 
Ich will doch lesen, was dieser Intrigant zu Stande 
gebracht hat. 

„In der gestrigen Sitzung der Akademie der Medizin wurde 
„eine Mittheilung mit dem höchsten Interesse aufgenommen. Eine 
„unserer medizinischen Celebritäten , der berühmte Irrenarzt Oly- 
„brius, hat einen Aufsatz über den Geist, das Genie und die 
„Narrheit vorgelesen. Er hat dargelegt, dass vermöge des sym- 
pathischen Bandes, welches in uns die Thätigkeit des Gehirns 
„mit der des Magens in Verbindung setzt, von dem letzteren Or- 
„gan in letzter Instanz alle jene Nervenkräfte ausgehen und be- 
herrscht werden, welche die Laienwelt Fähigkeiten nennt. Der 
„Geist ist eine Neurose, das Genie eine chronische Gastritis und 
„die Narrheit eine akute Gastritis. Zur Unterstützung seines Sy- 
„stems führte der Vortragende ein höchst interessantes Bei- 
spiel an. Er hat in diesem Augenblick einen überaus kostbar- 
,,ren Versuchsgegenstand zu seiner Verfügung. Es ist dies ein 

„gewisser Doctor L , welcher sich in seiner Narrheit einbil- 

„det, dass er plötzlich nach Amerika versetzt worden und dort 
„eine ganze Woche geblieben sei. Die Delirien dieses armen 
„Mannes zeigen eine Mischung von Sinnestäuschungen, Erinnerun- 
gen und originellen Ideeen, welche der Doctor Olybrius mit der 
„grössten Sorgfalt verfolgt und beobachtet. Die Krankheit ist 
„im höchsten Grade akut ; allein der gelehrte Olybrius verzweifelt 
„nicht daran, sie auf einen chronischen Stand zurückzuführen 
„und sie durch Anwendung von Aderlässen, Sturzbädern und 
„eine zweckmässige Diät in ein anderes Stadium zu bringen. 
„Wenn es ihm gelingt, ist das Problem gelöst. Aus einem Tialb- 
„geheilten Narren wird ein Genie. Sobald der Versuch beendigt 
„ist, wird der gelehrte Irrenarzt den Gegenstand der Akademie 
„unterbreiten. Es ist kaum nöthig, auf die Folgen dieser wun- 
derbaren Entdeckung hinzuweisen. Frankreich hat Mangel an 
„grossen Männern, während ihm auf diese Art nichts leichter 
„sein würde, als sie künstlich zu verfertigen und die ganze 



409 



„Welt *damit zu versehen. In Charenton allein gibt es dreitau- 
send Kranke, die man mittelst einer richtigen Behandlung in 
„weniger als sechs Monaten in Dichter, in Musiker, in Künstler 
„jeder Art verwandeln könnte. Zu Hunderten gibt es dort unbe- 
kannte Mozarte und Eaphaels. 

„Dieser Vortrag, der allenthalben mit feinen Bemerkungen 
„und geistreichen Worten durchwoben war, wurde in tiefster Stille 
„angehört und häufig durch schmeichelhaftes Beifallsgemurmel un- 
terbrochen. Es ist schwer, mehr Geist zu zeigen als der Doctor 
„Olybrius; wir hatten Besorgnisse für seine Gesundheit äussern 
„hören; allein als wir ihn sahen, wurden wir durch die Festig- 
keit seiner Muskeln und die Kraft seiner Lungen beruhigt." 

— Dreifacher Esel! rief ich; und doch bist du we- 
niger einfältig als deine Zuhörer! du bist ein Gelehr- 
ter, ein Akademiker, ein Philosoph, und ich, der dich 
auszischt, bin ein Narr! 

— Nein, ich kehre nicht zurück in diese aufge- 
blasene Gesellschaft, die vor der Wahrheit Furcht hat 
und die man, wie die Lerchen, vor dem Spiegel fängt, 
indem man sie blendet. Wenn mich die Menge ver- 
stehst, so verbanne ich sie dagegen aus meiner fried- 
lichen Wohnung; die Einsamkeit gibt mir die Frei- 
heit wieder. Hier kann ich leben und sterben, getrö- 
stet durch das Evangelium und umgeben von jenen 
alten Freunden, die stets treu bleiben und niemals lü- 
gen: Sokrates, Demosthenes , Cicero, Dante, Cervan- 
tes, Louis de Leon, Milton. Auch euch, ihr Dichter, 
Redner, Bürger, haben die Menschen verschmäht, ver- 
flucht, verjagt, eingekerkert, ermordet Narren und 
Aufrührer bei Lebzeiten seid ihr erst nach eurem Tode 
zu Weisen und Patrioten geworden. Nur den Opfern, 
die sie erwürgt hat, errichtet die Welt Altäre. Die Ge- 
schichte der Bildung ist die Geschichte der Märtyrer. 

— Warum sollte ich nicht auch eine Leidensstunde 



410 



haben? Bin ich auch kein grosser Mann, so habe ich 
doch eine grosse Sache vertheidigt. Wer weiss, ob 
nicht mein Vaterland noch aus Ekel über die Dummheit, 
die es entnervt, mir meinen wilden Sinn und meine 
Rauheit verzeiht? Was bitter ist für den Geschmack, 
ist süss für das Herz, sagt ein Sprichwort; so steht es 
auch mit der Wahrheit. Sie ist heilsam wie der Duft 
der Wiesen und des Waldes, wie der Wind, der über 
Gletscher und Meere weht; wer in dieser lebendigen 
Luft gelebt hat, erstickt in den Niederungen und den 
Sümpfen. 

— Aber ich hoffe vergebens; ich bin ein Narr. 
Wäre ich verständig, so würde ich es machen, wie 
andere geschickte Leute, ich würde mich trösten und 
mit der Menge heulen. Aber ich will nichts von jenen 
Freuden wissen, die mich traurig stimmen; ich ziehe 
mein Gefängniss und meinen Traum vor. 

— Jeden Morgen tröstet mich eine Erscheinung in 
der Stille meiner armseligen Zelle. Ich sehe die Gipfel 
in der Ferne sich erhellen; es ist das Morgenroth, das 
aufsteigt, das Morgenroth eines Tages, den ich nie 
wiedersehe. Was liegt daran? Was ist jener lichte 
Punkt, der den Horizont durchdringt und vor sich die 
fliehenden Schatten verjagt? Es ist das neue Jerusa- 
lem, die Stadt der Zukunft. Dort ist Alles verändert, 
die letzten Spuren des heidnischen Staatswesens sind 
verschwunden, das Individuum herrscht, es ist König. 
Von Allen geachtet, wie es Alle achtet, ist es unum- 
schränkter Herr seiner Handlungen und allein für sein 
Leben verantwortlich, es hat nichts zu fürchten als die 
Gesetze. Die Kirche hat die evangelische Unabhängig- 
keit wiedererlangt, sie hat das widernatürliche Band 
zerrissen, mit dem sie Constantin zum Unglück der 



411 



Welt gefesselt hat. Zurückgekehrt zu ihrem göttlichen 
Bräutigam ist sie die Richtschnur, der Trost und die 
Hoffnung aller Seelen; das Evangelium ist ein Frei- 
heitsbrief. Die Bildung, mit vollen Händen verstreut, 
öffnet alle Herzen der Wahrheit; die Werke der christ- 
lichen Liebe, an denen Alle Theil nehmen, öffnen dem 
Vereiniguugstrieb, dem Bedürfniss gemeinsamer Hand- 
lung, das die Grösse der menschlichen Gesellschaft 
ausmacht, eine neue Laufbahn. Die Provinzen haben 
ihre alte Kraft wiedergewonnen; die Liebe zum enge- 
ren Vaterland verstärkt und verdoppelt die Liebe zum 
weiteren. Die Gemeinde hat ihre Fesseln durchbro- 
chen, sie lebt, sie wirkt, sie ruft ihre Kinder zu sich 
und behält sie bei sich. Die Times ist nicht mehr das 
einzige politische Organ für Frankreich; die Presse ist 
frei; jeder sagt, was er denkt, und denkt, was er sagt. 
Der Staat, in seine natürlichen Grenzen zurückgeführt, 
ist nur noch eine Wohlthat. Nach aussen ist er das 
Schwert des Landes, nach innen ist er das Gesetz, 
nichts weniger, nichts mehr. Wahrheit, Gerechtigkeit, 
Freiheit, ihr glänzt wie friedliche Gestirne an diesem 
neuen Himmel; vor euch erbleichen die Geissein des 
alten Europa, die Gewalt, die Intrigue, die Lüge. Frank- 
reich, glücklich und stolz, entwickelt sich im Wohl- 
stand und im Frieden, es wird das Muster und Vor- 
bild aller Nationen; dort ist es schön zu leben, dort 
ist es süss zu sterben. 

— Das ist mein Traum; er wirft in mein Gefäng- 
niss einen heiteren Schein, der mein Herz erwärmt. 
Wie wird es schön sein an jenem Tage, wo jede Maske 
fällt, und wo die Narren zu Weisen, die Weisen zu 
Narren werden! Dann, gegen das Jahr 2000, werden 
fromme Pilger zahlreich wie Ameisen die Zelle besu- 



412 



chen , wo ich , ein neuer Daniel , die Zukunft verkün- 
dete. Dann werden auch ein Paar Neugierige, ein 
Paar Gelehrte, die sich immer mit unnützen Dingen 
beschäftigen, unter den Trümmern der Vergangenheit 
nachforschen, was aus gewissen längst verschwunde- 
nen Gattungen der Franzosen des neunzehnten Jahr- 
hunderts geworden ist. Man wird fragen, was aus 
dem Jesuitenfresser, aus dem Entdecker der centrali- 
stischen Racen, aus dem Anbeter des Religionsstaates 
geworden ist. Und der Vater, der mit seinen Kindern 
die Säle des naturgeschichtlichen Museums durchwan- 
dert, wird seinen erstaunten Söhnen ein riesiges Glas 
zeigen , worin in Essig aufbewahrt mit seinen Orden 
und Diplomen der letzte Olybrius ruht. 
Amen, Amen, Amen, AMEN! 



Vierunddreissigstes Kapitel. 



Ein Weiser. 

Der Doctor Olybrias etc. etc. an Frau Doctor Lefebure. 

Den 22. April 1862. 

Hochverehrte Frau! 

„Unser armer Freund hat viel gelitten; es geht 
ihm jetzt etwas besser; er isst, trinkt und schläft, er 
hat keinen Willen mehr, und das ist die Hauptsache! 

„Die Krise ist furchtbar gewesen; bei jedem Ver- 
such einer Behandlung gerieth er in Tobsucht. Das 
ist ein besonders charakteristisches Symptom seiner 
traurigen Krankheit. Der Franzose ist von Natur sanft, 
liebenswürdig, höflich, stets bereit zu thun, was seine 
Gebieter, seine Freunde oder seine Frau ihm befehlen. 
Blicken Sie auf die Geschichte unserer glorreichen Re- 
volution ! Um Frankreich zu retten und ihm die Liebe 
zur Gleichheit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit einzu- 
impfen, hat der Convent alle Gesetze ausser Wirksam- 
keit gesetzt. Er hat die Bürger zu Grunde gerichtet, 



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verjagt, deportirt, bombardirt, füsilirt, guillotinirt. Hat 
ein einziger von ihnen Widerstand geleistet? Erfreut 
sich heutzutage irgend etwas einer wohlberechtigteren 
Popularität als jene unsterbliche Versammlung? Aber 
leider wird der Franzose , sobald die Narrheit ihn 
packt, eigenwillig und boshaft. Wenn man ihn fest- 
nimmt, wehrt er sich; wenn man ihn einschliesst, wird 
er wüthend; er denkt und spricht von nichts als von 
Freiheit. So gross ist die intellektuelle und sittliche 
Entartung, welche eine heftige Neurose bei schwachen 
Naturen hervorruft. 

„So weit war es auch mit unserem armen Freunde 
gekommen. Zu seinem Glück wachte ich über ihn. 
Zwei reichliche Aderlässe, drei kräftige Abführmittel, 
eiskalte Sturzbäder haben ihm die Ruhe wiedergegeben, 
deren er bedurfte. Die Krankheit, wird hoffentlich ihre 
akute Natur aufgeben ; wenn sie chronisch wird, dürfte 
sie überraschende Resultate ergeben, auf welche ich 
grosse Hoffnungen für meinen Ruf setze. 

„In diesem Augenblicke ist er ruhig; er beschäf- 
tigt sich mit Schreibereien, beides ein nur zu sicherer 
Beweis, dass er noch weit von seiner Heilung entfernt 
ist. Ich übersende Ihnen hier seinen Kram, den er 
Paris in Amerika betitelt; ich habe nichts daraus ent- 
fernen wollen, selbst nicht die Schmähungen, mit de- 
nen er mich überhäuft und die wirkungslos zu meinen 
Füssen gleiten. Als Ritter von siebenundzwanzig Or- 
den, als Mitglied von dreiunddreissig auswärtigen Aka- 
demieen und zweiundachtzig Provinzialgesellschaften 
habe ich für meinen Namen weder von der Zeit, noch 
vom Neid etwas zu fürchten. Frankreich hat den Na- 
men Olybrius stets in Ehren gehalten. Hüten Sie sich 
indessen solche Thorheiten zu verbreiten oder gar 



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drucken zu lassen; nichts wirkt ansteckender als die 
Chimäre, das menschliche Gehirn ist schwach und die 
Neurose ist eine schlimme Krankheit, vor der man sich 
hüten muss. Sammeln Sie diese Papiere; Sie werden 
Ihnen dazu dienen, eine nur zu nothwendige Blödsin- 
nigkeitserklärung aussprechen zu lassen. Ich kann nicht 
annehmen, dass ein vernünftiger Franzose, der seine 
Zeit und sein Land kennt, nur zwei Seiten von diesen 
Träumereien lesen kann, ohne zu erklären, dass ihr 
Verfasser ein Narr und seine Einschliessung dringend 
geboten ist. 

„Indem ich mich zu Ihnen wende, hochverehrte 
Frau, erlaube ich mir, einen zarten Punkt zu berüh- 
ren. Empfindsam, wie Sie sind, bedürfen Sie der gröss- 
ten Schonung ; machen Sie Besuche, suchen Sie Gesell- 
schaft auf, suchen Sie sich zu zerstreuen, Langeweile 
könnte Ihnen tödtlich sein. Ich verordne Ihnen Zer- 
streuung und Unterhaltung. Kehren Sie ins Leben zu- 
rück und gewöhnen Sie sich an eine Unabhängkeit 
und Einsamkeit, welche alle Ihre Freunde Ihnen zu 
erleichtern suchen werden. Nähren Sie keine eitlen 
Hoffnungen; sie würden nur Aufregungen im Gefolge 
haben, welche Ihre schon allzusehr erschütterte Gesund- 
heit noch mehr schwächen müssten. Der arme Doctor 
wird sein Haus nicht wieder betreten. Welche Form auch 
seine Krankheit annehmen mag, selbst wenn sie eine 
bloss literarische Thorheit würde, welche mit der Ge- 
nialität Aehnlichkeit hätte, stets wird es die Vorsicht 
gebieten, einen für seine Familie und die Gesellschaft 
so gefährlichen Menschen genau zu beaufsichtigen. Sie 
dürfen es mir glauben, hochverehrte Frau, die Wissen- 
schaft ist unfehlbar und ein Olybrius täuscht sich nie- 
mals. Wahnsinn aus Liebe wird geheilt, wenn man 



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jung ist, alte Leute sterben daran; Wahnsinn aus Ehr- 
geiz macht zuweilen im reiferen Alter dem Menschen- 
hasse Platz; dieser Freiheits Wahnsinn aber wird nie- 
mals geheilt werden. 

„Indem ich mich Ihnen bestens empfehle, verbleibe 
ich etc. etc. 



Druck von Junge & Sohn in Erlangen. 



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